Große Winkelspinne

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Große Winkelspinne

Systematik
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Unterordnung: Echte Webspinnen (Araneomorphae)
Überfamilie: Agelenoidea
Familie: Trichterspinnen (Agelenidae)
Gattung: Winkelspinnen (Tegenaria)
Art: Große Winkelspinne
Wissenschaftlicher Name
Tegenaria atrica
Koch, 1843

Die Große Winkelspinne (Tegenaria atrica), auch als Hausspinne bekannt, zählt innerhalb der Familie der Trichterspinnen (Agelenidae) zur Gattung der Winkelspinnen (Tegenaria). Im Englischen wird die Große Winkelspinne Common House Spider genannt.

Verwechslungsmöglichkeiten bestehen, die Art Tegenaria saeva und die Art Tegenaria gigantea sind nur nach den Genitalmerkmalen sicher von der Großen Winkelspinne zu trennen.

Die Große Winkelspinne wurde von der Arachnologischen Gesellschaft e.V. zur Spinne des Jahres 2008 gewählt. Die Arachnologische Gesellschaft möchte mit der Wahl dieser Spinne, die zwar schwach giftig, aber sonst nicht gefährlich ist, die Angst vor Spinnen (Arachnophobie) vieler Menschen nehmen und auch das Interesse und Verständnis für die Flora (gesamte Pflanzenwelt) und Fauna (gesamte Tierwelt) wecken.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Große Winkelspinne
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Große Winkelspinne

Aussehen und Maße

Die auffallend langbeinige Große Winkelspinne erreicht als Männchen 10 bis 15 Millimeter, als Weibchen 12 bis 18 Millimeter Körperlänge. Das Männchen und das Weibchen unterscheiden sich in der Färbung kaum. Die Beinlänge des Weibchens erreicht die doppelte Körperlänge und die Beinlänge des Männchens erreicht sogar die dreifache Körperlänge. Die Beinspannweite kann von bis zu 10 Zentimeter betragen. Aufgrund der enormen Beinlänge kann die Große Winkelspinne eine beachtliche Geschwindigkeit erreichen. Der gesamte Körper ist mit feinen Härchen bedeckt. Die Grundfärbung ist hellbraun und mit dunkleren Zeichnungen versehen. Diese Zeichnungen bestehen auf dem Vorderkörper (Prosoma) aus zwei breiten, unscharf begrenzten Längsbinden und auf dem Hinterkörper (Opisthosoma) aus in der Rückenmitte angeordneten Winkelflecken und seitlich davon aus unregelmäßigen Flecken. Die leicht beborsteten und fein behaarten Beine sind einheitlich graubraun gefärbt und weisen keine deutlichen Flecke auf. Das dunkle Sternum (Bauchplatte) trägt in der Mitte einen breiten, hinten stark verschmälerten, hellen Streifen und seitlich davon drei helle Fleckenpaare. Der Vorderkörper ist im Augenbereich wesentlich schmäler als im mittleren und hinteren Bereich. Sie besitzt acht kleine Punktaugen, die in zwei Querreihen am Vorderrand des Prosomas angeordnet sind. Die beiden Augenreihen sind ziemlich gerade und die Augen sind untereinander weitgehend gleich groß.

