Moderner Mensch Artikel 1

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Moderner Mensch








Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Unterfamilie: Homininae
Tribus: Echte Menschen (Hominini)
Untertribus: Hominina
Gattung: Menschen (Homo)
Art: Moderner Mensch
Wissenschaftlicher Name
Homo sapiens
Linnæus, 1758

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Moderne Mensch (Homo sapiens) zählt innerhalb der Höheren Säugetiere (Eutheria) zur Ordnung der Primaten (Primates). Des Weiteren gehört er zur Unterordnung der Trockennasenaffen (Haplorhini) und dort zur Familie der Menschenaffen (Hominidae). Er ist die einzige überlebende Art aus der Gattung Menschen (Homo). Im Englischen lautet die Bezeichnung für diese Art human.

Inhaltsverzeichnis

Taxonomie

Haplorhini. Primaten ohne Rhinarium (Nasenspiegel), mit einer hämochorialen Plazenta und meist gut ausgeprägter Mimik bilden die Unterordnung Haplorhini (gr. haplus = einfach, gr. rhinus = Nase). Die evolutive Aufspaltung der Haplorhini erfolgte durch geografische Isolation einzelner Populationen. Im Mesozoikum-Alttertiär (vor etwa 65 Millionen Jahren) entwickelten sich in Süd- und Mittelamerika die neuweltlichen Platyrrhini (gr. platos = Breite, gr. rhinos = Nase; Breitnasenaffen), in Afrika und Asien dagegen die altweltlichen Catarrhini (gr. kata = herab; Schmalnasenaffen). <1>

  • Homo sapiens idaltu Tim White, 2003, ist eine ausgestorbene Unterart des Homo sapiens. Diese Unterart lebte im Pleistozän, 160.000 bis 154.000 Jahre. Idaltu stammt aus den Saho- und Afar-Sprachen (kuschitische Sprachen, die in Äthiopien, Eritrea, Somalia, Dschibuti und in Kenia gesprochen werden) und bedeutet "Älterer oder Erstgeborener".
  • Homo sapiens sapiens Linnæus, 1758, ist die Nominatform des Homo sapiens.


Verbreitung

Laut der Roten Liste der IUCN weist der Moderne Mensch die breiteste Verteilung der terrestrischen Säugetierarten auf. Er bewohnt alle Kontinente auf der Erde (allerdings gibt es keine festen Siedlungen in der Antarktis). Eine kleine Gruppe von Menschen bewohnt sogar die Internationale Raumstation.

Moderner Mensch
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Moderner Mensch
Laut der Roten Liste der IUCN lebt der Moderne Mensch in folgenden Ländern: Afghanistan, Åland-Inseln, Albanien, Algerien, Amerikanisch-Samoa, Andorra, Angola, Anguilla, Antarktis, Antigua und Barbuda, Argentinien, Armenien, Aruba, Australien, Österreich, Aserbaidschan, Bahamas, Bahrain, Bangladesch, Barbados, Belarus, Belgien, Belize, Benin, Bermuda, Bhutan, Bolivien, Bosnien und Herzegowina, Botswana, Bouvet Island, Brasilien, British Indian Ocean Territory, Brunei Darussalam, Bulgarien, Burkina Faso, Burundi, Kambodscha, Kamerun, Kanada, Kap Verde, Cayman Islands, Zentral Afrikanische Republik, Chad, Chile, China, Christmas Island, Cocos (Keeling) Islands, Kolumbien, Komoren Kongo, Demokratische Republik Kongo, Cook Islands, Costa Rica, Côte d'Ivoire, Kroatien, Kuba, Zypern, Tschechische Republik, Dänemark, Gebietsansprüche, Dschibuti, Dominica, Dominikanische Republik, Ecuador, Ägypten, El Salvador, Äquatorial-Guinea, Eritrea, Estland, Äthiopien, Falklandinseln (Malvinas), Färöer, Fidschi, Finnland, Frankreich, Französisch-Guayana, Französisch-Polynesien, Französische Süd- und Antarktisgebiete, Gabun, Gambia, Georgien, Deutschland, Ghana, Gibraltar, Griechenland, Grönland, Grenada, Guadeloupe, Guam, Guatemala, Guernsey, Guinea, Guinea-Bissau, Guyana, Haiti, Heard und McDonald-Inseln, Heiliger Stuhl (Vatikanstadt), Honduras, Hongkong, Ungarn, Island, Indien, Indonesien, Islamische Republik Iran, Irak, Irland, Isle of Man, Israel, Italien, Jamaika, Japan, Jersey, Jordanien, Kasachstan, Kenia, Kiribati, Demokratische Volksrepublik Korea, Republik Korea, Kuwait, Kirgisien, Demokratische Volksrepublik Laos, Lettland, Libanon, Lesotho, Liberia, Libyen, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Macao, ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Madagaskar, Malawi, Malaysia, Malediven, Mali, Malta, Marshall Islands, Martinique, Mauretanien, Mauritius, Mayotte, Mexiko, Föderierte Staaten von Mikronesien, Moldau, Monaco, Mongolei, Montenegro, Montserrat, Marokko, Mosambik, Myanmar, Namibia, Nauru, Nepal, Niederlande, Niederländische Antillen, Neukaledonien, Neuseeland, Nicaragua, Niger, Nigeria, Niue, Norfolk Island, Northern Mariana Islands, Norwegen, Oman, Pakistan, Palau, Palästinensische Autonomiegebiete, Panama, Papua-Neuguinea, Paraguay, Peru, Philippinen, Pitcairn, Polen, Portugal, Puerto Rico, Katar, Réunion, Rumänien, Russische Föderation, Ruanda, St. Helena, Saint Kitts und Nevis, Saint Lucia, Saint Pierre und Miquelon, St. Vincent und die Grenadinen, Samoa, San Marino, Sao Tomé und Principe, Saudi-Arabien, Senegal, Serbien, Seychellen, Sierra Leone, Singapur, Slowakei, Slowenien, Salomonen, Somalia, Südafrika, Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln, Spanien, Sri Lanka, Sudan, Suriname,
Moderner Mensch weltweit verbreitet
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Moderner Mensch weltweit verbreitet
Spitzbergen und Jan Mayen, Swasiland, Schweden, Schweiz, Arabische Republik Syrien, Provinz von China Taiwan, Tadschikistan, Vereinigte Republik Tansania, Thailand, Demokratische Republik Timor-Leste, Togo, Tokelau, Tonga, Trinidad und Tobago, Tunesien, Türkei, Turkmenistan, Turks und Caicos-Inseln, Tuvalu, Uganda, Ukraine, Vereinigte Arabische Emirate, Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland, Vereinigte Staaten von Amerika, United States Minor Outlying Islands, Uruguay, Usbekistan, Vanuatu, Venezuela, Vietnam, Virgin Islands, Wallis und Futuna, Westsahara, Jemen, Sambia und Simbabwe.

Lebensraum

Laut der Roten Liste der IUCN lebt der Moderne Mensch in einer Vielzahl von Lebensräumen. Vor allem ist der Moderne Mensch fähig, Technologien zu nutzen, um sich seinen Lebensräumen anzupassen und zu modifizieren. Er ist in großen Konzentrationen in urbanen Zentren zu finden. In den letzten 30 Jahren hat die städtische Bevölkerung stark zugenommen, so dass mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung seit 2008 in Städten lebt.


Der Weg zum Homo sapiens

Von den Anfängen bis 10.000 v. Chr.

Erste Menschenaffen

 Gemeiner Schimpanse (Pan troglodytes), Moderner Mensch (Homo sapiens), †  Neandertaler (Homo neanderthalensis)
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Gemeiner Schimpanse (Pan troglodytes), Moderner Mensch (Homo sapiens), Neandertaler (Homo neanderthalensis)

Die Geschichte der Erde wird nach geologischen Formationen eingeteilt. Im vierten Abschnitt des Tertiär-Zeitalters, im Miozän, also in der Zeit vor etwa 25 Millionen bis 14 Millionen Jahren, war es sehr warm auf der Erde. In Europa, Nordasien und im Norden Nordamerikas wuchsen ausgedehnte Sumpfwälder, deren Ablagerungen später zu mächtigen Braunkohlelagern werden sollten. Die Vegetation in diesen Breiten glich der heutigen Flora in den Sümpfen Floridas. Neben Ahorn, Pappeln, Weiden und Nußbäumen gediehen in den Urwäldern Fächer- und Fiederpalmen, Datteln, Feigen, Lorbeer und andere subtropische Gewächse. Weiter südlich, in Mittelafrika und Südasien, entstanden in dieser Zeit ausgedehnte Baumgrasländer. Das Klima verschlechterte sich jedoch über Jahrmillionen: Es wurde kühler. In den gleichen Zeiträumen paßte sich die Tierwelt den neuen Gegebenheiten an. Besonders in Afrika kam es infolge der zunehmenden offenen Graslandschaften zu einer Blütezeit großer Weidetierherden, denen rasch die Entwicklung zahlreicher neuer Raubtiere folgte.

Zu den Bewohnern der Wälder zählten einige größere Affenarten. Schon seit Jahrmillionen existierten der Pliopithecus, ein Langarmhangler, der heute als Vorfahr der Gibbons gilt, und der Proconsul, ein Urahn der Schimpansen und vielleicht auch des Gorillas. Neu entwickelten sich im Miozän (etwa vor 20 Millionen Jahren) der Oreopithecus und der Dryopithecus. Der erstere war ein etwa 1,20 Meter großer, rund 40,0 Kilogramm schwerer früher Menschenaffe. Er lebte in Südeuropa (Italien) und in Afrika. Der zweite, ebenfalls eine Vorform des Menschenaffen (Hominidae), war ein Großaffe, der in Ostafrika, Europa, Nordindien und in China lebte. Er war nicht nur geografisch weit verbreitet. Die Mitglieder seiner Art waren auch äußerst zahlreich und seine Lebensweise erlaubte es ihm, ein rundes Dutzend Jahrmillionen lang (vor 20 bis etwa 8 Millionen Jahren) große Gebiete der Erde zu bevölkern. Dieser Dryopithecus gilt heute als frühester bekannter Vorläufer der menschlichen Entwicklungslinie.

Der Stammbaum Mensch
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Der Stammbaum Mensch

Es war indes nicht so, dass sich der Dryopithecus im Lauf vor Jahrmillionen geradlinig über entsprechende Zwischenstufen zum Menschen weiter entwickelte. Er bestand noch lange mehr oder weniger unverändert fort, nachdem sich, vor etwas mehr als 14 Millionen Jahren, eine neue Art von ihm abspaltete. Der nur knapp über 1,0 Meter große Ramapithecus stand dem Affen noch weitaus näher als dem Menschen, aber eine Reihe anatomischer Besonderheiten ließ eindeutig darauf schließen, dass er als erster einen Schritt in eine Richtung ging, die vom Affen wegführte. Bekannt sind von Ramapithecus bis heute nur Kiefer- und Zahnfunde. Aber sie genügen, um dem Vorzeitforscher wichtige Aufschlüsse zu geben. Wie manche Schimpansenart, die sich mittlerweile aus dem Proconsul entwickelt hatte, lebte auch der Ramapithecus noch vorwiegend auf den Bäumen lichter Wälder. Aber seine Zähne beweisen, dass er sich anders ernährt hat als andere Affen. Im Gegensatz zu den vorwiegend weichen Früchten, die andere frühe Menschenaffen (Hominidae) bevorzugten, lebte er von nahrhafter, aber harter Kost. Sein dicker Zahnschmelz, der zudem starke Abnutzungsspuren zeigt und seine breiten Backenzähne verraten, dass er Nüsse, Samen, Wurzeln und andere feste Nahrung gegessen hat. Seine Schneidezähne waren entsprechend kürzer als bei anderen Affen und kürzer war auch der Zahnboden. Das wiederum brachte eine erste Annäherung an die menschliche Gesichtsform mit sich. Die Schnauze des Ramapithecus war kürzer als bei anderen Affen. Seine Mahlzähne hatten - wie schon die des Dryopithecus - dasselbe Furchenmuster wie die menschlichen Backenzähne. Der Ramapithecus lebte wie sein Vorfahr und zugleich Zeitgenosse Dryopithecus in Ostafrika und in Südasien wahrscheinlich in Europa und veränderte sich bis vor rund 8 Millionen Jahren kaum.

