Wühlmäuse

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Wühlmäuse
Steppenlemming (Lagurus lagurus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Teilordnung: Myodonta
Überfamilie: Hamster- und Mäuseartige (Muroidea)
Familie: Wühler (Cricetidae)
Unterfamilie: Wühlmäuse
Wissenschaftlicher Name
Arvicolinae
Gray, 1821

Wühlmäuse (Arvicolinae) gehören innerhalb der Ordnung der Nagetiere (Rodentia) zur Familie der Wühler (Cricetidae). Die Vertrer dieser Gattung zeichnen sich durch eine relativ einheitliche morphologische Erscheinung aus und weisen zudem eine ähnliche Lebensweise auf. In der Unterfamilie werden nach Novak (1999) in mindestens 26 Gattungen rund 150 rezente Arten geführt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Nach Novak (1999) sind Wühlmäuse mittelgroße bis große Nagetiere. Sie erreichen eine Körperlönge von 7 bis 30 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 0,5 bis 29,5 Zentimeter sowie einem Gewicht von 20 bis 1.800 Gramm. Der Schwanz ist bei allen Arten kürzer als die Kopf-Rumpf-Länge. In Anpassung an die wühlende Tätigkeit sind die kleinen Ohren rundlich geformt und liegen nicht selten vollständig im Fell verborgen. Weitere markante Merkmale sind die stumpf endende Schnauze, die kurzen Beine und die relativ großen Augen. Bei einigen Arten zeigen sich lateral, im Bereich der Hüften oder in der Schwanzregion große Talgdrüsen, die der Reviermarkierung dienen. Fast alle Arten weisen gut angepasste Füße auf, die meist über eine kräftige Klaue zum Graben verfügen. Das Fell ist meist relativ lang, äußerst dicht und meist weich. Die Färbung reicht von gräulich bis graubraun, rötlichbraun bis fuchsrot, gelblichbraun bis dunkelbraun oder schwarzbraun. Ventral ist das Fell immer heller gefärbt. Hier zeigt sich eine gelbliche oder gräuliche bis weißliche Färbung. Im Sommer ist das Fell in der Regel ein wenig kürzer und weniger dicht. Zum Fellwechsel kommt es im Frühjahr und im Herbst. Der Schwanz ist bei den meisten Arten dicht mit Fell besetzt. Nicht selten zeigt sich am Schwanzende ein Haarbüschel. Das Gebiss der Wühlmäuse besteht aus 16 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p0/0, m3/3. Bei den Backenzähnen (Molaren) handelt es sich um hypsodontem also hochkronige Backenzähne. Der Schädel der Wühlmäuse ist relativ groß. Wühlmäuse verfügen über 13 Brustwirbel (Thoracic vertebrae), 7 Halswirbel (Cervical vertebrae), und 6 Lendenwirbel (Vertebrae lumbales).

Lebensweise

Wühlmäuse sind je nach Art tag- und/oder nachtaktiv. Alle Arten sind ausgesprochen gute Wühler, viele können darüber hinaus klettern oder sind eng mit dem Wasser verbunden. Wühlmäuse sind ganzjährig aktiv. Dies ist auch in den gemäßigten und subarktischen Verbreitungsgebieten der Fall. In den kalten Regionen legen Wühlmäuse für den Winter umfangreiche Nahrungsvorräte an, von denen sie dann zehren. So leben Schneemäuse beispielsweise in Regionen, in denen der Sommer sehr kurz ist. In der kalten Jahreszeit, dies sind gut 9 Monate, halten sich die Tiere ausschließlich in ihren Erdbauten auf und leben von ihren Nahrungsvorräten. Die aktive Zeit erstreckt sich demnach im Sommer über nur 3 Monate. Während der Ruhephasen leben die Tiere in ihren unterirdischen Bauten. Schneemäuse legen sogar unter der Schneedecke Gänge an und gehen auf die Suche nach Moose und Flechten. Alle Arten legen mehr oder weniger umfangreiche Bauten mit zahlreichen Gängen, Vorrats- und Kotkammern an. Die Morphologie der Tiere ist optimal an die Grabtätigkeit angepasst. Wühlmäuse leben üblicherweise einzelgängerisch und legen ein territoriales, ja sogar ein aggressives Verhalten an den Tag. Die Kommunikation untereinander erfolgt taktil, visuell und chemisch. Besonders wichtig für die Kommunikation ist der olfaktorische Sinn (Geruchssinn). Einige Arten markieren ihr Revier mit einem Sekret aus speziellen Drüsen.