Anatomie

Der Vorderkörper und der Hinterkörper sind durch eine tiefe Einschnürung klar voneinander getrennt. Das Prosoma trägt wie bei allen Spinnentieren sechs Extremitätenpaare. Das erste Extremitätenpaar, die Cheliceren, besteht jeweils aus einem massigen Grundglied und einer gegen dieses einschlagbaren Klaue. (Uloboridae), eine Giftdrüse. Das zweite Extremitätenpaar, die Pedipalpen, ist als Taster entwickelt, beim Männchen zusätzlich zum Begattungsorgan umgewandelt. Das erste Glied, die Hüfte oder Coxa, ist nach vorn zu einer Platte verbreitert und deckt von unten her zusammen mit einer nach vorn vom Bauchschild abgegliederten Unterlippe den Mundvorraum ab.
Beborstetes Bein - Große Winkelspinne
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Beborstetes Bein - Große Winkelspinne
Nahe der Klauenspitze mündet wie bei allen Spinnen mit Ausnahme der Kräuselradnetzspinnen Diese Abdeckung ist wichtig, da sie ihre Nahrung vor dem Mund durch abgeschiedene Verdauungsflüssigkeit auflöst und dann in flüssiger Form aufsaugt. Es folgen vier Laufbeinpaare, die jeweils in vier Abschnitte untergliedert sind: Coxa (Hüfte), Trochanter (Schenkelring), Femur (Schenkel), Patella (Kniescheibe), Tibia (Schiene), Metatarsus (Hinterfuß) und Tarsus (Fuß). Der Tarsus trägt an seiner Spitze zwei Krallen. Zwischen den Laufbeinhüften befindet sich das Sternum (Bauchplatte). Im Gegensatz zum Vorderkörper trägt der Hinterkörper keine Extremitäten, sondern nur stark abgewandelte Abkömmlinge von solchen. Hierzu gehören zunächst die Atmungsorgane, die als Fächertracheen entwickelt sind. Die Fächertracheen befinden sich als aufeinanderliegende in einem Hohlraum angeordnete Lamellen, die über einen Schlitz, das Stigma, mit der Außenluft in Verbindung stehen. Die an der Oberfläche der zahlreichen Lamellen ausgetauschte Luft wird über fein verzweigte Luftschläuche, die Tracheen, ins Körperinnere weitergeleitet. Die Fächertracheen werden auch als Buchlungen bezeichnet und ihre stammesgeschichtliche Entwicklung geht aus den Blattkiemen meeresbewohnender Vorfahren der Gattung Limulus hervor. Weitere Extremitätenabkömmlinge sind die Spinnwarzen. Sie werden zunächst als zwei Paar Gliedmaßenstummel angelegt, teilen sich aber in der späteren Keimesentwicklung, so dass sich vier Paar Spinnwarzenanlagen bilden. Zwischen den Fächerlungenstigmen liegt kurz vor der Bauchmitte die paarige Geschlechtsöffnung. Das Weibchen ist durch eine besondere Chitinplatte, die Epigyne, ausgezeichnet. Die Chitinplatte liegt wie ein Schlüsselloch über der Geschlechtsöffnung. Diesem Schlüsselloch entsprechen jeweils besondere Bildungen an den Tastern des Männchens, die nach dem Schlüssel-Loch-Prinzip Falschpaarungen ausschließen.

Häutung

Große Winkelspinne
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Große Winkelspinne

Die Haut der Großen Winkelspinne besteht aus zwei Chitin-Schichten, eine äußere Exocuticula und eine innere Endocuticula. Die Erstere ist mit Eiweiß und Pigment imprägniert und kann doppelbrechen. Die Stärke und die Entwicklung der Doppelbrechung hängt von der jeweiligen Region ab, in der die Große Winkelspinne sich aufhält. Die Exocuticula wird vor der Häutung und die Endocuticula wird nach der Häutung gebildet. Die Unterhaut befindet sich zwischen den beiden Chitin-Schichten. Die Exocuticula ist von körnigen Blutkörperchen imprägniert. Diese Granulozyten bleiben in der Unterhaut nach der Häutung und sind verantwortlich für die exocuticulare Sekretion der letzten Häutung. Die ecdysiale Flüssigkeit ist in der tatsächlichen Häutung vorhanden. Das Chromatin der hypodermalen (subkutanen) Kerne steigt zu Beginn der Sekretion der neuen Haut. Anschließend verringert sie sich bis nach der Häutung sehr stark. Es gibt drei Arten von Blutkörperchen: Granulozyten, Leukozyten und Leberidocyten. Letztere haben eine große Vakuole (Zellorganelle) und werden aus den Leukozyten gebildet. Sie erscheinen nur in Bezug mit der Häutung und bilden 65 Prozent der gesamten Blutkörperchen sofort nach. Die Divertikel des Verdauungstraktes scheiden eine Flüssigkeit aus und füllen den Verdauungskanal in der Zeit der Häutung. Es gibt Anzeichen dafür, dass die relative Härte der Exocuticula auf die Imprägnierung mit Proteinen und Phenolen und die Veränderungen in der molekularen Struktur zurückzuführen ist.

