Wollaffen

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Eigentlicher Wollaffe
Eigentlicher Wollaffe (Lagothrix lagotricha)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Familie: Kapuzinerartige (Cebidae)
Unterfamilie: Klammerschwanzaffen (Atelinae)
Gattung: Wollaffen
Wissenschaftlicher Name
Lagothrix
Geoffroy Saint-Hilaire, 1812

Wollaffen (Lagothrix) zählen innerhalb der Familie der Kapuzinerartigen (Cebidae) zu Unterfamilie der Klammerschwanzaffen (Atelinae). In der Gattung werden nach einhelliger Meinung 4 rezente Arten geführt.

Die Systematik der Wollaffen wird aktuell diskutiert. Dies betrifft sowohl die Anzahl an Arten als auch die Untearten beim Grauen Wollaffen (Lagothrix cana). Ursprünglich wurde der Gelbschwanz-Wollaffe (Oreonax flavicauda) in der Gattung der Wollaffen geführt. Deutliche Unterschiede in der Zahnmorphologie belegen jedoch den eigenen Gattungsstatus (vgl. Haine, 2005).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Wollaffen sind große und robust gebaute Primaten mit einem langen Greifschwanz. Der Schwanz hat am Ende distal ein Polster, der Daumen ist oppunierbar. Die Männchen der Gattung erreichen eine Körperlänge von 49,8 cm und ein Gewicht von 7,28 bis 9,49 kg, Weibchen erreichen eine Körperlänge von 49,2 cm und ein Gewicht von 7,02 bis 7,65 kg. Es zeigt sich zwischen den Geschlechtern ein leichter Dimorphismus, Weibchen sind ein wenig leichter als Männchen. Das Fell ist dicht und wollig. In der Fellfärbung unterscheiden sich die Geschlechter nicht. Die Fellfärbung reicht von mattgrau oder silbergrau bis bräunlich, rotbraun, olivbraun oder schwarzbraun. Kopf und Gliedmaßen sind leicht etwas dunkler gefärbt. Der kräftig entwickelte Schwanz dient den Wollaffen als Greiforgan, sozusagen als 5. Hand. Wollaffen bewegen sich auf verschiedene Weise fort. Sie bewegen sich im Geäst der Bäume hauptsächlich quadrupedal (von Quadrupedie, lat. quadrus = vier und pes = Fuß) auf allen vier Extremitäten fort. Aber auch Hangeln, Klettern, springen und die bipedale Fortbewegung kann oft beobachtet werden. Auf dem Waldboden steigen Wollaffen nur sehr selten hinab.

Lebensweise

Wollaffen sind im Wesentlichen am Tage aktiv. Während der Mittagszeit halten die Arten für gewöhnlich eine längere Pause ein. Die aktive Zeit wird für die Nahrungsaufnahme, die Nahrungssuche, Wanderungen, Ruhepausen und soziale Interaktionen verwandt. Der Zeitaufwand der einzelnen Aktionen unterscheidet sich artabhängig und saisonal. Sind beispielsweise Früchte knapp, erhöht sich der Zeitaufwand der Nahrungssuche entsprechend. Je nach Art und Gruppengröße weisen die Streifreviere ein Größe von 1 bis 11 km² auf. Die Streifreviere einzelner Gruppen können sich dabei durchaus überlappen. Die Reviergrenzen werden gegenüber anderen Gruppen nicht verteidigt. Am Tag legen die Arten in Abhängigkeit saisonaler Verfügbarkeit an Nahrungsressoursen zwischen 500 und 2.300 m zurück. Im gesamten Streifrevier sind an bestimmten Orten Ruheplätze vorhanden, die unterschiedlich lang und oft genutzt werden. Die Ruheplätze liegen meist hoch oben in den Bäumen in Höhen von 25 bis 35 m.

