Provencegrasmücke

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Provencegrasmücke
Spain, Madrid, Soto del Real

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse: Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeri)
Familie: Grasmückenartige (Sylviidae)
Unterfamilie: Sylviinae
Tribus: Sylviini
Gattung: Grasmücken (Sylvia)
Art: Provencegrasmücke
Wissenschaftlicher Name
Sylvia undata
Boddaert, 1783

IUCN-Status
Near Threatened (NT)

Die Provencegrasmücke (Sylvia undata) zählt innerhalb der Familie der Grasmückenartigen (Sylviidae) zur Gattung der Grasmücken (Sylvia).

Die Provencegrasmücke sieht der Sardengrasmücke (Sylvia sarda), der Weißbartgrasmücke (Sylvia cantillans) und der Samtkopfgrasmücke (Sylvia melanocephala) sehr ähnlich und ist somit leicht mit den genannten drei Arten zu verwechseln.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die Provencegrasmücke ist ein kleiner Vogel mit einem extrem langen Schwanz, der häufig aufgerichtet und oft wie ein Fächer entfaltet wird. Sie erreicht eine Körperlänge von etwa 12 bis 13 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 13 bis 18 Zentimeter und ein Gewicht von ungefähr 9 bis 12 Gramm. Es besteht zwischen dem Männchen und dem Weibchen ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus. Auf den ersten Blick scheint die Provencegrasmücke eine schwärzliche Färbung aufzuweisen. Bei längerem Betrachten des Vogels sind doch dann unterschiedliche Farbtöne zu erkennen. Besonders auffällig ist dies bei dem adulten Männchen. Der Kopf des Männchens ist schiefergrau und der Rücken weist eine gräuliche bis kastanienbraune, manchmal auch eine dunkelbraune Färbung auf. Die Unterseite ist dunkel rostbraun bis hin zu einer weinartigen roten Nuance, die ins Violette reicht und zum Teil einen feinen weißlichen bis gräulichen Rand aufweist. Der lange schlanke hüpfende Schwanz ist mit grauen Federn umsäumt, die wiederum an den Rändern eine schwärzliche Farbe zeigen. Die orangerote Iris und der rötliche Orbitalring bilden zusammen einen charakteristischen Zug, der trotz des agilen Vogels besonders gut sichtbar ist.

Der kurze und spitze Schnabel ist an der Basis gelblich gefärbt, während die Mandibula schwärzlich erscheint. Die Kehle und das Kinn des Männchens weisen eine dunkel rostbraune Färbung auf, die im Herbst mit zahlreichen kleinen weißen Punkten oder Flecken versehen ist. Die kurzen runden Flügel sind sehr dunkel, fast schwarz gefärbt. Die Extremitäten sind gelblich geschönt und enden in vier Zehen, von denen eine Zehe nach hinten zeigt und drei nach vorn. Die Federn des Weibchens sind im allgemeinen heller und blasser. Der Kopf ist bei dem Weibchen mehr kastanienbraun und nicht grau und die übrigen Federn auf dem Rücken sind ebenfalls dunkelbraun gefärbt. Die intensiv weinartige rote Färbung auf der Brust des Männchens fehlt bei dem Weibchen völlig, man sieht andeutungsweise eine etwas blassere Färbung. Die juvenilen Provencegrasmücken ähneln mehr dem Weibchen als dem Männchen. Die Federn auf dem Rücken sind erdfarben und einheitlich dunkler gefärbt als bei dem adulten Weibchen.