Lebensweise

Die Große Winkelspinne baut zum Beispiel in Fensternischen, hinter Möbeln und zwischen altem Gerümpel ihr etwas unordentliches Trichternetz. Tagsüber hält sie sich in ihrer Gespinströhre verborgen, bei Dunkelheit sitzt sie meist auf der Gespinstdecke. Erweist sich ein Netzstandort zu lange als unergiebig, begibt sie sich im Schutz der Dunkelheit auf die Suche nach besseren Jagdgründen.
Trichternetz - Große Winkelspinne
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Trichternetz - Große Winkelspinne
Nicht selten verirrt sie sich dabei in ein Waschbecken, eine Badewanne oder ein anderes, glattwandiges Behältnis, aus dem sie sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Das gleiche Schicksal widerfährt regelmäßig den auf Brautschau umherstreifenden, reifen Männchen.

Netzbau

Zu den besonderen Fähigkeiten der Großen Winkelspinne gehört die Produktion von Spinnseide, diese kann zu recht verschiedenen Zwecken Verwendung finden, etwa zur Herstellung geschützter Schlupfwinkel sowie zur Verpackung der Eier in besonderen Kokons. Die Große Winkelspinne baut ein spezielles Fangnetz oder Alarmierungsnetz aus einfachen glatten Fäden ohne Klebfäden. Ein weit trichterförmiger, zu einem flächigen Gewebe versponnener Teppich setzt sich in der Mitte in eine Gespinströhre fort, in der sich normalerweise die Große Winkelspinne befindet. Die nachts darin lauernde Große Winkelspinne wird nur durch die Weiterleitung der Meldefäden von Erschütterungsreizen des Aufenthaltsortes eines bewegten Objektes alarmiert.

Paarungsverhalten

Die Große Winkelspinne verbringt die meiste Zeit in ihrer Gespinströhre, jedoch beginnt das Männchen im Spätsommer und im Herbst die Suche nach einer Partnerin. Dabei spielt die chemische Kommunikation im Sexualverhalten zwischen den Geschlechtern eine wichtige Rolle. Des Weiteren stellt die Paarung einen recht komplizierten Vorgang dar, da das männliche Begattungsorgan weit von der Geschlechtsöffnung entfernt liegt. Als Begattungsorgan dient ein Anhang am Endglied dem Tarsus des männlichen Pedipalpus, der Bulbus. In ihm befindet sich ein gewundener Samenschlauch, der das Sperma aufnimmt. Dieser mündet an der Bulbusspitze, die als Embolus bezeichnet wird.
Große Winkelspinne
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Große Winkelspinne
Vor der Begattung muß nun aber das Sperma aus der männlichen Geschlechtsöffnung, die sich auf der Unterseite des Hinterkörpers befindet, in den Bulbus gelangen. Hierzu webt das Männchen meist eine horizontale Fadengabel und verbindet die beiden Gabelfäden mit einem lockeren Gespinst. Auf dieses setzt es nun aus seiner Genitalöffnung einen Spermatropfen ab, kriecht unter das Gespinst und taucht den Embolus beider Tasterbulben in den Tropfen ein. Das Sperma wird nun wie bei einer Spritze in den Samenschlauch aufgezogen. Erst jetzt ist das Männchen paarungsbereit und begibt sich auf die Suche nach einer Partnerin. Die Annäherung an ein Weibchen geschieht in der Regel sehr vorsichtig unter ständig wiederholten Klopf- und Zupfsignalen der Vorderbeine an den Fäden des weiblichen Netzes. Klappt die Verständigung, verfällt das Weibchen in einen gleichsam apathischen Zustand, die Paarungsstarre. Das Männchen hat jetzt Gelegenheit, die Partnerin in eine günstige Position zu rücken und die Begattung zu vollziehen.

