Roter Brüllaffe

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Roter Brüllaffe

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Familie: Kapuzinerartige (Cebidae)
Gattung: Alouatta
Art: Roter Brüllaffe
Wissenschaftlicher Name
Alouatta seniculus
Linnaeus, 1766

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Rote Brüllaffe (Alouatta seniculus) gehört innerhalb der Familie der Kapuzinerartigen Affen (Cebidae) zur Unterfamilie der Brüllaffen (Alouattinae). Er gilt als die lauteste Primatenart.

Inhaltsverzeichnis

Taxonomie

Die Taxonomie der Roten Brüllaffen gilt als umstritten. Nach Groves (2001) wird die Art in drei Unterarten unterteilt. Dies sind A. s. arctoidea, A. s. juara und A. s. seniculus. Rylands et al. geht von 7 Unterarten aus. Dies sind A. s. seniculus, A. s. insulanus, A. s. amazonica, A. s. juara, A. s. puruensis und A. s. arctoidea und A. s. stramineus. Groves führt A. s. amazonica und A. s. puruensis als A. s. juara sowie und A. s. insulanus als A. macconnelli.

Erkennung und Unterschiede

Der Rote Brüllaffe ähnelt dem Bolivianischen Brüllaffen (Alouatta sara). Die Art lässt sich vom Roten Brüllaffen aufgrund der ziegelroten Färbung und den dunkleren Extremitäten unterscheiden. Der Rote Brüllaffe ist zudem etwas kleiner und leichter als der Bolivianische Brüllaffe.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Roten Brüllaffen gehören zu den schwersten Neuweltaffen. Weibchen erreichen eine Körperlänge von 46,8 bis 49,7 cm, eine Schwanzlänge von etwa 65 cm sowie ein Gewicht von 4.500 bis 6.300 g. Männchen erreichen eine Körperlänge von 52,3 bis 57,0 cm, eine Schwanzlänge von etwa 65 cm sowie ein Gewicht von 6.000 bis 7.600 g. Weibchen bleiben demnach kleiner und leichter als Männchen. Der Geschlechtsdimorphismus variiert mit 69 und 95 Prozent des Körpergewichtes zwischen den Populationen. Der Schwanz erreicht etwa die Körperlänge und dient den Tieren als Greiforgan. Das Fell weist eine rötliche bis orangerote oder goldenrote Färbung auf. Ventral zeigt sich insgesamt eine dunklere, nicht selten eine rotbraune bis braune Färbung. Bräunlich gefärbt ist auch die Region um das Maul. Das Gesicht selbst ist blau-schwarz gefärbt und weist nur eine spärliche Behaarung auf. In der Fellfärbung können lokal Variationen auftreten, zwischen den Geschlechtern zeigen sich jedoch keine Unterschiede in der Fellfärbung. Zu den markanten Merkmalen der Roten Brüllaffen zählt die Form und Größe des Zungenbeins (Os hyoideum). Die Funktionsweise wirkt sich vor allem auf die Tonhöhe und die tiefe Resonanz aus. Rote Brüllaffen gehören nicht umsonst zu den lautesten Primaten.

Lebensweise

Rote Brüllaffen gehören zu den tagaktiven Primaten. Es zeigen sich jedoch deutliche saisonale Unterschiede in der täglichen Aktivität. In der Trockenzeit ist der Anteil an Schlaf deutlich geringer als in der Regenzeit. Für die Nahrungssuche wird in der Regenzeit mehr Zeit investiert. Insgesamt verbringen Rote Brüllaffen nahezu die Hälfte des Tages mit Ruhepausen und Schlafen. Der hohe Anteil an Ruhepausen hängt mit der folivoren Ernährung und den damit verbundenen Schwierigkeiten mit der Verdauung der Blattnahrung zusammen. Da in der Regenzeit mehr Früchte gefressen werden, sinkt der Anteil an Ruhepausen in der Regenzeit entsprechend. Die Nahrungssuche und -aufnahme erfolgen für gewöhnlich am Morgen und am Nachmittag. Rote Brüllaffen verbringen die Nacht in Gruppen hoch oben in den Baumkronen. Das Revier der Roten Brüllaffen weist eine Größe von 0,1 bis 1,8 km² auf. Man geht davon aus, dass die Reviere eine gleichbleibende Größe aufweisen. Zwischen einzelnen Revieren kommt es durchaus zu Überschneidungen. Bei den Wanderungen durch ein Revier legt ein Roter Brüllaffe eine Strecke von 980 bis 2.200 m zurück.