Weltweiter Klimawandel

Koobi Fora, die Fundgegend des † Homo habilis - Lake Turkana, Kenia
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Koobi Fora, die Fundgegend des Homo habilis - Lake Turkana, Kenia

Das Pliozän, der fünfte und letzte Abschnitt der Tertiär, war eine der ödesten Zeiten der gesamten Erdgeschichte. Das Pliozän - es begann vor rund 12 Millionen Jahren und reichte bis in die Zeit vor etwa 2,8 Millionen Jahren - leitete die Eiszeit ein. Hatte sich in den Jahrmillionen zuvor mit explosiver Kraft eine große biologische Arten- und Formenfülle entwickelt, so zwangen nun die sprunghaften Klima-Verschlechterungen das Leben, sich zu beschränken. Zahlreiche Tiere starben aus. Besonders von den Säugern überlebten nur wenige Arten die Klimaverschiebung, in deren Verlauf die Pole vereisten und in Mitteleuropa, Nordamerika und Mittelasien die ersten Fröste auftraten. In diesen Zonen verarmte auch die Pflanzenwelt rasch.

Die wärmeliebenden Arten, die gerade zu der bunten Vielfalt der Vegetation auf diesen Subkontinenten beitrugen, starben aus oder zogen sich in die südlichere Regionen zurück. In die Anfangsphase des Pliozäns fiel das Auftreten des Ramapithecus. Wie er sich in der Zeitspanne vor etwa 8 bis 4 Millionen Jahren weiter entwickelte, ist unsicher. Es gibt Fossilienfunde aus dieser Ära. Fest steht, dass sich in diesen 4 Jahrmillionen beachtliche Umwälzungen ereigneten, denn am Ende dieser Epoche lebten zwei Ramapithecus-Nachfahren, die wesentlich menschenähnliche Züge besaßen. Vertreter der Gattung Australopithecus und einer Art, die ihre Entdecker, die Vorzeitforscher-Familie Leaky, als Homo habilis bereits zur Gattung Menschen (Homo) zählen. Beide Gattungen lebten nebeneinander in denselben, oder zumindest in weitgehend überlappenden geografischen Gebieten Afrikas. Beide existierten bereits vor annähernd 4 Millionen Jahren und beide lebten bis vor etwa anderthalb Millionen Jahren. Die Gattung Australopithecus (Südaffe) galt den Vorzeitforschern lange als Bindeglied zwischen Ramapithecus und der Gattung Menschen (Homo). Heute bezweifeln die meisten führenden Wissenschaftler diese Lehrmeinung. Sie halten die Australopithecinen für einen Seitenast auf dem Weg zum Menschen, der vor etwa eineinhalb Millionen Jahren ausgestorben ist. Für diese Ansicht spricht, dass der von dem Paläontologen Luis S. B. Leakey als Homo habilis bezeichnete Vormensch nicht nur ein Zeitgenosse des Australopithecus war, sondern dass er bereits weitaus menschlichere Züge aufwies als dieser.

Vor vier bis anderthalb Jahrmillionen beheimatete der afrikanische Kontinent gleich drei verschiedene Mitglieder der Gattung Australopithecus. Den kleinen, in Süd- und Ostafrika lebenden Australopithecus africanus, der mit seinen 1,20 Meter bis 1,25 Meter Körpergröße und 35,0 Kilogramm bis 40,0 Kilogramm Gewicht etwa einem achtjährigen Kind des 20. Jahrhunderts entsprach und den 1,50 Meter bis 1,55 Meter großen und 60,0 Kilogramm bis 70,0 Kilogramm schweren Australopithecus robustus (auch Paranthropus robustus genannt), der ebenfalls im Süden und im Osten des afrikanischen Erdteils zu Hause war und den ostafrikanischen Australopithecus boisei (auch als Paranthropus boisei oder Zinjanthropus boisei bekannt). Alle drei waren, wie der Bau ihres Beckens beweist, aufrecht gehende Zweibeiner. Der kleine, gewandte Australopithecus africanus lebte im offenen Grasland, der kräftige Australopithecus robustus und der ihm nahestehende Australopithecus boisei bevorzugten den dichten Busch, die Grenze zum Urwald. Sie alle ernährten sich vorwiegend von pflanzlicher Kost, besonders der in den Steppen lebende Australopithecus africanus verschmähte aber auch kleinere Beutetiere nicht, die er vermutlich schon mit einfachen Werkzeugen wie zerbrochene Tierknochen oder Tiefkiefern mit scharfen Zähnen zerlegte. Das Gehirn der Australopithecinen war noch kaum größer als jenes der Menschenaffen (Hominidae).

Im Gegensatz zu den Australopithecus-Arten benutzte er im heutigen Kenia und Nordtansania beheimatete Homo habilis (die Zuordnung zur Gattung Menschen (Homo) ist umstritten) bereits selbst gefertigte, einfache Steinwerkzeuge (daher Homo "habilis", der "fähige" Mensch) und sein Schädel glich erstaunlich dem Kopf des Modernen Menschen. Sein Gehirnvolumen von etwa 650 Kubikzentimeter bis 800 Kubikzentimeter war noch wesentlich geringer als das des Homo sapiens von durchschnittlich 1.400 Kubikzentimeter. Aber der Homo habilis war als Ganzes wesentlich kleiner als der Moderne Mensch und für ein nur 1,20 Meter bis 1,25 Meter großes Wesen mit leichtem Körperbau war das Gehirn des Homo habilis gewiß überdurchschnittlich gut entwickelt. Infolgedessen war seine Stirn höher und gewölbter als die der Australopithecus-Arten, die im Gegensatz zum Homo habilis außerdem noch einen großen Knochenwulst längs über dem Schädel aufwiesen. Auch die typischen massiven Knochenwülste über den Augenhöhlen hatte Homo habilis kaum mehr. Der Fuß des Homo habilis glich ebenfalls viel eher dem des Modernen Menschen als dem noch recht affenartigen Fuß der Australopithecus-Arten. Seine gewölbten Mittelfußknochen gaben dem aufrecht gehenden Homo habilis erstmals die Möglichkeit, Stöße beim Laufen federnd abzufangen. Seine kräftig entwickelte große Zehe gestattete ihm, sich beim aufrechten Gang wie der Homo sapiens abzustoßen. Die Knie konnte er im Gegensatz zu den Australopithecus-Arten vollkommen gerade stecken. Auch seine Hände waren geschickter als die seiner Zeitgenossen. Dafür spricht die gezielte Herstellung einfacher Steinwerkzeuge, die für ihn ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung zum Menschen war. Vielleicht hatte der Homo habilis die Schwelle auf dem Weg vom Tier zum Menschen sogar bereits überschritten und führt deshalb seinen umstrittenen Gattungsnamen Homo zu Recht.

Homo erectus

Dem Australopithecinen und dem Homo habilis folgte zeitlich der Homo erectus, der "aufrechte Mensch". Wie er sich von seinen Vorfahren abgeleitet hat, ist nicht sicher. Manche Forscher sehen in ihm einen Nachkommen der Australopithecinen, was aber angesichts des schon viel weiter entwickelten Zeitgenossen dieser Gattung des Homo habilis, recht zweifelhaft ist. Wahrscheinlicher ist seine Abstammung vom Homo habilis. Doch auch sie ist nicht gesichert. Der Homo erectus ähnelte zwar in vielem dem Modernen Menschen mehr als der Homo habilis, andererseits zeigte er aber affenartige anatomische Merkmale, die der Homo habilis bereits überwunden hatte, etwa die starken Knochenwülste über den Augen. Fest steht, dass Menschen von der Art Homo erectus vor etwa zwei bis anderthalb Millionen Jahren an verschiedenen Stellen der Altwelt-Kontinente auftraten. Geografisch unterschieden sich die Mitglieder dieser frühen Menschenart etwas voneinander. So lebte vor zwei Millionen Jahren auf Java der Homo erectus modjokertensis (benannt nach dem Ort Modjokerto auf Ost-Java), ein 1,60 Meter bis 1,70 Meter großer, robuster Frühmensch, der in kleinen Horden die tropischen Urwälder seiner Heimat durchstreifte, Früchte sammelte, Wurzeln ausgrub und mit selbst gefertigten, primitiven Steinwerkzeugen Wild erlegte. Fachleute nennen diese noch roh und kunstlos zugehauenen Steine Abbevillien-Werkzeuge.

Der Homo erectus modjokertensis folgte vor etwa 600.000 Jahren, ebenfalls auf Java, der Homo erectus erectus (auch als Pithecantrophus oder Trinil-Mensch bekannt). Er war 1,60 Meter bis 1,65 Meter groß und sein Gehirnvolumen lag ziemlich genau in der Mitte zwischen den Modernen Menschenaffen (300 bis 600 Kubikzentimeter) und dem Modernen Menschen (1.300 bis 1.800 Kubikzentimeter). Der Trinil-Mensch kannte noch keine Behausungen. Er lebte frei im Dschungel. Zu den Tieren seiner Heimat gehörten Urelefanten, Nashörner (Rhinocerotidae), Flusspferde (Hippopotamidae), Tapire (Tapiridae) und Antilopen, aber auch der gefährliche Säbelzahntiger. Bereits vor einer halben Millionen Jahren starb der Homo erectus erectus auf Java, wie auch viele Tierarten der Insel, aus. Vielleicht geschah das als Folge einer großen Vulkankatastrophe. Etwa zur gleichen Zeit wie auf Java tauchte der Homo erectus auch in Europa auf, zunächst als Homo erectus heidelbergensis im heutigen Deutschland, später auch als Homo erectus paleohungaricus im heutigen Ungarn. Wie seine Verwandten auf Java durchstreifte er ohne festen Wohnsitz in Horden die Wälder. Hier waren es schüttere Eichen- und Mischwälder mit dichtem Unterholz. Herden von Waldelefanten (Elephas antiquus), Waldnashörnern (Stephanorhinus kirchbergensis), Elche (Alces alces) und Biber (Castor fiber) waren seine Zeitgenossen. Und wie seine javanischen Brüder bedrohten auch ihn Säbelzahntiger (Machairodontinae) und andere große Raubtiere (Carnivora).

Stein-Werkzeuge
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Stein-Werkzeuge

In Afrika tauchten die ersten Frühmenschen von der Art Homo erectus als Homo erectus leakeyi vor etwa 1,6 bis 1,3 Millionen Jahren auf. Neuere Funde aus Kenia und Äthiopien lassen sogar ein weit höheres Alter vermuten. Sie lebten hier wie ihre menschenähnlichen Vorfahren im Baumgrasland, im Busch und in lichten Urwäldern und suchten besonders die Nähe der großen Süßwasserseen dieses Gebiets (zum Beispiel den heutigen Lake Turkana). Später vor rund einer Million Jahren, lebten auch im äußersten Nordafrika (Homo erectus mauritanicus) und im südafrikanischen Kapgebiet (Homo erectus capensis) Vertreter dieser frühen Menschenart auf dem afrikanischen Kontinent. Das jüngste Mitglied der Art Homo erectus erschien als "Peking-Mensch" (Homo erectus pekinensis, früher auch Sinanthropus pekinensis) vor etwa 500.000 bis 400.000 Jahren im heutigen China. Der Peking-Mensch war offenbar Nachfahre einer rund eine halbe Million Jahre älteren Unterart (Homo habilis offizinalis) und der höchst entwickelte Vertreter seiner Art. Sein Hirnvolumen lag bei durchschnittlich 1.055 Kubikzentimeter, seine mittlere Körpergröße zwischen 1,55 Meter bis 1,60 Meter. Außer von pflanzlicher Kost lebte er von seiner Jagdbeute, meist Hirschen und Wildschweinen. In Horden trieb er die Tiere über den Rand von Felsabhängen, so dass sie abstürzten. Seine einfachen Waffen und Werkzeuge fertigte er aus Quarz, Sandstein, Feuerstein und Kalk. Mit Sicherheit kannte er (mit ihm vielleicht auch schon die anderen Homo-erectus-Vertreter) das Feuer. Aber die oft mehrere Meter hohe Aschenschicht seiner Feuerstätten läßt vermuten, dass er das Feuer zwar benutzte, aber noch nicht selbst entzünden konnte, es also ständig unterhalten mußte. Vielleicht kannte er schon eine Art Zeichensprache.

