Wer sich einen Labrador Retriever anschafft, bekommt einen treuen, verspielten Gefährten. Wer einen Perser kauft, bekommt eine gemütliche, plüschige Wohnungskatze. Allen Fällen gemeinsam ist: Die Wahl einer bestimmten Hunderasse oder Katzenrasse ist zugleich die Wahl eines bestimmten Gesundheitsprofils. Jahrzehntelange Zucht hat nicht nur Aussehen und Charakter, sondern auch genetische Dispositionen festgelegt, an denen Tierhalter früher oder später mit hohen Tierarztrechnungen schmerzhaft werden können.
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Rassemerkmale als genetische Weichenstellung
Die Hüftgelenksdysplasie des Labradors ist kein Zufallsprodukt, sondern das Resultat einer langen Selektion, bei der Körperbau und Körpergröße stärker gewichtet wurden als die orthopädische Belastung. Das gilt in noch höherem Maße für die brachyzephalen Rassen, also die Hunderassen und Katzenrassen mit dem flachen Schädel: Das so genannte brachyzephale Obstruktionssyndrom (BOAS) führt beim Mops zu chronischer Atemnot, beim Perser bewirken der verkürzte Schädel Zahnfehlstellungen und Augenprobleme. Dies ist keine persönliche Kritik an Züchtern, sondern die Konsequenz einer über Generationen hinweg praktizierten „Optimierung“ nach Rassestandards.
Wie eine Analyse im Fachjournal Frontiers in Veterinary Science (2022) zeigt, müssen brachyzephale Hunderassen bis zu dreimal häufiger operativ behandelt werden als Mischlinge. Diese Kosten trägt vollständig der Tierhalter. Bei Brachyzephalie handelt es sich um eine durch Selektion entstandene verkürzte Entwicklung der Schädelform. Brachyzephale Rassen haben anatomisch verengte Nasenlöcher, verlängerte Gaumensegel und verkleinerte Tracheen. Die chirurgischen Korrekturen kosten in Deutschland je nach Eingriff zwischen 800 und 2500 Euro.
Wer sich bereits vor der Anschaffung eines Tieres mit diesen Risiken befassen kann, kann besser kalkulieren. Eine Hunde- und Katzenkrankenversicherung sollte im besten Fall nicht nur Unfälle, sondern auch erblich bedingte Erkrankungen decken, solange diese nicht bereits vor Versicherungsbeginn diagnostiziert wurden. Hier ist ein Vergleich der Vertragsbedingungen der einzelnen Anbieter sinnvoll, da die Leistungsumfänge stark variieren können.
Welche Rassen sind hier besonders betroffen?
Beim Hund haben die Rassen mit dem dichtesten erblichen Erkrankungsprofil der Deutschen Reiterlichen Vereinigung beispielsweise den Labrador Retriever, den Mops, die Französische Bulldogge und den Cavalier King Charles Spaniel ergeben. Der Labrador neigt außer zur Hüftgelenksdysplasie auch zur Ellenbogendysplasie. Der Cavalier entwickelt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Mitralklappenstenose, ferner haben viele Tiere Syringomyelie, d. h. in den Rückenmarkskanal eindringende Flüssigkeit verursacht chronische Schmerzen. Der Deutsche Schäferhund ist vor allem gefährdet durch degenerative Myelopathie, auch Magendilatation ist häufig.
Bei den Katzen sind vor allem die Perserkatze, die Maine Coon, die Ragdoll und die Scottish Fold betroffen. Die Perserkatze hat häufig das Gen für polyzystische Nierenerkrankung (PKD), bei der sich in beiden Nieren Zysten bilden, die im Verlauf der Jahre das Organgewebe vernichten. Die Maine Coon und die Ragdoll gelten als Hochrisikorassen für die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM), bei der sich der Herzmuskel krankhaft verdickt und die Herzschwäche mit sich bringt. Besonders die Scottish Fold verdient eine eigene Betrachtung. Die typischen zusammengelegten Ohren entstehen durch eine Mutation des im Skelett des gesamten Körpers tätigen Gens TRPV4, welches die Knorpelentwicklung steuert. Deshalb leiden viele betroffene Katzen unter einer schmerzhaften Arthrose aller Gelenke, die schon im jungen Erwachsenenalter eintritt. Die Zucht der Scottish Fold ist deswegen in den Niederlanden und Österreich verboten. In Deutschland ist sie noch erlaubt. Wer sich bei Hunden einen Überblick über rassespezifische Besonderheiten verschaffen will, findet detaillierte Steckbriefe mit Hinweisen auf häufige Gesundheitsprobleme.
Diagnose und Früherkennung: Wann und wie Erbkrankheiten auftreten
Viele Erbkrankheiten zeigen sich in bestimmten Altern. Bei Maine Coon Katzen kommt es zur hypertrophen Kardiomyopathie meist zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr, selten auch früher. Die degenerative Myelopathie beim Deutschen Schäferhund zeigt sich meist erst ab dem siebten Lebensjahr. Dieses Wissen ist klinisch wichtig, da man die Untersuchungen dann gezielt terminieren kann, statt blindlings auf Symptome zu warten.
