Rüsselspringer (Familie)

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Rüsselspringer
Östliche Klippen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus myurus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Rüsselspringer (Macroscelidea)
Familie: Rüsselspringer
Wissenschaftlicher Name
Macroscelididae
Bonaparte, 1838

Die Familie der Rüsselspringer (Macroscelididae) teilt sich in vier Gattungen mit insgesamt 15 Arten. Zu den vier Gattungen gehören die Rüsselhündchen, die Rüsselratten, die Kurzohr-Rüsselspringer sowie die Elefantenspitzmäuse. Rüsselspringer kommen ausschließlich in Afrika vor.

Inhaltsverzeichnis

Systematische Einordnung

Die Taxonomie war lange Zeit umstritten. Einige Forscher ordneten die Tiere den Insektenfressern (Insectivora) zu, andere sahen sie eher in der Familie der Spitzhörnchen (Scandentia). In letzter Zeit sah man sogar eine Verwandschaft zu Hasen (Leporidae). Heute ist man sich weitestgehend einig, dass Rüsselspringer einer eigenen Ordnung zuzuordnen sind. Daher führt man die Rüsselspringer in der Ordnung der Rüsselspringer (Macroscelidea). Aufgrund von molekulargenetischer Untersuchungen ergibt sich für viele moderne Genetiker eine Verwandschaft mit den Vertretern der Afrotheria. Zu dieser Überordnung gehören beispielsweise Röhrenzähner (Tubulidentata), Schliefer (Hyracoidea), Seekühe (Sirenia) Elefanten (Proboscidea) und Tenrekartige (Afrosoricida).

Rüsselspringer sind eine relativ alte Säugetiergruppe. Fossile Funde belegen den Ursprung in der Evolutionsgeschichte vor rund 50 Millionen Jahren im frühen Eozän. Die größte Artenvielfalt erreichen Rüsselspringer im Miozän, also vor etwa 24 Millionen Jahren. Die meisten Arten starben gegen Ende des Miozän oder im Pleistozän aus.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Rüsselspringer erreichen je nach Art eine Körperlänge von 10,5 bis 29,5 Zentimeter. eine Schwanzlänge von 11,5 bis 25,5 Zentimeter sowie ein Gewicht von 45 bis 540 Gramm. Die kleinste Art ist der Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus), die größte Art ist das Goldene Rüsselhündchen (Rhynchocyon chrysopygus). Das Fell aller Vertreter ist ausgesprochen weich und weist eine gräuliche, graubraune bis braune Färbung auf. Die Schwänze weisen ein borstiges Aussehen auf, ansonsten sind die Schwänze nackt. Die Funktion dieser Borsten ist weitestgehend noch unbekannt. Man geht davon aus, das Rüsselspringer bei Gefahr oder Erregung mit dem Schwanz über den Boden wischen und dabei aus Drüsen, die auf der Schwanzunterseite liegen, ein Duftsekret verteilen und so Familienmitglieder oder auch die Nachbarschaft identifizieren können. Dies ist allerdings nur eine Annahme. Die Extremitäten aller Vertreter sind ausgesprochen lang, wobei die hinteren
Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus)
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Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus)
Beine länger sind als die vorderen Beine. Die Füße enden jeweils in fünf Zehen, die mit kleinen Krallen versehen sind. Die meist rundlichen Ohren sitzen weit hinten am Schädel, die Schnauze ist bei allen Arten ausgesprochen spitz zulaufend. Im Bereich der Nasenspitze verfügen Rüsselspringer über lange Vibrissen, die der Orientierung dienen. Die rundlichen Augen sitzen seitlich am Kopf. Beim Weibchen liegen ventral zwei bis drei Paar Zitzen, die zum Säugen des Nachwuchses dienen.

Lebensweise

Ursprünglich bezeichnete man Rüsselspringer als springende Spitzmäuse. Diese Bezeichnung ist in zweierlei Hinsicht falsch. Zum einen gehören Rüsselspringer nicht zu den Spitzmäusen und zum anderen sind nur die kleineren Vertreter in der Lage, bei Gefahr kleinere bis größere Sprünge zu bewerkstelligen. Die Kommunikation untereinander unterscheidet sich bei den einzelnen Gattungen leicht. Elefantenspitzmäuse (Elephantulus) erzeugen akustische Signale durch Trommeln mit den Hinterbeinen. Rüsselhündchen (Rhynchocyon) erzeugen Laute, indem sie mit dem Schwanz in der Laubschicht rascheln. Die Kommunikation durch Laute spielt jedoch bei allen Arten eine eher untergeordnete Rolle. Bei Gefahr stoßen Rüsselspringer schrille Schreie aus.