Der Vernunftbegabte Mensch

† Neandertaler (Homo neanderthalensis) versus Homo sapiens
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Neandertaler (Homo neanderthalensis) versus Homo sapiens

Die geologisch ältesten Formen des Homo sapiens, des "vernunftbegabten Menschen", knüpften unmittelbar an die Homo-erectus-Formen an. Sie traten in verschiedenen Teilen der Welt in unterschiedlichen Spielarten auf und bereiten den Wissenschaftlern nicht wenig Kopfzerbrechen hinsichtlich ihrer stammesgeschichtlichen Zuordnung. Wer stammte von wem ab? Wer entwickelte sich zeitgleich mit wem an verschiedenen Orten? In der Warmzeit zwischen der Mindel- und der Riß-Eiszeit, also vor etwa 350.000 bis 200.000 Jahren, lebte in Mittel- und Nordeuropa (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, vielleicht auch Spanien) der Homo sapiens steinheimensis (benannt nach dem ersten Fundort Steinheim bei Stuttgart). Er besaß einen schmalen, relativ hohen Schädel, eine gegenüber seinen Vorfahren höher gewölbte Stirn, aber noch ähnliche Überaugenwülste wie etwa der Peking-Mensch. Sein Hirnvolumen betrug etwa 1.150 Kubikzentimeter. Der Homo sapiens steinheimensis, der als Jäger und Sammler lebte, benutzte Steinwerkzeuge. Seine Faustkeile wiesen durchaus ästhetische Formgebungen auf. Die Vorzeitforscher bezeichneten diesen Stil als "Acheulien". Der erste Homo sapiens war sich durchaus schon einfacher geometrischer Formen bewußt. Neben Faustkeilen verwandte er Steinmesser, Steinschaber, aber auch Holzkeulen und hölzerne, in Feuer gehärtete Lanzen. Während der Steinheim-Mensch im milden Klima der Zwischeneiszeit in Europa und im Mittelmeerraum unter ähnlichen Witterungsbedingungen lebte wie der Mensch des 21. Jahrhunderts, fand sein zeitlicher und sehr wahrscheinlich auch sein stammesgeschichtlicher Nachkomme, der Neandertaler (Homo neanderthalensis), der vor 150 Jahrtausenden aus dem Dunkel der Prähistorie trat, zunächst zwar ebenfalls noch günstige Klimaverhältnisse vor, mußte aber als "klassischer Neandertaler" vor etwa 80.000 Jahren aber zunehmend mit Eis und Frost kämpfen.

Feuerstelle
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Feuerstelle

Der Neandertaler (Homo neanderthalensis) lebte am Südrand der großen Eiswüsten der Würm-Eiszeit. Sein Lebensraum glich dem der heutigen Eskimos. Seine Heimat war eine öde, eisige Tundra, die nur in Südeuropa in Grassteppe und schütteres Taiga-Waldland überging. Eine solche Umwelt erforderte Anpassungsfähigkeit, um überleben zu können. So war der Neandertaler (Homo neanderthalensis), dessen geografische Verbreitung sich von Südfrankreich bis nach Sibirien, von Afrika bis in den Nahen und Fernen Osten erstreckte, ein sehr kräftiger, ungemein geschickter und listenreicher Jäger, der auch Großwild wie Höhlenbären oder den Sibirischen Steinbock (Capra sibirica) erbeuten konnte. Die Tiere lieferten ihm nicht nur energiereiche Fleischkost, sie versorgten ihn auch mit Pelzen. Einfache Fellgewänder und das wärmende Feuer, auf dem der Neandertaler auch Speisen zubereitete, schützten ihn vor Frösten, die nicht selten -40 Grad Celsius erreichten. Der Neandertaler (Homo neanderthalensis), war etwa 1,60 Meter groß, starkknochig und muskulös. Aber trotz seiner kräftigen Natur erreichte er in seiner rauhen Heimat selten mehr als das 50. Lebensjahr. 40 Prozent seiner Art starben vor dem 20., 40 Prozent zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Der harte Kampf um Leben und Tod im Alltag des Neandertalers (Homo neanderthalensis) forderte Intelligenz, und die besaß der Neandertaler (Homo neanderthalensis). Sein Gehirn war mit 1.350 bis 1.725 Kubikzentimeter ungefähr ebenso groß wie das des heutigen Menschen. Darum würde es nicht verwundern, wenn der Neandertaler (Homo neanderthalensis) bereits über den Sinn von Leben und Tod nachgedacht hätte.

Homo sapiens vor 15.000 Jahren
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Homo sapiens vor 15.000 Jahren

Er bestattete seine Toten und er gab den Verstorbenen Waffen, Geräte und Nahrung mit ins Grab. Er glaubte wohl an ein Leben nach dem Tod. Und weil solche Überlegungen abstraktes Denken voraussetzen, muß er in der Lage gewesen sein, seine Gedanken zu formulieren und eine einfache Sprache zu sprechen. Sogar erste Kunstgegenstände, kleine, einfache Statuetten, fertigte er an. Ein Zeitgenosse des Neandertalers lebte auf Java. Der Solo-Mensch. Er glich dem Neandertaler (Homo neanderthalensis) in manchem, hatte aber noch deutliche Züge des Homo erectus. Eine primitivere Schädelform, einen gröberen Körperbau und dickere Überaugenwülste als der Neandertaler (Homo neanderthalensis). Ein anderer früher Mensch, der Rhodesien-Mensch, war um die gleiche Zeit in Südafrika heimisch, wo er erst vor etwa 30.000 Jahren ausstarb. Als spätes Mitglied lebte im Mittleren Osten der Homo präsapiens oder Homo palaestinensis. Zwar noch ganz Neandertaler (Homo neanderthalensis), war der Palästina-Mensch doch schon größer und zugleich graziler. Seine Schenkelknochen waren gerader und länger, seine Stirn wölbte sich stärker, der Hinterkopf war höher und mehr gerundet und das Kinn markanter ausgeprägt als beim mitteleuropäischen Neandertaler (Homo neanderthalensis). Möglicherweise war er der Vorfahr der heutigen Mitteleuropäer, denn der europäische Neandertaler (Homo neanderthalensis) starb vor etwa 40.000 bis 35.000 Jahren aus, während um dieselbe Zeit ein Jägervolk aus dem Osten in Europa einwanderte, das sämtliche Merkmale des heutigen Homo sapiens sapiens aufwies.

Nach neuesten Erkenntnissen besiedelte der Moderne Mensch Europa schon früher als angenommen. Lange Zeit glaubten Forscher, das der Moderne Mensch erst vor etwa 40.000 Jahren nach Europa kam, als der Neandertaler schon fast ausgestorben war. Ausgrabungen und neue Studien ergaben, dass der Moderne Mensch und der Neandertaler mindestens 5.000 Jahre beide gleichzeitig auf dem Kontinent lebten. Knochen und Zähne aus Großbritannien und Italien wurden von Wissenschaftlern neu datiert. Die Messungen zeigten, dass der älteste Europäer vor rund 44.000 Jahren in Apulien im Südosten Italiens lebte, d. h. vor rund 1.500 Generationen. Zwei Milchzähne, die im Jahr 1964 in der Grotta del Cavallo in Apulien gefunden wurden, galten als Beweis für die Fortschrittlichkeit und Begabung des Neandertalers. Neben den zwei Milchzähnen fanden die Forscher in der Höhle auch Steinwerkzeuge und Muschelschmuck. Neue Studien ergaben jedoch, dass vermutlich der Moderne Mensch diese hergestellt hat. Des Weiteren untersuchten Forscher von der Universität Wien die Zähne und verglichen die Funde mit den Zähnen des Modernen Menschen und des Neandertaler. Die Ergebnisse waren verblüffend, denn beide Zähne aus der Grotta del Cavallo sind Milchzähne von Kindern, die eindeutig anatomisch dem Modernen Menschen zuzuordnen sind. Weitere Beweisstücke, unter anderem ein Unterkiefer des Modernen Menschen aus der Kent-Höhle in der englischen Grafschaft ist bis zu 10.000 Jahre älter als angenommen. Britische Forscher haben die Zähne anhand radioaktiver Substanzen auf ein Alter von rund 43.000 Jahren datiert. Die Ausgrabungen und Studien zeigten, wie schnell sich der Moderne Mensch in Europa ausgebreitet hat. Zur gleichen Zeit, als der Moderne Mensch in Süditalien Schmuck herstellte, siedelte er bereits schon in Großbritannien. <2>

Cro-Magnon-Mensch und die Geburt der Kunst

Skulptur: Cro-Magnon-Mann - Das Skelett wurde im Jahr 1868 in Les Eyzies Frankreich gefunden
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Skulptur: Cro-Magnon-Mann - Das Skelett wurde im Jahr 1868 in Les Eyzies Frankreich gefunden

Die Menschen, die vor 40 bis 35 Jahrtausenden aus dem Osten nach Europa kamen, waren große (1,70 bis 1,80 Meter), athletisch gebaute Erscheinungen mit einem hohen, kantigen, aber eher schmalen Schädel. Ihr markant ausgeprägtes Kinn lief etwas spitz zu, so dass die untere Gesichtshälfte etwas dreieckig wirkte. Die Nase war lang und schmal, die Stirn hoch gewölbt. Diese Cro-Magnon-Menschen (benannt nach dem ersten Fundort im ehemaligen Steinbruch Cro-Magnon im südfranzösischen Les-Eyzies-de-Tayac) waren ausgezeichnete Jäger. In Horden stellten sie sogar dem Mammut, dem mächtigen Höhlenbären und anderem Großwild der ausgehenden Eiszeit nach. Sie beherrschten die zusammenhängende Rede. Sie konnten deshalb gemeinsam Jagden planen und durchführen und beherrschten die freie Jagd mit Speeren, Lanzen und mächtigen Keulen, ebenso wie die Trickjagd mit sorgfältig abgedeckten Fallgruben. Ihre Werkzeuge waren nicht nur vielfältig und dem speziellen Verwendungszweck angepaßt, sondern auch äußerst präzise gearbeitet. Scharfe Speerspitzen, steinerne Messerklingen, knöcherne Harpunenköpfe mit Widerhaken, perfekte Faustkeile, Axtkluppen und Geräte verstand der Cro-Magnon-Mensch durch gezieltes Behauen und Absplittern optimal zu gestalten. Die Kunst des Werkzeugmachens vererbte sich von Generation zu Generation. Dazu gehörten auch Kenntnisse wie jene, dass sich ein im Feuer erhitzter, allmählich abkühlender Stein leichter bearbeiten ließ.

Zahlreiche Spuren der Cro-Magnon-Menschen in ganz Europa weisen auf einen ausgeprägten Jagdzauber hin. Aus Ton wurden Tierfiguren hergestellt und stellvertretend für das wirkliche Beutetier mit Pfeilen durchbohrt und getötet. In tiefen Höhlengängen entstanden Hunderte von Wandbildern. Geritzt, gezeichnet, gemalt. Auch ihre Bedeutung war magisch, ihre Herstellung selbst mag einer Kulthandlung geglichen haben, denn die meisten dieser Bilder finden sich weit weg vom Tageslicht in oft mehrere Hundert Meter langen Höhlengängen. Die Cro-Magnon-Menschen fertigten sie nicht selten in schwierigen Körperpositionen, etwa in einem nur 50 Zentimeter hohen Gang auf dem Rücken liegend, im Schein schwacher Tranlampen. So wurde die Kunst geboren. Zwar hatte auch der Neandertaler (Homo neanderthalensis) schon (sehr selten) primitive kleine Steinfigürchen gefertigt, der Cro-Magnon-Mensch aber entwickelte eine Reihe ausgefeilter Techniken. Vor fast 40.000 Jahren punzte er die ersten Umrisse einer menschlichen Hand in eine Felswand von Bara-Bahau, einer südfranzösischen Höhle. In Les Combarelles, einer anderen benachbarten Höhle, ritzte er Hunderte von Tierfiguren und auch einige Menschendarstellungen in den Stein. In der Höhle von Rouffignac, in Font-de-Gaume und anderenorts zeichnete er Tiere mit Stiften aus Manganoxid. In Niaux, im berühmten nordspanischen Altamira und in der nicht minder bekannten französischen Höhle von Lascaux schuf er polychrome Kunstwerke von beeindruckender Ausdruckskraft. Als Farben benutzte er Erdpigmente, Metalloxide, die er rein oder mit Wasser und tierischen Fetten anrührte. Er trug sie mit der Hand auf und mit Pinseln aus Knochenröhren, in denen Tierhaarbüschel staken. Er beherrschte sogar die Spritztechnik. Durch dünne Röhrenknochen blies er Farbpulver auf die feuchte Höhlenwand. Das Wasser band den Farbstaub und das in diesem Sickerwasser gelöste Kalzit, das sich im Lauf der Zeit als Kalksinter an den Wänden niederschlug konservierte die Kunstwerke.

