Spitzmäuse

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Spitzmäuse
Waldspitzmaus (Sorex araneus)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Spitzmausartige (Soricomorpha)
Familie: Spitzmäuse
Wissenschaftlicher Name
Soricidae
Waldheim, 1817

Die Spitzmäuse (Soricidae) gehören innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Spitzmausartige (Soricomorpha). Die Familie der Spitzmäuse weist in zwei Unterfamilien und 23 Gattungen insgesamt rund 320 bis 340 Arten auf. Nur etwa 10 Arten kommen in Mitteleuropa vor. Die englische Bezeichnung der Spitzmäuse lautet Shrews.

Inhaltsverzeichnis

Evolution, Entwicklung

Spitzmäuse sind innerhalb der Säugetiere eine moderne Familie, die ihren Ursprung im Tertiär fand. Die aus Nordamerika stammenden Fossilien gehören zu den ältesten und weisen ein Alter von rund 45 Millionen Jahren auf. Sie stammen demnach aus dem Eozän. Die ältesten europäischen Funde weisen ein Alter von rund 34 Millionen Jahren auf und stammen aus dem beginnendem Oligozön. Afrikanische Spitzmäuse gehören zu den jüngsten Arten. Sie haben ihren Ursprung wahrscheinlich vor 14 Millionen Jahren im Miozän. <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Spitzmäuse sind gleich egal welche Art eher klein geratene Nagetiere. Viele Arten erinnern im ersten Augenblick einer Maus, jedoch unterscheiden sie sich zum Teil gravierend von den Mäusen. Charakteristisch ist vor allem die spitz zulaufende Schnauze. In der Größe treten durchaus große Schwankungen auf. Zu den kleinsten Arten gehört beispielsweise die nur 3,5 Zentimeter Körperlänge aufweisende Etruskerspitzmaus (Suncus etruscus). Sie hat nur ein Gewicht von rund 2 Gramm. Die Etruskerspitzmaus ist gleichzeitig das kleinste Landsäugetier der Erde. Zu den größten Arten gehört die Moschusspitzmaus (Suncus murinus). Sie erreicht eine stattliche Körperlänge von rund 15 Zentimeter und ein Gewicht von über 100 Gramm. Das Fell aller Arten ist zumeist grau bis graubraun oder braun gefärbt sowie kurz und dicht.

Nördliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda)
vergrößern
Nördliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda)
Alle Spitzmäuse weisen sehr kleine Augen auf. Nicht selten sind die Augen vollständig im Fell verborgen. Es ist daher davon auszugehen, dass der Sehsinn allenfalls mäßig ausgeprägt ist. Der Geruchssinn und das Gehör sind jedoch ausgezeichnet entwickelt. Beide Sinne dienen wesentlich der Orientierung und der Nahrungssuche. Die Ohren sind meist klein oder teilweise auch nur rudimentär vorhanden. Besonders auffällig sind die Augen und Ohren bei der Stummelschwanzspitzmaus (Anourosorex squamipes) zurückgebildet. Stummelschwanzspitzmaus ähnelt im wesentlichen einem Maulwurf. Andere Vertreter wie die Gebirgsbachspitzmaus (Nectogale elegans) weisen spezielle Anpassungen an ihren Lebensraum auf. Dazu gehört bei der Gebirgsbachspitzmaus im speziellen die Ausbildung von kleinen Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Dieses stellt eine Anpassung an den aquatischen Lebensraum dar. Auch Anpassungen beim Fell wie steife Haare im Bereich des Schwanzes und der Extremitäten sind bei einigen Arten zu beobachten. Diesen Anpassungen erleichtern das Fortkommen unter Wasser. Die Nasenspitze ist typischerweise äußerst beweglich, im Bereich der Schnauze zeigen sich lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen, die der Orientierung dienen. Die kurzen, aber durchaus kräftigen Beine enden in Zehen, die bei den meisten Arten mit kleinen Krallen versehen sind.

