Ritterwanze

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Ritterwanze

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Geflügelte Insekten (Pterygota)
Überordnung: Neuflügler (Neoptera)
Ordnung: Schnabelkerfe (Hemiptera)
Unterordnung: Wanzen (Heteroptera)
Familie: Langwanzen (Lygaeidae)
Unterfamilie: Lygaeinae
Gattung: Lygaeus
Art: Ritterwanze
Wissenschaftlicher Name
Lygaeus equestris
Linnaeus, 1758

Die Ritterwanze (Lygaeus equestris) zählt innerhalb der Familie der Langwanzen (Lygaeidae) zur Gattung Lygaeus. Diesmal wurde eine Wanze, und zwar die Ritterwanze zum "Insekt des Jahres 2007" gekürt und löste somit den Siebenpunkt-Marienkäfer (Coccinella septempunctata) ab. Namensgebend für die Ritterwanze sind die schwarzen Flecken der Oberseite, die - beim genaueren Hinsehen - an ein schwarzes Ritterkreuz erinnern. Trotz der markanten Merkmale wie schwarzes Ritterkreuz und weißer runder Fleck wird die Ritterwanze leicht mit der Gemeinen Feuerwanze (Pyrrhocoris apterus) verwechselt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die Ritterwanze erreicht eine Körperlänge von etwa acht bis vierzehn Millimeter. Der Körper der Ritterwanze zeigt eine länglich ovale und abgeflachte Form. Der Kopf ist schwarz gefärbt und zeigt eine dreieckige Form. Die schwarz gefärbten Antennen am unteren Teil des Kopfes sind länger als der Kopf selbst und sind vierfach segmentiert sowie an der Spitze abgewinkelt. Die lateral kleinen und prominenten Facettenaugen oder auch Komplexaugen genannt, weisen eine schwarze Färbung auf. Die jeweils zwei Ocelli (Nebenaugen oder Punktaugen) sind deutlich vorhanden. Sie befinden sich neben den Facettenaugen und dienen nur zur Helligkeitswahrnehmung. Die Mandibeln (Oberkiefer) und Maxillen (Unterkiefer) sowie das Labrum (Lippe) sind lang und schlank geformt. Das lange Rostrum (Rüssel), das ventral vom Prosternum (Vorderbrust) getrennt ist, ist vierfach segmentiert und sklerosiert. Die Flügeldecken (Elytren) sind gut entwickelt und liegen in Ruhestellung flach am Abdomen (Hinterleib) an. Die Hautflügel weisen eine sandfarbene Färbung auf. Das Abdomen ist vierfach segmentiert, ohne silbrige Behaarung und weist an den seitlich segmentierten Rändern fünf schwarze Bänder oder Flecken auf. In der Mitte unterhalb des Abdomens befinden sich drei rundliche Flecken. Des weiteren ist das Abdomen oberhalb konkav und unterhalb konvex geformt. Die Membranen zeigen vier bis fünf feine Längsadern, die fast den Seitenrand erreichen. Die Beine sind lang und kräftig und von schwarzer Färbung. Die leicht bedornten und behaarten schwärzlichen Tarsen (Gliederfüße) sind dreifach segmentiert und sind am Ende mit zwei kräftigen Klauen versehen.

Markantes Merkmal sind die kreisrunden weißen Flecke, die sich jeweils auf den Membranen befinden. Beim Überlappen der Membranen bilden die kreisrunden weißen Flecken einen großen runden weißen Fleck. Zusätzlich befinden sich oberhalb auf den Membranen ein langes weißes Querband und etwas seitlich gegenüber dem weißen großen Fleck ein kleines weißes Querband. Des weiteren ist die Ritterwanze an dem dreieckförmigen schwarzen Schildchen (Scutellum), dass sich hinter dem grossen Halsschild befindet, gut zu erkennen. Die lebhaften leuchtenden Farben weisen eine kräftig rot-schwarze Zeichnung auf, die den Fressfeinden signalisiert, dass sie giftig und ungenießbar ist. Der trapezförmige Thorax ist von schwärzlicher Färbung und weist an den seitlichen Rändern drei schwarze Flecken auf. Der Metathorax (dritter und letzter Abschnitt des Brustbereiches) der Ritterwanze ist mit einer Geruchsdrüsenöffnung - umsäumt von einem stumpfen dunklen Fleck - versehen, von der eher ein dezenter Geruch und nicht wie bei den meisten Wanzen ein stechender unangenehmer Geruch ausströmt. Die Geruchsstoffe locken den Geschlechtspartner an und dienen unter anderem dem Zusammenhalt von Gruppen oder wehren Fressfeine ab. Eine auffallende Erscheinung der adulten Ritterwanze ist, dass sie trotz voll ausgebildeter Flügel überwiegend terrestrisch lebt. Das heißt, dass sie sich zumeist auf dem Boden aufhält oder an Pflanzen emporklettert.

Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis)
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Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis)

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über Südengland bis nach Sibirien. Weiterhin kommt sie auch in Mittelschweden und im Mittelmeerraum sowie in Frankreich in der Normandie vor. In Deutschland ist sie vermehrt auf der Insel Rügen sowie im Mittelgebirge und in den unteren Zonen der Alpen anzutreffen. Allerdings kommt die Ritterwanze in Österreich häufiger vor als in Deutschland. Die Ritterwanze bevorzugt vor allem Trockenrasen, Gebüsche oder lichte Wälder. Die adulte Ritterwanze überwintert geschützt am Boden, in Steilwänden oder in verlassenen Bruthöhlen von Bienen.

Ernährung

Die Ritterwanze und ihre Larven ernähren sich von toxischen Gewächsen wie die Weiße Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria) und das Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis). Hin und wieder besucht sie auch den Gewöhnlichen Löwenzahn (Taraxacum officinale). Sie wurde aber auch schon auf exotischen Pflanzen wie zum Beispiel auf der Kaktuspflanze Turbinicarpus polaski, die ausschließlich nur in Mexiko vorkommt und nicht ausgeführt werden darf, gesichtet. Mit ihren Mundwerkzeugen nimmt sie die flüssige Nahrung der Pflanzen zu sich, indem sie den Saft aus den Früchten oder den reifen und unreifen Samen der Pflanzen saugt. Die beim Saugen aufgenommenen Giftstoffe der Früchte und der Pflanzensamen machen die Ritterwanze für Fressfeinde ungenießbar.

Fortpflanzung

Ritterwanze
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Ritterwanze

Die Geschlechtsreife erreicht die Ritterwanze mit Beendigung des fünften Stadiums der Larvenentwicklung. Die Partner finden sich durch Laute, die für das menschliche Ohr kaum wahrnehmbar sind. Die Lautäußerungen entstehen, indem sie das Rostrum, das mit feinen Zähnchen bestückt ist, gegen eine mit Querrillen versehene Längsrinne an der Vorderbrust reiben. Bei der eigentlichen Paarung steigt das Männchen auf das Weibchen und führt sein Geschlechtsorgan in die Geschlechtsöffnung des Weibchens ein, dabei rutscht das Männchen seitlich vom Rücken des Weibchens herunter. Die Geschlechtspartner befinden sich danach in typischer Paarungsstellung, indem sie sich mit abgewandten Köpfen in Gegenstellung wenden. Die Paarung der Ritterwanze ist unter Wanzen außergewöhnlich, denn sie kann bis zu 24 Stunden anhalten. Nach der Paarung legt das Weichen etwa 60 Eier in den Boden ab. Die Larven ernähren sich anfangs von den Blättern der Pflanzen, wo sie geschlüpft sind.

Nach einiger Zeit und einigen Häutungen fressen sie wie die adulte Ritterwanze auch Früchte und Samen von den oben genannten Wirtspflanzen, die sie aussaugen. Die Larven sind somit für die Fressfeine ebenfalls ungenießbar. Nach fünf Entwicklungsstadien ist die Metamorphose zum Imago abgeschlossen. Bei der Metamorphose handelt es sich nicht um eine echte Metamorphose, da die Larven in den ersten vier Stadien der adulten Ritterwanze bereits stark ähneln. Ein Puppenstadium wie bei den Schmetterlingen oder Käfern gibt es bei den Wanzen generell nicht. Die Entwicklungszeit der Larven beträgt ungefähr 40 Tage. Die adulte Ritterwanze überwintert an geeigneter Stelle geschützt am Boden oder in verlassenen Bruthöhlen.

Die Lebenserwartung einer Ritterwanze kann etwa ein Jahr betragen. Die Ritterwanze ist noch nicht akut vom Aussterben bedroht, aber die Populationen sind in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Dr. Helgard Reichholf-Riem: Steinbachs Naturführer. Insekten. Mit Anhang Spinnentiere. München: Mosaik Verlag GmbH, München 1984. ISBN 3-570-01187-9
  • Ake Sandhall, übersetzt von Dr. Wolfgang Dierl: BLV Bestimmungsbuch 15. Insekten und Weichtiere. Niedere Tiere und ihre Lebensräume-Gliedertiere, Würmer, Nesseltiere, Weichtiere, Einzeller. BLV Verlagsgesellschaft mbH, München Wien Zürich 1984. ISBN 3-405-11390-3
  • Michael Chinery: Pareys Buch der Insekten: Ein Feldführer der europäischen Insekten. Übersetzt und bearbeitet von Dr. Irmgard Jung und Dieter Jung. Verlag Paul Parey 1987. Hamburg und Berlin. ISBN 3-490-14118-0
  • Kurt Günther, Hans-Joachim Hannemann, Fritz Hieke: Urania Tierreich, 6 Bde., Insekten . Deutsch Harri GmbH; Auflage: 5, 1990 ISBN 387144944X
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