Wandmalereien
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Wandmalereien

Der Cro-Magnon-Mensch gravierte, zeichnete und malte nicht nur, er arbeitete auch dreidimensional. In manchen Höhlen fanden sich Halbreliefs von Tierköpfen oder fast freistehende Skulpturen von Tieren. Bekannt sind die beiden etwa meterhohen Bisons aus dem Tuc d'Audoubert. Kleine Figuren formte er aus Lehm und zerstoßenen Tierknochen, einer Masse, die er durch Brennen härtete. Im Lager der Mammut-Jäger von Dolní Vestonice in Mähren benutzten Cro-Magnon-Menschen den ältesten bekannten Keramik-Brennofen der Welt. Während die berühmtesten Höhlenmalereien in der Zeit vor rund 15.000 bis 10.000 Jahren (Stilepoche des "Magdalénien") fielen, traten künstlerisch ausgereifte Kleinplastiken schon weit früher auf. Etwa 25 Jahrtausende alt ist der nur 3,5 Zentimeter große Kopf der "Dame von Brassempouy" ("Périgordien"-Stil) aus Westfrankreich, ein altsteinzeitliches Meisterwerk aus Mammut-Elfenbein von großer Ausdruckskraft. Ebenso alt sind die sogenannten Venusfiguren, kleine, zwischen 10 und 15 Zentimeter große Frauenstatuetten von meist großer Körperfülle (zum Beispiel "Venus von Willendorf" aus Willendorf bei Krems an der Donau). Gesichter und Gliedmaßen waren bei diesen Figürchen kaum ausgearbeitet, den Künstlern ging es um die (anonymen) weiblichen Attribute Brust und Becken. So mögen die Venus-Statuetten Fruchtbarkeistsymbole gewesen sein, vielleicht auch einfach eine Ehrerbietung gegenüber der Frau und Mutter, denn die Mutter spielte eine überragende Rolle in der Gesellschaft des Cro-Magnon-Menschen, die nach den Gesetzen des Matriarchats aufgebaut war. Die mütterliche Linie bestimmte die Stammeszugehörigkeit und die Stammesgesellschaften führten sich auf eine Urmutter zurück, die sie verehrten.

Walleroo mit einem Speer im Rücken
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Walleroo mit einem Speer im Rücken

Die Cro-Magnon-Menschen huldigten auch einem ausgeprägten Totenkult. Weil sie Künstler waren, gaben sie ihren Verstorbenen neben Gebrauchsgegenständenwie Fellkleidern, Waffen und Proviant auch sorgfältig gearbeiteten Schmuck (wohl Talismane) mit auf die letzte, große Reise. Der auf diese Weise für das Jenseits gerüstete Tote wurde häufig mit roter Erde bestäubt, bevor man sein Grab schloß. In manchen Fällen waren die Toten reich geschmückt worden. Ketten von Muscheln und durchbohrten Zähnen dienten als besondere Grabbeigaben. Die Bestattungsriten schlossen die Beigabe von nützlichen und schönen Geräten ebenso ein wie Haarnetze und Ringe an Armen und Händen. Flache Steine wurden zum Schutz des Toten über das Gesicht geschichtet. Die Verstorbenen lagen in einer extremen Hockstellung in ihren Gräbern, häufig berührten die Kniee das Kinn. Der Cro-Magnon-Jäger lebte in Horden von 15 bis 30 Mitgliedern und errichtete erstmals in der Geschichte Siedlungen. Seine Behausungen waren unter Felsüberhängen (Abris) und Höhleneingängen angelegt. Die Behausungen lagen fast immer an den windgeschützten, sonnigen Südhängen. In den geschützten Grotten war der Fußboden oft mit einem Pflaster aus Steinquadern befestigt, um den Boden gegen Feuchtigkeit zu isolieren. Der Cro-Magnon-Mensch kannte ebenfalls bereits feste Zelte aus Häuten und Fällen. In Osteuropa kamen auch tief aus dem Erdreich gearbeitete Wohngruben vor.

Die Besiedlung Amerikas

Tanz-Szene
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Tanz-Szene

Vor etwa 40 Jahrtausenden zogen Zeitgenossen des frühen europäischen Cro-Magnon-Menschen, die auf derselben Entwicklungsstufe standen wie dieser, durch Asien. Rassisch unterschieden sie sich ein wenig, so wie sich heute Menschenrassen der Art Homo sapiens sapiens voneinander unterscheiden. Ob die unterschiedlichen Altsteinzeitrassen sich schon seit der Zeit des Homo erectus in den verschiedenen Gebieten der Welt unterschiedlich entwickelt haben oder auf einen gemeinsamen ersten Homo sapiens zurückgehen, ist unsicher. Als gesichert gilt, dass mongolische Homo-sapiens-sapiens-Rassen vor etwa 40 Jahrtausenden von Ostsibirien über die Behringstraße (damals noch eine Landbrücke) nach Alaska vordrangen, von dort als Jäger und Sammler ihren Weg nach Süden nahmen und bald das Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten bevölkerten. Fest steht auch, dass es vor ihnen niemals Menschen oder dem Menschen nahestehende Primaten auf dem amerikanischen Doppelkontinent gegeben hat. Ob die Steinzeitindianer - und damit alle amerikanischen Indianer - von nur einer einzigen asiatischen Rasse abstammen oder von mehreren verschiedenen, die im Lauf der Jahrtausende den Weg nach Asien in die Neue Welt gefunden haben, ist unsicher. Auf jeden Fall nahmen die Einwanderer aus Asien ihre neue Heimat von Norden nach Süden nach und nach in Besitz. Die heutigen Vereinigten Staaten waren schon vor 40.000 Jahren besiedelt. In Mexiko erschienen die ersten Jäger und Sammler der Altsteinzeit wesentlich später. Die frühesten Funde deuten hier auf ein Alter von wenig mehr als 25 Jahrtausenden. Noch später drangen Steinzeithorden in das südliche Amerika vor. Ihre ältesten Spuren im heutigen Venezuela stammen aus der Zeit vor 14.000 bis 12.000 Jahren. In allen anderen Teilen Südamerikas fielen Anzeichen menschlicher Besiedlung erst in die vergangenen zehn Jahrtausende.

Die Neolithische Revolution

10.000 bis 3.000 v. Chr.

Fortschritt durch Ackerbau

Skulptur aus der Jungsteinzeit, etwa 8.000 bis 5.000 v. Chr. - Neolithischer Mann aus Spiennes Belgien. Spiennes ist besonders für seine neolithischen Feuersteinminen bekannt.
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Skulptur aus der Jungsteinzeit, etwa 8.000 bis 5.000 v. Chr. - Neolithischer Mann aus Spiennes Belgien. Spiennes ist besonders für seine neolithischen Feuersteinminen bekannt.

Ackerbau, so lautet das Stichwort für die revolutionären Neuerungen der menschlichen Entwicklung in der Zeit zwischen 10.000 und 3.000 v. Chr., die als Neolithikum, Neusteinzeit, bezeichnet wird. Archäologische Funde belegen, dass es zwei grundsätzlich verschiedene Steinzeiten gegeben hat. Auf einen ersten Abschnitt mit dem Gebrauch beschlagener Steine, vom ersten Auftauchen des Menschen bis etwa 10.000 v. Chr., folgte ein zweiter Abschnitt der geschliffenen Steine sowie des beginnenden Metallgebrauchs zwischen 10.000 und 3.000 v. Chr. Der britische Forscher John Lubbock prägte 1865 für die erste Zeit den Begriff "Paläolithikum" (Altsteinzeit, griechisch: palaios=alt und lithos=Stein), für die zweite Periode dagegen "Neolithikum" (Neusteinzeit, neos=neu). Seit 1892 wurde für die Übergangszeit um 10.000 bis 9.000 v. Chr. das Wort "Mesolithikum" (Mittelsteinzeit, mesos=mittel), genutzt. Die grundlegende Neuerung, der Ackerbau, führte zu solch gewaltigen Veränderungen, dass von einer "Neolithischen Revolution" des Menschen gesprochen wird. Der gezielte Anbau von Pflanzen ist die Vorbedingung komplexer Sozialformen bis hin zu den um 3.000 v. Chr. entstehenden ersten Hochkulturen und bedingt ebenso die Fortsetzung der biologischen Evolution des Menschen auf geistigem Gebiet.

Mit dem Ackerbau gelang es dem Menschen des Neolithikums erstmals, ihre natürliche Umwelt den eigenen, menschlichen Bedürfnissen anzupassen und für ihre Zwecke zu verändern. Die Jäger und Sammler der Altsteinzeit waren wegen ihrer rein aufnehmenden und aneignenden Wirtschaftsform durch eine vollständig Naturverbundenheit und -abhängigkeit gekennzeichnet. Im Neolithikum dagegen begann der Mensch zu produzieren. Die Errungenschaften der neuen Wirtschaftsform, der Überschuß an Nahrungsmitteln, die Entwicklung neuer Techniken und die Ausbildung fester Siedlungen ermöglichten den Menschen eine relative Unabhängigkeit von den Zufällen und Bedrohungen der natürlichen Umwelt. Gleichzeitig veränderte die gezielte Verwirklichung menschlicher Zwecke in der Natur das Bewußtsein der Menschen. An die Stelle völliger Naturverfallenheit trat das Erlebnis eines selbständigen Individuums gegenüber den natürlichen Abläufen und Mächten. Der Zeitraum der Neolithischen Revolution, etwa sieben Jahrtausende menschlicher Geschichte, war in materieller und geistiger Hinsicht die Vorstufe aller Hochkulturen in Mesopotamien, Ägypten, China, Japan und Altamerika. Die prinzipielle Umgestaltung des menschlichen Wesens in seinen technischen, künstlerischen und religiösen Aspekten fand mit der Entstehung der Schriftsprache, dem deutlichsten Kennzeichen einer Hochkultur, die erstmals in Mesopotamien und Ägypten um 3.000 aufkam, ihren vorläufigen Höhepunkt. Aufzeichnungen wurden notwendig, als der einfache Vorgang des Aussäens von Weizenkörnern gesteuert werden mußte.

Voraussetzungen des Ackerbaus

Ein Stein mit Triple-Spiralen eines alten neolithischen Grabes der Megalithanlage von Newgrange in Irland
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Ein Stein mit Triple-Spiralen eines alten neolithischen Grabes der Megalithanlage von Newgrange in Irland

Am Ende der Altsteinzeit umfaßte der Lebensraum der Menschheit fast den gesamten mit Vegetation bedeckten Erdkreis, abgesehen von den unwirtschaftlichen Polargebieten und einigen Inseln der Südsee. Die neue Zeit des Ackerbaus begann wegen der eiszeitlichen Vergletscherung nicht gleichzeitig auf der ganzen Erde, sondern zeitlich versetzt. Das Abschmelzen des Eises, das Ende des Paläolithikums, dauerte Jahrtausende. Nachdem es an den Randgebieten um 10.000 begonnen hatte, war die Vergletscherung erst 2.000 Jahre später bis Mittel- und Nordeuropa zurückgegangen. Um 6.000 war Skandinavien weitgehend eisfrei. Die Grenze der baumlosen Tundra verschob sich ebenfalls nach Norden, ihr folgten zunächst Nadelholz- und danach Laubholzwälder. Dementsprechend lag das Kerngebiet der Neolithischen Revolution an den Randbereichen des Eises im Vorderen Orient, in Mesopotamien, Ägypten und am östlichen Mittelmeer. Der erste Ackerbau begann um 8.000 im Nahen Osten, im Gebiet des "Fruchtbaren Halbmondes", jenen hügeligen Ausläufern des Sagros- und Taurus-Gebirges, die im Halbkreis das Zweistromland der Euphrat- und Trigris-Ebene umfassen. Nahezu gleichzeitig wurde der gezielte Anbau von Feldfrüchten an mindestens drei weiteren Gegenden der Welt unabhängig voneinander entwickelt, in Ostasien, in Mexiko und Peru.