Der Flug ist besonders schnell und wird abwechselnd in Wellenbahnen mit wippendem Schwanz vollzogen, während kurze Entfernungen mit raschen Flügelschlägen überflogen werden. Die Provencegrasmücke vollführt auch manchmal einen schwebenden Singflug. Der Alarmruf der Provencegrasmücke klingt rau, mellatisch und heiser gezogen. Ihr Gesang dagegen erinnert an ein Europäisches Schwarzkehlchen (Saxicola rubicola), das im gleichen Biotop lebt wie die Provencegrasmücke. Allerdings ist der Gesang kürzer und klingt nicht so kräftig. Der Gesang hört sich eher zart, angenehm, manchmal sprudelnd und wird besonders vom Männchen von einer hohen Ansitzwarte aus vorgetragen, indem sich das Männchen so positioniert, das seine reiche intensive Färbung dabei richtig zur Geltung kommt. Die Provencegrasmücke kann unter günstigen Umständen in der Natur ein Alter von bis zu fünf Jahren erreichen.

Iberische Halbinsel
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Iberische Halbinsel

Verbreitung

Die Provencegrasmücke reproduziert sich in Westeuropa auf der gesamten Iberischen Halbinsel, im Süden und im Westen Frankreichs, in Italien und Portugal sowie auf den mediterranen Inseln wie Sizilien, Korsika und Sardinien. Als ein Jahresvogel in Europa schwanken die Populationen der Provencegrasmücke in Bestand und Verbreitung in Zusammenhang mit der Strenge des vorhergehenden Winters, dies ist besonders in Großbritannien gut zu beobachten. Die Provencegrasmücke lebt hauptsächlich in warmen flachen Heidegebieten und auf Hängen mit kurzer Kräuter- und Sträuchervegetation mit dichten Stechginsterhorsten (Ulex europaeus), wo sie sich versteckt und oft schwer zu sehen ist. Sie fliegt von einem Busch zum anderen, verschwindet aber enttäuschend schnell aus der Sicht. Bei warmem ruhigem Wetter kommt die Provencegrasmücke auch einmal an die Spitze eines Busches und zeigt sich in ihrer kennzeichnenden Färbung.

Im Winter begegnet man die Provencegrasmücke auf den Insel der Balearen, wo sie für gewöhnlich nicht nistet. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Provencegrasmücken überquert die Meerenge des Mittelmeeres, um nach Nordafrika zu ziehen. Dort hält sie sich in Regionen mit niedriger Buschvegetation auf.

Besenheide (Calluna vulgaris)
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Besenheide (Calluna vulgaris)

Ernährung

Die Provencegrasmücke ernährt vorwiegend von Insekten, die sie in niedriger Vegetation erspäht. Zu ihrer Beute zählen unter anderem kleine Käfer (Coleoptera), Schmetterlinge (Lepidoptera) und deren Raupen jeglicher Größe sowie Zweiflügler (Diptera) wie Schnaken (Tipulidae), Fliegen (Brachycera) und Stechmücken (Culicidae) oder Moskitos. Des weiteren nimmt sie auch Spinnentiere (Arachnida), die sie ebenfalls in dichter Vegetation aufspürt. Hin und wieder pickt die Provencegrasmücke auch Samen von Gräsern und ernährt sich zusätzlich von Waldfrüchten wie zum Beispiel Beeren.

Fortpflanzung

Im Monat März beginnt das Männchen bereits die ersten Balzflüge. Anfang April, ausgenommen wenn es regnet, hört man ununterbrochen den Gesang des Männchens, das trotz seiner schwachen Intensität in beträchtlicher Distanz wahrgenommen werden kann. Das Territorium, das das Pärchen besetzt ist sehr klein. Das Männchen verteidigt das Brutrevier vor Eindringlingen. Dabei fliegt es ständig mit aufgefächertem Schwanz hin und her oder sitzt mit aufgeplusterten Federn und aufgerichteten Kopffedern, was dem kleinen Vogel ein imposantes Aussehen verleiht, auf einer exponierten Ansitzwarte. Im Süden Europas hängt der Beginn der Reproduktion eng von den Klimabedingungen ab. Das Nest, das das Männchen andeutungsweise anlegt, besteht anfänglich aus einigen angehäuften trockenen Grasbüscheln, so daß es manchmal schwierig zu erkennen ist, ob es sich wirklich um ein Nest handelt. Das Nest wird meist in niedriger Besenheide (Calluna vulgaris) oder in Stechginsterhorsten (Ulex europaeus) angelegt. Manchmal wird das Nest auch innerhalb der Brombeersträucher (Rubus fruticosus agg.) oder in anderen Rosengewächse (Rosaceae) gesetzt.

