Wüstenregenpfeifer

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Wüstenregenpfeifer
Junger Wüstenregenpfeifer

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse: Neukiefervögel (Neornithes)
Teilklasse: Neoaves
Ordnung: Stelz- und Schreitvögel (Ciconiiformes)
Unterordnung: Charadrii
Teilordnung: Charadriides
Überfamilie: Charadrioidea
Familie: Regenpfeifer (Charadriidae)
Unterfamilie: Eigentliche Regenpfeifer (Charadriinae)
Gattung: Charadrius
Art: Wüstenregenpfeifer
Wissenschaftlicher Name
Charadrius leschenaultii
Lesson, 1826

IUCN-Status
Least Concern (LC) - IUCN

Der Wüstenregenpfeifer (Charadrius leschenaultii) zählt innerhalb der Familie der Regenpfeifer (Charadriidae) zur Gattung Charadrius. Die englische Bezeichnung des Wüstenregenpfeifers lautet Greater Sand Plover.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Was den Körperbau betrifft ähnelt er eher dem Kiebitzregenpfeifer (Pluvialis squatarola) als dem Seeregenpfeifer (Charadrius alexandrinus), aber der Wüstenregenpfeifer ist ein kleiner schlanker Vogel und weist längere Extremitäten auf als die beiden letztgenannten Arten. Der Wüstenregenpfeifer erreicht eine Körperlänge von etwa 22 bis 25 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 53 bis 60 Zentimeter sowie ein Gewicht von etwa 75 bis 100 Gramm. Was die Federn betrifft ist er dem Mongolenregenpfeifer (Charadrius mongolus) fast ähnlich, außer in der Brutzeit. Die Unterschiede sind geringfügig und man muß aber morphologische Kriterien in Betracht ziehen, um die genannten Arten auseinanderhalten zu können. Im Brutkleid stellt der Wüstenregenpfeifer einen grau gefärbten Rücken mit einer orangefarbenen Nuance vor. Auf dem Kopf erkennt man einen grau bis orangefarbenen gestrichelten Scheitel, während die Stirn weißlich gefärbt erscheint. Die Augenregion, die Ohrendeckel sowie ein Teil der Wangen bis zu den Zügeln sind mit einer grauschwarzen Färbung umrahmt, die wie eine Art Gesichtsmaske bildet. Der untere Teil der Wangen, das Kinn und die Kehle sind weiß gezeichnet. Die Brust trägt ein rötliches breites Band, das sich bis zu den Flanken veränderlich erstreckt und so die Identifikation des Vogels etwas erleichtert. Der übrige Teil der Unterseite ist weißlich geschönt. Die Flügel zeigen eine kaum sichtbare ungleiche breite Binde, die sich bis zu den Armschwingen und Handschwingen erstreckt. Die Extremitäten weisen eine helle grüngräuliche oder graugelbliche Färbung auf. Der grauschwärzlich getönte Schnabel besitzt eine etwas knollige Spitze. Im Flug wirken die Handschwingen länger als der Schwanz. Der Wüstenregenpfeifer hat einen typischen Ruf, der wie ein zartes, ziemlich langes und ein tiefes, oft wiederholtes Trillern etwa wie "trrri" oder "trrr" klingt. Der Ruf im Flug ist ein melodisches und sich wiederholendes Pfeifen etwa wie "pipruirr, pipruirr".

Wüstenregenpfeifer
vergrößern
Wüstenregenpfeifer

Es sind zwei geographische rezente Unterarten sowie eine Nominatform bekannt. Die Unterart Charadrius leschenaultii columbinus in der Türkei und im östlichen Mittelmeer weist einen kürzeren Schnabel auf und das Männchen im Brutkleid zeigt viel mehr eine braune bis rostrote Färbung auf der Brust, an den Flanken und auf dem Rücken. Die Unterart im Osten des Kaspischen Meeres Charadrius leschenaultii crassirostris besitzt einen viel längeren Schnabel und die Nominatform Charadrius leschenaultii leschenaultii in Ostasien weist ein schmales Brustband auf.

