Rundblattnasen

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Rundblattnasen
Horsfield-Rundblattnase (Hipposideros larvatus)

Taxonomie
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Überfamilie: Hufeisennasenartige (Rhinolophoidea)
Familie: Rundblattnasen
Wissenschaftlicher Name
Hipposideridae
Miller, 1907

Rundblattnasen (Hipposideridae) zählen innerhalb der Ordnung der Fledertiere (Chiroptera) zur Unterordnung der Fledermäuse (Microchiroptera) und hier zu den Hufeisennasenartigen (Rhinolophoidea). In 9 Gattungen werden rund 80 Arten geführt. Rundblattnasen (Hipposideridae) werden zur Überfamilie der Rhinolophoidea gerechnet. Dieser Überfamilie werden auch die Großblattnasen (Megadermatidae), die Schlitznasen (Nycteridae) und die Hufeisennasen (Rhinolophidae) gerechnet. An engsten sind die Rundblattnasen mit den Hufeisennasen verwandt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte der Entdeckung

Ursprünglich wurden die Rundblattnasen und die Hufeisennasen zu den Glattnasen (Vespertilionidae) gerechnet. Die erste Gattung der Rundblattnasen ist Hipposideros und wurde im Jahre 1831 von John Edward Gray beschrieben. Im Jahre 1907 erkannte Miller erstmals die wesentlichen Unterschiede zwischen Rund- und Hufeisennasen und ordnete die jeweiligen Vertreter in unterschiedliche Familien ein (Hipposideridae und Rhinolophidae).

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde von Rundblattnasen stammen aus dem frühen Miozän und wurden in Europa gefunden. Evidente, also erkennbare, Vorfahren sind nicht erkennbar. Mann geht davon aus, dass die ältsten Arten aus Asien und Afrika stammen. Zwischen dem frühen Miozän und dem mittleren Miozän, also einem Zeitraum von 12 Millionen Jahren, entstanden in Europa zahlreiche Arten. Zu den fossilen Formen zählt beispielsweise Brachipposideros nooraleebus (Sigé et al., 1982) aus dem mittleren Miozän.

Allgemeine Beschreibung

Rundblattnasen sind grundsätzllich ähnlich den Hufeisennasen. Wie die nahen Verwandten, die Hufeisennasen (Rhinolophidae), besitzen auch die Rundblattnasen gut definierte Nasenblätter sowie große und mobile Ohren. Das Nasenblatt hat ansatzweise die Form eines Hufeisens. Es ist jedoch nicht so stark ausgeprägt wie bei den Hufeisennasen. Im Allgemeinen sind die meisten Rundblattnasen bräunlich bis rötlichbraun gefärbt. Einige Arten wie beispielsweise die Diadem-Rundblattnase (Hipposideros diadema) weisen auffällige Muster in der Fellfärbung auf. Die innere Morphologie der Rundblattnasen ähnelt der Hufeisennasen. Größere Unterschiede zwischen beiden Familien zeigen sich nur bei Brust- und Beckengürtel. Im Schultergürtel zeigt sich eine Verschmelzung der ersten beiden Rippen. Dies führt zu einem massiven Ring aus Knochen, bestehend aus sieben Halswirbeln, den ersten beiden Brustwirbeln, den ersten beiden Rippen sowie das gesamte Sternum (Brustbein). Der Beckenring posterior (hinten liegend) ähnlich dem der Hufeisennasen, aber anterior (vorn liegend) sind die Knochen in Richtung Darmbein leicht abweichend angeordnet.