Soziale Organisation und Verhalten

Die Gruppengröße ist mit 6 und 10,5 (min/max 4 bis 18) Individuen variabel und hängt von der Lebensraumqualität ab. Eine Gruppe kann ein oder mehrere Männchen aufweisen, Weibchen sind 1 bis 4 vorhanden. Die Männchen, die von einem dominanten Alpha-Männchen angeführt werden, herrschen innerhalb einer Gruppe über die Weibchen. Ein Alpha-Männchen ist in der Regel größer und kräftiger als ein untergeordnetes Männchen. Geschlechtsreife Tiere beiden Geschlechtes verlassen mit Erreichen der Geschlechtsreife in der Regel die Geburtsgruppe. Männchen tun dies häufiger als Weibchen. Weibchen gründen eher neue Gruppen, Männchen treten meist bestehenden Gruppen bei. Weibchen verlassen die Geburtsgruppe im Alter von 2 bis 4 Jahren, Männchen im Alter von 4 bis 6 Jahren. Die Revierabgrenzung bzw. die Kommunikation zwischen einzelnen Gruppen erfolgt über das charakteristische Brüllen. Dies ist vor allem während der frühen Morgenstunden der Fall. Zum wechselseitigen Reinigen des Felles, dem sogenannten Allogrooming, kommt es eher selten und wenn, dann ist es nur von kurzer Dauer. Das Allogrooming dient den Roten Brüllaffen hauptsächlich sozialen Zwecken. Hin und wieder kommt es zwischen verschiedenen Gruppen zu durchaus heftigen Kämpfen, die zum Teil schwere Verletzungen zur Folge haben. Agonistische Konflikte zwischen den Männchen verschiedener Gruppen beginnen jedoch zunächst harmlos mit Aufstellen des Felles (Piloerektion), Brüllen und Fauchen.

Fortbewegung

Rote Brüllaffen halten sich zwar hauptsächlich in Bäumen auf, sie wechseln diese jedoch hin und wieder terrestrisch. Die wichtigste Art der Bewegung ist Klettern, gefolgt von vierbeinigem Gehen und Laufen. Die Fortbewegung ist insgesamt eher langsam. Bipedie wird im Gegensatz zur Quadrupedie nur selten beobachtet. Lücken zwischen Bäumen werden aufgrund des hohen Gewichtes der Roten Brüllaffen nur selten im Sprung überwunden. Beim Klettern dient der Schwanz als Greiforgan. Auch Schwimmen wurde beobachtet, wobei die Tiere eher selten Flüsse schwimmend durchqueren.

Verbreitung

Vorkommen

Rote Brüllaffen kommen im neotropischen Südamerika in Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Französisch-Guyana, Guyana, Peru, Surinam, auf Trinidad und Tobago sowie in Venezuela vor. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich somit vom nördlichen Kolumbien bis zum Amazonas in Brasilien. In Ost-West-Ausdehnung reicht die Verbreitung von den östlichen Anden bis an die Atlantikküste. Die Nominatform Alouatta seniculus seniculus kommt vom nördlichen Kolumbien bis nach Venezuela vor. Alouatta seniculus arctoidea ist entlang der Küste von Venezuela verbreitet. Das Vorkommen von Alouatta seniculus juara erstreckt sich über Brasilien und weite Teile von Ecuador, Peru, Kolumbien und Venezuela. Alouatta seniculus macconnelli ist auf Trinidad und Tobago sowie in Guyana nachgewiesen. Alouatta seniculus sara kommt in Bolivien vor. In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes kommt es dabei zu keinen klaren Grenzen zwischen den einzelnen Unterarten.

