Riesennager

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Riesennager
Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricognatha)
Teilordnung: Hystricognathi
Überfamilie: Meerschweinchenartige (Cavioidea)
Familie: Riesennager
Wissenschaftlicher Name
Hydrochoeridae
Gray, 1825

Riesennager (Hydrochoeridae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und der Unterordnung der Stachelschweinverwandten (Hystricognatha). in der Familie werden in einer Gattung lediglich 2 rezente Arten geführt, die von vielen Forschern nur als getrennte Populationen betrachtet werden.

Nach Wilson & Reeder (2005) werden die Riesennager zusammen mit den Felsenmeerschweinchen (Kerodon) als separate Unterfamilie mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Hydrochoerinae in der Familie der Meerschweinchen (Caviidae) geführt. Dieser Artikel folgt jedoch der traditionellen Systematik nach Novak (1999).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die ersten europäischen Siedler nannten die Riesennager Wasser- oder Orinocoschwein. Eine weitere Bezeichnung ist Capybara. In der Indiosprache heißt Capybara, "Herr der Gräser". Die Bezeichnung Wasserschwein war Grundlage für die wissenschaftliche Bezeichnung der Familie und der Gattung, Hydrochaeridae bzw. Hydrochaeris. Bei den Riesennagern handelt es sich jedoch weder um Schweine noch um reine Wasserbewohner. Riesennager gehören zu den Nagetieren (Rodentia) und gelten hier als die größte rezente Art. Sie sind eng mit den Meerschweinchen (Caviidae), insbesondere mit den Felsenmeerschweinchen (Kerodon) verwandt.

Aussehen und Maße

Riesennager verfügen über einen gedrungenen Körperbau und erreichen eine Körperlänge von 100 bis 130 (121) Zentimeter, eine Schulterhöhe von gut 50 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 21,8 bis 25,2 (23,3) sowie ein Gewicht von 27 bis 79 Kilogramm. Weibchen erreichen ein durchschnittliches Gewicht von 61 Kilogramm, Männchen erreichen durchschnittlich 50 Kilogramm.
Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris)
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Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris)
Riesennager verfügen über keinen Schwanz und ihr relativ langes Fell ist nicht sonderlich dicht. Es weist meist eine rötlichbraune bis graubraune Färbung auf, die Bauchseite ist mehr gelblichbraun gefärbt. Die vorderen Gliedmaßen sind etwas kürzer als die hinteren, die vorderen Füße enden in 4, die hinteren Füße in jeweils 3 Zehen. Zwischen den Zehen zeigen sich kleine Schwimmhäute, die die Riesennager als exzellente Schwimmer auszeichnen. Markantes Merkmal ist ihr überdimensionierter, fast rechteckiger Kopf. Der Schädel weist eine Länge von 21,3 bis 27,0 (24,1) Zentimeter auf. Die Ohren sind klein und liegen weit hinten seitlich am Schädel. Die Augen sind seitlich angeordnet, die Nasenlöcher liegen weit vorne an der Schnauze. Bei den Männchen ist der vordere Teil des Nasenrücken unbehaart und mit einer auffälligen Talgdrüse versehen. Über diese Drüse wird eine weißliche und klebrige Flüssigkeit abgesondert. Bei den Weibchen hat diese Drüse nur rudimentären Charakter. Eine weitere Drüsen, die bei beiden Geschlechtern gut ausgebildet ist, befindet sich zu beiden Seiten des Afters. Die männliche Analdrüse ist mit leicht löslichen Haaren und einer dicken Schicht kristalliner Kaliumsalze gefüllt. In den analen Drüsentaschen der Weibchen bedeckt ein schmieriges, öliges Sekret die festgewachsenen Haare. Die Zusammensetzung des Sekretes unterscheidet sich von Tier zu Tier. Daraus ergibt sich mehr oder weniger ein olfaktorischer Fingerabdruck, der offensichtlich bei Kommunikation untereinander und der Wiedererkennung innerhalb einer Gruppe ein Rolle spielt. Wahrscheinlich dient das Sekret auch der Reviermarkierung. Wenn sie schwimmen schauen Augen, Ohren und Nasenlöchern aus dem Wasser heraus. Beim Tauchen können Riesennager bis zu 5 Minuten unter Wasser verbleiben. Das Gebiss der Riesennager verfügt über 20 Zähne, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p1/1, m3/3. Demnach verfügen die Tiere über keine Eckzähne.