Morphologie und Physiologie

Äußere Morphologie

Das Fell der Rundblattnasen ist dick und dicht. Bis auf den Bereich des Nasenblattes erstreckt sich das Fell über den gesamten Körper. Die Lederhaut (Dermis) der Flügel ist relativ dünn, auf der Schwanzmembran hingegen eher dick. Auch die Haut der Lippen und der Fußsohlen ist dick. Musculi arrectores pilorum sind nicht vorhanden. In der Dermis sind jedoch zahlreiche Skelettmuskelfasern zu finden. Das schon angesprochene Nasenblatt dient der Aussendung oder Verstärkung von Ultraschalllauten. Die nasalen Öffnungen liegen an der Unterseite des Rostrum im zentralen Gesichtsfeld. Die Ohren sind allgemein groß, weit auseinander und oft fast so breit wie lang. Der Antitragus ist variabel in der Größe, im Allgemeinen aber nicht so groß wie bei den Hufeisennasen. Die Flügel sind ziemlich schmal, die interfemorale Membran (Flughaut zwischen den Beinen) ist groß. Der Schädel der Rundblattnasen weist einen deutlichen Sagittalkamm auf, die Cochleae ist mäßig groß. Die oberen Schneidezähne sind sehr klein, aber in der Regel gut ausgebildet. Die Kronen sind gut ausgeprägt und abgerundet. Auf der Innenseite zeigen sich leichte Höcker. Die unteren Schneidezähne bilden eine kontinuierliche Reihe zwischen den Eckzähnen. Die oberen Eckzähne sind einfach aber kräftig entwickelt. Die unteren Eckzähne sind eher mäßig entwickelt. Die erste obere Prämolar ist klein und funktionslos. Die zahnmedizinische Formel lautet i1/2, c1/1, p1-2/2, m 3/3.

Innere Morphologie

Das Kreislaufsystem der Rundblattnasen entspricht dem der anderen Arten der Fledermäuse (Microchiroptera). Rundblattnasen sind gleichwarme Tiere mit einer teilweisen Erstarrung bei schwankenden Temperaturen. Die oberen Atemwege der Rundblattnasen bestehen aus komplexen Nasenhöhlen. Diese dienen vermutlich in Verbindung mit dem Kehlkopf auch der Erzeugung der Ultraschallausrufe, die der Echoortung dienen. Die Lunge ist im Bezug auf die Körpergröße vergleichsweise groß. Alle Rundblattnasen sind Insektenfresser, die ihre Nahrung im Flug erbeuten. Ein Auflesen von Beutetieren am Boden ist nicht nachgewiesen. Die endokrinen Systeme sind typisch für Säugetiere. Die Eierstöcke sind bilateral abgeflacht, die ovalen Strukturen der linken Eierstöcke sind geringfügig größer als die rechten Eierstöcke. Der Fruchtknoten (Ovar) besteht aus einer dicken äußeren Rinde mit einer großen Anzahl an Primordialfollikel (Eibläschen) und einer dünnen Medulla. Der Gelbkörper (Corpus luteum) ist extrudiert, also hinausgedrängt vom linken Eierstock und ist nur während der Trächtigkeit gut ausgebildet.

Wie die Hufeisennasen (Rhinolophidae) orientieren sich Rundblattnasen durch Ultraschall. Die Aufrufe erfolgen über die Nasenlöcher. Die Höhe der Ausrufe richtet sich nach der Größe einer Art. Größere Rundblattnasen mit niedrigeren Frequenzen sind in der Lage größere Beutetiere zu fangen. Kleinere Arten mit einer hogen Frequenz und einer dementsprechend kürzeren Wellenlänge fangen überwiegend kleine Beutetiere. Die Frequenz des Anrufs korreliert auch mit der Ohrgröße und dem Abstand der Nasenlöcher. Die Dauer der Ausrufe reicht von 10 bis 15 mm und ist damit kürzer als bei den Hufeisennasen. Die Augen der meisten Arten sind eher klein. Dieses ist ein gemeinsames Merkmal von nachtaktiven Höhlenbewohnern. Der Sehsinn spielt daher bei der Orientierung und der Nachrungssuche nur eine begleitende Rolle. Die auditiven Zentren sind besonders gut entwickelt. Die Basilarmembran (Ductus cochlearis) in der Cochlea des Ohres zeigt spezielle Verdickungen. Das Trommelfell und Gehörknöchelchen sind eher klein ausgebildet. Die paarig angelegten Nieren liegen dorsal im Peritonealraum, also in der Bauchfellhöhle. Zwischen den Arten zeigen sich in der Form der Nieren leichte Abweichungen. Tendenziell sind die Nieren jedoch bohnenförmig.