 Wildschwein (Sus scrofa)
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Wildschwein (Sus scrofa)

Als Grund für die Entstehung des Ackerbaus führte der britische Wissenschaftler Gordon Childe dramatische Klimaveränderungen nach der letzten Eiszeit an, die zu einem stärkeren Zusammenrücken größerer Menschengruppen in den noch bewohnbaren, d. h. nicht ausgetrockneten und verödeten Gegenden geführt haben sollen, so zum Beispiel im ägyptischen Niltal um 4.500 v. Chr. Die Bevölkerungsballung und die Nahrungsknappheit hätten die Menschen zum Ackerbau gezwungen. Neuere Untersuchungen, so die Arbeit von Robert J. Braidwood (1960), zeigen jedoch, dass die klimatischen Veränderungen nicht so tiefgreifend waren, wie bisher angenommen wurde. Nach seiner Theorie entwickelte sich der Ackerbau in günstigen Gegenden, wo Menschen, Tiere und Pflanzen seit längerem dauerhaft beieinander lebten. Die Menschen der Altsteinzeit waren bis an die Grenzen ihrer geistigen und physischen Errungenschaften innerhalb der Stammesverbände gelangt. Zu ihren Errungenschaften zählten umfassende Kenntnisse über verfügbare Materialien zur Herstellung von Werkzeug, Waffen, Unterkunft, Kleidung und Gefäßen. Diese Fähigkeiten gingen mit einer Veränderung der Nahrungsquellen einher. Die Techniken der Jagd wandelten sich ebenfalls. An die Stelle der bisherigen Beutetiere, Mammut (Mammuthus) und Rentier (Rangifer tarandus), war eine Vielzahl kleinerer Arten, Auerochse (Bos primigenius), Wildschwein (Sus scrofa), Hirsch (Cervidae), Reh (Capreolus capreolus) und Elch (Alces alces), getreten.

Die Verschiedenartigkeit der neuen Beutetiere, deren Wanderung man nicht mehr einfach folgen konnte, weil sie sich weitgehend beständig in einem Gebiet aufhielten, verlangte eine genaue Kenntnis des tierischen Verhaltens und auch der anderen Nahrung, wie sie ein Gebiet bot.
Wildweizen (Triticum tauschii)
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Wildweizen (Triticum tauschii)
Durch die Erweiterung des Nahrungsmittelspektrums lernten die Jäger und Sammler ihre nähere Umgebung immer deutlicher kennen, so dass ihnen ein immer größeres Angebot pflanzlicher und tierischer Nahrung zur Verfügung stand. Die so spezialisierten Sammler konnten in Gegenden mit reichlichen Nahrungsquellen mehr oder weniger seßhaft werden. Die Lagerung der überschüssigen Lebensmittel erforderte wiederum größere Gefäße, die nur schwer transportierbar waren. Im Bereich des "Fruchtbaren Halbmondes" wuchs ein Gras, dessen Samen sehr groß und leicht abzuernten waren, der Wildweizen (Triticum tauschii), der zur wichtigsten Kulturpflanze der westlichen Welt werden sollte. So begann der Prozeß der Domestikation, d. h. der Umwandlung einer Wildform in eine andersgeartete, den menschlichen Bedürfnissen angepaßte Kulturform dort, wo das ergiebige Gras in flächendeckenden, geschlossenen Verbänden wuchs. Dieser Wildweizen wuchs so dicht, dass, wie Versuche des Agronomie-Wissenschaftlers Jack R. Harlan zeigten, mit bloßen Händen und noch besser mit den steinzeitlichen Werkzeugen innerhalb der dreiwöchigen Reifezeit von einer Familie vorgeschichtlicher Sammler mehr geerntet werden konnte, als sie in einem Jahr verbrauchten.

Unbewußter Prozess der Domestikation

Die ersten von Mensch ausgesäten Feldfrüchte waren verschiedene Arten des Weizens und der Gerste, so die zweizeilige Gerste und Einkorn bzw. Emmerweizen. Die domestizierten Formen der Pflanzen unterschieden sich deutlich von der Wildform, beim Weizen so stark, dass die kultivierte Pflanze ohne den Menschen nicht mehr existieren könnte. Diese Veränderungen in der Nahrungsquelle beruhten nicht auf einem gezielten Eingriff, sondern auf einem Prozeß der Anpassung und unbewußten Auslese, wie sie von den Sammlern des Neolithikums betrieben wurde. Wildweizen besitzt die natürliche Eigenschaft, dass die reifen Ähren sich spalten und die Körner herabfallen. Mit Hilfe eines langen rauhen Haares fliegen die Samen weit von der Mutterpflanze fort und sitzen dann nach der Landung relativ fest im Boden. Diese Eigenschaft aller wildwachsenden Gräser garantiert einen selbsttätigen Pflanzenmechanismus. Was in der Natur ein sinnvoller Vorgang ist, geriet dem ersten Sammler von Wildweizen zum Nachteil, denn der Samenflug verringerte die Ernte. Entweder mußte unreifes Getreide gesammelt werden oder es ergaben sich während der Reifezeit große Verluste. Aber gerade diese ungünstige Konstellation führte zur Kulturpflanze. Die Domestikation gründete sich auf untypische Abweichungen von der normalen Pflanze. Zahlreiche Weizenpflanzen konnten wegen genetischer Defekte ihre Ähren nicht ausstreuen und sich nicht vermehren. Darum wurden gerade diese Körner zur Reifezeit in größerer Menge als die normalen gewonnen. Gegen Ende der Erntezeit dürften nur noch abweichende Pflanzen Samen getragen haben. Beim Einbringen der Ernte in das Dorf ging vermutlich viel von ihr verloren. Die Samen fielen unter Umständen auf günstigen Boden, zumal die ersten Siedlungen immer in der Nähe von Wasserstellenund in beträchtlicher Entfernung von den im hügeligen Gelände wachsenden Wildformen standen. Die im folgenden Jahr austreibenden Pflanzen waren in der Mehrzahl von der nicht streuenden Art und standen näher am Dorf, wurden also bevorzugt geerntet. Die ständige Wiederholung dieser unbewußten Auslese führte schließlich zu immer größeren und ergiebigeren Weizefeldern in der Nähe des Dorfes. Die gleiche Veränderung hin zur nicht streuenden Form vollzog sich bei allen Pflanzen, die der Mensch sammelte. Der entscheidende Schritt zu wirklichem Ackerbau erfolgte dann mit dem Aufbewahren und planmäßigen Aussäen der kostbaren Körner.

Wildreis (Zizania aquatica)
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Wildreis (Zizania aquatica)

Die erste Pflanze, die um 4.000 v. Chr. in China domestiziert wurde, war Hirse. Ihre Wildform wuchs am Mittellauf des Hoangho in einem Gebiet ohne Wald, aber mit einem fruchtbaren Lößboden. Bereits um 4.000 wurde in den Dörfern Nordchinas Kolbenhirse angebaut. Die Dörfer selbst, so zum Beispiel Pan-P'o, erreichten eine beträchtliche Größe (etwa 600 Einwohner). Die üblichen Lehmflechtbauten waren von einem Ringgraben geschützt und zahlreiche Vorratskammern deuten auf eine hoch entwickelte Landwirtschaft hin. Die heute wichtigste Kulturpflanze Chinas, der Reis, dessen Wildform im subtropischen Klima Südchinas wuchs, wurde um 3.000 v. Chr. domestiziert. Noch früheren Ackerbau gab es in Südostasien. In Thailand fanden sich domestizierte Ackerbohnen und eine Erbsenart aus der Zeit um 7.000 v. Chr. Reisanbau wurde vermutlich schon Jahrtausende vor der chinesischen Kultivierung betrieben. Gleichzeitig begann der Ackerbau in Mexiko und Peru. Mexiko besaß äußerst günstige Voraussetzungen, weil das Land die unterschiedlichsten Wachstumsbedingungen aufwies und die Vielfalt der Bodenbeschaffenheit eine ebensolche Vielfalt genießbarer Wildpflanzen garantierte. Diese wuchsen jedoch nicht, wie im Nahen Osten, in flächendeckenden Verbänden, so dass sich die seßhafte Lebensweise erst sehr spät durchsetzte. Die ersten Hochkulturen entstanden rund 2.000 Jahre später als in Mesopotamien (um 1.000 v. Chr.). Die wichtigste Nahrungsmittelpflanze Mittelamerikas, die zur Grundlage der indianischen Maya- und Azteken-Kulturen wurde, war der Mais. Die ältesten Funde stammen aus der Zeit zwischen 5.200 bis 3.400 v. Chr. Noch früher wurden Kürbis und Bohnen domestiziert. Die ältesten Funde neolithischen Ackerbaus in Amerika fanden sich in Höhlen am Gold von Mexiko, südlich des Rio Grande (um 7.000 v. Chr.).

Das Hochland Perus, mit seinem Wasser- und Wildreichtum war vermutlich bereits um 15.000 von Jägern und Sammlern besiedelt. Die ältesten Funde des gezielten Anbaus ließen sich auf etwa 5.600 datieren. Die pazifischen Küstenregionen boten wegen ihrer klimatischen Besonderheiten recht ungünstige Voraussetzungen zum Ackerbau, einzig Kürbis gedieh. Der systematische Anbau erfolgte dort erst 2.500, nachdem die Techniken und Pflanzen vom Hochland an die Küste gelangt waren. So wurden bald in allen Teilen der alten Welt Weizen, Gerste, Hafer, Linsen und Erbsen angebaut. In Amerika waren es Kürbis, Avocado, Bohnen und Mais. In Ostasien Mandeln, Bohnen, Betelnüsse, Gurken, Erbsen, Weizen und Hirse, die in China bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. wichtiger als Reis war. Durch das nun ausreichende Nahrungsangebot, weniger Jagdunfälle und besonders wegen des Rückgangs der Kindestötungen, die bei den nomadisierenden Jägern überlebensnotwendig waren, kam es zu einem bedeutenden Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerzahl einer Ansiedlung überstieg bald die Möglichkeiten der Ernährung in einer Region, so dass einzelne Gruppen abwanderten, nachdem sie ein geeignetes Gelände für eine Neugründung gefunden hatten. Der Ackerbau trieb entscheidend die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten voran und wurde somit zur Grundlage der Zivilisation.

Tierzucht

In ähnlicher Weise wie bei den Pflanzen verlief die Domestikation der Tiere, obwohl hier die bewußte Steuerung durch die Menschen den Vorrang hatte. Gewisse Grundsätze zur Züchtung mußten den Menschen der Altsteinzeit bereits bekannt gewesen sein, denn man tötete nicht die besten Tiere, sondern ließ sie zum Zweck der Arterhaltung am Leben. Verbesserte Jagdtechniken, so das Treiben ganzer Herden in Pferche, wo sie leichter zu töten waren, leitete schließlich zur Haustierhaltung über. Die ersten Haustiere, Ziege und Schaf in Persien und Anatolien um 7.000 v. Chr., hatten zudem den Vorteil, dass sie Herdentiere waren, also einem Leittier folgten. Allmählich ersetzte die menschliche Auslese zugunsten ergiebiger und gefügiger Tiere die natürliche Zuchtwahl. Funde im Ort Ali Kosch im heutigen Iran, nördliche des Persischen Golf, zeugen von domestizierten Ziegen und Schafen aus der Zeit um 6.500 v. Chr. Beide wurden nicht nur als Schlachttiere, sondern auch wegen ihrer Wolle und Milch gehalten. Schweine, um 6.000 domestiziert, spielten wegen ihrer anspruchsvollen Nahrung und ihrer Eigenschaft als Krankheitsüberträger kaum eine Rolle. Eine eher kultische Bedeutung als Symbol von Männlichkeit und Kraft in den Regionen des Nahen Ostens besaßen die Auerochsen. Vermutlich um 15.000 war bereits der Hund zum Haustier geworden, jedoch nicht zu Nahrungs-, sondern zu Jagdzwecken.