Die Einteilung in zwei Unterfamilien beruht im wesentlichen auf die Zahnform. Dieses sind die Unterfamilien der Weißzahnspitzmäuse (Crocidurinae) und der Rotzahnspitzmäuse (Soricinae). Markantes Unterscheidungsmerkmal sind die roten Zahnspitzen bei den Rotzahnspitzmäusen. Diese Färbung fehlt den Weißzahnspitzmäusen. Die rötliche Färbung der Zahnspitzen ist durch eine Ablagerung von Eisen im Zahnschmelz zu erklären. Worauf die rötliche Färbung zurückzuführen ist, erscheint auf den ersten Blick nicht als logisch. Manche Forscher glauben, dass die Rotfärbung die Abriebfestigkeit der Zähne erhöht. Aufgrund ihrer ausgesprochen hohen Stoffwechselrate verwundert es nicht, dass Spitzmäuse je nach Art über 1.000 Herzschlage pro Minute aufweisen. Zum Vergleich: das Herz des Menschen schlägt 70 bis 75 Mal pro Minute. <2> Eine weitere Besonderheit ist die Tatsache, dass der Schädel und das Skelett bei einigen nördlichen Arten im Winter schrumpft. Dadurch wird letztlich Energie eingespart. Die Vertreter der Rotzahnspitzmäuse weisen im Gegensatz zu den Weißzahnspitzmäusen eine höhere Stoffwechselrate auf.

Nördliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda)
vergrößern
Nördliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda)

Lebensweise

Spitzmäuse kommunizieren mit hochfrequenten Lautäußerungen, die an ein Gezwitscher erinnern. Die Lautäußerungen dienen auch der Revierabgrenzung und als Drohgebärde gegenüber Artgenossen und Fleischfressern. Einige Arten aus der Gattung der Waldspitzmäuse (Sorex) setzen auch Ultraschall ein. Auch diese Schallwellen dienen wie die anderen Sinne der Orientierung. Die Schallwellen werden im Kehlkopf erzeugt und können als frühe Form der Echoortung angesehen werden. Spitzmäuse sind flink unterwegs. Meist laufen sie auf alteingesessene Pfade immer die gleichen Wege in ihrem Revier. Einige Arten wie die aquatischen Vertreter können sehr gut schwimmen, sie können dabei durchaus bis zu einer halben Minute unter Wasser bleiben.

Spitzmäuse töten ihre Beutetiere mit einem Biss. Der dabei in die Wunde eintretende Speichel der Spitzmäuse ist giftig und führt zum Tode eines Beutetieres. Das produzierte Gift der Kurzschwanzspitzmäuse (Blarina) reicht aus, einige Dutzend oder gar weit mehr als 100 Mäuse zu töten. Das Gift der Nördlichen Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda) kann auch für einen Menschen schmerzhaft sein, jedoch ist es nicht lebensgefährlich. Üblicherweise treten allenfalls Hautreizungen auf. Auf Kleintiere wirkt das Gift lähmend, wenn es in den Blutkreislauf gelangt.

Verbreitung

Spitzmäuse sind eine äußerst erfolgreiche Familie innerhalb der Säugetiere und sind fast weltweit verbreitet. Spitzmäuse sind nur in den Polargebieten und in Australien nicht verbreitet. In Südamerika kommen sie zwar vor, aber nur mit wenigen Arten und auch nur im nördlichen Südamerika. Ansonsten wird weitflächig vor allem Noramerika, Europa, Asien und weite Teile Afrikas besiedelt. In Afrika fehlen Spitzmäuse nur in den reinen Wüsten wie der Sahara oder der Namib. Die meisten Arten leben am Boden, nur wenige weisen auch eine teilaquatische Lebensweise auf oder klettern auch in Bäumen und Sträuchern. Einige Arten halten sich fast ausschließlich unterirdisch auf. Spitzmäuse leben ausschließlich in futter- und wasserreichen Mikrohabitaten.

Südliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina carolinensis)
vergrößern
Südliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina carolinensis)

Prädatoren, Parasiten

Spitzmäuse stehen weit unten in der Nahrungskette und bilden die Nahrung für viele Räuber. Zu den Hauptfleischfressern gehören vor allem Greifvögel (Falconiformes), Eulen (Strigiformes) und räuberisch lebende Säugetiere (Mammalia). Aber auch bei verschiedenen Schlangen (Serpentes) stehen Spitzmäuse auf der Speisekarte. Die meisten Arten sind dämmerungs- und nachtaktiv. Die versteckte und heimliche Lebensweise ist letztlich der einzige Schutz für Spitzmäuse. Tagsüber halten sich die meisten Arten in ihren schützenden Bauten auf. Viele Arten scheiden über Körperdrüsen einen moschusartigen Geruch ab, der einige Räuber abschrecken kann. Der eine oder andere Fleischfresser lässt sich davon abschrecken.