Lebensweise

Der Wüstenregenpfeifer ist ein typischer geselliger Vogel, der für gewöhnlich in kleinen Gruppen mit mehreren anderen Arten lebt. Normalerweise ist der Wüstenregenpfeifer nicht territorial. Aber während der Brutzeit vertreibt er vehement die Eindringlinge aus dem Brutrevier, die sich bloß in die Nähe des Brutplatzes wagen. Dabei richtet er sich gerade auf, damit die weiße Unterseite besser zur Geltung kommt und spannt horizontal seine Flügel. Der Gegner wird dann solange verfolgt bis dieser aufgibt.
Wüstenregenpfeifer
vergrößern
Wüstenregenpfeifer
Der Wüstenregenpfeifer jagt, indem er hin und her läuft, des öfteren anhält und im Schlamm nach seiner Beute stochert. Die Fläche, die er nach Beutetieren absucht, kann etwa 60 bis 65 Quadratmeter betragen. Der Wüstenregenpfeifer ist ein Zugvogel, der enorme weite Strecken bis zu seinen Winterquartieren, oft in Gesellschaft mit dem Mongolenregenpfeifer (Charadrius mongolus) zurücklegen kann. Der Wüstenregenpfeifer ist, was die Winterquartiere betrifft sehr standorttreu, und kehrt jedes Jahr immer wieder zu denselben Überwinterungsquartieren zurück. Die genaue Zugroute, die der Wüstenregenpfeifer zu den Winterquartieren nimmt, ist leider noch nicht gründlich erforscht und dokumentiert. Die Vögel, die nach Südostasien migrieren, kehren früh, etwa Ende Februar oder Anfang März, wieder zurück. Große Ansammlungen angesichts der Rückkehr finden Anfang April in Australien statt. Ende April haben alle Vögel ihre Brutplätze in Mittelasien wieder belegt.

Unterarten

Verbreitung

Wüstenregenpfeifer
vergrößern
Wüstenregenpfeifer

Obwohl der Wüstenregenpfeifer in der Türkei und im Mittleren Osten wohnhaft ist, so befinden sich seine wichtigen Brutgebiete in Mittelasien, an den Ufern des Kaspischen Meeres, am Aralsee, in Westchina und in der Mongolei. Anfang September migriert der Wüstenregenpfeifer an die Afrikanische Küste des Indischen Ozeans bis nach Sri Lanka. Des weiteren ist er an allen Küsten von Südostasien, von Bangladesh bis Vietnam sowie in Australien auf den Sunda-Inseln (Sunda-Archipel) und in Neu-Guinea anzutreffen. Der Wüstenregenpfeifer ist ein seltener Gast in Europa. Dieser kleine Regenpfeifer ist lokal ziemlich gesellig. In der Brutzeit besucht er die sandigen oder schlammigen Ufer der Seen, der Süßgewässer oder die Ufer der brackigen Gewässer sowie die in der Nähe liegenden Steppen. In der übrigen Zeit des Jahres ist sein Lebensraum mehr abwechslungsreicher. Dann findet man den Wüstenregenpfeifer in den Schlammlöchern von Flussmündungen, in den Salzsümpfen, in den Mooren, an den Sandstränden sowie zwischen den Korallenriffen.

Ernährung

Wüstenregenpfeifer
vergrößern
Wüstenregenpfeifer

Die Nahrung ist je nach Saison sehr verschieden. Hauptsächlich ernährt sich der Wüstenregenpfeifer als opportunistischer Fleischfresser von Wasserinsekten, terrestrischen Insekten (Insecta) und deren Larven und Raupen. Aber auch Regenwürmer (Lumbricidae), kleine Krebstiere (Crustacea), kleinere Fische (Actinopterygii), andere Weichtiere (Mollusca), Spinnentiere (Arachnida), Schnecken (Gastropoda) und gelegentlich auch Muscheln (Bivalvia) stehen weit oben auf der Speisekarte. Unter den Insekten (Insecta) werden beispielsweise Käfer (Coleoptera), Fliegen (Brachycera) und Mücken (Nematocera), Langfühlerschrecken (Ensifera), Kurzfühlerschrecken (Caelifera) und Grillen (Gryllus) gefressen. Bei der Nahrungssuche, die in der Regel in den frühen Morgen- und Abendstunden stattfindet, watet der Wüstenregenpfeifer durch Flachwasser oder über schlammiges Ufer und erstochert seine Beute mit seinem Schnabel im Schlamm oder im Flachwasser. Aber auch auf Feuchtwiesen ist der Wüstenregenpfeifer durchaus häufig beim Sammeln von Nahrung zu beobachten.