Domestizierte Säugetiere zwischen 10.000 und 3.000 v. Chr. (nach Frederick Everard Zeuner, 1963):


Tierart Zeit Ort der Züchtung Verwendung
Rentier 10.000 v. Chr. Nördliches Eurasien Zugtier, Fleisch
Ziege 7.000 v. Chr. Persien, Anatolien Fleisch, Milch, Fell, Haar
Schaf 6.500 v. Chr. Steppe am Kaspischen Meer Fleisch, Milch, Wolle
Rind 6.000 v. Chr. Anatolien (Industal, um 2.500 v. Chr.) Fleisch, Milch, Zugtier
Schwein 6.000 v. Chr. Anatolien Fleisch, Haut
Esel 4.000 v. Chr. Ägypten Zugtier, Reittier, Milch
Halbesel 3.000 v. Chr. Sumer Zugtier


Während des Prozesses der Domestikation paßten Pflanzen und Tiere sich dem Menschen und seinen Zwecken ebenso an wie der Mensch sich den eigenen Kulturprodukten. Der Zeit der Jäger und Sammler folgte der erste Anbau von Feldfrüchten. Mit der Tierzucht begann eine Zeit der vermischten Landwirtschaft sowie darauffolgend eine Aufspaltung der menschlichen Verbände in Ackerbauern und Viehzüchter mit jeweils unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen. Innerhalb der bäuerlichen Kulturen entwickelten sich die Techniken und ersten Gefüge menschlicher Gemeinschaften, die zu den frühen Hochkulturen führten. Die Überschüsse der Landwirtschaft erlaubten die Spezialisierung von einzelnen Tätigkeiten und die Arbeitsteilung zur Durchführung umfangreicher Aufgaben, zu denen einzelne Familien oder Jagdverbände nicht fähig gewesen wären, so die Intensivierung der Landwirtschaft durch Bewässerungsanlagen, den Bau von Verteidigungsanlagen und die Unterhaltung eigenständiger Gruppen von Priestern und Kriegern.

Haus, Dorf und Stadt

Aus den alten Jagd- und Lagerverbänden der Altsteinzeit entwickelten sich Bauerndörfer als neue Siedlungseinheiten unabhängig voneinander in den verschiedensten Teilen der Welt. Die Anfäng lagen wiederum im Nahen Osten um 7.000 v. Chr. In den voll ausgeprägten neolithischen Kulturen erreichten die Dörfer und Städte eine beträchtliche Größe. Sie umfaßten mehrere hundert bis zu tausenden von Einwohnern.


Siedlungsgröße des Neolithikums (nach Lewis Mumford):

Zeit Platz Gebiet Bevölkerung Fläche in Hektar
7.000 v. Chr. Jarmo Kurdistan 150 1,5
6.000 v. Chr. Chatal Hüyük Anatolien 2.000 13,0
6.000 v. Chr. Jericho Palästina 2.000 3,2
5.500 v. Chr. Khirokitia Zypern 1.500 6,0
2.800 v. Chr. Alt-Ur Sumer 34.000 89,0


Die ersten Häuser der seßhaft gewordenen Menschen waren Rundbauten, die auf die stets kurzfristig genutzten Behausungen der Jäger- und Sammler-Verbände zurückgingen. Auf einem kreisrunden Fundament stand ein Gerüst aus Stangen, die mit Häuten oder Stroh bedeckt wurden. Bald entwickelten die Bewohner der ersten dauerhaften Plätze Lehmbauten. Nachdem sie zunächst nur aus Lehm bestanden, wurden sie später auf einen festen Steinsockel gestellt. Weil man bei der Neuanlage verfallener oder abgebrannter Häuser den Lehm an Ort und Stelle immer wieder planierte, so dass der Sockel des alten Hauses stets bedeckt wurde, entstanden die typischen Siedlungshügel (Tells), auf denen auch heute noch Dörfer stehen. Die Tells erreichten Höhen von bis zu 20 Meter. Neben runden Bauten kamen zunehmend rechteckige auf, die den architektonischen Vorteil besaßen, die Wohnfläche durch Anbauten beliebig vergrößern zu können.
Eine jungsteinzeitliche Siedlung in Skara Brae auf den Orkney an der Westküste der Hauptinsel Mainland
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Eine jungsteinzeitliche Siedlung in Skara Brae auf den Orkney an der Westküste der Hauptinsel Mainland
Die Türen lagen zumeist nicht ebenerdig, sondern erhöht, manchmal existierte nur eine Öffnung im Flachdachals einziger Zugang, der über eine hölzerne Treppe erreichbar war. Fußböden und Wände waren mit Gips oder Stampflehme weiß verputzt und trugen nicht selten eine Verzierung mi roten Streifen oder anderen Malereien. Die Bewohner benutzten gewebte Matten oder erhöhte Bänke Schlafstellen sowie besonders abgetrennte Kochstellen. Bereits in den ältesten Phasen waren die Orte mit Befestigungsanlagen versehen. Gewöhnlich umgab ein breiter Graben und eine wallartige Aufschüttung das Dorf. Eine der bedeutendsten Befestigungsanlagen besaß das frühgeschichtliche Jericho. Eine mehrfach erneuerte, aus übereinander geschichteten Steinen errichtete Mauer, die 1,75 Meter breit und 3,0 Meter hoch war, besaß eine Erdaufschüttung im Innern und einen 3,0 Meter tiefen, zum Teil 9,0 Meter breiten Graben nach außen. Ein kegelförmiger Turm von 9,0 Meter Höhe und 9,0 Meter unterer Breite lehnte an der Mauer.

In späterer Zeit wurden die aus Stein, Holz und luftgetrockneten Ziegeln errichteten Häuser zweigeschossig und mehrräumig, während die Rundbauweise für die zahlreichen Getreidespeicher beibehalten wurde. Die Existenz uneinheitlicher und verschieden großer Häuser deutet auf beginnende soziale Unterschiede in der Bevölkerung hin. In Asien wandten die Siedler bis ins Industal die mesopotamische Bauweise an. In China dagegen gab es ebenfalls runde neben rechteckigen Gebäuden, deren Wände jedoch zur Mitte geneigt waren und in ein kuppelförmiges Dach übergingen. Die Siedlungen im südlichen Europa lagen meist auf Anhöhen und wurden ebenfalls durch Wälle und Gräben geschützt. Vorherrschend waren rechteckige Einzelhäuser von beträchtlicher Größe. Je weiter die Ackerbau-Kulturen nach Norden vordrangen, desto deutlicher wurde die Tendenz zu sehr großen zum Teil einzeln stehenden Gebäuden, die trapezförmig angelegt waren. Die Bauern in Nord- und Mitteleuropa lebten in Dörfern mit bis zu 300 Einwohnern. Ihre hölzernen Langhäuser erreichten eine Länge von 30,0 bis 45,0 Meter (maximal 65,0 Meter) und eine Breite von 6,0 bis 7,0 Meter. Die steilen Binsendächer wurden von Wänden aus schweren Eichenbalken getragen, die eine Füllung aus lehmbeworfenem Flechtwerk besaßen. Im Innenraum diente eine erhöhte Fläche als Kornspeicher. Mehrere durch Wände abgetrennte Stallanlagen für die Haustiere beanspruchten eine Seite des Hauses, während ein Mittelraum von einer Gruppe engverwandter Familien bewohnt wurde. In der Mitte des Dorfes befand sich ein großes Langhaus für Versammlungen.

Soziale Verhältnisse, Besitz und Krieg

Wandmalerei aus der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum - Zeitabschnitt zwischen der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit)
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Wandmalerei aus der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum - Zeitabschnitt zwischen der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit)

An die Stelle der altsteinzeitlichen Jagdverbände, die aus Einzelfamilien bestanden und nur selten mehr als einige Dutzend Mitglieder umfaßten, traten die Bauerndörfer mit einem differenzierten Sozialsystem, das sich von einer ursprünglich egalitären Gesellschaft zu immer größeren Gemeinschaften und sozialen Schichtungen entwickelte. Die frühen Grabbeigaben zeugen von einer weitgehenden Gleichberechtigung innerhalb der Siedlung und der Geschlechter untereinander. Auch Kinder wurden als vollwertige Mitglieder behandelt. Das gemeinschaftlich-genossenschaftliche Moment trat durch die gmeinsamen und nicht differenzierten Arbeiten im Ackerbau und der Bewässerungstecnik besonders hervor. Gleichwohl begannen erste Spezialisierungen. Steinbearbeitung, Keramik- und Metallherstellung wurden von einzelnen Handwerkern betrieben, während andere für die Nahrungsmittel sorgten. Eine Besonderheit der Sozialstruktur zeigen die mitteleuropäischen Großbauten, die gewöhnlich so weit voneinander entfernt lagen, dass man von Einzelgehöften sprechen kann. Etwa 30 bis 60 Personen dürften ein Gehöft bewohnt haben, die bei der Erbauung, Feldbestellung und dem Leben an einem Herd als Gemeinschaft handelten. Der Siedlungsverband bildete wahrscheinlich eine blutsverwandte Großfamilie, in der Privateigentum an Land, das es ohnehin ausreichend gab, nicht bekannt war. Die extremste Veränderung des Sozialverhaltens gegenüber den altsteinzeitlichen Gruppen war die Einbeziehung eines regulären Krieges als ein bestimmender Faktor im Leben der Siedlungen untereinander. Zwar waren auch bei den Jägern und Sammlern Gewalttätigkeit und Rivalität vorgekommen, doch führte erst der dauerhafte Besitz, dessen Erwerb, Vermehrung und Verteidigung zur Ausbreitung einer spezifisch kriegerischen Gesinnung. Ganz im Gegensatz zur Altsteinzeit wurde die Darstellung kriegerischer Aktionen bald zu einem beherrschenden Thema der Kunst.

Erstmals fertigten die Handwerker Waffen und technische Neuerungen für den Kampf gegen Menschen an. Dementsprechend veränderten sich die Grabbeigaben, so dass Männer häufiger, besonders, wenn es sich um große Krieger handelte, mit Waffen begraben wurden. Um 3.000 v. Chr. begann als tiefgreifende Veränderung des sozialen Lebens die Entwicklung des Herrscheramtes (Königtum). In Ägypten vergrößerte sich der Absand des Herrschers von der übrigen Gesellschaft. Der König - bisher nur ein reicher und mächtiger Mann in einer herausgehobenen sozialen Position - wurde in einen göttlichen Bereich entrückt. Eine prinzipielle, religiös bedingte Kluft trennte ihn von den übrigen Menschen. Aus der Struktur ehemals gleichberechtigten Zusammenlebens entstand durch die Vermischung von religiöser und politischer Macht ein absoluter Königs- und Beamtenstaat. In Mesopotamien entwickelte sich das Königtum gleichzeitig im Rahmen der "Sumerischen Tempelstadt" auf Betreiben der Priesterschaft, die nicht nur die kultischen Handlungen, sondern gleichfalls das wirtschaftliche Leben, die Bewässerungsorganisation und die zentralen Getreidespeicher kontrollierte. Weil sich im Prinzip sämtliches Land einer Stadt im Besitz der Stadtgottheit befand und sich die gesamte Verwaltung, Wirtschaft und Kultur auf den Tempel bezog, konnte die Priesterschaft einen König als irdischer Vertreter der Gottheit hervorbringen, jedoch nicht, wie in Ägypten, als Gott selbst. Mit dem Beginn des Königtums lebte die Bevölkerung in einer gestaffelten Abhängigkeit zum Herrscher. Die Überschwemmungen der großen Flüsse bildeten den Reichtum und den Zwang zur Gemeinschaftsarbeit, die zur natürlichen Voraussetzung einer Sozialordnung wurden. Der Ackerbau führte zu größeren Gemeinschaften, aus denen bei zunehmendem Reichtum als Schutz und Expansionsbasis die großen Städte hervorgingen. Aus den funktionalen Einheiten verschiedeneer Spezialisten erwuchsen die Priester, Handwerker, Händler, Arbeiter und Bauern, die sich bald in Adel, Freie und Sklaven gliederten.

