Rotblaue Vogelspinne

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Rotblaue Vogelspinne

Systematik
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Unterordnung: Vogelspinnenartige (Mygalomorphae)
Familie: Vogelspinnen (Theraphosidae)
Unterfamilie: Theraphosinae
Gattung: Grammostola
Art: Rotblaue Vogelspinne
Wissenschaftlicher Name
Grammostola iheringi
(Keyserling, 1891)

Verbreitungsgebiet
Brasilien - Uruguay - Paraguay - Argentinien

Die Rotblaue Vogelspinne (Grammostola iheringi) zählt innerhalb der Familie der Vogelspinnen (Theraphosidae) zur Gattung Grammostola. Sie unterliegt der strengen brasilianischen Gesetzeslage bezüglich der Ausfuhr von seltenen Tierarten. Auch wenn diese Art in der Roten Liste der IUCN nicht als bedroht aufgeführt ist, so ist sie doch durch menschliche Auswirkungen oder Handel mit dieser seltenen Art gefährdet. Hinzu kommt, dass die Art eine langsame Wachtumsrate aufweist und erst mit zehn Jahren erwachsen ist.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die handtellergroße Rotblaue Vogelspinne kann eine Körperlänge von bis zu neun Zentimeter und eine Beinspannweite von bis zu 20 Zentimeter erreichen. Das Weibchen erscheint gegenüber dem kleineren und schlankeren Männchen grösser, dicker und schwerer. Die Rotblaue Vogelspinne zählt somit zu den grossen Vertretern ihrer Gattung und ist die größte und schönste Art in Brasilien. Sie weist eine dunkelblaue bis schwarze Grundfärbung auf. Bei Lichteinfall kann der Carapax leicht metallisch schimmern. Das Abdomen ist mit langen roten Haaren bedeckt. Die Beine sind mit langen dunkelblauen bis schwarzen Haaren versehen und von den Knien (Patellae) abwärts zeigt sich eine leichte cremefarbene Streifenzeichnung. Der silberne abdominale Spiegel aus Brennhaaren ist für die Art gattungstypisch.

Bei einem Biss sondert die Vogelspinne ein Gift ab, das dem Menschen kaum gefährlich werden kann. Für Allergiker ist allerdings Vorsicht geboten. Von der Wirkungsweise her kann man einen Biss dieser Spinne mit einem Bienenstich vergleichen. Die Giftklauen können eine Länge von gut sieben Millimeter erreichen.

Der Vorderkörper trägt die vier Beinpaare. Er unterteilt sich in das Oberteil, dem Kopfbrustschild sowie auf der Unterseite dem Sternum. Das Sternum ist eine sternförmige plattenartige Abdeckung. Am vorderen Teil befinden sich das Labium, eine beweglich angebrachte Unterlippe, die Kauladen sowie zwei Kiefertaster, die Pedipalpen. Diesen vorderen Teil des Vorderkörpers nennt man Cephalothorax oder Prosoma, wobei der untere Teil der Nahrungsaufnahme dient. Auf dem oberen Teil ist der Augenhügel mit den acht symmetrisch angeordneten Augen erkennbar. Im vorderen Körper befinden sich zudem auch das Gehirn, der Saugmagen und Teile des Verdauungssystems.

Körperbau einer Spinne
vergrößern
Körperbau einer Spinne

Der Hinterkörper ist nicht weiter segmentiert und ist über ein beweglich angebrachtes Verbindungsstück, dem sogenannten Petiolus, an den Vorderleib, dem Cephalothorax, angeschlossen. Der Hinterleib ist nicht wie der Vorderkörper gepanzert und stellt den empfindlichsten Teil des Körpers dar. Der Hinterleib dient beim Weibchen zum einen als Eiervorratsbehälter respektive dem Männchen als Samenbehälter und zum anderen als Nahrungsspeicher für eventuelle Fastenzeiten, die durchaus bis zu zwei Monate dauern können. Auch das Herz sowie der zweite Teil des Verdauungstraktes liegen im Hinterleib. Am hinteren Ende des Hinterleibes sitzen die länglichen Spinnwarzen, über die die Vogelspinne die Spinnseide absondert. An der Unterseite liegen des weiteren die Geschlechtsorgane. Unweit der Geschlechtsorgane sitzen zudem die vier Buchlungen, wobei die vordern beiden Buchlungen als kleiner Schlitz erkennbar sind. Die beiden hinteren Buchlungen liegen versteckt.

Die Chelizeren setzen sich aus dem Basalglied sowie den Chelizerenklauen zusammen. Diese zweigeteilten Chelizeren bilden das erste Extremitätenpaar und werden, wenn sie nicht gebraucht werden, nach unten geklappt. Im Chelizerengrundglied, also dem Basalglied, liegen die Giftdrüsen, die das Gift in die Klauen leiten. Die Kiefertaster (Pedipalpen), schliessen sich an die Chelizeren an und weisen rein äußerlich Eigenschaften von einem Beinpaar auf. Die Kiefertaster haben allerdings die Funktion eines Tastorgans. Mit Erreichen der Geschlechtsreife des Männchens haben die Kiefertaster noch einen weiteren Zweck; in dem sogenannten Bulbus werden Spermapakete aufgenommen, mit denen später ein Weibchen befruchtet wird.