Ernährung

Die Nahrungssuche erfolgt in der Regel am Waldboden, wo Spitzmäuse im Laub nach Beutetiere stöbern. Je nach Art und Lebensraum werden neben Insekten (Insecta) auch Regenwürmer (Lumbricidae), Spinnentiere (Arachnida) und kleine Gliederfüßer (Arthropoda), kleine Fische (Actinopterygii), kleine Reptilien (Reptilia) und Lurche (Amphibia) gefressen. Aber auch pflanzliche Kost wie Sämereien, Nüsse und andere Pflanzenteile stehen bei vielen Art auf dem Speiseplan. Spitzmäuse haben einen ausgesprochen hohen Stoffwechsel. Sie vertilgen daher große Mengen an Nahrung, vor allem Insekten, um ihren Energiehaushalt aufrecht zu halten. Im Grunde sind Spitzmäuse während ihrer aktiven Zeit fast ausschließlich mit der Nahrungssuche und –aufnahme beschäftigt. Einige Arten können ohne Nahrung nur wenige Stunden überleben.

Fortpflanzung

Die Paarungszeit erstreckt sich je nach Verbreitungsgebiet über das ganze Jahr oder in nördlichen Regionen über das Frühjahr und den Sommer. Die Geschlechtsreife wird bei den meisten Arten zwischen dem zweiten und dritten Lebensmonat erreicht. Meist benötigen Männchen bis zu einem Monat länger als ein Weibchen. In nördlichen und gemäßigten Regionen kommt es bei den meisten Arten jedoch erst Anfang des zweiten Lebensjahres zur ersten Paarung. In Mitteleuropa beginnt die Paarungszeit in der Regel ab April. Je nach Verbreitungsgebiet kann ein Weibchen bis zu fünf Würfe in einem Jahr produzieren. Dies wird jedoch nur in tropischen und subtropischen Regionen erreicht. In gemäßigten Regionen kommt es allenfalls zu drei Würfen.

Die Geschlechter leben einzelgängerisch und treffen im Wesentlichen nur zur Paarungszeit aufeinander. Nur bei wenigen Arten ist auch eine längerfristige Paarbindung bekannt. Die Tragezeit ist bei vielen Arten mit 17 bis 24 Tage recht kurz, bei einigen Arten kann sich die Trächtigkeit allerdings auch über 25 bis 32 Tage erstrecken. Die Moschusspitzmaus (Suncus murinus) weist beispielsweise eine Tragezeit von 29 bis 30 Tagen auf. Das Geburtsgewicht beträgt lediglich etwa wenige Milligramm bis zu wenigen Gramm. Die Jungtiere sind grundsätzlich nackt und blind. Aber bereits im Alter von 20 bis 23 Tagen sind die Jungen voll entwickelt und werden von der Muttermilch abgesetzt. <3> Mit spätestens vier Wochen gehen die Jungtiere eigene Wege und ernähren sich selbständig. Um die Aufzucht des Nachwuchses kümmert sich ausschließlich das Weibchen. Aufgrund der vielen Prädatoren und des hohen Stoffwechsels erreichen Spitzmäuse selten ein Alter von ein bis zwei Jahren.

Gefährdung und Schutz

Viele Arten der Spitzmäuse gehören heute noch nicht zu den gefährdeten Arten. Jedoch gibt es einige Vertreter, die durchaus gefährdet oder gar stark gefährdet sind. Kritisch gefährdet und somit kurz vor der Ausrottung stehen die Arten: Malayische Wasserspitzmaus (Chimarrogale hantu), Sumatra-Wasserspitzmaus (Chimarrogale sumatrana), Crocidura dhofarensis, Crocidura negrina, Sao Tomé-Spitzmaus (Crocidura thomensis), Crocidura wimmeri, Myosorex eisentrauti, Myosorex rumpii, Sorex kozlovi, Salenskis Spitzmaus (Soriculus salenskii), Suncus ater und Suncus mertensi. Die Gründe für die zum Teil sehr kritische Gefährdung liegen meist in der Vernichtung der natürlichen Lebensräume. Aber auch die Ausbringung von Pestiziden und Insektiziden in der Landwirtschaft wirkt sich zum Teil katastrophal auf die einzelnen Arten aus. Verschwinden die Insekten, so sterben Spitzmäuse unweigerlich. Viele der stark und kritisch gefährdeten Arten sind endemisch und haben wahrscheinlich auf Dauer keiner Überlebenschance. Besonders betroffen sind offensichtlich tropische und subtropische Arten.

Systematik der Spitzmäuse

Die Gattungen Myosorex, Congosorex und Surdisorex werden von einigen Forschern auch in eine eigene, dritte Unterfamilie mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Myosoricinae zusammengefasst. Alle Vertreter dieser Gattungen kommen ausschließlich in Afrika vor. Unterschiede zu den anderen Arten und Gattungen zeigen sich insbesondere im Aufbau des Schädels.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • [1] [2] [3] David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
'Persönliche Werkzeuge