Religiöse Vorstellungen und abstrakte Kunst

Siedlung aus dem Bronzezeitalter - vor etwa 5.300 bis 3.400 Jahren
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Siedlung aus dem Bronzezeitalter - vor etwa 5.300 bis 3.400 Jahren

Die tiefgreifenden Wandlungen im Neolithikum berührten neben den Wirtschaftsformen gleichfalls die religiösen Vorstellungen und ihre Ausprägungen in der Kunst. An die Stelle einer einheitlichen, monotheistischen Vorstellung der altsteinzeitlichen Jäger und Sammler traten auf Grund der neuen Lebensweise zwei gänzlich unterschiedene Religionen. Bei den viehzüchtenden Nomaden ohne festen Wohnsitz lebte der männliche Gott der Altsteinzeit weiter, verkörpert durch die Kraft des männlichen Tieres, häufig eines Stiers. Einziger fester Ort der Hirten war die Totenstätte, die weithin sichtbar gekennzeichnet wurde. Gewaltige Steinblöcke, Menhire, markierten die kultischen Orte der Ahnenverehrung. Die Ackerbauern dagegen besaßen einen festen Wohnsitz und Land- und Gütereigentum. Das Haus, der Herd, der Same und das fruchtbare Land waren sämtlich auf eine weibliche Gottheit bezogen. Führende Symbole der Frau als Trägerin des Lebens waren die Geometrie der Raumgliederung in den vier Himmelsrichtungen, der Zyklus des Mondes und das Wasser. Statt eines männlichen Gottes existierte die Vorstellung von einer Großen Mutter, zum Beispiel Inui-Ischtar in Mesopotamien, Isis in Ägypten, in der Maske eines Dämons in China. Im Ackerbaugebiet Mexikos war es Teteoinnan, die Mutter der Götter sowie eine Maisgöttin. Ihre Symbole waren Mond, Wasser, die Schnecke, die Eule und die Schlange.

Statuetten der Großen Mutter, die den Viehzüchtern unbekannt war, standen in den Nischen wohl jedes Bauernhauses. Wie die Gottheit sich veränderte und sich von einer konkreten Gestalt löste, um als Fruchtbarkeit schlechthin, als reiner Begriff Mensch, Frau oder Leben gedacht zu werden, so löste sich die Kunst ebenfalls vom realen Gegenstand der Darstellung ab und wurde zunehmend abstrakt. Nur die Viehzüchter führten die Bilder der Eiszeit, die von der Jagd und konkreten Tieren erzählten, weiter. In den voll ausgebildeten Ackerbau-Kulturen gab es keine Darstellung, die einfach Natur wiedergab. Die Formen wandelten sich zu den geometrischen Abstraktionen des Kreises, des Ovals oder der Linie. Ebenso stellten die Figuren der weiblichen Gottheit keine wirkliche Frau dar, sondern den allgemeinen Begriff der Fortpflanzung. Die Spirale oder Zick-Zack-Linie deutete Wasser an. Das Weltall war viereckig entsprechend den Himmelsrichtungen gedacht, dreieckige Zeichen meinten die Fruchtbarkeit. So war die Ornamentik auf den Gefäßen keine einfache Verschönerung, sondern sie besaß einen eigenen, sinnhaften Wert. Schon die frühesten Stufen der neolithischen Kulturen bezeugen kultisch-ästhetische Gesichtspunkte, die über rein technische und funktionale Zweckmäßigkeit hinausgingen. So wurden die Rundbauten der frühen Siedlungen durchaus auf eine monumentale Wirkung hin gebaut. In den großen Siedlungen der Sumerer wurde die Symmetrie der Innenräume bewußt durchbrochen.

Stones of Stenness (Menhire auf den Orkney der Hauptinsel Mainland, um 2.000 v. Chr. - ein kultisches Heiligtum, dessen Zweckbestimmung nicht bekannt ist.
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Stones of Stenness (Menhire auf den Orkney der Hauptinsel Mainland, um 2.000 v. Chr. - ein kultisches Heiligtum, dessen Zweckbestimmung nicht bekannt ist.

Die plastische Kunst in Ägypten, Vorderasien, Anatolien und Europa bezog sich einheitlich auf das Motiv der fruchtbaren Frau. Auch in Asien erschienen ähnliche Statuetten eines einheitlichen Typus. In der Technik des Flachreliefs fällt besonders auf, dass in Ägypten und Mesopotamien Profile dargestellt sind, während sich in Europa nur en-face-Figuren auffinden lassen. Die Themen der Wand- und Höhlenmalerei sind abstrakte Muster und kleine, häufig als reine Silhouetten gestaltete Menschen in heftiger Bewegung, die vermutlich Kriegsszenen darstellen.

Technische Entwicklung und Erfindung der Schrift

Zu den typischen Neuschöpfungen des Neolithikums im technischen Bereich gehören eine neue Art der Steinbearbeitung der Lehm- und Steinbau, die Entwicklung der Zimmermannskunst sowie als wichtigste Neuerungen, die Töpferei einschließlich der Töpferscheibe und die Metallbearbeitung. Die Kenntnis verschiedener Steinarten führte zur neuen Technik des Schleifens und der Durchbohrung zur Herstellung von Schmuck, Messern, Gefäßen und Beilen. Die Steine wurden zunächst zugeschlagen und danach geschliffen, so dass der Schwerpunkt möglichst nahe der Schneide lag. Die kleinen Beile, die nicht mit dem ganzen Arm, sondern vom Ellenbogen aus geschwungen wurden, eigneten sich, obwohl sie häufig nachgeschliffen werden mußten, zum Baumfällen und zur Bearbeitung von Holzbalken für den Hausbau, der zunächst mit Lehmziegeln, später mit Steinblöcken betrieben wurde. Einen bedeutenden Fortschritt stellte die Töpferei dar, insofern die Menschen erstmals nicht nur die Form eines Rohstoffes, sondern das Material selbst veränderten. Der weiche Ton wurde mit Feuer zu einer harten Substanz gebrannt. Die Keramik der Bauern, die mit der beginnenden Vorratswirtschaft entstand, fertigten die ersten Töpfer zunächst mittels eines fortlaufenden Tonwulstes, den sie spiralförmig übereinander legten. Das weiche Material ließ sich zu den verschiedensten, den jeweiligen Zwecken angepaßten Formen kneten. Um 3.000 v. Chr. wurde im Nahen Osten die Töpferscheibe erfunden, die eine weitere Formenvielfalt ermöglichte.

Töpferscheibe
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Töpferscheibe

Die folgenreichste Erfindung, die Verarbeitung von Metall, begann bereits um 8.000, verbreitete sich jedoch erest 2.000 Jahren später im Iran. Erst etwa seit 4.000 stellten Handwerker metallene Werkzeuge her. Während in der Steinzeit die Fähigkeiten der Menschen, neue Geräte herzustellen, von dem Material begrenzt wurden, war mit der Erfindung des Schmelzens und des Gusses die Möglichkeit geschaffen, freie Formen zu entwerfen. Am Beginn dieser Entwicklung stand die Erfahrung, dass manche Metalle in den Töpferöfen schmolzen und sich, besonders bei leichter Erwärmung zu einem dünnen, geschliffenen Blech hämmern ließen. Um 3.000, in den Städten Mesopotamiens, blühte die Metallbearbeitung dann auf. Mittels der verlorenen Form, einer Lehmvorlage, lernte der Mensch komplizierte Metallgüsse herzustellen. Durch die Zugabe von Zinn zum gebräuchlichen Kupfer entstand eine Legierung (Bronze), die leichter zu gießen war, sich aber zu härteren Geräten verarbeiten ließ. Die technischen Entwicklungen erzeugten einen weiteren Aufschwung der Landwirtschaft, deren Überschüsse wiederum die Unterhaltung vieler Handwerker ermöglichten. Die Suche nach immer neuen Materialien intensivierte den handel im Mittelmeerraum und vergrößerte den Markt für die Erzeugnisse der Stadtstaaten.

Im Zug dieses materiellen und geistigen Fortschritts am Ende des Neolithikums begann die Entwicklung einer Schriftsprache. Zentraum waren die hoch entwickelten sumerischen Stadtstaaten, deren Priesterschaft das gesamte öffentliche Leben wirksam kontrollieren mußte. Zur Organisation der gemeinschaftlichen Bewässerung, der Nahrungsmittelabgaben und -bestände und zu kultischen Handlungen benutzten die Priester Zeichen, indem einfache Bilder von Gegenständen in feuchte Tontafeln gedrückt wurden. Nach einem Nebeneinander von naturalistischen Zeichen und Abkürzungen entwickelt sich bald eine reine Wortschrift, in der nicht der eigentliche Gegenstand, sondern sein Begriff dargestellt wurde. Nicht die Verherrlichung einzelner Taten, wie später in Ägypten, sondern rein wirtschaftliche Zwecke, wie die Erfassung von Gütern oder Arbeitsleistungen, die für den Tempeldienst erbracht wurden, sind in den ersten Schriften zu erkennen. Mit der Zeit nahm die Abstraktheit der Zeichen zu. Nicht nur ein Wort, sondern klanglich ähnliche Begriffe wurden mit einem Zeichen dargestellt. So benutzten die Sumerer für das Wort Pfeil das gleiche Zeichen wie für Leben, ein Wort, das ähnlich ausgesprochen wurde. Wo immer in der Zeit der Neolithischen Revolution zwei Kulturen, der neue Ackerbau samt seinen Entwicklungen und die altsteinzeitlichen Jäger und Sammler, zusammentrafen, wurde die ältere Lebensweise aufgegeben.

Die Expansion, durchaus im Sinn einer Kolonisierung der Alten Welt, begann im Vorderen Orient auf Grund der Bevölkerungsexplosion und des beginnenden Handels. Um 5.000 hatte sich der Ackerbau sowie die zugehörige geistige Kultur bis ins heutige Griechenland und Ungarn verbreitet. Insbesondere im bulgarischen Raum entstand eine Donau-Kultur, die nach der Art ihrer Gefäßverzierungen Bandkeramik-Kultur genannt wird. Die Kenntnisse dieser europäischen Ackerbauern breiteten sich bis an die Nordseeküste aus (um 4.000). Etwa gleichzeitig überquerten andere Gruppen das Mittelmeer und besiedelten Italien, Sizilien, Malta und Nordafrika. Um 3.500 war die Ackerbau-Kultur bis in die Norddeutsche Tiefebene und ins südliche Skandinavien vorgedrungen. Nur in den unfruchtbaren Gebieten Nordskandinaviens hielten sich noch die Jäger und Sammler. Zur Zeit der Kolonisierung Nordeuropas gab es in Mesopotamien bereits hoch organisierte Stadtstaaten mit gemeinschaftlicher Bewässerung und Landwirtschaft sowie einer geschichteten Gesellschaft von Bauern, Handwerkern, Händlern, Priestern und Königen, die sich bald zu den ersten Großreichen entwickelten.


Die Hochkulturen Mesopotamiens

3.000 bis 331 v. Chr.

Mesopotamien, Irak - Sumerer Figur, 2.750-2.600 v. Chr.
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Mesopotamien, Irak - Sumerer Figur, 2.750-2.600 v. Chr.