Kannibalismus

Das agonistische (kämpferische) Verhalten des adulten Weibchens steigt mit zunehmendem Alter der Spiderlinge bis 80 Tage nach Verlassen des Kokons. Der Kannibalismus der Spiderlinge nimmt deutlich nach Abschluss ihrer Vorbereitung auf die Zerstreuung mit einer Beziehung zwischen dem Verhalten von Toleranz zu Kannibalismus und der Änderung der individuellen cuticularen Verbindungen zu. Gewicht und Mobilität der Spiderlinge deuten darauf hin, dass das weibliche agonistische Verhalten gegenüber Spiderlingen immer kurz vor der Zerstreuung und gegenüber Spiderlingen kurz nach der Zerstreuung auftritt. Gewicht und Mobilität der Spiderlinge sind nicht die einzigen Faktoren, die ein agonistisches Verhalten des adulten Weibchens gegenüber Spiderlingen hervorgerufen werden, denn tactochemicale Informationen spielen eine wichtige Rolle bei der Modulation agonistischen Verhaltens nach dem engen Kontakt zwischen dem adulten Weibchen und den Spiderlingen. Das agonistische Verhalten des adulten Weibchens erscheint mit einer Änderung in der Zunahme der polaren Verbindungen (Methylestern und Fettsäuren) und der Abnahme der apolaren Verbindung (Kohlenwasserstoffe) der Spiderlinge verschiedenen Alters.

Verbreitung

Die Große Winkelspinne ist in ganz Mitteleuropa weit verbreitet. Im Freiland findet man die Große Winkelspinne an Felsen, in Höhlen sowie in Wäldern unter Steinen. Des Weiteren kann man die Große Winkelspinne als Kulturfolger bezeichnen, da sie sich in der Nähe menschlicher Siedlungen aufhält, unter anderem findet man sie oft in Gebäuden.

Bevorzugtes Beutetier der Großen Winkelspinne - Landassel (Oniscus asellus)
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Bevorzugtes Beutetier der Großen Winkelspinne - Landassel (Oniscus asellus)

Ernährung

Als Lauerjägerin wartet die Große Winkelspinne auf ihre Beute und fängt sie dann mit einer raschen Bewegung. Gefangene Beutetiere werden mit einem Giftbiss getötet. Das verabreichte Gift enthält Enzyme und Eiweiße, die die Beutetiere vorverdauen und innerlich zu einem flüssigen Brei werden lassen, bevor die Beute von der Spinne ausgesaugt wird. Zu den bevorzugten Beutetieren gehören unter anderem Insekten (Insecta) sowie Asseln (Isopoda).

Fortpflanzung

Zur Paarungszeit, meist im Spätsommer und im Herbst, sucht das Männchen das Netz eines Weibchens auf. Ist dieses paarungsbereit, verharrt das Weibchen ruhig in seiner Gespinströhre und legt die Beine eng an den Körper an. Das Männchen nähert sich unter heftigen Bewegungen der Taster und des Hinterleibes dem Weibchen. Hier setzt es sich in entgegengesetzter Richtung neben das Weibchen, dreht dieses auf die Seite und führt den ersten Taster ein. Der rechte Taster gelangt dabei in die rechte Öffnung der Epigyne, respektive umgekehrt. Bereits nach zwei bis drei Minuten findet der erste Tasterwechsel statt. Das Männchen steigt dabei über das Weibchen hinweg auf die andere Körperseite. In den Pausen der insgesamt mehrere Stunden dauernden Paarung sitzen die Partner friedlich nebeneinander, ohne dass es zu Angriffen durch das Weibchen kommt. Etwa einen Monat später stellt das Weibchen seinen großen, weißen Eikokon her. Dieser wird an breiten, sternförmig angeordneten Gespinstbändern in der jetzt zugesponnenen und zum Einest ausgebauten Gespinströhre befestigt. Der Kokon enthält etwa 50 bis 130 ziemlich große Eier. Die Spiderlinge verlassen das schützende Einest erst im kommenden Frühjahr. Dennoch überleben bei weitem nicht alle Spiderlinge den Winter. Viele Kokons werden kurz nach der Fertigstellung von Schlupfwespen (Ichneumonidae) angestochen, deren Larven die Spinneneier verzehren. Andere erfrieren trotz aller Vorsorgemaßnahmen bei zu unwirtlichen Witterungsbedingungen. Wieder andere gehen bei zu feuchter Witterung durch die Verpilzung zugrunde. Wenn die Spiderlinge aber den Winter unbeschadet überstanden haben, verlassen sie erstaunlich spät, meist erst im Frühjahr des nächsten Jahres, ihre schützende Behausung und beginnen kurz darauf, eigene Trichternetze herzustellen. Bei günstigen Wetterbedingungen wachsen sie innerhalb von etwa zwei Monaten zur adulten Großen Winkelspinne heran. Die Lebenserwartung der Großen Winkelspinne kann unter günstigen Umständen etwa zwei bis drei Jahre betragen.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

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