Spitzhörnchen

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Spitzhörnchen
Tana (Tupaia tana)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Spitzhörnchen
Wissenschaftlicher Name
Scandentia
Wagner, 1855

Spitzhörnchen (Scandentia) bilden innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) eine eigene Ordnung. Im Englischen wird diese Ordnung als Tree shrew, was sich als "Baumspitzmäuse" übersetzen lässt. Lange Zeit war die Zuordnung dieser Tiere unklar. Man führte sie als Insektenfresser und später auch als Primaten. Jüngste Forschungen haben jedoch deutliche Unterschiede zu beiden genannten Ordnungen ergeben. Heute führt man Spitzhörnchen in einer eigenen Ordnung Scandentia. Zu den Spitzhörnchen rechnet man 20 Arten in 5 Gattungen und 2 Unterfamilien.

Inhaltsverzeichnis

Stammesgeschichte

Spitzhörnchen sind trotz der Zuordnung zu einer eigenen Ordnung relativ nahe Verwandte der Primaten. Die ersten primitiven Primaten (Primates) traten Ende der Kreide vor rund 65 bis 70 Millionen Jahren auf. Es handelte sich um baumbewohnende Tiere. Man geht davon aus, dass sie sich von Insekten (Insecta) und ähnlichem ernährten. Die Nachfahren dieser Tiere sind auch die heutigen Spitzhörnchen. Dies belegen fossile Funde aus dem späten Mesozoikum und dem frühen Paläogen. Die Funde konnten der Gattung Purgatorius zugeordnet werden und wurden im westlichen Nordamerika gefunden.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Bei den Spitzhörnchen handelt es sich um kleine und schlank gebaute Säugetiere. Charakteristisch ist zum einen der lange Schwanz und die spitz zulaufende Schnauze. Die Körperlänge reicht bei den kleinsten Art wie dem Federschwanz von 10 bis 14 Zentimeter bis hin zum Tana, das eine Körperlänge von 17 bis 23 Zentimeter aufweist. Die Schwanzlänge von 9 bis 13 bei der kleinsten Art bis hin zu 14 bis 24 Zentimeter. Das Gewicht liegt je nach Art bei 50 bis 300 Gramm. Das Fell ist insgesamt sehr dicht und weich. Die Fellfärbung variiert je nach Art von olivgrün, über dunkelbraun, dunkelgrau, graubraun bis hin zu rotbraun. Ventral ist das Fell abhängig von der Art gelblichbraun, orangerot oder auch weißlich gefärbt. Bei vielen Vertretern der Eigentlichen Spitzhörnchen (Tupaia) zeigen sich mitunter helle, meist cremefarbene bis gelblichbraune Schulterstreifen. Bei diesen Vertretern endet die Schnauze eher kurz und stumpf. Beim Federschwanz sind dunkle Streifen oberhalb der Augen erkennbar. Bei Arten der Gattung Urogale endet die Schnauze deutlich spitz zulaufend. Der Schwanz ist bei den einzelnen Arten unterschiedlich lang und erstreckt sich 30 bis 100 Prozent der Körperlänge. Er ist bei fast allen Arten dicht mit buschigem Fell besetzt.

Die Eckzähne sind bei Tupaia gut, bei Anathana eher schwach entwickelt. Die oberen Schneidezähne des Federschwanzes sind vergrößert, bei Vertretern der Urogale sind das dritte Paar der unteren Schneidezähne verkümmert. Sowohl die Finger als auch die Zehen sind mit mehr oder weniger kräftigen Krallen versehen. Beim Tana sind die Krallen kräftig und lang gestreckt. Die Krallen werden zum einen beim Klettern und zum anderen beim Graben eingesetzt. Die Ohren sind bei allen Arten mit einem häutigen Ohrläppchen versehen. Die Ohrläppchen des Federschwanzes sind nackt, bei den anderen Arten sind sie mit Fell besetzt. Der Federschwanz unterscheidet sich auch in der Augenstellung von den anderen Arten, bei denen die Augen an den Kopfseiten liegen. Diese sind beim Federschwanz nach vorne gerichtet. Weibchen verfügen je nach Art über 1 bis 3 Paar Zitzen zum Säugen des Nachwuchses. Das Gebiss besteht aus 38 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet 2/3, 1/1, 3/3, 3/3.