Lebensraum

Rote Brüllaffen leben in einer Vielzahl von Lebensräumen. Es werden feuchte Regenwälder, aber auch Bergwälder, Nebenwälder, Sümpfe, Auwälder, bewaldete Flussufer, Moore, Überschwemmungsebenen und Trockenwälder besiedelt. In der Nähe des Menschen sind die Tiere gelegentlich auch in Kakaoplantagen zu beobachten. Lediglich Wälder in alpinen Lagen werden nicht besiedelt. In Höhenlagen gilt die Art bis in Höhen von 3.200 m über NN als nachgewiesen. Für gewöhnlich halten sich Rote Brüllaffen in Bäumen mit einem Durchmesser von bis zu 29 cm auf. In den Futterbäumen sind sie sowohl hoch oben im Blätterdach als auch in den unteren Schichten zu finden. Aufgrund des großen Verbreitungsgebietes und der Vielzahl an besiedelten Lebensräumen zeigen sich große Unterschiede in der Niederschlagsmenge und den mittleren Tagestemperaturen. In den montanen Regenwäldern in Kolumbien herrschen in Höhen von 2.300 m über NN Temperaturen von 8,5 und 21°C und eine Niederschlagsmenge von 194,2 cm im Jahr.

Biozönose

Sympatrie

Aufgrund des großen Verbreitungsgebietes lebt der Rote Brüllaffe mit zahlreichen Primaten (Primates). Dies sind bezogen auf die Lebensraumkonkurrenz insbesondere Tamarins (Saguinus), Nachtaffen (Aotidae), Sakis (Pithecia), Kapuzineraffen (Cebus), Klammeraffen (Ateles), Wollaffen (Lagothrix), Büschelaffen (Callithrix), Springaffen (Callicebus), Uakaris (Cacajao) und Totenkopfaffen (Saimiri). In Nahrungskonkurrenz steht die Art beispielsweise mit dem Schwarzen Klammeraffe (Ateles paniscus). Unterhalb der Futterbäume profitieren zahlreiche andere Tierarten wie die Weißwedelhirsche (Odocoileus virginianus) von herunterfallenden Früchten.

Prädatoren und Mortalität

Zu den natürlichen Feinden (Prädatoren) zählt vor allem die Harpyie (Harpia harpyja). Der Harpyie fallen nicht nur Jungtiere, sondern auch adulte Tiere zum Opfer. In der Nähe des Waldbodens zählen auch der Jaguar (Panthera onca), der Puma (Puma concolor), der Ozelot (Leopardus pardalis), der Maikong (Cerdocyon thous) und sogar Brillenkaimane (Caiman yacare) und Abgottschlange (Boa constrictor) zu den potentiellen Feinden.

Krankheiten und Parasiten

Krankheiten und Parasiten bei Roten Brüllaffen wurden von Phillips et al. (2004) untersucht. Die Art ist besonders anfällig für Darmparasiten der Gattungen Strongyloides, Chilomastix, Trichuris, Blastocystis und Iodamoeba. Strongyloides und Trichuris zählen zu den Fadenwürmern (Nematoda). Bei den anderen Gattungen handelt es sich um eukaryotischen Einzeller. Inwieweit sich die Darmparasiten auf die Populationen negativ auswirken ist nicht bekannt.

Ernährung

Rote Brüllaffen ernähren sich als überwiegende Pflanzenfresser frugivor und folivor, das heißt Fruchtfleisch und Blätter stehen weit oben auf der Speisekarte. Eher selten nehmen die Tiere auch Sämereien, Blüten, Beeren, Steinfrüchte, Blattstiele, Knospen, Wurzeln und Rinde zu sich. Beliebte Futterpflanzen sind beispielsweise Feigen (Ficus), Maulbeergewächse (Moraceae) der Gattungen Clarisia und Ogcodeia, Annonengewächse (Annonaceae) wie Xylopia sowie Ameisenbäume (Cecropia). Größere Früchte mit saftigem Fruchtfleisch werden von den Roten Brüllaffen besonders gerne gefressen. An Blättern werden meist junge Blätter bevorzugt. Die Art ist ein wichtiger Teil im Ökosystem für die Verbreitung von Samen der Pflanzen. Die aufgenommene Nahrung schwankt sowohl lokal als auch saisonal, da nicht in allen Regionen die gleichbleibende Verfügbarkeit von Früchten herrscht. In diesen Regionen fressen Rote Brüllaffen statt reifer Früchte dann junge Blätter. Auf Trinkwasser sind die Tiere nicht angewiesen, der Wasserbedarf wird vollständig über die aufgenommene Nahrung gedeckt. Gelegentlich sind Rote Brüllaffen an Salzlecken und an Termitennestern zu beobachten (Izawa et al. 1990).

