Schlafmäuse

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Schlafmäuse
Syrischer Wüstenschläfer (Eliomys melanurus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Teilordnung: Bilchverwandte (Glirimorpha)
Familie: Schlafmäuse
Wissenschaftlicher Name
Gliridae, veraltet: Myoxidae
Gray, 1821

Schlafmäuse (Gliridae, veraltet Myoxidae), die auch als Bilche Bezeichnet werden, zählen innerhalb der Säugetiere (Mammalia) zu Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und der Mäuseverwandten (Myomorpha). Es sind 28 rezente Arten in 3 Unterfamilien und 8 Gattungen bekannt. Die "International Commission on Zoological Nomenclature" verwarf im Jahre 1998 die Bezeichnung Myoxidae. Daher gilt heute die Bezeichnung Gliridae.

Inhaltsverzeichnis

Evolution, Entwicklung

Schlafmäuse haben ihren Ursprung in frühen bis mittleren Eozän, wahrscheinlich im Lutetium oder im Bartonium vor 48 bis 37 Millionen Jahren. Fossile Funde stammen aus allen drei Unterfamilien und wurden in weiten Teilen Eurasiens und Afrikas gefunden. Die Blütezeit lag wahrscheinlich im Pleistozän vor 1,8 Millionen Jahren bis vor 10.000 Jahren. Während dieser Zeit bildeten sich auch Riesenformen aus, die vor allem in Südeuropa und auf einigen größeren Mittelmeerinseln vorkamen. Zu den ausgestorbenen Gattungen gehören insbesondere Eomuscardinus, Glirudinus, Heteromyoxus, Myoglis und Paraglis. Diese Gattungen sind wie die Haselmaus im Tribus Muscardinini anzusiedeln.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Alle Arten der Schlafmäuse weisen einheitliche Merkmale auf. Dies sind insbesondere die zum Teil beträchtlichen Fettdepots und ein langer Winterschlaf, der bis zu 7 Monaten dauern kann. Die meisten Arten gelten als ausgezeichnete Kletterer und sind an das Leben in Bäumen und Sträuchern angepasst. In Bäumen leben jedoch nicht alle Arten. Einige Vertreter der Familie wie der Gartenschläfer (Eliomys quercinus) leben auch am Boden. Mausschläfer wie Myomimus personatus leben ausschließlich am Boden. Schlafmäuse weisen an den Vorderbeinen 4, an den Hinterbeinen 5 Zehen auf, die jeweils mit kleinen, gebogenen Krallen versehen sind. Die Fußsohlen sind mit rauen Ballen versehen und unbehaart. Der Schwanz der meisten Arten ist buschig und recht lang. Die Sinne sind zumeist gut entwickelt. Dies trifft vor allem auf das Gehör zu. Aber auch der Sehsinn, die olfaktorischen Sinne sowie der Tastsinn sind gut entwickelt. Das kräftige Gebiss der Schlafmäuse besteht aus 20 Zähnen. Die zahnmedizinische Formel lautet 1/1, 0/0, 1/1, 3/3. Die Weibchen der meisten Arten verfügen zum Säugen des Nachwuchses über vier Paar Zitzen. Schlafmäuse erreichen je nach Art eine Körperlänge von 6 bis 19 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 4 bis 16,5 Zentimeter sowie ein Gewicht von 15 bis 200 Gramm.
Haselmaus (Muscardinus avellanarius)
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Haselmaus (Muscardinus avellanarius)
Vor dem Winterschlaf weisen die Arten in den gemäßigten Verbreitungsgebieten das höchste Gewicht auf. Die Ohren sind klein bis mittelgroß und von rundlicher Form. Sie sitzen seitlich, weit hinten am Schädel. Die dunkel gefärbten und knopfartigen Augen liegen seitlich am Schädel. Im Bereich der Schnauze sind lange Tasthaare zu erkennen, die auch als Vibrissen bezeichnet werden. Das meist dichte und wollige Fell weist je nach Art eine unterschiedliche Färbung auf. Die Färbung reicht von hellbraun über braun bis hin zu gräulich oder graubraun. Lateral ist das Fell in der Regel heller gefärbt.