Wüstenregenpfeifer
vergrößern
Wüstenregenpfeifer

Fortpflanzung

Der Wüstenregenpfeifer erreicht die Geschlechtsreife mit gut zwei Jahren. Die Paarungszeit der Wüstenregenpfeifer beginnt in den meisten Verbreitungsgebieten bereits Ende April, spätestens jedoch im Mai und kann sich bis in den August erstrecken. Während dieser Zeit kann es durchaus zu zwei bis drei Bruten kommen. Der Wüstenregenpfeifer lebt in einer monogamen Einehe, die zumeist nur eine Saison hält. Die Nester befinden sich am Rande von Nadelwäldern, in Hochmooren oder in Sumpfgebieten, in jedem Fall aber in der Nähe zu einem Gewässer. Sie sind gut versteckt in dichter Vegetation, meist unter Büschen oder umgestürzten Bäumen und sind von Fleischfressern kaum auszumachen. Ein Nest wird aus Pflanzenteilen wie Blättern, Stängeln, und ähnlichem in einer flachen Bodenmulde errichtet. Die Eiablage erfolgt ab Mai beginnend. Das Weibchen legt in der Regel drei Eier. Die Eier werden von beiden Geschlechtern über einen Zeitraum von 24 Tagen gewärmt. Der Nachwuchs wird überwiegend mit Insekten (Insecta) und deren Larven gefüttert. Die Jungvögel fangen aber bereits ab dem zweiten Lebenstag ihre Beute selbst, da sie als Nestflüchter ihr Nest verlassen und von den Eltern geführt werden. Die Hauptaufgabe der Führung der Küken übernehmen dabei das Männchen und das Weibchen. Die Flugfähigkeit wird mit rund vier Wochen erreicht. Die Jungvögel weisen in ihrem jugendlichen Federkleid ein schwarzes Halsband und eine weiße Unterseite auf.

Gefährdung und Schutz

Wüstenregenpfeifer
vergrößern
Wüstenregenpfeifer

Der Wüstenregenpfeifer gehört heute noch nicht zu den bedrohten Vogelarten. Das globale Verbreitungsgebiet der Populationen erstreckt sich annähernd von über 100.000 bis 1.000.000 Quadratkilometern. Die globale Population wird auf etwa 190.000 bis 360.000 Wüstenregenpfeifer (Wetlands International, 2002) geschätzt. Der Wüstenregenpfeifer ist in weiten Teilen dieses großen Areals meist häufig anzutreffen. In der Roten Liste der IUCN wird der Wüstenregenpfeifer als least concern (nicht gefährdet) geführt.

Auch wenn der Wüstenregenpfeifer laut der Roten Liste der IUCN heute noch nicht zu den bedrohten Vogelarten zählt, so steht er doch in weiten Teilen der Brutgebiete erheblich unter Druck. Hauptgrund ist die Zerstörung der natürlichen Lebensräume, insbesondere der Brut- und Nahrungshabitate. Dies trifft insbesondere auf Feuchtwiesen, in Mooren, in Sümpfen und in den Überschwemmungsbereichen zu, die oftmals trockengelegt werden oder durch Absenkung des Grundwasserspiegels austrocknen. Auch die Umwandlung von Brachland in Ackerland oder andere landwirtschaftliche Flächen sowie die Zersplitterung respektive die Zersiedelung der Lebensräume dürfte dem Wüstenregenpfeifer nicht zu Gute kommen. In einigen Regionen, vor allem in den Winterquartieren, werden die Vögel zudem von der einheimischen Bevölkerung wegen ihres Fleisches gejagt. Pestizideinsatz und Überdüngung in der Landwirtschaft zerstören weitflächig die Nahrungsgründe des Wüstenregenpfeifers. Brüten Wüstenregenpfeifer nahe der landwirtschaftlichen Flächen, so kann es leicht zur Vernichtung von Gelegen kommen.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Prof. Dr. Dr. H. C. Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Band 7-9 Vögel. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG München (1993) ISBN 3-423-05970-2
  • Gottfried Mauersberger, Wilhelm Meise: Urania Tierreich, 7 Bde., Vögel.Urania, Stuttgart (1995) ISBN 3423032049
  • Einhard Bezzel, Roland Prinzinger: Ornithologie, Utb, 1990, ISBN 3800125978
  • Hans-Heiner Bergmann: Die Biologie des Vogels. Aula, 1987, ISBN 389104447X

Links

'Persönliche Werkzeuge