Die Wirbelsäule der Rundblattnasen besteht aus 7 Halswirbel (Cervical vertebrae), 11 bis 12 Brustwirbel (Thoracic vertebrae), 6 Lendenwirbel (Lumbar vertebrae) und 3 Kreuzbeinwirbel (Sacral vertebrae). Das Manubrium (obere Teil des Sternum, Brustbeins) ist abgeflacht und schildartig ausgeprägt. Die Rippen sind ebenfalls stark abgeflacht, die ersten beiden Rippen sind zusammengewachsen. Der Raum zwischen den anderen Rippen ist gut definiert. Das Schlüsselbein ist sehr groß, ziemlich lang und gebogen. Der Daumen hat zwei Phalangen und eine Klaue an der distalen Phalanx.

Lebensweise

Rundblattnasen sind nachtaktiv. Die Tiere verlassen ihre Schlafplätze erst kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Die aktive Zeit in der Nacht verbringen Rundblattnasen mit der Nahrungssuche, in einer Nacht kommt es meist zu mehreren Beutezügen. Die Lokalisierung von Beutetieren erfolgt mittels Echoortung. Am Tage ruhen die Tiere. Rundblattnasen sind ganzjährig aktiv, eine Winterruhe wird demnach nicht gehalten. An den Schlafplätzen hängen Rundblattnasen in typischer Fledermausmanier kopfüber freihängend.

Verbreitung und Lebensraum

Die rezenten Arten der Rundblattnasen leben in den tropischen Regionen der alten Welt und verteilen sich über Afrika, Madagaskar, Indien bis Südostasien, über die Philippinen, New Guinea, Australien, Neukaledonien und Vanuatu. Fossile Formen sind auch aus dem gemäßigten Europa bekannt. Die meisten Arten treten in Asien von Indien bis zu den Philippinen in Erscheinung. Einige Arten sind in Australien endemisch.

Ernährung

Rundblattnasen ernähren sich als reine Insektenfresser hauptsächlich von Schmetterlinge (Lepidoptera), Hautflügler (Hymenoptera), Geradflügler (Orthoptera), Schaben (Blattodea), Käfer (Coleoptera) und Ameisen (Formicoidea). Die Nahrungsaufnahme erfolgt in niedriger Höhe von 1 bis 2 m im Flug. Die kurzen und breiten Flügel sind wie geschaffen für einen niedrigen und langsamen Flug. Nur wenige Arten gelten als Ansitzjäger. Die Nahrungssuche startet in der Dunkelheit von den Schlafplätzen aus.

Fortpflanzung

Rundblattnasen erreichen im zweiten Lebensjahr die Geschlechtsreife. Die Paarungszeit der monogam lebenden Fledermäuse variiert stark nach Verbreitungsgebiet und liegt beispielsweise in Australien zwischen Oktober und Dezember. Ein Weibchen bringt jährlich lediglich ein Jungtier zur Welt, das mit dem Kopf zuerst geboren wird. Die Tragezeit liegt artabhängig bei 90 Tagen. Die Zitzen der Weibchen liegen inguinal, also in der Leistenregion. Die Jungen sind bei der Gebuurt nackt, jedoch weit entwickelt. Die Säugezeit erstreckt sich artabhängig über etwa 40 bis 80 (60) Tage. Gegen Ende der Säugezeit nimmt der Nachwuchs neben der Milch auch die erste feste Nahrung zu sich. Die Lebenserwartung liegt bei den meisten Arten bei etwa 10 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Wirtschaftliche Bedeutung

Da die Arten selten in großen Schwärmen auftreten, ist die wirtschaftliche Bedeutung der Rundblattnasen in landwirtschaftlichen Regionen eher als gering einzustufen. Es sind keine Krankheitserreger oder Parasiten bekannt, die von Rundblattnasen auf den Menschen oder Weidevieh übertragen werden können.