Lebensweise

Schlafmäuse sind üblicherweise nahtaktiv und ruhen am Tage an geschützter Stelle in ihren Nestern. Die Nester sind meist kugelförmige Gebilde. Einige Arten nutzen aber auch Baumhöhlen, Felsspalten oder ähnlich geschützte Stellen. In den gemäßigten eurasischen Verbreitungsgebieten halten Schlafmäuse einen Winterschlaf, der sich je nach Art und Gegend bis zu 7 Monaten erstrecken kann. Während dieser Zeit zehren Schlafmäuse von ihren Fettreserven, die sie sich im Sommer und Herbst angefressen haben. In der zweiten Hälfte des Winterschlafes wachen Schlafmäuse periodisch auf. Während dieser Zeit kommt auch die Hormonproduktion in Gang - die Vorbereitung auf die Fortpflanzung. Diese beginnt unmittelbar nach der Winterruhe. Die Schlafmäuse leben hauptsächlich in den Bäumen und steigen nur selten auf den Erdboden herab. Ihre Klettereigenschaften können dabei durchaus als ausgezeichnet bezeichnet werden. Nur wenige Arten leben auch oder ausschließlich auf dem Boden. Auch kleinere Sprünge zwischen Ästen werden mühelos bewältigt.

Von der Geburt bis zu ersten Winterruhe wachsen Schlafmäuse recht schnell heran. Während der Winterruhe verlangsamt sich das Wachstum deutlich. Schlafmäuse legen ein ausgesprochen territoriales Verhalten an den Tag. Die Tiere leben üblicherweise einzelgängerisch oder in kleinen Familiengruppen. Das eigene Revier wird gegen Artgenossen energisch verteidigt. Die Reviere weisen zumeist einen Radius von 100 bis 200 Metern um das eigene Nest auf. Daraus kann auf eine Reviergröße von 2 bis 6 Hektar geschlossen werden. Tatsächlich hat man festgestellt, dass die durchschnittliche Populationsdichte bei 0,1 Tiere pro Hektar liegt. Die Reviergröße richtet sich auch nach dem Nahrungsangebot.

Verbreitung

Schlafmäuse kommen in ganz Europa, im zentralen und westlichen Asien, in Japan sowie dem nördlichen Afrika und südlich der Sahara vor. So groß wie das Verbreitungsgebiet, so vielfältig sind die besiedelten Lebensräume. Da verwundert es nicht, dass Schlafmäuse neben Waldgebieten, Gärten und Dickichten auch Steppen, die Randgebiete von Wüsten und felsige Regionen besiedeln. In Europa werden vor allem Laub- und Mischwälder, aber auch größere Gärten und Obstplantagen als Lebensraum genutzt. Besiedelt werden sowohl das Flachland als auch Mittelgebirge.

Prädatoren

In Europa gehören zahlreiche Fleischfresser zu den natürlichen Feinden. Dies sind zweifelsohne Rotfüchse (Vulpes vulpes), Europäische Dachse (Meles meles), Hausratten (Rattus rattus) und Wanderratten (Rattus norvegicus), Mauswiesel (Mustela nivalis) und Hermeline (Mustela erminea),. Aber auch Elstern (Pica pica), Raben und Krähen (Corvus) und einige Eulen (Strigiformes) und Greifvögel (Falconiformes) wie Lannerfalke (Falco biarmicus) und die Schleiereule (Tyto alba). Einziger Schutz vor Fleischfressern bietet den Schlafmäusen die rechzeitige Flucht. Sie verstecken sich auf dem Waldboden unter Laub, im Dickicht oder flüchten in die Bäume oder in die Büsche. Während der Winterruhe fallen die Tiere nicht selten Wildschweinen (Sus scrofa) zum Opfer, die die im Boden überwinternden Tiere regelrecht ausgraben.

