Nördlicher Weißwangen-Schopfgibbon

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Nördlicher Weißwangen-Schopfgibbon

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mamalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Euarchontoglires
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Familie: Gibbons (Hylobatidae)
Gattung: Schopfgibbons (Nomascus)
Art: Nördlicher Weißwangen-Schopfgibbon
Wissenschaftlicher Name
Nomascus leucogenys
(Ogilby, 1840)

IUCN-Status
Critically Endangered (CR)

Der Nördliche Weißwangen-Schopfgibbon (Nomascus leucogenys) zählt innerhalb der Familie der Gibbons (Hylobatidae) zur Gattung der Schopfgibbons (Nomascus). Im Englischen wird die Art Northern White-cheeked Gibbon genannt.

Anders als die Menschenaffen (Hominidae) wie Orang-Utans (Pongo), Gorillas (Gorilla) und Schimpansen (Pan) weisen Gibbons keinen Werkzeuggebrauch auf und gelten gemeinhin als weniger intelligent. Dies haben Beobachtungen in freier Wildbahn und Tests in Gefangenschaft ergeben.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Nördliche Weißwangen-Schopfgibbon erreicht je nach Geschlecht eine Körperlänge von 45,5 bis 63,5 Zentimeter sowie ein Gewicht von 5.600 bis 5.800 Gramm. Die Geschlechter sind zwar annähernd gleich groß und schwer, jedoch weisen sie in der Fellfärbung einen deutlichen Dimorphismus auf. Männchen weisen ein schwarzes Fell und weißlich gefärbte Wangen auf. Das Fell der Weibchen ist gelblichgold gefärbt. Der Oberkopf der Weibchen ist dunkelbraun (Scheitelfleck), im Bereich der Wangen zeigt sich auf jeder Seite ein schmaler weißlicher Streifen. Die Gesichter sowie die Hand- und Fußflächen sind bei beiden Geschlechtern schwärzlich gefärbt. Das Fell der Jungtiere ist unabhängig vom Geschlecht schwarz gefärbt, wobei das Fell bei der Geburt bis zum zweiten Lebensmonat cremefarben bis hellbraun ist. Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons sind optimal an das Leben in Bäumen angepasst. Ihre Arme sind ausgesprochen lang und kräftig. Sie bewegen sich durch Schwinghangeln (Brachiation) im Geäst der Bäume fort. Eine quadrupedale Fortbewegung konnte nicht nachgewiesen werden. Gelegentlich sieht man sie jedoch bipedal auf Ästen stehen. Mit einem Schwung können die Gibbons bis zu 3 Meter überwinden (Nowak, 1999; Groves, 2001, Geissmann, 2000, 2003).

Lebensweise

Über die Lebensweise der Nördlichen Weißwangen-Schopfgibbons ist nur relativ wenig bekannt. Die Lebensweise scheint sich jedoch im Wesentlichen mit den anderen Schopfgibbons (Nomascus) zu decken. Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons sind gesellige Tiere, die in kleinen, monogamen Familiengruppen leben. Eine Gruppe besteht aus einem Pärchen sowie 1 bis 2 Jungtieren, die aus verschiedenen Würfen stammen. Neuere Forschungsergebnisse konnte auch polygame Tendenzen belegen (Reichard, 1995). Dies kommt jedoch nur selten vor. Eine Familie bewohnt ein Revier und verteidigt dieses Territorium auch gegenüber anderen Artgenossen oder Eindringlingen. Ein durchschnittliches Revier umfasst etwa 50 Hektar. Die Markierung des Reviers erfolgt hauptsächlich durch lautstarke Ausrufe, die über weite Entfernungen zu hören sind. In der Regel ertönen ihre Laute im Duo, also Männchen und Weibchen geben gleichzeitig ihre Laute von sich. Besonders häufig sind die Gesänge in den frühen Morgenstunden. Ein Duett erstreckt sich für gewöhnlich über 10 bis 13 Minuten. Bei den Gesängen handelt es sich um monotone, fast stereotype Laute. Dringt dennoch ein Artgenossen in ein fremdes Revier ein, so kann es durchaus zu handfesten Auseinandersetzungen kommen. Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons sind tagaktiv und halten sich ausschließlich im Geäst der Bäume auf. Müssen Gelbwangen-Schopfgibbons den Boden betreten, so gehen sie auf zwei Beinen und nutzen ihre Arme als Balancierorgan. Die Arme reichen dabei fast bis zum Boden. Auch die Nacht verbringen die Tiere in den Bäumen. Dazu bauen sie sich ähnlich wie die Orang-Utans Nester aus Blättern und Ästen. Zum Sozialleben gehört auch die gegenseitige Fellpflege und dient der Stärkung der sozialen Bande (Nowak, 1999; Groves, 2001, Geissmann, 2000, 2003).

Verbreitung

Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons sind im nordwestlichen Vietnam, im nördlichen Laos sowie in der chinesischen Provinz Yunnan. In Yunnan gilt die Art jedoch als fast ausgerottet. Dort kommen lediglich Reliktpopulationen vor. Der Bestand der in China lebenden Individuen wird auf kaum 100 Tiere geschätzt. Die letzten Schätzungen sind jedoch schon 8 Jahre alt, neue Zahlen liegen nicht vor. Die Populationsgrößen aus Vietnam und Laos sind ebenfalls unbekannt. Aufgrund des hohen Jagddrucks ist jedoch von stark sinkenden Beständen auszugehen. Zudem ist der Lebensraum stark fragmentiert. Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons leben in Wäldern mit einem subtropischen Klima. Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt bei 23,6° C, die Niederschlagsmenge liegt grob zwischen 1.360 und 1.895 mm. Die primären Wälder liegen in Höhenlagen von 200 bis 600 Metern über NN, in Yunnan lokal bis 1.000 Meter über NN (Groves, 2001; Geissmann, 2000, 2003).