Lebensweise

Nördliches Spitzhörnchen (Tupaia belangeri)
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Nördliches Spitzhörnchen (Tupaia belangeri)

Bis auf eine Art, der Federschwanz, sind alle Arten der Spitzhörnchen tagaktiv. Dies ist unter kleinen Säugetieren keineswegs die Regel. Aufgrund der Nachtaktivität sind die Augen und Ohren des Federschwanzes deutlich größer als bei den anderen Arten. Zudem verfügen seine Augen über eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut, die aus Restlichtverstärker fungiert. Eine Zwischenstellung nehmen Bergtupajas (Dendrogale) ein, die in der Dämmerung aktiv sind. Während der Ruhephasen halten sich Spitzhörnchen in ihren Nestern auf, die meist in Astlöchern oder Baumhöhlen errichtet werden. Die meisten Arten leben in kleinen geselligen Familiengruppen, die aus einem Pärchen und deren Nachwuchs bestehen. Einige Arten leben jedoch auch einzelgängerisch. Spitzhörnchen beanspruchen ein Streifrevier, das in der Regel eine Größe von gut einem Hektar aufweist. Die Reviergrenzen werden mit Urin und Sekreten markiert. Die Kommunikation untereinander beschränkt sich auf wenige quietschende Laute. Bei Bedrohung oder Kommentkämpfen geben Spitzhörnchen auch kreischende Laute von sich. Ebenfalls sehr wichtig ist bei den Spitzhörnchen die Kommunikation über den olfaktorischen Sinn. Sie setzen im Rahmen der Reviermarkierung zusätzlich zum Kot und Urin umfangreiche Duftmarken. Die Duftdrüsen sitzen bei den meisten Arten in der Bauchgegend, im Unterleib und im Brustbereich.

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Spitzhörnchen erstreckt sich über Südostasien. Die 18 Arten verteilen sich vom nordwestlichen Indien bis zu den Philippinen und vom südlichen China bis zur Insel Java. Die meisten Arten leben dabei auf den zahlreichen Inseln des Malaiischen Archipels, wobei 10 der 18 Arten auf Borneo anzutreffen sind. Besiedelt wird überwiegend nur der tropische Regenwald und zuweilen die Randbereiche der Regenwälder. Nur wenige Arten halten sich ausschließlich am Boden auf, die meisten besiedeln sowohl den Waldboden als auch die Bäume.

Ernährung

Spitzhörnchen verbringen die meiste Zeit der Nahrungssuche am Boden. Einige Arten leben ausschließlich am Boden. Bei der Bewegung am Boden bewegt sich der Schwanz charakteristisch in ruckartigen Bewegungen. Auf der Speisekarte der Spitzhörnchen stehen vor allem kleine Gliederfüßer (Arthropoda) wie beispielsweise Insekten (Insecta). Größere Arten wie das Tana frisst auch kleinere Reptilien (Reptilia) und zuweilen auch kleinere Säugetiere (Mammalia). Auch die Brut und Eier von Vögeln (Aves) werden nicht verschmäht. Kleingetier wird durch einen Biss in den Kopf getötet, größere Tiere mit einem Biss in den Nacken. An pflanzlicher Kost nehmen Spitzhörnchen auch Sämereien und allerlei Früchte zu sich. Die Arten, die überwiegend oder ausschließlich am Boden leben, verfügen über deutlich längere Schnauzen als baumbewohnende Arten. Mit den langen Schnauzen und den krallenbewehrten Pfoten durchwühlen sie die oberen Bodenschichten oder das am Boden liegende Laub. Ähnlich den Hörnchen (Sciuridae) nehmen auch Spitzhörnchen Nahrung zwischen die Vorderpfoten und führen diese zum Maul.