Lebensweise

Kopfstudie eines Wasserschweins (Hydrochoerus hydrochaeris)
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Kopfstudie eines Wasserschweins (Hydrochoerus hydrochaeris)

Riesennager sind sehr gesellig und leben in Gruppen von 6 bis 20 Tieren. In seltenen Fällen kann es auch zu Gruppenstärken von 60 oder gar 100 Tieren kommen, wobei diese Gruppen nicht sonderlich stabil erscheinen und eine hohe Fluktuation herrscht. Eine Gruppe besteht üblicherweise aus einem Männchen, mehreren Weibchen sowie deren Nachwuchs. Männchen ohne eigene Gruppe leben einzelgängerisch. Ihre aktivsten Phasen haben Riesennager morgens und abends. Die durchschnittliche Reviergröße liegt bei 79 Hektar, wobei ein Kernrevier in einer Größte von etwa 9 Hektar verteidigt wird. Die meiste Zeit vom Tag verbringen sie in der dichten Ufervegetation oder ufernahen Wasser. Auch bei Gefahr flüchten sie sich ins Wasser. Sie sind außerordentlich gute Schwimmer und Taucher. Der Kommunikation untereinander dient neben dem olfaktorischen Sinn vor allem verschiedene Laute. Vor allem Mütter erkennen ihren Nachwuchs an dem typischen kehligen Purren bzw. glucksenden Tönen. Ein ähnliches Geräusch geben auch in Rivalenkämpfen unterlegene Männchen von sich. Hohe Warnrufe dienen innerhalb einer Gruppe der Warnung vor Fleischfressern und anderen Gefahren.

Verbreitung

Die Riesennager ist in weiten Teilen Südamerikas östlich der Anden sowie im südlichen Panama, im nordwestlichen Venezuela und im nördlichen Kolumbien westlich der Anden verbreitet. Im Norden reicht das Verbreitungsgebiet bis zum Panamakanal, ihre südlichsten Verbreitungsgebiete erstrecken sich bis in den Nordosten von Argentinien. Die Tiere sind insbesondere in Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Französisch-Guyana, Guyana, Panama, Paraguay, Peru, Uruguay und Venezuela anzutreffen. Die Habitate der Riesennager sind meist sehr wasserreich und liegen an Seen, größeren Teichen, Flüssen und in Sumpfgebieten. Dichte Ufervegetation und offenes Grasland in unmittelbarer Nähe zu einem Gewässer sind ebenfalls ein charakteristisches Merkmal ihrer Lebensräume. Das Wasser suchen sie zum Schutz oder zum Ausruhen auf. An Land sind sie meist nur zur Nahrungsaufnahme zu finden.

Prädatoren

Zu den natürlichen Feinden zählen Raubkatzen wie der Jaguar (Panthera onca), gelegentlich auch der Ozelot (Leopardus pardalis) und Riesenschlangen (Boidae) wie die Große Anakonda (Eunectes murinus). Der Jaguar gilt für adulte Riesennager als der Hauptfeind. Jungtiere sind ein gefundenes Fressen für Greifvögel wie den Schopfkarakara (Polyborus plancus) oder Schreitvögel (Ciconiiformes) wie den Rabengeier (Coragyps atratus). Zu den Fleischfressern der Jungtiere gehören auch verwilderte Haushunde und Krokodile (Crocodilia) wie der Krokodilkaiman (Caiman crocodilus). Feldforschungen haben ergeben, dass durchschnittlich 43 bis 50 Prozent der Jungtiere in ersten Lebensjahr Fleischfressern zum Opfer fallen.

Ernährung

Riesennager sind reine Pflanzenfresser, die sich an Land oder im Flachwasser von Gräsern und Kräutern sowie gelegentlich von Wasserpflanzen ernähren. Mit ihren Schneidezähnen sind sie in der Lage auch sehr kurzes Gras zu fressen. Zwischen den Backenzähnen wird die Nahrung zermahlen. Die Nahrung enthält einen hohen Anteil an Zellulose. Das Verdauungssystem ist an die pflanzliche Kost angepasst, in dem sich der Magen in einen verlängerten Schlauch umgebildet und der Blinddarm stark vergrößert sind. Diese Zellulose wird im Blinddarm, dem Caecum, von Mikroorganismen aufgeschlossen. Der Caecum liegt zwischen dem Dünndarm und dem Dickdarm. Daher können Riesennager die Endprodukte des Fermentationsprozesses nicht verarbeiten. Dies ist jedoch nur auf dem ersten Blick ein Nachteil. Um auch die letzten Nährstoffe aus der Nahrung zu ziehen, fressen Riesennager ihren eigenen Kot. Das Verzehren des eigenen Kotes bezeichnet man in der Biologie Koprophagie. Der Blinddarmkot hat eine weiche und sahnige Konsistenz. In der Nähe menschlicher Siedlungen fallen Riesennager zum Leidwesen der Farmer auch in Plantagen ein, und fressen die dort angebauten Erzeugnisse wie Mais, Zuckerrohr und ähnliches.