Verbreitung

Schneemaus (Chionomys nivalis)
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Schneemaus (Chionomys nivalis)

Wühlmäuse sind in der gesamten Holarktis verbreitet. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich in Nordamerika von Kanada südlich bis nach Guatemala in Mittelamerika, über ganz Europa, östlich bis ins östliche Sibirien, Japan, das südwestliche China. Die Tiere treten auch im Nahen Osten östlich bis ins nördliche Indien in Erscheinung. In Afrika werden nur nördliche Regionen von Libyen bis nach Ägypten besiedelt. Neotropischen Regionen werden nur am Rande besiedelt. In diesem sehr großen Verbreitungsgebiet werden eine Vielzahl von Lebensräumen, sowohl subpolare und gemäßigte als auch subtropische, besiedelt. Wühlmäuse kommen in trockenen, semiariden und feuchten Lebensräumen vor. Besiedelt werden in der Ebene und in Höhenlagen Laub- und Nadelwälder, Buschland, Halbwüsten, Steppen, Savannen, Tundra, Taiga, felsige oder buschige Berghänge, Moorlandschaften, Almwiesen, Wiesen und Weiden, Grünland und landwirtschaftliche Flächen. In Neotropischen Regionen werden zum Teil auch die Ränder von Regenwäldern besiedelt. Einige Arten bevorzugen die direkte Nähe zu einem Gewässer und sind daher an Seen, Teichen, Sumpfgebieten oder an Flussläufen anzutreffen.

Prädatoren

Wühlmäuse stehen auf der Speisekarte zahlreicher räuberisch lebender Tiere. Als Tiergruppen sind hier insbesondere Habichtartige (Accipitridae) und andere Greifvögel (Falconiformes), Eulen (Strigiformes), aber auch Schlangen (Serpentes) und zahlreiche Raubtiere (Carnivora) wie Hundeartige (Canidae), Marderartige (Mustelidae), Schleichkatzen (Viverridae), Katzen (Felidae) und Stinktiere (Mephitidae). Außer einer guten Tarnung und rechtzeitiger Flucht haben Wühlmäuse potentiellen Angreifern nichts entgegenzusetzen.

Neben Ektoparasiten wie Flöhe (Siphonaptera), Tierläuse (Phthiraptera) und Milben (Acari) stellen vor allem Endoparasiten der Klassen der Bandwürmer (Cestoda), Fadenwürmer (Nematoda) und Saugwürmer (Trematoda) wie beispielsweise Notocotylus gonzalezi für die Wühlmäuse eine große Gefahr dar.

Ernährung

Ostschermaus (Arvicola amphibius)
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Ostschermaus (Arvicola amphibius)