Im Allgemeinen leben Wollaffen in soziale Gruppen mit bis zu 45 oder mehr Individuen. Größere Gruppen teilen sich während der Nahrungssuche gelegentlich in kleinere Untergruppen. Die Untergruppen oder auch fremde Gruppen halten untereinander Kontakt durch laute Ausrufe. Eine Gruppe besteht aus mehreren Männchen und Weibchen sowie juvenilen Tieren, wobei auch reine Junggesellengruppen bekannt sind. Agonistisches Verhalten ist relativ selten und meist nur während der Paarungszeit zu beobachten. Meist bleibt es bei Drohgebärden oder Verfolgungsjagden. Jungtiere sind wie alle Kinder verspielt. Spielen beinhaltet hinterherjagen, raufen, anderer körperlicher Kontakt oder auch beißen. Mit Erreichen der Geschlechtsreife verlassen sowohl Männchen als auch Weibchen die natale Gruppe (Geburtsgruppe). Die Markierung des eigenen Reviers erfolgt durch Abgabe von Sekreten aus Drüsen im Brustbereich oder in der analogenitale Region. Die Geruchsmarkierung soll auch die männliche Qualität und die Paarungsbereitschaft dokumentieren.

Verbreitung und Lebensraum

Vorkommen

Wollaffen sind in Südamerika zu Hause. Besiedelt werden Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Peru sowie Randbereiche von Venezuela und Kolumbien. Letzteres trifft insbesondere auf den Kolumbianischen Wollaffen (Lagothrix lugens) zu. Die genauen Verbreitungsgebiete lassen sich nicht klar abgrenzen, da die Regionen meist sehr unzugänglich sind. Der Eigentliche Wollaffe (Lagothrix lagotricha) ist im nordwestlichen Brasilien, im südöstlichen Kolumbien, im nordöstlichen Ecuador und im nordöstlichen Peru zu Hause. In Kolumbien überschneidet sich sein Vorkommen mit dem Kolumbianischen Wollaffen (Lagothrix lugens). Der Graue Wollaffe (Lagothrix cana) ist die südlichste Art und kommt im südwestlichen Brasilien vor. Der Silberne Wollaffe (Lagothrix poeppigii) kommt im westlichen Brasilien sowie im östlichen Ecuador und im nordöstlichen Peru vor.

Lebensraum

Artabhängig besiedeln Wollaffen höchst unterschiedliche Lebensräume. Die Arten sind sowohl im Flachland als auch im Bergland bis in Höhen von gut 3.000 m über NN zu Hause. Es werden insbesondere tropische Regenwälder, Nebelwälder, Nadelwälder und Überflutungsbereiche bewohnt. Offene Fläche werden hingegen strikt gemieden. Eigentliche Wollaffen (Lagothrix lagotricha) besiedeln beispielsweise tropische Flachlandwälder und überflutete Regionen. In allen Lebensräumen sind Trocken- und Regenzeiten feststellbar.

Biozönose

Sympathrie

Wollaffen leben in Sympathrie mit zahlreichen anderen Primatenarten. Dies sind je nach Region beispielsweise Zwergseidenäffchen (Cebuella pygmaea), der Braunrückentamarin (Saguinus fuscicollis), berschiedene Nachtaffen (Aotidae), Bolivianische Totenkopfaffen (Saimiri boliviensis), Weißstirnkapuziner (Cebus albifrons), Gehaubte Kapuziner (Cebus apella), Sakis (Pithecia), Schwarze Klammeraffen (Ateles paniscus) und Rote Brüllaffen (Alouatta seniculus).

Prädatoren

Da es sich bei den Wollaffen um recht große Primaten handelt, haben sie nur wenige natürliche Feinde. Allenfalls größere Katzen (Felidae) sind in der Lage ein adultes Tier zu reißen. Jungtiere fallen gelegentlich größeren Greifvögeln (Falconiformes) zum Opfer. Das Gruppenleben ist ebenfalls ein Schutz vor Prädatoren. Einzelne Mitglieder einer Gruppe warnen die anderen Mitglieder bei Gefahr mit Alarmrufen.

Ernährung

Die meisten Arten ernähren sich hauptsächlich von Früchten. Ein Großteil des Tages verbringen die Tiere damit, reife Früchte zu finden. Neben reifen Früchten werden zu einem kleineren Teil auch unreife Früchte, Sämereien und Blüten gefressen. Artabhängig stehen auch bis 25% am Nahrungsaufkommen Gliederfüßer (Arthropoda) auf der Speisekarte. Hier sind insbesondere Insekten (Insecta), Spinnentiere (Arachnida), Termiten (Isoptera) zu nennen. Der Eigentliche Wollaffe frisst gelegentlich auch Froschlurche (Anura) und kleine Wirbeltiere (Vertebrata). Den höchsten Anteil an pflanzlicher Kost am Gesamtvolumen der Nahrung weist der Graue Wollaffe mit bis zu 99% auf. Die aufgenommene Nahrung variiert je nach Jahreszeit zum Teil stark.