Fortpflanzung

Riesennager erreichen die Geschlechtsreife mit 12 (Weibchen) bis 18 (Männchen) Monaten. Durchschnittlich wird die Geschlechtsreife mit 15 Monaten erreicht. Die Paarungszeit erstreckt sich in den tropischen und subtropischen Regionen zwar über das ganze Jahr,
Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris)
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Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris)
jedoch sind die meisten Paarungen während der Regenzeit zu beobachten. Dies ist im nördlichen Südamerika von April bis Mai und im Süden Südamerika im Oktober der Fall. In einer Saison kommt es lediglich zu einem Wurf, nur unter sehr günstigen Umständen auch zu 2 Würfen. Zu dieser Zeit ist Nahrung im Überfluss vorhanden. Während der Paarungszeit hat ein geschlechtsreifes Männchen auf dem Nasenrücken eine unübersehbare Talgdrüse, mit der sie einen moschusartigen Duft verströmen. Ein Männchen paart sich mit allen geschlechtsreifen Weibchen in seiner Gruppe. Nach einer Tragezeit von 149 bis 156 Tagen (104 bis 111 Tage beim Panama-Wasserschwein) bringt ein Weibchen an einer geschützten Stelle 1 bis 8 (5) Jungtiere zur Welt. Der Nachwuchs weist ein Geburtsgewicht von rund 1.500 Gramm auf und ist als Nestflüchter weit entwickelt. Ihre Augen sind geöffnet und das Gebiss ist voll entwickelt. Bereits kurz nach der Geburt können die Jungtiere der Mutter folgen. Zum Säugen verfügt das Weibchen über 5 Paare Zitzen, die sich in zwei Reihen am Bauch befinden. Die durchschnittliche Säugezeit beträgt etwa 2 Monate. Bereits kurz nach der Geburt nehmen die Jungtiere bereits ihre erste feste Nahrung zu sich. Unmittelbar nach dem Absetzen von der Muttermilch werden die Jungtiere im Alter von zwei Monaten vom Muttertier verjagt und sind auf sich alleine gestellt. Die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr ist extrem hoch. Bis zu 50 Prozent aller Jungtiere fallen Fressfeinden zum Opfer. Hat ein Wasserschwein das erste Lebensjahr überstanden, so kann es in Freiheit ein Alter von gut 8 bis 10 Jahren erreichen. Die Lebenserwartung in Gefangenschaft liegt bei bis zu 12 oder mehr Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Riesennager fallen vor allem während der Trockenzeit oft in landwirtschaftliche Plantagen ein und verwüsten dort die Ernte. Daher sind sie bei Farmern nicht sonderlich beliebt und werden geschossen. Zudem stehen Riesennager in Nahrungskonkurrenz zum Nutzvieh der Farmer. Dem ist jedoch nicht so, da Riesennager in der Regel auf kurzes Gras in unmittelbarer Nähe zu einem Gewässer fressen. Rinder ernähren sich eher von höher wachsenden Pflanzen. Von Nahrungskonkurrenz kann daher keine Rede sein. Sie werden darüber hinaus von der indigenen Bevölkerung als Fleisch- und Lederlieferant geschätzt. Das Fett ihrer Haut wird auch in der pharmazeutischen Industrie weiterverarbeitet. Mittlerweile sind die Bestände frei lebender Riesennager drastisch zurückgegangen. In weiten Teilen ihrer Verbreitungsgebiete sind sie bereits völlig verschwunden. Die Art an sich ist aber noch nicht vom Aussterben bedroht.

Vor allem in Venezuela ist die Nachfrage nach dem Fleisch der Riesennager ausgesprochen groß. Der Grund liegt auf der Hand. Die frühen Missionäre zählten das Fleisch der Riesennager neben dem Fleisch der Sumpfschildkröten zu während der Fastenzeit erlaubten Speisen. Die Missionare vermuteten aufgrund der Wasseraktivitäten der Riesennager fälschlicherweise eine Verwandtschaft zu den Fischen. Auch heute noch sind die Tiere wegen ihrer Größe und Fruchtbarkeit, ihres wohlschmeckendes Fleisches sowie ihrer wertvollen Haut sowohl als Zucht- als auch als Haustier sehr begehrt. In Venezuela werden Lizenzen zum Schlachten von Riesennagern vergeben. Die Jagd erfolgt üblicherweise im Februar, wenn die Paarungszeit noch nicht angebrochen ist. Man treibt die Tiere zusammen und tötet Individuen, die über ein Gewicht von mindestens 35 Kilogramm verfügen. Trächtige Weibchen werden jedoch verschont. Die Tiere werden durch einen Schlag mit einem harten Gegenstand auf den Kopf getötet. Pro Tier gewinnt man durchschnittlich 38 Prozent des Gewichtes an Fleisch.

Systematik der Familie Riesennager

Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris)
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Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris)

Die Einteilung in zwei Arten gilt als umstritten. Zahlreiche Forscher erkennen nur eine Art an, die sich aus zwei Populationen zusammensetzt.

Anhang

Literatur und Quellen

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