Die meisten Wühlmäuse ernähren sich als reine Pflanzenfresser von Beeren, Nüssen, Sämereien, jungen Trieben, Nadeln von Nadelbäumen, Moosen und Flechten, Rinde und Zweige, Wurzeln und Knollen, Gräsern und Kräutern sowie gelegentlich von Pilzen. Auch tierische Nahrung wird von einigen Arten in Form von Insekten (Insecta), deren Larven, kleineren Gliederfüßern (Arthropoda), Krebstiere (Crustacea), kleine Fische (Osteichthyes) und Muscheln (Bivalvia) aufgenommen. Für den langen Winter legen Wühlmäuse in subarktischen und gemäßigten Regionen umfangreiche Nahrungsvorräte an, von denen sie sich im Winter ernähren. Eingelagert wird jedoch nur trockene Nahrung wie Sämereien, da feuchte Nahrung unter der Erde verschimmeln würde. Da einige Arten wie beispielsweise die Bisamratte (Ondatra zibethicus) in der Landwirtschaft Schäden durch Getreidefraß anrichten können, gelten sie mitunter als Schädlinge und werden verfolgt.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife wird je nach Art mit 2 bis 10 Monaten erreicht. Männchen erreichen die Geschlechtsreife für gewöhnlich einige Zeit nach den Weibchen. Die meisten Arten der Wühlmäuse führen eine promiskuitive Lebensweise (Promiskuität, lat. promiscus = gemeinsam, promiscere = vorher mischen). Sowohl Männchen aus auch Weibchen paaren sich mit mehreren Partnern. Nur wenige führen eine ausgesprochen monogame Ehe.
Alaska-Wühlmaus (Microtus miurus)
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Alaska-Wühlmaus (Microtus miurus)
Dies ist beispielsweise bei der Bisamratte (Ondatra zibethicus) der Fall. Die Paarungszeit erstreckt sich je nach Verbreitungsgebiet über das ganze Jahr oder beginnt im Frühjahr und erstreckt sich bis in den Spätsommer oder Herbst. In subarktischen Regionen bringen Weibchen nicht selten Nachwuchs unter einer Schneedecke zur Welt. In Abhängigkeit der Art und des Verbreitungsgebietes kommt es zu 1 bis 7 Würfen. Nicht selten werden Weibchen schon kurz nach der Geburt des Nachwuchses erneut gedeckt. Die Weibchen der meisten Arten investieren nur wenig Energie in die Aufzucht der Würfe. Ihr Augenmerk liegt offensichtlich auf eine hohe Reproduktionsleistung. Die Geburt erfolgt üblicher im Erdbau in weich ausgepolsterten Nestern. Die Tragezeit erstreckt sich artabhängig über 16 bis 30 Tage, die durchschnittliche Wurfgröße liegt zwischen 3 und 7 Jungtiere. Bei einigen Arten kann ein Wurf auch 10 oder mehr Jungtiere aufweisen. Der Nachwuchs kommt nackt, blind und taub zur Welt. Er entwickelt sich jedoch rasch und öffnet nach 8 bis 15 Tagen erstmals die Augen. Je nach Art erstreckt sich die Säugezeit über 12 bis 35 Tage. Die Lebenserwartung der meisten Arten liegt bei kaum 1 bis 2 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Wühlmäuse sind in einem intakten Ökosystem ein wichtiges Bindeglied. Sie bilden vor allem die Nahrungsgrundlage für zahlreiche Tierarten. Die grabenden Arten belüften zudem den Boden. Auf der anderen Seite sorgen Wühlmäuse durch ihre Sammelaktivität für die Verteilung von Sämereien und für ein gesundes Pflanzenwachstum im Habitat. Wühlmäuse gehören demnach zu den Schlüsselarten im Ökosystem. Dies wird auch durch eine hohe Reproduktionsleistung belegt. Für den Menschen haben Wühlmäuse jedoch auch negative Bedeutung. Sie gelten als Träger der tödlich verlaufenden und ansteckende Erkrankung Tularämie. Die Krankheit wird durch das Bakterium Francisella tularensis ausgelöst. Zudem richten Wühlmäuse bei einer Massenvermehrung auf landwirtschaftlichen Flächen nicht selten erhebliche Schäden an. Es zeigt sich aber auch eine positive Bedeutung für den Menschen. Die insektenfressenden Wühlmäuse vertilgen nicht unerhebliche Mengen an Insekten und Insektenlarven. Größere Arten wie die Bisamratte werden wegen ihres Pelzes gejagt.

Die meisten rten gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Einige Arten zählen zu den gering gefährdeten Arten, andere wie die Bayerische Kurzohrmaus gelten aus kritisch gefährdet. Die Hauptgefährdung geht bei allen Arten von der Vernichtung der natürlichen Lebensräume und der intensiven Landwirtschaft aus.