Fortpflanzung

Wollaffen sind polygam. Auch wenn die Geschlechtsreife im Alter von 4 bis 8 Jahren erreicht wird, bringen Weibchen in der Regel erstmals Nachwuchs im Alter von 9 Jahren zur Welt. Ähnliches trifft auf Männchen zu. Die Anbahnung einer Paarung geht meist von den Weibchen aus. Die Kopulation erfolgt dorso-ventral. Das Weibchen liegt dabei auf dem Rücken. Eine Paarung dauert nur wenige Minuten. Aufgrund der langen Trage- und Säugezeit kommt es nur alle 2 bis 3 Jahre zu Geburten. Die Paarungszeit erstreckt sich in den natürlichen Verbreitungsgebieten meist über das ganze Jahr. Die Spitze der Geburten fällt dabei in die Regenzeit. Während dieser Zeit ist Nahrung im Überfluss vorhanden. Die Trächtigkeit erstreckt sich über 7 bis 7,5 Monate, der Östrus dauert rund 21 bis 22 Tage. Ein Neugeborenes wiegt zwischen 430 und 510 g, die Augen sind bei der Geburt offen. Die Säulinge werden in den ersten Lebensmonaten am Bauch getragen, später auch auf dem Rücken. Im Alter von 6 bis 8 Wochen bewegen sich die Jungen erstmals selbständig. Sie bleiben jedoch mindestens 6 Monate unmittelbar bei der Mutter. Die erste feste Nahrung wird im Alter von wenigen Wochen zu sich genommen. Im Alter von 6 bis 7 Monaten erfolgt die Entwöhnung. Die Lebenserwartung liegt in Gefangenschaft bei bis zu 30 Jahren. Die Lebenserwartung in Freiheit dürfte darunter liegen.

Gefährdung und Schutz

Alle Wollaffen gelten heute als mehr oder weniger stark bedroht. Die Bedrohung im Einzelnen:

Eigentlicher Wollaffe (Lagothrix lagotricha) - VU, Vulnerable
Grauer Wollaffe (Lagothrix cana) - EN, Endangered
Kolumbianischer Wollaffe (Lagothrix lugens) - CR, Critically Endangered
Silberner Wollaffe (Lagothrix poeppigii) - VU, Vulnerable

Versuche, Wollaffen in Gefangenschaft zu züchten, hatten bislang nicht den gewünschten Erfolg. Der Hauptgrund sind offensichtlich Gesundheitsprobleme bei den Primaten, die auf die Gefangenschaftshaltung zurückzuführen sind. Ein weiteres Problem stellt die langsame Reproduktion der Art dar.

Die größten Bedrohungen gehen zum einen von der Bejagung und zum anderen von der Vernichtung und Fragmentierung der natürlichen Lebensräume aus. Wälder werden durch Straßen zerschnitten oder in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Auch der Bergbau spielt eine große Rolle. Seit jeher werden Wollaffen von der einheimischen Bevölkerung wegen des Fleisches gejagt. Jungtiere landen häufig im illegalen Haustierhandel. Adulte Tiere werden nicht selten in medizinischen Labors zu wissenschaftlichen Zwecken missbraucht. In einigen Regionen war Jagddruck so hoch, dass die Arten lokal bereits ausgestorben sind.

Systematik der Wollaffen

Nachstehend das Kladogramm nach Geissmann, 2003:

└─Klammerschwanzaffen (Atelinae)
   ├─── Klammeraffen (Ateles)
   └─── N.N.
        ├─── Spinnenaffen (Brachyteles)
        └─── Wollaffen (Lagothrix)

Gattung: Wollaffen (Lagothrix)

Art: Eigentlicher Wollaffe (Lagothrix lagotricha)
Art: Grauer Wollaffe (Lagothrix cana)
Art: Kolumbianischer Wollaffe (Lagothrix lugens)
Art: Silberner Wollaffe (Lagothrix poeppigii)

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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