Tarantulafalke (Pepsis formosa)
vergrößern
Tarantulafalke (Pepsis formosa)

Wie bei allen Vogelspinnen so weist auch die Rotblaue Vogelspinne fünf verschiedene Haartypen auf. Die Geruchshaare sitzen am ersten Beinpaar, den Tastern, und dienen dem Männchen unter anderem zur Erkennung der Paarungsbereitschaft des Weibchens und der Prüfung der Futterqualität. Der gesamte Körper ist mit Tasthaaren versehen, mit denen die Rotblaue Vogelspinne ihre unmittelbare Umgebung prüfen kann. Die empfindlichsten Tasthaare sitzen an den Extremitäten und gehören zu den wichtigsten Sinnesorganen der Vogelspinne. Die Tarsen sowie die Metatarsen sind von winzig kleinen Hafthaaren überzogen, die kleinen Haarbüschel, die die sogenannten Scopula bilden. Die Anzahl der am Ende verzweigten Härchen kann durchaus rund 100 Millionen betragen. Mit den Hörhaaren kann die Vogelspinne Schallwellen wahrnehmen. Besonders gut kann sie niederfrequente Wellen empfangen. Diese Hörhaare sind mit einer Membran verbunden, die die Informationen an das Gehirn weiterleiten. Diese Haare sitzen vornehmlich an den Extremitäten. Die Brennhaare sind über den gesamten Abdomen verteilt. Die Brennhaare lösen sich besonders leicht und können mit den Hinterbeinen abgestreift werden. Dies geschieht vor allem bei Bedrohung. Die mit feinen Spitzen versehenen Härchen können beim Menschen bei Kontakt mit den Schleimhäuten einen starken Hustenreiz auslösen. Auf der Haut kann es zu Rötungen und starkem Juckreiz kommen.

Tarantulafalke (Pepsis formosa)
vergrößern
Tarantulafalke (Pepsis formosa)

Je nach Alter kommt es bei der Rotblauen Vogelspinne zu Häutungen in unterschiedlichen Zeitabständen. Jungspinnen (Nymphen und Spiderlinge) häuten sich das erste Mal noch im Kokon und kurz vor dem Schlupf ein zweites Mal. Das ist die sogenannte Larvenhäutung. Später häuten sich die Spiderlinge, so werden die Jungspinnen ab der dritten Larvenhäutung genannt, alle zwei bis drei Wochen. Diese dritte Haut wird auch Fresshaut genannt, da die Jungspinnen nun selbständig Nahrung zu sich nehmen. Männliche Vogelspinnen häuten sich nur bis zur finalen Reifehäutung. Weibchen häuten sich auch nach der Geschlechtsreife ein- bis zweimal pro Jahr, wobei die Intervalle mit zunehmendem Alter immer länger werden.

Zu den gefährlichsten Feinden der Vogelspinne gehört die Wespe Tarantulafalke (Pepsis formosa). Nur die Weibchen des Tarantulafalken benutzen die Vogelspinne als Brutkammer und Vorratskammer für ihre Larven. Die Körperlänge des Weibchens beträgt bis zu 50 Millimeter. Das Weibchen bevorzugt nur Vogelspinnen und sucht sie in ihren Höhlen auf. Das Weibchen des Tarantulafalken sticht in die Weichteile der Vogelspinne wie zum Beispiel Coxae und Sternum, dabei wird die Spinne paralysiert (gelähmt). Die Lähmung kann mehr als zwei Monate anhalten. Die gelähmte Vogelspinne wird an einer geeigneten Stelle vorübergehend versteckt bis ein Nest von dem weiblichen Tarantulafalken im Sand ausgehoben ist und schleppt dann die paralysierte Vogelspinne in das Nest. Dort legt das Weibchen des Tarantulafalken ein einzelnes Ei auf den Körper der Vogelspinne ab und das Nest wird anschliessend sorgfältig verschlossen. Nach dem Schlupf zieht die Wespenlarve in den Körper der noch lebenden Vogelspinne ein und ernährt sich von den Innereien der Spinne, das heißt die Larve frißt sich von innnen nach außen. Zusätzlich saugt die Larve die Körperflüssigkeit der Vogelspinne auf. In der Zeit stirbt die Spinne. Ist die Vogelspinne aufgebraucht, verpuppt sich die Wespenlarve in einen Kokon und schlüpft im Folgejahr als voll entwickelter Tarantulafalke.

Die Rotblaue Vogelspinne ist eine sehr friedliche, ruhige, aber auch eine sehr gefrässige Vogelspinne. Des weiteren ist sie nachtaktiv, manchmal ist die Rotblaue Vogelspinne auch am Tage zu sehen. Mit Vorliebe gräbt sie Höhlen mit zahlreichen Röhren und Gängen, versteckt sich aber auch unter Steinen.