Ernährung

Schlafmäuse gelten als Allesfresser, die sich sowohl von tierischer als auch pflanzlicher Kost ernähren. Dies haben Magenanalysen ergeben. Zwischen den Jahreszeiten variiert die aufgenommene Nahrung stark. Zur bevorzugten Nahrung gehören beispielsweise kleine Gliederfüßer (Arthropoda) wie Insekten (Insecta), Spinnentiere (Arachnida) und Tausendfüßer (Myriapoda). Aber auch Wirbeltiere (Vertebrata), Regenwürmer (Lumbricidae) und andere Ringelwürmer (Annelida) sowie die Eier von Vögeln (Aves) stehen weit oben auf der Speisekarte. An pflanzlicher Kost werden Sämereien, Knospen, Früchte und Nüsse gefressen. Das erstaunliche an Schlafmäusen ist, dass sie über keinen Blinddarm verfügen. Daran ist zu erkennen, dass die Nahrung der Schlafmäuse kaum Zellulose enthält. Im Herbst stellen die meisten Arten, vor allem die Arten in den gemäßigten Regionen, ihre Ernährungsgewohnheiten um. Durch die allmähliche Reduktion der Proteinzufuhr wird der Winterschlaf im Spätherbst eingeleitet.

Fortpflanzung

Schlafmäuse erreichen die Geschlechtsreife gegen Ende des ersten Lebensjahres. Die Paarungszeit beginnt insbesondere in Mitteleuropa nach der Winterruhe, meist Ende April oder im Mai, wobei es pro Jahr je nach Verbreitungsgebiet zu 1 oder 2 Würfen, in mediterranen und tropischen Regionen kommt es oftmals zu 2 bis 3 Würfen. Die Geburt erfolgt in Mitteleuropa meist im Laufe des Juni. Während der Paarungszeit verbreiten Weibchen über Drüsen im Analbereich Pheromone bzw. Gerüche, die auf Männchen außerordentlich anziehend wirken. Ein paarungsbereites Männchen erwidert diese Gerüche mit seinen eigenen Gerüchen. Hat sich ein Paar gefunden, so kommt es zur Kopulation. Das Nest erinnert an den Kobel eines Eichhörnchens und entsteht in mittlerer Höhe von Bäumen oder größeren Sträuchern. Unmittelbar nach der Paarung beginnt das Weibchen damit, ihr Nest vorzubereiten. Das Männchen hat mit der Aufzucht des Nachwuchses nichts zu tun. Nach der Paarung verlässt es das Weibchen. Die meist kugelförmigen Nester entstehen überwiegend aus weichen Pflanzenteilen wie Gräsern, Moosen, Blättern und auch kleinen Ästchen, die der Stabilisierung dienen. Es weist einen Durchmesser von bis zu 15 bis 20 Zentimeter auf. Das Nest wird mit weichem Material wie Tierhaaren, Federchen und anderen Materialien ausgepolstert. Bei einigen Arten entstehen die Nester auch in Baumhöhlen oder an ähnlich geschützten Plätzen. Beliebte Habitate für die Aufzucht der Jungen sind insbesondere bewachsene Hänge mit reichlich Sonnenlicht, Waldränder und Lichtungen. Nach einer Tragezeit von etwa 21 bis 32 Tagen bringt das Weibchen zwischen 2 und 9 Jungtiere zur Welt. Die durchschnittliche Wurfgröße beträgt dabei zwischen 4 und 5 Jungtiere. Das Gewicht beträgt 1 bis 2 Gramm. Die Jungen sind nur wenig weit entwickelt, sie kommen sowohl blind und taub als auch ohne Fell zur Welt. Die Ohren öffnen sich zwischen dem 12. und 18. Lebenstag, die Augen in der 3. oder 4. Lebenswoche. Die Zähne bilden sich bis zum Ende der dritten Woche voll aus. Die Jungtiere werden zwischen der 4. und 6. Lebenswoche von der Muttermilch abgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt nehmen die Jungtiere die erste feste Nahrung zu sich. Zwei Wochen später erreichen die Jungtiere ihre Selbstständigkeit. Schlafmäuse haben eine Lebenserwartung von 3 bis 5 Jahren. In Gefangenschaft können sie auch ein Alter von bis zu 9 Jahren erreichen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Schon im alten Rom wurden Schlafmäuse gehalten und gemästet, um sie zu verzehren. Dazu dienten spezielle Räume, die als Glirarium bezeichnet wurden. Von dieser Bezeichnung wurde auch der wissenschaftliche Name der Familie abgeleitet. Heute spielt der Verzehr von Schlafmäusen keine Rolle mehr. Die meisten Arten der Schlafmäuse stehen heute bereits auf der Vorwarnliste oder gelten als gefährdet. Dryomys niethammeri aus der Gattung der Baumschläfer (Dryomys nitedula), der Gartenschläfer (Eliomys quercinus), der Mausschläfer (Myomimus roachi), Myomimus setzeri und Myomimus personatus gelten als gefährdet (VU, vulnerable). Noch schlechter steht es um Dryomys sichuanensis, den Japanischen Bilch (Glirulus japonicus), Myomimus setzeri und Wüstenschläfer (Selevinia betpakdalaensis). Diese Arten gelten als stark gefährdet (EN, endangered). Bei vielen anderen Arten ist der Gefährdungsgrad unklar. Diese Arten werden in der Roten Liste der IUCN als "Data Deficient" (DD) geführt. Die Gefährdungsgründe sind bei allen Arten ähnlich gelagert. Schuld daran ist die weitreichende Vernichtung der natürlichen Lebensräume. Zudem werden die Tiere in einigen Gebieten Eurasiens auch heute noch wegen des Pelzes oder des Fleisches gejagt. Auch Landwirte und Weinbauer stellen den Schlafmäuse als Schädling nach.

