Siamang

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Siamang

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mamalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Euarchontoglires
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Familie: Gibbons (Hylobatidae)
Gattung: Symphalangus
Art: Siamang
Wissenschaftlicher Name
Symphalangus syndactylus
veraltet: Hylobates syndactylus
Raffles, 1821

IUCN-Status
Endangered (EN)

Der Siamang (Symphalangus syndactylus; veraltet: Hylobates syndactylus) ist eine Primatenart innerhalb der Familie der Gibbons (Hylobatidae) und gehört zur Gattung Symphalangus.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der gedrungen wirkende Siamang erreicht je nach Unterart und Geschlecht eine Körperlänge von 73,7 und 88,9 Zentimeter sowie ein Gewicht von 10,7 bis 11,9 Kilogramm. Weibchen bleiben ein wenig kleiner und leichter als Männchen. In der Familie der Gibbons (Hylobatidae) ist der Siamang mit diesen Maßen die größte Art. Das Fell weist eine schwarze Färbung auf. Der Schnauzenbereich ist gräulich gefärbt. Der Oberkopf ist ausgesprochen flach und die Schnauze tritt nur wenig aus dem Gesicht hervor. Markantes Merkmal der Siamangs ist der aufblasbare Kehlsack, der als Resonanzkörper beim Gesang eine entscheidende Rolle spielt. Man geht auch davon aus, dass der Kehlsack zum Produzieren bestimmter Frequenzen dient. Voll aufgeblasen erreicht der Kehlsack die Größe des Kopfes. Ein Schwanz ist nicht vorhanden. Männchen können von den Weibchen aufgrund eines bis zu 13 Zentimeter langen Genitalbüschels unterschieden werden. Der zweite und dritte Strahl der Füße sind bei den Siamangs basal bindegewebig verbunden. Man spricht nach Geissmann, 2003, in diesem Zusammenhang von Syndaktylie (griechisch συν = '"zusammen"; δακτυλος = "Finger"). Siamangs bewegen sich suspensorisch durch Brachiation (Schwinghandeln) in den Bäumen fort. Auf die Brachiation entfällt gut 80% der Bewegung, die restlichen 20% entfallen auf Klettern (Novak, 1999; Geissmann, 2003; O’Brien et al., 2004).

Lebensweise

aufgeblähter Kehlsack
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aufgeblähter Kehlsack
Soziale Organisation und Verhalten

In der Regel leben Siamangs in monogamen Familiengruppen mit 2 bis 6 Mitgliedern. Eine Gruppe besteht aus einem Pärchen und deren Nachwuchs, der durchaus aus mehreren Würfen stammen kann. In seltenen Fällen kann es auch zu polygamen Gruppen kommen, die mehrere Männchen aufweisen. Siamangs sind territorial und verteidigen ihr Revier durch Gesänge. Die Gesänge werden von beiden Geschlechtern im Duett oder nur vom Männchen vorgetragen. In den frühen Morgenstunden sind die Gesänge besonders häufig zu hören. Die Laute sind über weite Strecken, nicht selten über bis zu 2 Kilometer zu hören. Eine Dominanz von einem Geschlecht über das andere ist nicht erkennbar. Auch agonistisches Verhalten ist sehr selten zu beobachten (Novak, 1999; Geissmann, 2003; Lappan, 2005).

Kommunikation
Die Kommunikation ist vor allem in Gefangenschaft gut studiert. Man konnte 20 Gesten nachweisen, wobei 8 Gesten auf visueller Basis und die restlichen auf taktile Gesten entfallen. Die Gesten treten vor allem beim Spielen und bei der gegenseitigen Körperpflege auf.
Gesang im Duett
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Gesang im Duett
Etwa 10% der Gesten entfallen auf agonistisches Verhalten. In der Nahkommunikation spielt auch die Mimik eine durchaus große Rolle. Im Fernbereich ist der Gesang das ausschlaggebende Kommunikationsmittel. Der Gesang ist über Entfernungen von bis zu 2 Kilometer zu hören und richtet sich im Wesentlichen an benachbarte Gruppen. Die Laute sind extrem laut und eindringlich. Der große Kehlsack dient dabei als Resonanzverstärker. Auch wenn die Gesänge in der Regel nur von einem Geschlecht ausgehen, so kommen auch Duettgesänge vor, die sich über 10 bis 20 Minuten erstrecken können. Man geht davon aus, dass die Duettgesänge nicht nur der Reviermarkierung dienen, sondern auch der Festigung der Paarbindung dienen. Inwieweit auch die olfaktorische Kommunikation eine tragende Rolle spielt, ist noch zum Teil unklar. Im Bereich der Brust verfügen Siamangs jedenfalls über Drüsen, die ein Sekret absondern (Liebal et al., 2004; Geissmann, 2003).
Aktivitätsmuster

Siamangs sind tagaktiv. Die täglichen Aktivitäten beginn kurz nach Sonnenaufgang und enden gegen Abend. Die Aktivität am Tage verteilt sich bei den Populationen auf Sumatra nach Lappan (2005) auf etwa 34 bis 37% Nahrungssaufnahme, 17% Wanderungen und 34 bis 37% Ruhepausen. Die restliche Zeit entfällt auf soziale Interaktionen und andere Aktivitäten wie beispielsweise Gesang. Die Geschlechter unterscheiden sich in den Aktivitäten nur marginal. In den malaiischen Verbreitungsgebieten erstreckt sich die tägliche Aktivität auf 50% Nahrungssaufnahme, 25% Ruhepausen und 22% Wanderungen (Lappan, 2005; Liebal et al., 2004).