Fortpflanzung

Spitzhörnchen erreichen die Geschlechtsreife bereits im Alter von 4 Monaten. Die Paarungszeit erstreckt sich in den tropischen Verbreitungsgebieten in der Regel über das ganze Jahr. Spitzhörnchen leben in kleinen Familiengruppen. Ihr Fortpflanzungsverhalten ist daher monogam. Die Tragezeit erstreckt sich über einen Zeitraum von 45 bis 50 Tagen 1 bis 3 Jungtiere zur Welt. Die Jungen sind nackt und kommen auch mit geschlossenen Ohren und Augen zur Welt. Die Ohren öffnen sich bereits Mitte der zweiten Lebenswoche, die Augen gegen Ende der dritten Lebenswoche. Die Brutpflege ist bei den Spitzhörnchen nur wenig entwickelt. Meist verbringen die Jungen die Zeit alleine im Nest und die Mutter kommt nur alle 1 bis 2 Tage zum Säugen vorbei. Insgesamt verweilt ein Weibchen während der Nestlingszeit nur rund 1,5 Stunden beim Nachwuchs. Dies ist unter den Plazentatieren durchaus ungewöhnlich. Die Milch ist sehr nahrhaft. Sie enthält rund 25 Prozent Fett und etwa 10 Prozent Proteine. Aufgrund dieser nahrhaften Milch sind die Jungen nicht auf die Körperwärme der Mutter angewiesen und wachsen sehr schnell heran. Die Nestlings- und Säugezeit erstreckt sich über gut 4 Wochen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Nördliches Spitzhörnchen (Tupaia belangeri)
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Nördliches Spitzhörnchen (Tupaia belangeri)

Die meisten Arten der Spitzhörnchen gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Das Borneo-Bergtupaja (Dendrogale melanura), das Mentawai-Spitzhörnchen (Tupaia chrysogaster), das Palawan-Spitzhörnchen (Tupaia palawanensis) und das Philippinen-Spitzhörnchen (Urogale everetti) gelten jedoch als gefährdet. Das Langfuß-Spitzhörnchen (Tupaia longipes) gilt sogar als stark gefährdet und wird als solchen in der Roten Liste der IUCN geführt. Die anderen Arten werden als nicht gefährdet (LC, Least concern) gelistet. Die Ursachen für die zum Teil gravierende Gefährdung ist in der Vernichtung der natürlichen Lebensräume zu suchen. Die tropischen Regenwälder werden in weiten Teilen Südostasiens seit Jahrzehnten weitflächig gerodet.

Systematik der Spitzhörnchen

Bei der Einteilung bzw. der Klassifikation der Spitzhörnchen liegt der Schwerpunkt auf Fellfarben, Schwanzlänge, Schwanzform, Entwicklung der Schnauze und Anzahl der Zitzen der Weibchen. Zu Tupaia gehören die am wenigsten spezialisierten Spitzhörnchen. Ihre relativ weite Verbreitung geht mit einer großen Artgliederung mit 15 Arten einher. Die Gattung Anathana weist nur eine Art auf, die in Indien südlich des Ganges verbreitet ist. Auch in der Gattung Urogale ist nur eine Art zugeordnet. Diese ist der größte Vertreter der Spitzhörnchen und ist auf Mindanao endemisch. Mindanao ist die zweitgrößte Insel der Philippinen. Den Bergtupajas (Dendrogale) sind 2 Arten zugeordnet und gehören zu den kleinsten Arten der Spitzhörnchen. Der Federschwanz (Ptilocercus lowii) ist der einzige Vertreter der Unterfamilie Ptilocercinae. Diese Art ist als einzige nachtaktiv und lebt anders als die anderen Vertreter fast ausschließlich im Geäst der Bäume. Familie: Spitzhörnchen (Tupaiidae)

Unterfamilie: Tupaiinae
Gattung: Anathana
Gattung: Bergtupajas (Dendrogale)
Gattung: Eigentliche Spitzhörnchen (Tupaia)
Gattung: Urogale
Unterfamilie: Ptilocercinae
Gattung: Ptilocercus

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
  • Erich Steitz: Die Evolution des Menschen. Wiley-VCH (1985) ISBN 3527210733
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