Systematik der Familie Schlafmäuse

Siebenschläfer (Myoxus glis)
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Siebenschläfer (Myoxus glis)
Haselmaus (Muscardinus avellanarius)
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Haselmaus (Muscardinus avellanarius)
Gartenschläfer (Eliomys quercinus)
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Gartenschläfer (Eliomys quercinus)
Syrischer Wüstenschläfer (Eliomys melanurus)
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Syrischer Wüstenschläfer (Eliomys melanurus)

Familie: Schlafmäuse (Gliridae)

Unterfamilie: Eigentliche Bilche (Glirinae)
Tribus: Gliriini
Gattung: Siebenschläfer (Glis)
Gattung: Stertomys
Tribus: Muscardinini
Gattung: Haselmäuse (Muscardinus)
Gattung: Eomuscardinus
Gattung: Glirudinus
Gattung: Heteromyoxus
Gattung: Myoglis
Gattung: Paraglis
Unterfamilie: Glamyinae
Gattung: Glamys
Unterfamilie: Gliravinae
Gattung: Gliravus
Gattung: Chaibulakomys
Gattung: Eogliravus
Unterfamilie: Afrikanische Bilche (Graphiurinae)
Gattung: Afrikanische Zwergschläfer (Graphiurus)
Gattung: Graphiglis
Gattung: Graphiurops
Unterfamilie: Leithiinae
Tribus: Leithiini
Gattung: Leithia
Gattung: Anthracoglis
Gattung: Bransatoglis
Gattung: Baumschläfer (Dryomys)
Gattung: Gartenschläfer (Eliomys)
Gattung: Microdyromys
Gattung: Prodryomys
Gattung: Tempestia
Tribus: Seleviniini
Gattung: Wüstenschläfer (Selevinia)
Gattung: Plioselevinia
Gattung: Mausschläfer (Myomimus)
Gattung: Altomiramys
Gattung: Armantomys
Gattung: Carbomys
Gattung: Dryomimus
Gattung: Margaritamys
Gattung: Miodyromys
Gattung: Nievella
Gattung: Peridyromys
Gattung: Praearmantomys
Gattung: Quercomys
Gattung: Ramys
Gattung: Vasseuromys

Anhang

Literatur und Quellen

  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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