Der Wasserfall von Caracol in Brasilien - Rio Grande do Sul
vergrößern
Der Wasserfall von Caracol in Brasilien - Rio Grande do Sul

Verbreitung

Das Hauptverbreitungsgebiet der Rotblauen Vogelspinne ist Brasilien. Die Rotblaue Vogelspinne kommt in Rio Grande do Sul, Taquara, Santa Catarina, Parana und in Rio Grande vor. Des weiteren ist sie im nördlichen Argentinien, in Paraguay und in Uruguay verbreitet. Sie hält sich gerne im tropischen Regenwald auf, ist aber auch in Hügellandschaften wie zum Beispiel in Santa Catarina anzutreffen oder in den Schluchten, wo sie sich gerne unter Steinen versteckt. Die größten Rotblauen Vogelspinnen leben im Gebiet Quebrada von Los Cuervos in der Provinz Treinta Tres. Als Kulturfolger findet man die Rotblaue Vogelspinne ebenfalls auf Viehweiden und an Waldrändern.

Ernährung

Neben Kleinsäugern wie Nacktmäuse fressen sie auch größere Insekten wie Grillen, Heuschrecken, Heimchen, Käfer und Schaben. Dabei wird über die Chelizerenklaue ein Gift in das Beutetier injiziert, das die Beute von innen her auflöst. Nach einiger Zeit saugt die Vogelspinne das Beutetier aus. Übrig bleibt lediglich die leere Hülle mit den Knochen.

Fortpflanzung

Beutetier: Riesenheuschrecke (Tropidacris collaris)
vergrößern
Beutetier: Riesenheuschrecke (Tropidacris collaris)

Bis zur Geschlechtsreife durchläuft die Rotblaue Vogelspinne mehrere Häutungen. Bereits zu diesem Zeitpunkt webt das Männchen ein sogenanntes Spermanetz, in das es sein Sperma füllt. Dieses Sperma wird in die Bulben aufgenommen, indem das Männchen mit seinen Pedipalpen die Spermaflüssigkeit in die Bulben pumpt. Nun geht es auf die Suche nach einem Weibchen. Das Männchen ermittelt die Anwesenheit eines Weibchens, indem es die chemischen Substanzen (Pheromone) des Weibchens wahrnimmt. Hat das Männchen ein Weibchen ausgemacht, umwirbt das Männchen mit seinen Tastern durch kräftiges Trommeln und spasmodischen Bewegungen der dritten Beinpaare das Weibchen und prüft zugleich die Paarungsbereitschaft des Weibchens. Vermutlich wird die seismische Kommunikation über den Boden durch Stridulation einiger Organe produziert. Im positiven Fall erwiedert das Weibchen das Trommeln und die potentiellen Partner kommen sich Schritt für Schritt näher. Die durch das Trommeln ausgelösten Vibrationen (seismische, akustische Signale), werden über die Hörhaare wahrgenommen. Der bevorstehende Paarungsakt dauert nur 30 bis 60 Sekunden und endet in der Regel nicht in einem tödlichen Angriff des Weibchens auf das Männchen, sondern das Männchen blockiert mit den Schienbeinhaken (Tibiaapophysen) die Beissklauen (Cheliceren) des Weibchens. Die Bisse des Männchens sind sehr heftig und gehören zum ritualisierenden Repertoire dieser Art.

War die Befruchtung erfolgreich, so reifen in den nächsten acht bis zehn Wochen die Eier im Eiervorratsbehälter im Abdomen des Weibchen heran. Kurz vor der Eiablage beendet das Weibchen die Nahrungsaufnahme und beginnt mit der Vorbereitung der Eiablage. Sie beginnt einen Kokon zu weben, in dem sie ihre Eier ablegt. Dieses können mehrere hundert Eier sein. Der mit Eiern gefüllte Kokon wird vom Weibchen bewacht und ab und an gedreht. Im Innern des Kokons durchlaufen die Nymphen mehrere Entwicklungsstadien, in denen sie sich zweimal häuten. Die Nymphen schlüpfen noch im Innern des Kokons. Dies geschieht bereits nach drei Wochen. Nach insgesamt rund zehn Wochen schlüpfen die jungen Spiderlinge, wie sie nach dem Schlupf genannt werden. Die Spiderlinge sind schon beim Schlupf mit einem bis zwei Zentimeter Beinspannweite recht stattlich. Sie häuten sich in der Folge alle zwei bis drei Wochen und leben in der ersten Zeit von Kleinstinsekten. Wenige Tage nach dem Schlupf verlassen sie die schützende Umgebung ihrer Mutter.

Das Weibchen der Rotblauen Vogelspinne kann ein Alter von 25 bis 30 Jahren erreichen. Im Unterschied zum Männchen ist das Weibchen sesshafter, lebt in einer Höhle und sammelt Reserven. Das Männchen wird nicht so alt, da es wenig Reserven besitzt und zudem ein schlechter Jäger und ständig in Bewegung auf der Suche nach einem Weibchen ist. Die Lebenserwartung des Männchens beträgt etwa 18 bis 20 Jahre.
'Persönliche Werkzeuge