Je nach Art legen Rüsselspringer kleine Erdbauten an oder leben in dichter und schützender Vegetation. Aber auch Felsspalten oder natürliche Höhlen unter Steinen werden gerne genutzt. Kleine Bauten werden vor allem von Rüsselratten (Petrodromus tetradactylus) und einigen Elefantenspitzmäusen (Elephantulus) angelegt. Andere Arten ziehen sich in verlassene Erdbauten von Nagetieren zurück. Die Erdbauten dienen hauptsächlich dem Schutz während der Ruhephasen oder der Geburt des Nachwuchses. Die Wohnkammer wird dabei nicht ausgepolstert. Die deutlich größeren Rüsselhündchen (Rhynchocyon) leben am Waldboden und errichten sich an geschützter Stelle Nester aus Blätter und anderen weichen Materialien. In der Regel werden von allen Rüsselspringern mehrere Nester unterhalten. Dies dient vor allem der Sicherheit und der Verwirrung von Fleischfressern. Viele Arten sind tagaktiv, jedoch gibt es auch einige Arten aus in der Dämmerung oder in der Nacht aktiv sind. Dies ist beispielsweise bei den Kurzohrrüsselspringern (Macroscelides proboscideus) der Fall.

Verbreitung

Rüsselspringer kommen in weiten Teilen Afrikas vor. Im einzelnen sind sie im Norden und Osten sowie im zentralen und südlichen Afrika verbreitet. Es werden zahlreiche Lebensräume besiedelt. So gehören neben dichten Wäldern in der Ebene und im Hochland auch Steppen und Savannen, felsige Regionen, Grasland sowie Wüsten und Halbwüsten zu den natürlichen Lebensräumen. Einige Arten leben sogar in ausgesprochen trockenen Wüstenregionen wie die Sahara oder die Namib. Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus) bevorzugen beispielsweise sandige und aride Regionen. Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi) leben in tropischen Regenwäldern im dichten Unterholz.

Prädatoren

Zu den natürlichen Feinden gehören vor allem Schlangen (Serpentes) und zahlreiche fleischfressende Säugetiere (Mammalia). Läßt sich ein Räuber nicht durch schrille Ausrufe abschrecken, so ergreifen Rüsselspringer für gewöhnlich die Flucht. Dabei flüchten sie auf ihren zuvor angelegten "Trampelpfaden", die im gesamten Revier zu finden sind. Hier können sie sich relativ schnell fortbewegen. In Abhängigkeit von der Art und dem Verbreitungsgebiet gehören beispielsweise Gabunvipern (Bitis gabonica), verwilderte Hauskatzen (Felis silvestris forma catus) oder die Schleiereule (Tyto alba) zu den natürlichen Feinden.

Ernährung

Beliebter Snack: Regenwürmer (Lumbricidae)
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Beliebter Snack: Regenwürmer (Lumbricidae)

Rüsselspringer ernähren sich überwiegend als Fleischfresser, nur gelegentlich nehmen sie auch Früchte und fettreiche Sämereien zu sich. Einige Arten wie das Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi) ernähren sich ausschließlich von tierischer Nahrung. Zur bevorzugten Nahrung der Rüsselspringer gehören beispielsweise Spinnentiere (Arachnida), Käfer (Coleoptera), Hundertfüßer (Chilopoda), Regenwürmer (Lumbricidae), Ameisen (Formicoidea), Termiten (Isoptera) und ähnliche Beutetiere. Größere Arten haben es auch auf kleinere Wirbeltiere (Vertebrata) und die Eier von Vögeln (Aves) abgesehen.

Die Nahrungssuche erfolgt ausschließlich am Waldboden. Beutetiere werden über die längliche Nase und die Schnurrhaare lokalisiert. Der Geruchssinn der Rüsselspringer ist ausgezeichnet entwickelt. Da Rüsselspringer auch zum Teil giftige Ameisen und Termiten fressen, geht man davon aus, dass sie gegen die giftigen Sekrete immun sind. Die inneren Organe sind an eine sparsame Verwendung von Wasser ausgelegt. So können sie problemlos längere Zeit ohne Trinkwasser auskommen. Der Wasserbedarf wird dabei hauptsächlich über die Nahrung gedeckt.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife wird mit zwei bis vier Monaten erreicht. Rüsselspringer leben in einer monogamen Beziehung. Die Ehe hält allerdings selten länger als eine Saison. Während der Paarungszeit legen die Tiere eine ausgesprochen territoriale Lebensweise an den Tag.
Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus)
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Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus)
Die beanspruchten Reviere liegen meist unter einem Hektar, Bei größeren Arten bei ein bis zwei Hektar. Letzteres ist beispielsweise beim Goldenen Rüsselhündchen (Rhynchocyon chrysopygus) der Fall. Trotz der monogamen Lebensweise verbringen die Partner relativ wenig Zeit miteinander. Die Geschlechter teilen sich das Revier, gehen sich hier aber meist aus dem Weg. Bei der Revierverteidigung teilen sich die Geschlechter die Arbeit. Die Weibchen vertreiben dabei ausschließlich weibliche Konkurrenten, Männchen nur männliche Eindringlinge. Die Paarungszeit erstreckt sich in den meisten Verbreitungsgebieten von Juli bis Januar. Die Hochphase der Reproduktionszeit liegt im südlichen Afrika beispielsweise zwischen Oktober und Dezember. Geschlechtspartner finden sich über den hoch entwickelten Geruchssinn, mit dem sie die Sexualpheromone aufnehmen und ihrer Duftspur folgen. Aber auch der Sehsinn spielt bei der Partnerwahl eine durchaus große Rolle. Die Drüsen zur Reviermarkierung befinden sich auf der Unterseite des Schwanzes, im Bereich der Brust oder bei einigen Arten auch an den Fußsohlen. Letzteres ist beispielsweise bei den Rüsselhündchen (Rhynchocyon) der Fall.