Goldstandard in der Früherkennung der HCM ist die echokardiographische Untersuchung, der Herzultraschall, bei dem die Wanddicke des linken Ventrikels bestimmt wird. Die europäische Zuchtorganisation für Maine Coons empfiehlt jährliche Screenings ab dem ersten Lebensjahr, dann jährlich bis zum fünften Lebensjahr und danach alle zwei Jahre. Eine einzige Ultraschalluntersuchung kostet zwischen 80 und 200 Euro und ist immer noch um ein Vielfaches kostengünstiger, als die Therapie einer weit fortgeschrittenen Herzinsuffizienz.
Ergänzen wir, dass zur Diagnostik einer Hüftgelenksdysplasie Röntgenaufnahmen die erste Wahl sind. In Deutschland werden die Aufnahmen von der Gesellschaft für Röntgendiagnostik genetisch beeinflussbarer Krankheiten bei Kleintieren (GRSK) nach dem Schema A bis E bewertet, wobei A für gesundes Gelenk steht und E für schwere Dysplasie. Tierhalter können diese Untersuchung ab dem zwölften Lebensmonat vornehmen lassen, denn erst dann ist das Hüftgelenk vollständig ausgebildet.
Für einige erbliche Erkrankungen wie PKD bei den Perserkatzen gibt es heutzutage DNA Tests. Sie können bereits bei Welpen oder Kätzchen durchgeführt werden. Ein Wangenschleimhautabstrich oder eine Blutprobe genügen, um das betroffene Gen nachzuweisen. Die Kosten für solche Tests belaufen sich auf 40 bis 80 Euro. Sie geben ein eindeutiges Ergebnis, kein Wahrscheinlichkeitsspektrum. Wer ein Tier bei einem Züchter kauft, sollte auf solche Tests auch für die Elterntiere bestehen — nicht nur auf freundliche Zusicherung seitens des Züchters, sondern auf dokumentierten Laborbefund.
Krankheitszeichen, die auf eine erbliche Vorbelastung schließen lassen, werden von Tierhaltern in vielen Fällen zunächst als ganz normale Alterserscheinungen deuten. Ein Hund, der nach jedem kurzen Spaziergang steif wird, mag beginnende Dysplasie zeigen. Eine Katze, die sich öfter als sonst Husten hervorbringend räuspert oder sich weniger bewegt, mag erste Zeichen einer Herzerkrankung zeigen. Tierärzte empfehlen deshalb bei Rassen mit bekanntem Risikoprofil regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, auch und gerade wenn das Tier auf den ersten Blick gesund erscheint. Bei Hochrisikorassen sollte höchstens ein jährlicher Abstand von zwei Routineuntersuchungen liegen.
Was Tierhalter konkret wissen und planen sollten
Erbkrankheiten kommen selten plötzlich. Die Hüftdysplasie des Labradors macht sich meist zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr bemerkbar. Auch die hypertrophe Kardiomyopathie der Maine Coon entwickelt sich schleichend über Jahre hinweg. Das bedeutet: Tierbesitzer haben durchaus Zeit, sich vorzubereiten, wenn sie rechtzeitig die rassespezifischen Risiken kennen und entsprechend handeln.
Wer seriös züchtet, lässt seine Zuchttiere auf die bekannten Erbdefekte testen. Für Labradore gibt es beispielsweise DNA-Tests auf Progressive Retinaatrophie (PRA) und auf Centronuclear Myopathy (CNM). Bei Maine Coons gibt es Genotypisierungen für das mit HCM assoziierte MYBPC3-Gen. Wer ein Tier kauft, sollte nach diesen Testergebnissen fragen und sie sich schriftlich vorlegen lassen. Das schützt vor nicht allen Risiken, vermindert sie aber erheblich.
Zur finanziellen Seite: Eine HD-Operation beim Hund kostet je nach Verfahren 1500 bis 4500 Euro, eine Herzultraschalluntersuchung zum Ausschluß von HCM kostet 80 bis 200 Euro und muss bei gefährdeten Rassen regelmäßig wiederholt werden, Herzmedikamente für eine Katze mit diagnostizierter Kardiomyopathie kosten 40 bis 120 Euro monatlich, eine BOAS-Korrektur schlägt mit 800 bis 2500 Euro zu Buche, ein Wirbelsäulen-MRT bei Syringomyelie-Verdacht mit 500 bis 900 Euro. Diese Beträge addieren sich über die Lebensspanne eines Tieres erheblich.
Die Entscheidung für oder gegen eine Versicherung bleibt jedem selber überlassen. Sie hängt von der Rasse und vom Alter des Tieres beim Vertragsabschluss ab, auch davon, ob bestimmte Erkrankungen schon bekannt sind. Ein möglichst im ersten Lebensjahr abgeschlossener Vertrag erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass erbliche Erkrankungen, die sich erst später zeigen, im Leistungsumfang enthalten sind. Das Wissen um die rassespezifischen Gesundheitsrisiken ist keine Warnung vor bestimmten Tieren, es ist eine Einladung, sich zu informieren und zu entscheiden. Wer weiß, was genetisch angelegt ist, kann vorbeugen, statt im Ernstfall reagieren zu müssen.