Revier und Revierverhalten

Die Reviergröße auf Sumatra beträgt pro Gruppe je nach Lebensraum und Lebensraumqualität etwa 2,23 km². Die Reviere einzelner Gruppe überschneiden sich dabei nicht oder nur geringfügig. Die täglichen Wanderungen betragen im Revier einer Gruppe zwischen 600 und etwa 1.200 Metern. Während der Regenzeit sind die Wanderungen meist kürzer, in der Trockenzeit entsprechend länger. Die Reviermarkierung erfolgt über den charakteristischen Gesang. Die Tiere halten sich üblicherweise hoch oben in den Baumkronen auf. In der Regel sind dies Höhen von oberhalb 20 Meter über dem Waldboden. Nur gelegentlich steigen die Tiere auf Höhen von unterhalb 10 Metern hinab (O’Brien et al., 2004).

Unterarten

Gesang
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Gesang

Verbreitung

Das Hauptverbreitungsgebiet erstreckt sich über Sumatra sowie über weite Teile von Malaysia und über den südlichen Zipfel von Thailand. Die Nominatform ist ausschließlich auf Sumatra heimisch, die Unterart Hylobates syndactylus continentis kommt in Malaysia und Thailand vor. Auf Sumatra wird im Wesentlichen der westliche Teil der Insel besiedelt (O’Brien et al., 2003, 2004). Siamangs besiedeln im Wesentlichen tropische Regenwälder. Die Lebensräume liegen für gewöhnlich in moderater Höhe zwischen 300 und 500 Meter über NN. Eher selten sind Siamangs in Auwäldern der Ebene, Sumpfgebieten oder küstennahen Feuchtwäldern anzutreffen. Oberhalb von 1.500 Meter können nur noch wenige Tiere nachgewiesen werden, oberhalb von 1.800 Metern sind Siamangs nicht mehr anzutreffen. In den natürlichen Lebensräumen herrschen je nach Jahreszeit Temperaturen von 22 und 35°C vor. Die jährliche Niederschlagsmenge liegt bei 3.000 bis 4.000 mm. Die Tiere leben fast ausschließlich in den Bäumen, der Boden wird nur sehr selten betreten (O’Brien et al., 2004; Geissmann et al., 2006).

Biozönose

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Sympatrie

Siamangs leben in ihrem natürlichen Lebensraum sympatrisch mit zahlreichen anderen Primaten. Sie teilen sich nicht nur den Lebensraum, sondern zum Teil auch die Nahrungsressourcen. Siamangs teilen sich ihren Lebensraum mit Sumatra Orang-Utans (Pongo abelii), Weißhandgibbons (Hylobates lar), Schwarzhandgibbons (Hylobates agilis), Thomas-Languren (Presbytis thomasi), Rote Languren (Presbytis melalophos), Schwarze Haubenlanguren (Trachypithecus auratus), Südlichen Schweinsaffen (Macaca nemestrina), Javaneraffen (Macaca fascicularis), Sunda-Plumplori (Nycticebus coucang) und Sunda-Koboldmaki (Tarsius bancanus). Das Zusammentreffen geht meist mit einer friedlichen Verhaltensweise einher, agonistisches Verhalten seitens der Siamangs wurde nur selten beobachtet (Lappan, 2005; Palombit, 1992).

Prädatoren

Siamangs haben in freier Wildbahn im Grunde keine natürlichen Feinde. Forschungsergebnisse liegen jedoch nur spärlich vor. Ein Verlust durch einen Prädator konnte bislang nicht nachgewiesen werden. In alten Aufzeichnungen (Schneider, 1906) ist davon die Rede, dass ein Siamang im Verdauungstrakt eines Pythons (Python) gefunden wurde. Es kann daher durchaus sein, dass gelegentlich ein Siamang einer großen Schlange zum Opfer fällt.

Nahrung

Siamangs gelten als Allesfresser. Sie ernähren sich gut zur Hälfte von Früchten. Die andere Hälfte am Nahrungsaufkommen entfällt auf junge Triebe, Blüten und Gliederfüßer (Arthropoda) wie beispielsweise Insekten (Insecta) und ähnliches. An Früchten stehen vor allem Feigen (Ficus) mit bis zu 37% auf der Speisekarte. Reife Blätter werden in der Regel gemieden. O'Brien et al., 2003, konnten mehr als 160 Futterpflanzen identifizieren. Die Nahrungssuche erfolgt ausschließlich am Tage und erstreckt sich über bis zu 10 Stunden pro Tag. Die aufgenommene Nahrung schwankt sowohl saisonal als auch regional (Raemaekers, 1984; O’Brien et al., 2003).