Je nach Vegetation kann die Höhe über dem Boden unterschiedlich sein. So wird das Nest in der Heide sehr niedrig gebaut, etwa in einer Höhe von 25 Zentimetern, während das Nest in den Stechginsterhorsten (Ulex europaeus) ungefähr in einer Höhe zwischen 40 Zentimeter und 1,30 Meter gesetzt wird. In den Brombeersträuchern kann sich das Nest in einer Höhe zwischen 50 und 80 Zentimeter befinden. Das Weibchen baut das Nest, das das Männchen anfänglich konstruiert hat, weiter aus.
Stechginster (Ulex europaeus)
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Stechginster (Ulex europaeus)
Das Innere des Nestes wird mit trockenen Wurzelfasern, feinem Gras, Wolle und einigen Federn ausgestattet. Des weiteren fügt das Weibchen Haare und Spinnennetze hinzu, die die Ränder des Nestes bedecken und komprimieren. Nachdem das Nest fertiggestellt ist, ungefähr nach 14 Tagen, legt das Weibchen drei bis vier Eier, manchmal auch fünf Eier, selten werden sechs Eier gelegt. Die Eier weisen eine schmutzig weiße oder grünliche Färbung auf und sind mit zahlreichen kleinen braunen Punkten oder aschfarbenen, olivbraunen, grauen, blass rötlichen Flecken versehen, die gut verteilt auf der ganzen Oberfläche sind, aber am Ende des Eies sich mehr konzentrieren.

Das Bebrüten der Eier beginnt nicht vor der ersten Woche im Mai. Die Eier werden fast ausschließlich von dem Weibchen gewärmt und wird selten von dem Männchen abgelöst. Die Küken, die nach 12 bis 13 Tagen schlüpfen, sind nackt und blind und weisen eine dunkle Haut auf. Das Innere des Schnabels ist gelblich gefärbt und ist mit zwei schwarzen Punkten versehen. Die Altvögel versorgen die Küken ausreichend mit Nahrung, die aus Insekten und kleinen Raupen besteht. Die Jungvögel verlassen das Nest nach etwa 12 oder 13 Tagen. Durch Störungen oder durch große Hitze verlassen die Jungvögel das Nest allerdings auch dann früher. Die Jungvögel ähneln mehr dem Weibchen als dem Männchen. Die Federn der Jungvögel sind auf der Oberseite erdfarben und einheitlich dunkler gefärbt als bei dem adulten Weibchen. Die Provencegrasmücke führt zwei Bruten pro Saison durch. Die Möglichkeit einer dritten Brut wird nicht ausgeschlossen, wenn die Bedingungen günstig sind. Die Lebenserwartung der Provencegrasmücke kann unter günstigen Umständen in der Natur fünf Jahre betragen. Der Bestand der Populationen kann je nach Wetter, Klima und Witterungseinflüssen stark schwanken. So kann der Bestand in kalten strengen Wintern rückläufig sein, während der Bestand in warmen milden Wintern zunehmen kann.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Prof. Dr. Dr. H. C. Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Band 7-9 Vögel. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG München (1993) ISBN 3-423-05970-2
  • Gottfried Mauersberger, Wilhelm Meise: Urania Tierreich, 7 Bde., Vögel.Urania, Stuttgart (1995) ISBN 3423032049
  • Einhard Bezzel, Roland Prinzinger: Ornithologie, Utb, 1990, ISBN 3800125978
  • Hans-Heiner Bergmann: Die Biologie des Vogels. Aula, 1987, ISBN 389104447X

Qualifizierte Weblinks

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