Fortpflanzung

Beim Brüllen
vergrößern
Beim Brüllen

Die Geschlechtsreife wird bei den Weibchen im Alter von 4 bis 5 Jahren erreicht, Männchen sind erst im Alter von gut 7 Jahren geschlechtsreif. Bei den Roten Brüllaffen treten sowohl monogame als auch polygame Fortpflanzungssysteme. In Gruppen mit mehr als einem Männchen hat meist nur das dominante Männchen ungehinderten Zugang zu den Weibchen. Wechselt der Dominanzstatus in einer Gruppe, so kommt es seitens des dominanten Männchens nicht selten zur Tötung des Nachwuchses. Nicht selten kommt es bei größeren Gruppen zu Abwanderungen von geschlechtsreifen Weibchen. Zum Paarungsverhalten zwischen Männchen und Weibchen gehört insbesondere das Beschnüffeln und Belecken der Genitalien und anderer Körperteile. Die Kopulation selbst ist nur von kurzer Dauer, wobei es im Abstand von Stunden mehrmals zur Kopulation kommt. Rote Brüllaffen paaren sich nicht streng saisonal, jedoch kann man zu bestimmten Jahreszeiten Spitzen in den Geburten erkennen. Die meisten Geburten liegen in der beginnenden Regenzeit. Der Ovarialzyklus liegt bei den Weibchen bei 29,5 Tagen. Nach einer Tragezeit von durchschnittlich 191 Tagen bringt ein Weibchen ein Jungtier zur Welt. Zwischen 2 Geburten liegen etwa 517 Tage. In der Regel kommt der Nachwuchs in der Nacht zur Welt, die Geburt dauert meist nur wenige Minuten. Geburten am Tage treten hingegen eher selten auf. Kurz nach der Geburt verzehrt ein Muttertier die Plazenta. Das Jungtier ist nur wenig entwickelt, spärlich behaart und blind. Um die Pflege des Nachwuchses kümmern sich ausschließlich die Mütter. Sie sorgen auch aktiv für den Schutz. Im ersten Lebensmonat wird ein Jungtier von der Mutter am Bauch getragen, später auf dem Rücken. Bis zum vierten Lebensmonat bleibt ein Jungtier in unmittelbarer Nähe zur Mutter. Später werden die Jungtiere immer selbständiger und erkunden die nähere Umgebung. Die Selbständigkeit wird zwischen dem 7. und 8. Lebensmonat erreicht. Kurze Zeit später endet auch die Säugezeit. Die Lebenserwartung in Freiheit ist unbekannt, in Gefangenschaft kann ein Roter Brüllaffe durchaus ein Alter von bis zu 22 Jahren erreichen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Rote Brüllaffen gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten und werden daher in der Roten Liste der IUCN in der Kategorie LC, Least Concern geführt. Im Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) ist die Art in Anhang II des Abkommens gelistet. Rote Brüllaffen sind ausgesprochen anpassungsfähig und können sich schnell an geänderte Umwelteinflüsse einstellen. Zu den Hauptbedrohungen gehören heute die Zerstörung des natürlichen Lebensraumes, die Fragmentierung der verbliebenen Lebensräume, die Bejagung durch den Menschen und die allgemeine Umweltverschmutzung. In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes geht die Vernichtung der natürlichen Lebensräume in großen Schritten voran. Zum einen werden Feuchtgebiete ausgetrocknet, zum anderen werden Wälder völlig abgeholzt. Bedrohungen gehen vor allem vom illegalen Holzeinschlag, der Rodung für landwirtschaftliche Flächen und der Erdöl-Exploration aus. In Brasilien und Venezuela wurden Lebensräume durch den Bau von Staudämmen vernichtet. In der gesamten neotropischen Region stehen Rote Brüllaffen unter mehr oder weniger starkem Jagddruck. Vor allem bei der indigenen Bevölkerung Brasiliens steht die Art hoch im Kurs. In Küstenregionen stellt die Umweltverschmutzung, insbesondere durch die Verschmutzung mit Erdöl, dass aus Leitungen und Pipelines leckt, eine große Gefahr dar.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

Qualifizierte Weblinks

Links

'Persönliche Werkzeuge