NT, Near Threatened
Arborimus longicaudus, Arborimus pomo, Cabreramaus (Microtus cabrerae), Microtus guatemalensis, Taiwan-Wühlmaus (Microtus kikuchii), Microtus quasiater, Microtus sachalinensis, Microtus schelkovnikovi, Alticola roylei, Eothenomys wardi und Prometheomys schaposchnikowi
VU, Vulnerable
Westschermaus (Arvicola sapidus), Strandwühlmaus (Microtus breweri), Proedromys bedfordi, Alticola montosa, Hyperacrius fertilis und Dinaromys bogdanovi
EN, Endangered
Microtus oaxacensis und Microtus umbrosus,
CR, Critically Endangered
Bayerische Kurzohrmaus (Microtus bavaricus)

Systematik

Erdmaus (Microtus agrestis)
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Erdmaus (Microtus agrestis)
Feldmaus (Microtus arvalis)
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Feldmaus (Microtus arvalis)
Wiesenwühlmaus (Microtus pennsylvanicus)
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Wiesenwühlmaus (Microtus pennsylvanicus)
Berglemming (Lemmus lemmus)
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Berglemming (Lemmus lemmus)
Waldlemming (Myopus schisticolor)
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Waldlemming (Myopus schisticolor)
Rötelmaus (Myodes glareolus)
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Rötelmaus (Myodes glareolus)
Bisamratte (Ondatra zibethicus)
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Bisamratte (Ondatra zibethicus)

Die systematische Stellung der Wühlmäuse wurde oft diskutiert und unterlag häufigen Revisionen. In einigen Systematiken tauchen Wühlmäuse auch unter dem Synonym Microtinae. Dieses Synonym ist jedoch ungültig. Einige Forscher sehen Wühlmäuse zudem im Rang einer Familie. Aufgrund neuerer DNA-Studien geht man heute davon aus, dass die Hamster (Cricetinae) das Schwestertaxon der Wühlmäuse darstellen. Nach Steppan (2004) et al. trennten sich beide Unterfamilien vor rund 16,3 bis 18,5 Millionen Jahren.

Nachstehend die Systematik nach Wilson & Reeder, 2003.

Unterfamilie: Wühlmäuse (Arvicolinae)

Gattung: Baumwühlmäuse (Arborimus)
Gattung: Heidekraut-Wühlmäuse (Phenacomys)
Tribus: Arvicolini
Gattung: Schermäuse (Arvicola)
Gattung: Afghanische Wühlmäuse (Blanfordimys)
Gattung: Schneemäuse (Chionomys)
Gattung: Lasiopodomys
Gattung: Salbeiwühlmäuse (Lemmiscus)
Gattung: Feldmäuse (Microtus)
Gattung: Neodon
Gattung: Phaiomys
Gattung: Bedford-Wühlmäuse (Proedromys)
Gattung: Volemys
Tribus: Halsbandlemminge (Dicrostonychini)
Gattung: Halsbandlemminge (Dicrostonyx)
Tribus: Mull-Lemminge (Ellobiusini)
Gattung: Mull-Lemminge (Ellobius)
Tribus: Lagurini
Gattung: Eolagurus
Gattung: Lagurus
Tribus: Lemminge (Lemmini)
Gattung: Echte Lemminge (Lemmus)
Gattung: Waldlemminge (Myopus)
Gattung: Lemmingmäuse (Synaptomys)
Tribus: Myodini
Gattung: Gebirgswühlmäuse (Alticola)
Gattung: Caryomys
Gattung: Père-Davids-Wühlmäuse (Eothenomys)
Gattung: Kaschmir-Wühlmäuse (Hyperacrius)
Gattung: Rötelmäuse (Myodes)
Tribus: Florida-Wasserratten (Neofibrini)
Gattung: Florida-Wasserratten (Neofiber)
Tribus: Bisamratten (Ondatrini)
Gattung: Bisamratten (Ondatra)
Tribus: Pliomyini
Gattung: Martino-Schneemäuse (Dinaromys)
Tribus: Prometheomyini
Gattung: Prometheus-Mäuse (Prometheomys)

Anhang

Lesenswerte Einzelartikel

Literatur und Quellen

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