Gefährdung und Schutz

Die meisten Arten gehören noch nicht zu den bedrohten Arten und werden in der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet in der Kategorie LC, Least Concern, geführt. Zu den gefährdeten Arten gelten nachstehende Arten in der jeweiligen Kategorie (NT-CR):

Die Hauptgefahren gehen überlicherweise bei den meisten Arten von der Vernichtung der natürlichen Lebensräume und dem übermäßigen Pestizideinsatz in der Landwirtschaft aus (IUCN, 2013).

Systematik der Familie Rundblattnasen

Horsfield-Rundblattnase (Hipposideros larvatus)
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Horsfield-Rundblattnase (Hipposideros larvatus)

Familie: Rundblattnasen (Hipposideridae)

Unterfamilie: Hipposiderinae
Gattung: Anthops
Art: Blumennasen-Fledermaus (Anthops ornatus)
Gattung: Dreizack-Blattnasen (Asellia)
Art: Asellia patrizii
Art: Asellia tridens
Gattung: Aselliscus
Art: Aselliscus stoliczkanus
Art: Aselliscus tricuspidatus
Gattung: Cloeotis
Art: Cloeotis percivali
Gattung: Coelops
Art: Coelops frithii
Art: Coelops robinsoni
Gattung: Eigentliche Rundblattnasen (Hipposideros)
Art: Hipposideros abae
Art: Himalaya-Rundblattnase (Hipposideros armiger)
Art: Hipposideros ater
Art: Hipposideros beatus
Art: Hipposideros bicolor
Art: Hipposideros breviceps
Art: Gewöhnliche Rundblattnase (Hipposideros caffer)
Art: Hipposideros calcaratus
Art: Hipposideros camerunensis
Art: Hipposideros cervinus
Art: Hipposideros cineraceus
Art: Riesen-Rundblattnase (Hipposideros commersoni)
Art: Hipposideros coronatus
Art: Hipposideros corynophyllus
Art: Hipposideros coxi
Art: Hipposideros crumeniferus
Art: Hipposideros curtus
Art: Hipposideros cyclops
Art: Diadem-Rundblattnase (Hipposideros diadema)
Art: Hipposideros dinops
Art: Hipposideros doriae
Art: Hipposideros dyacorum
Art: Hipposideros fuliginosus
Art: Hipposideros fulvus
Art: Cantor-Rundblattnase (Hipposideros galeritus)
Art: Hipposideros halophyllus
Art: Hipposideros inexpectatus
Art: Hipposideros jonesi
Art: Hipposideros lamottei
Art: Hipposideros lankadiva
Art: Horsfield-Rundblattnase (Hipposideros larvatus)
Art: Hipposideros lekaguli
Art: Hipposideros lylei
Art: Hipposideros macrobullatus
Art: Hipposideros maggietaylorae
Art: Hipposideros marisae
Art: Hipposideros megalotis
Art: Hipposideros muscinus
Art: Hipposideros nequam
Art: Hipposideros obscurus
Art: Hipposideros papua
Art: Hipposideros pomona
Art: Hipposideros pratti
Art: Hipposideros pygmaeus
Art: Rundblattnase (Hipposideros ridleyi)
Art: Hipposideros ruber
Art: Hipposideros sabanus
Art: Hipposideros schistaceus
Art: Hipposideros semoni
Art: Schneider-Rundblattnase (Hipposideros speoris)
Art: Hipposideros stenotis
Art: Hipposideros turpis
Art: Hipposideros wollastoni
Gattung: Paracoelops
Art: Paracoelops megalotis
Gattung: Rhinonicteris
Art: Goldene Rundblattnase (Rhinonicteris aurantia)
Gattung: Triaenops
Art: Triaenops auritus
Art: Triaenops furculus
Art: Triaenops persicus
Art: Triaenops rufus

Anhang

Literatur und Quellen

'Persönliche Werkzeuge