Fortpflanzung

Siamangs erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 8 bis 9 Jahren. Die Abstände zwischen 2 Geburten liegen bei mehr als 3 Jahren. Siamangs leben hauptsächlich in monogamen Familiengruppen. In seltenen Fällen kommt es jedoch zur Bildung von polygamen Gruppen mit mehreren Männchen.
Familiengruppe mit Jungtier
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Familiengruppe mit Jungtier
Die Regel sind jedoch monogame Gruppen. Die Paarungszeit erstreckt sich in den tropischen Regionen des Verbreitungsgebietes über das ganze Jahr. Eine Saisonalität ist nicht erkennbar. Die meisten Geburten sind jedoch zwischen Dezember und Februar während der Reifezeit von Früchten feststellbar. Die Kopulation erfolgt meist in einer Gesicht-zu-Gesicht-Haltung, seltener auch in einer dorsoventralen Position. Die Kopulation ist an keine feste Tageszeit gebunden und tritt somit ganztägig auf. Nach einer Tragezeit von 189 bis 239 (210) Tagen (Geissmann, 1991) bringt ein Weibchen meist ein Jungtier zur Welt. Zwillingsgeburten kommen sehr selten vor. Geburten treten meist in der Nacht auf. Der Nachwuchs weist bei der Geburt ein Gewicht von 390 bis 685 (537) Gramm auf. Bei der Geburt zeigt sich nur ein spärliches Fell und die Haut ist rosagrau gefärbt. Ein Jungtier wird von der Mutter in den ersten Lebenswochen ausschließlich am Bauch getragen. Ab dem dritten bis vierten Lebensmonat nimmt die Fürsorge der Mutter in dem Maße ab, wie die beim Vater zunimmt. Beide Geschlechter teilen sich ab diesem Zeitpunkt die Fürsorge. Im Alter von einem Jahr übernimmt der Vater die Hauptaufgabe der Fürsorge. Ab dem 15. Lebensmonat wird der Nachwuchs immer selbständiger. Die Säugezeit erstreckt sich über bis zu 24 Monaten, wobei die erste feste Nahrung in Form von Früchten und ähnlichem ab dem sechsten Lebensmonat aufgenommen wird. Selbständig sind die Jungtiere im Alter von 3 Jahren. Die Lebenserwartung in Gefangenschaft liegt bei mehr als 30 Jahren. Im Freiland liegt die Lebenserwartung jedoch deutlich darunter (Lappan, 2005; Palombit, 1992; Geissmann et al., 2006, 2007).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

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Der Siamang zählt heute zu den stark bedrohten Primatenarten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als stark gefährdet (EN, Endangered) geführt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) listet den Siamang in Anhang I des Abkommens. Man schätzt die aktuelle Populationsstärke auf weniger als 200.000 Individuen. Im Jahre 1987 lag der Bestand noch bei 360.000 Tiere. Zu den größten Bedrohungen zählt die Vernichtung der natürlichen Lebensräume, die Bejagung durch den Menschen und der Wildfang. Das Hauptproblem stellt zweifelsohne der Verlust der natürlichen Lebensräume dar. Geissmann (2007) geht davon aus, dass in den letzten 50 Jahren auf Sumatra 70 bis 80% des natürlichen Lebensraumes vernichtet wurden. Die Waldflächen werden hauptsächlich zugunsten von landwirtschaftlichen Flächen, Bergbau, Straßenverkehr und Siedlungsraum abgeholzt. Ein weiteres Problem ist die Bejagung. Begehrt sind vor allem Jungtiere, die im illegalen Haustierhandel verkauft werden. Um an die Jungtiere zu kommen, müssen die Alttiere getötet werden. Lokal wird auch das Fleisch der Siamangs gegessen. Durch den globalen Klimawandel kommt es auch auf Sumatra vermehrt zu Naturkatastrophen. Insbesondere Waldbrände bedrohen lokal die natürlichen Lebensräume der Siamangs (O’Brien et al., 2004; O’Brien and Kinnaird, 2003; Geissmann et al., 2006, 2007).

Synonyme

Nach Wilson & Reeder, 2005, ist der Siamang unter zahlreichen Synonymen bekannt. Dies sind Hylobates syndactylus (Raffles, 1821), Symphalangus continentis Thomas, 1908, Symphalangus gibbon (C. Miller, 1779), Symphalangus subfossilis Hooijer, 1960 und Symphalangus volzi (Pohl, 1911). Alle genannten Synonyme sind ungültig.

Anhang

Siehe auch

  • Die Ordnugn der Primaten (Primates)
  • Die Familie der Gibbons (Hylobatidae)

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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