Nach einer Tragezeit von 60 bis 70 Tagen bringt das Weibchen meist ein bis zwei, bei einigen Arten auch bis drei Jungtiere zur Welt. Die Geburt findet an geschützter Stelle in Erdbauten oder ähnlich geschützten Stellen statt. Die Jungtiere kommen sehr weit entwickelt zur Welt und haben bereits geöffnete Augen und ein voll entwickeltes Fell. Bereits nach einigen Stunden können sie sich selbständig fortbewegen. Das Geburtsgewicht liegt bei rund zwei bis acht Gramm, die Geburtslänge bei zwei bis fünf Zentimeter. Beide Elternteile kümmern sich um den Nachwuchs. Die Lebenserwartung in Freiheit liegt bei den meisten Arten zwischen zwei und vier Jahren, in Gefangenschaft können einige Arten der Rüsselspringer durchaus auch ein Alter von gut sechs Jahren erreichen.

Gefährdung und Schutz

Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi)
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Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi)

Die meisten Arten der Rüsselspringer gelten heute als noch nicht gefährdet. Dieses ist zumindest bei den Elefantenspitzmäusen (Elephantulus), den Kurzohr-Rüsselspringern (Macroscelides) und den Rüsselratten (Petrodromus) der Fall. Bei den Rüsselhündchen (Rhynchocyon) sieht der Gefährdungsgrad schon ganz anders aus. Das Goldene Rüsselhündchen (Rhynchocyon chrysopygus) gilt mittlerweile als stark gefährdet und ist somit vom Aussterben bedroht. Das Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi) gilt als gefährdet, beim Gefleckten Rüsselhündchen (Rhynchocyon cirnei) steht die Vorwarnstufe auf nahe bedroht. In allen Fällen kann davon ausgegangen werden, dass der teilweise akute Gefährdungsgrad auf die Vernichtung der natürlichen Lebensräume zurückzuführen ist. Dieses macht sich selbstverständlich bei den Rüsselspringern besonders bemerkbar, die in Wäldern leben, da Wälder in weiten Teilen Afrikas weitflächig abgeholzt werden.

Systematik der Rüsselspringer

Familie: Rüsselspringer (Macroscelididae)

Gattung: Elefantenspitzmäuse (Elephantulus)
Art: Kurznasen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus brachyrhynchus) - IUCN: LC
Art: Kap-Elefantenspitzmaus (Elephantulus edwardii) - IUCN: LC
Art: Schwarzfuß-Elefantenspitzmaus (Elephantulus fuscipes) - IUCN: DD
Art: Dunkle Elefantenspitzmaus (Elephantulus fuscus) - IUCN: DD
Art: Trockenland-Elefantenspitzmaus (Elephantulus intufi) - IUCN: LC
Art: Östliche Klippen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus myurus) - IUCN: LC
Art: Somali-Elefantenspitzmaus (Elephantulus revoili) - IUCN: DD
Art: Nordafrikanische Elefantenspitzmaus (Elephantulus rozeti) - IUCN: LC
Art: Rote Elefantenspitzmaus (Elephantulus rufescens) - IUCN: LC
Art: Westliche Klippen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus rupestris) - IUCN: LC
Gattung: Kurzohr-Rüsselspringer (Macroscelides)
Art: Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus) - IUCN: LC
Gattung: Rüsselratten (Petrodromus)
Art: Rüsselratte (Petrodromus tetradactylus) - IUCN: LC
Gattung: Rüsselhündchen (Rhynchocyon)
Art: Goldenes Rüsselhündchen (Rhynchocyon chrysopygus) - IUCN: EN
Art: Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi) - IUCN: VU
Art: Geflecktes Rüsselhündchen (Rhynchocyon cirnei) - IUCN: NT
Art: Graugesichtiges Rüsselhündchen (Rhynchocyon udzungwensis) - IUCN: VU

Anhang

Literatur und Quellen

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