Prädatoren

Wie alle Gibbons leben Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons hoch oben in den Bäumen und betreten den Waldboden so gut wie nie. Daher sind sie vor den meisten natürlichen Feinden in den Bäumen in Sicherheit. Eine Gefahr für Jungtiere stellen jedoch kletternde Kleinkatzen (Felinae) und Greifvögel (Falconiformes) dar. Wie hoch die Mortalität durch Prädatoren ist, ist jedoch nicht bekannt.

Ernährung

Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons ernähren sich als Pflanzenfresser fast ausschließlich von Früchten. Die Nahrungssuche und -aufnahme erfolgt dabei hoch oben in den Baumkronen. Neben verschiedenen Früchten werden in einem geringeren Umfang auch Blätter, Blüten, junge Triebe und Knospen verzehrt. Zu einem sehr kleinen Teil werden gelegentlich auch Insekten (Insecta) gefressen. Die aufgenommene Nahrung schwankt saisonal zum Teil stark. Vor allem während der Regenzeit sind Früchte reichlich vorhanden. In der Trockenzeit müssen Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons deutlich weitere Strecken zurücklegen, um ausreichend Nahrung zu finden. Zudem ist in der Trockenzeit der Anteil an Blätter am Nahrungsaufkommen deutlich größer (Geissmann, 2000, 2003).

Fortpflanzung

Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 6 bis 8 Jahren. In Gefangenschaft kann die Geschlechtsreife durchaus auch schon mit 4 bis 5 Jahren erreicht werden. Mit Erreichen der Geschlechtsreife ändert sich bei den Weibchen die Fellfärbung von schwarz nach hellgelb. Bei Männchen kommt es hingegen nicht zu einer Umfärbung. Bei ihnen stellt sich nur im Wangenbereich die markante weißliche Färbung ein. Die Paarungszeit erstreckt sich in den natürlichen Lebensräumen über das ganze Jahr. Besondere Spitzen zu bestimmten Jahreszeiten sind nicht zu erkennen. Der Östrus der Weibchen erstreckt sich über durchschnittlich 21 Tage. Während dieser Zeit ist der Analogenitalbereich leicht geschwollen. Zu Geburten kommt es nur alle 2 bis 3 Jahre. Man kann demnach davon ausgehen, dass ein Weibchen in ihrem reproduktiven Leben bis zu 6 Nachkommen zeugen kann. Dies ist ausgesprochen wenig. Ein Weibchen bringt nach einer Tragezeit von 7 Monaten ein einzelnes Jungtier zur Welt. Aufgrund der monogamen Lebensweise haben auch die Väter ihren Anteil an der Aufzucht des Nachwuchses, wobei die Mütter den größeren Anteil an der Aufzucht aufweisen. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von 12 bis 14 Monaten, spätestens jedoch im Alter von 24 Monaten. Im Alter von 24 Monaten beginnt für den Nachwuchs die Pubertät. Die Unabhängigkeit wird im Alter von 2 bis 4 Jahren erreicht (Geissmann, 1991, 2000, 2003; Nowak, 1999).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Nördliche Weißwangen-Schopfgibbon steht in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet kurz vor der Ausrottung. Die Art wird daher in der Roten Liste der IUCN als kritisch gefährdet (CR, Critically Endangered) geführt. Im Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) ist der Nördliche Weißwangen-Schopfgibbon in Anhang I des Abkommens gelistet. Die Gefährdungsursache sind vielfältig. Eine große Gefahr stellt beispielsweise die Vernichtung der natürlichen Lebensräume, die Bejagung, der Wildfang sowie aus den kleinen Populationen resultierende genetische Armut und eine mögliche Inzucht dar.

Die Wälder in den natürlichen Lebensräumen werden hauptsächlich wegen Brennholz und zugunsten von Siedlungsraum oder landwirtschaftlichen Flächen vernichtet. Nördliche Weißwangen-Schopfgibbons sind jedoch auf einen intakten Wald angewiesen. Sie leben ausschließlich in hohen Bäumen und gehen hier auch auf Nahrungssuche. Schon heute gilt der Lebensraum in ihrem Verbreitungsgebiet als stark fragmentiert, was letztlich zu einer genetischen Armut führt. In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes, insbesondere in China, ist ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum zu beobachten. Ähnliches gilt auch für Vietnam und Laos. Ein weiteres Problem ist die Bejagung der Tiere. In vielen Gebieten stellt man den Tieren wegen des Fleisches nach. Es werden aber auch Tiere für den illegalen Haustierhandel gefangen oder sie landen in medizinischen Forschungslaboren. In der Regel werden Erwachsene Gibbons getötet und der Nachwuchs wird lebendig verkauft. Alleine der illegale Haustierhandel weist eine riesige Nachfrage auf. Schon heute sind die Populationen klein und weit voneinander verstreut. Wie bereits erwähnt, führt dies aufgrund von Inzucht zu einer genetischen Armut. Ein Austausch zwischen den Populationen ist wegen der Habitatsfragmentierung nicht mehr möglich. Korridore wurden bislang zwischen den Lebensräumen nicht geschaffen (Geissmann, 2000, 2003).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: Familie der Gibbons (Hylobatidae)

Literatur und Quellen

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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