Das Land zwischen Euphrat und Tigris

Zwischen 3.100 und 3.000 v. Chr. entstand auf einer weitgehend kahlen Schwemmlandebene im südlichen Zweistromland (Mesopotamien) zwischen Euphrat und Tigris (südlich von Bagdad, dem zentralen Gebiet des heutigen Irak) die erste Hochkultur der Menschheit. Doch reichen ihre archäologisch nachweisbaren Wurzeln, besonders im Norden Mesopotamiens, weit in die Vorzeit zurück (etwa 7.000 v. Chr.). Später verlagerte sich der Ackerbau von den regenreichen Hängen des Sagros-Gebirges in das bei künstlicher Bewässerung fruchtbare Schwemmland des südlichen Mesopotamien. Hier entstanden im 5. Jahrtausend zahlreiche kleine Siedlungen, die sich zu den ersten Städten der Menschheit entwickelten. Der Reichtum dieses Gebietes zog in der Folgezeit immer neue Nomadenvölker an, die rasch seßhaft wurden. Die zahlreichen Einwanderungsschübe und die wechselnden Herrschaftsperioden dieser Neuankömmlinge bestimmten die Kultur und Geschichte des ganzen fruchtbaren Halbmondes, des Zweistromlandes der Euphrat- und Tigris-Ebene, für die Zeit der orientalischen Antike.

Sumer und Akkad

Mit dem Volk der Sumerer, die dem südlichen Mesopotamien den Namen Sumer gaben, ist die erste dieser Einwanderungswellen historisch erfaßbar. Zu welchem Zeitpunkt dieses Volk aus Zentralasien einwanderte, ist nicht ganz geklärt. Doch gilt als sicher, dass sie mit den Ureinwohnern dieses Raumes zu einem Volk verschmolzen und um die Wende vom 4. zum 3. Jahrtausend mit ihren Fähigkeiten die früheste nachweibare Hochkultur der Menschheit schufen. Die ersten Städte entstanden. Die Schrift wurde erfunden, religiöse Riten geschaffen und ein Nachrichtenwesen organisiert. Die frühdynastische Zeit Sumers (um 2.750 v. Chr.) ist nur sehr spärlich durch Quellen belegt und in ihrer zeitlichen Abfolge (Chronologie) bis etwa 2.350/30 v. Chr. nicht gesichert. Archäologische Funde bezeugen eine Anzahl von Stadtstaaten geringer räumlicher Ausdehnung mit monumentaler Sakralarchitektur wie Ur, Uruk, Lagasch, Kisch, Umma und Mari, die nebeneinander existierten. Das Gilgamesch-Epos (entstanden nach 2.750 v. Chr.) ist beredtes Zeugnis ihrer frühen Kämpfe untereinander. Die sumerischen, unvollständig erhaltenen Königslisten nennen als bedeutende Herrscher Mesilim von Kisch (um 2.750). Gilgamesch von Uruk (um 2.340) und Lugalsaggesi von Umma (um 2.340), der erste Herrscher, der ganz Sumer unterwarf (Lagasch, Ur, Uruk, Larsa, Kisch, Nippur). Diese Könige regierten als absolute Priesterfürsten über befestigten Stadtanlagen, deren augenfälligen Mittelpunkt die monumentale Tempelanlage mit Zikkurat (Stufenturm) bildete.

Mesopotamien, Irak - Babylon Relief
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Mesopotamien, Irak - Babylon Relief

Um 2.330 v. Chr. beendete der semitische König Sargon I. (um 2.350 bis 2.295) von Norden her die Vorherrschaft Sumers und gründete im mittleren Mesopotamien eine Residenz mit Namen Akkad, nach welcher der gesamte Nordteil Mesopotamiens bezeichnet wurde. Sargon I. von Akkad unternahm mit einem wohlausgerüsteten Heer Kriegszüge bis an die Mittelmeerküste und setzte sogar nach Zypern über. Seinem Weltherrschaftsanspruch verlieh der Titel "König der vier Weltgegenden" unmißverständlich Ausdruck. Doch schon knapp zwei Jahrhunderte später (2.160) überrannten die Gutäer, ein kriegerisches Volk aus Iran, vom Sagros-Gebirge her das sich vom Persischen Golf bis Kleinasien erstreckende akkadische Großreich. Erst nach 2.070 gelang es Utuchengal, dem Herrscher von Uruk, die Eindringlinge zu vertreiben. Die letzte Blütezeit Sumers brach an. Ihr bekanntester Herrscher war Gudea von Lagasch (um 2.080). Er legte schon während der Gutäer-Herrschaft die Grundlagen für den Wiederaufstieg Sumers. Bedeutende Herrscher wie Urnammu (2.064 bis 2.046) und Schulgi (2.045 bis 2.000) aus der sogenannten 3. Dynastie von Ur (2.064) dehnten die Herrschaft Sumers fast auf die Größe des einstigen Großreiches von Akkad aus. Gegen 2.000 v. Chr. griffen aus dem Osten die Elamiter an und zerstörten Ur, bald darauf drangen aus Syrien nomadisierende Amoriter ein, vertrieben die Elamiter und erhoben Babylon am Euphrat zur neuen Hauptstad. So endete nach 1.500 Jahren das sumerische Zeitalter, doch sein kulturelles Erbe lebte weiter und beeinflußte die Geschichte weit über die Grenzen Mesopotamiens hinaus.

Babylon und Assyrien

Persien - Krieger von Darius
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Persien - Krieger von Darius

In der Folgezeit entwickelten sich aus den mesopotamischen Stadtstaaten zwei neue Großreiche: Babylonien im Süden und Assyrien im Norden, die in den nächsten eineinhalb Jahrtausenden weit über das Zweistromland hinausgriffen. Um 1.700 v. Chr. gelang es Hammurapi von Babylon (1.728 bis 1.686), die anderen Mächte in Assur, Eschnunna, Larsi und Mari zu besiegen und ein einheitliches Großreich zu errichten, das sich vom Persischen Golf bis zur heutigen Türkei, vom Sagros-Gebirge im Osten bis zum Chabur in Syrien erstreckte. Verwaltung, Handel und Rechtsprechung Babyloniens setzten sich überall durch. Das Babylonische verdrängte das Altakkadische und Sumerische als Amtssprachen und der babylonische Stadtgott Marduk wurde über die Vielzahl der sumerischen und akkadischen Götter zum Reichsgott erhoben. Doch 1.531 brach die babylonische Herrschaft durch einen Plünderungszug der kleinasiatischen Großmacht der Hethiter zusammen. Nach ihrem Abzug übernahm das iranische Bergvolk der Kassiten für die nächsten Jahrhunderte die Macht in Babylonien, bis 1.1.70 erneut die Elamiter vordrangen und das Kassitenreich zerstörten. Inzwischen konnte Assyrien im Norden Mesopotamiens, am Oberlauf des Tigris, sein Herrschaftsgebiet erweitern, weil das dort von Churritern vor 1.500 gegründete mächtige Mitannireich um 1.350 von den Hethitern zerschlagen worden war. So entstand von etwa 1.318 bis 1.050 v. Chr. das sogenannte mittelassyrische Reich, die erste Militärmacht Vorderasiens. Feldzüge bis zum Vansee in Armenien und zum Mittelmeer, gegen die Aramäer, gegen Babylon, dessen Gott Marduk nach Assur gebracht wurde und Verbindungen zu Ägypten dienten der Erweiterung des Herrschaftsbereichs. Günstig für die kontinuierliche Expansion Assyriens, die erst mit dem Tod Tiglatpilesers I. (1.116 bis 1.077) endete, wirkte sich zudem der Untergang des mit Assyrien rivalisierenden Hethiter-Reiches aus, das von Zentralanatolienaus seit 1.600 seine Grenzen ständig vorgeschoben hatte. Es brach um 1.200 unter dem Ansturm der sogenannten Seevölker zusammen, für Jahrhunderte versank Kleinasien im Dunkel der Geschichte.

Letzte Blüte und Zerfall Mesopotamiens

Sargon II - Die Tontafel bezieht sich auf den 8. Feldzug Sargons II. von Assyrien
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Sargon II - Die Tontafel bezieht sich auf den 8. Feldzug Sargons II. von Assyrien

In der 1. Hälfte des 1. vorchristlichen Jahrtausends erwuchs mit dem Aufstieg des neuassyrischen Reiches (um 932 bis 612) mit den Zentren Kalach und Ninive (beide am Oberlauf des Tigris) eine neue Macht im vorderasiatischen Raum, die in schweren Kämpfen den Herrschaftsbereich Altassyriens neu begründete und zahlreiche Staaten, so auch Israel, Juda und Babylonien, zu Vasallen degradierte. Deportationen ganzer Völker und Grausamkeit kennzeichneten das assyrische Regiment. Im Jahr 714 wurde in Armenien das Reich von Urartu zerschlagen, 689 Babylon zerstört, 671 Ägypten erobert, 639 Elam vernichtet. Diese Kriege und inneren Zwistigkeiten führten schließlich dazu, dass Assyrien gegen Ende des 7. Jahrhunderts unfähig war, seine weiten Grenzen zu verteidigen und die zahlreichen Aufstände in den Provinzen niederzuschlagen. 612 eroberten die Meder und Babylonier Ninive und besiegelten das Ende Neuassyriens. Der letzte Herrscher, Assuruballit II, starb wohl 609. Doch auch das spätbabylonische Reich, das die Nachfolge Assyriens antrat, konnte sich nur knapp 100 Jahre behaupten. Der berühmteste König dieser Zeit war Nebukadnezar II. (605 bis 562), der sich auf kulturellem Gebiet als Bauherr einen Namen schuf. 539 fiel das neubabylonische Reich mit der Einnahme Babylons durch den persischen König Kyros II, den Großen (559 bis 529). Er hatte 550 die Oberherrschaft des Mederkönigs Astyages (585 bis 550) abgeschüttelt und sich selber zum Herrscher über Persien gemacht. Seine Nachfolger vergrößerten das Reich bis zum Indus, zum Schwarzen Meer und Kaspischen Meer, bis Kleinasien und Ägypten. Der Niedergang des altpersischen Großreiches begann mit dem Aufstand der ionischen Städte an der Westküste Kleinasiens (449 bis 494), führte über die Niederlagen der Perser bei Marathon (490), Salamis (480) und Platäa (479) bis zum Untergang von Dareios III, dem letzten altpersischen Großkönig, (336 bis 330) in den Schlachten bei Issos (333) und Gaugamela (331) gegen den Makedonen-König Alexander den Großen.

Die staatliche Organisation

Die monarchische, dem Religiösen verhafteten Regierungsform der altorientalischen Stadtstaaten und der späteren Großreiche entwickelte sich mit dem Anwachsen der Reiche zu einem zentralisierten Vasallen- oder Beamtenstaat. In der frühsumerischen Zeit (seit etwa 2.750 v. Chr.) bekleidete der Stadtfürst gleichzeitig das Amt des Oberpriesters, der von einem Ältestenrat beraten wurde. Wirtschafts- und Verwaltungszentrum des Stadtstaates war die Tempelanlage. Spätestens seit der Zeit Sargon I, von Akkad ist eine einheitliche zentrale Verwaltung erkennbar, die von einer klerikalen und staatlichen Beamtenschaft getragen wurde. Hohe Beamte wie Schatzmeister, Wesire und Statthalter der Provinzen entstammten zumeist der Aristokratie. Sie gaben häufig ihre Anweisungen in schriftlicher Form, wie die rund 500.000 aus verschiedenen Archiven erhaltenen Tontafeln dokumentieren. Als Gesetzgeber und oberste Rechtsinstanz fungierte der Herrscher, wie die Gesetzeskodizes so bedeutender Könige wie Urnammu von Ur und Hammurapi von Babylonien bezeugen. Die Rechtsprechung erfolgte durch eingesetzte Richter, denen ein Beratungsgremium beigegeben war. Seit der Akkadzeit (ab 2.350) ist Privateigentum an Grund und Boden, sonst ein Privileg des Tempels, belegt. Gegen 1.500 setzte sich i fast ganz Vorderasien das Lehnswesen mit seiner starren gesellschaftlich hierarchischen Gliederung durch. Neben der Beamtenschaft bildete das Heer die Hauptstütze der monarchischen Gewalt.
Zyprus-Statuen
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Zyprus-Statuen
Außer einer Kerntruppe, der Leibgarde des Herrschers, existierte seit etwa 900 v. Chr. ein stehendes Heer, Söldner dienten seit Mitte des 8. Jahrhunderts. Ein leistungsstarkes Erdstraßensystem mit Post- und Umspannstationen sorgte für eine rasche Beförderung von Nachrichten und Personen und gewährleistete so eine schnelle Präsenz von König und Truppen.

Die gesellschaftliche Ordnung

Die Gesellschaft Mesopotamiens, wie sie die Mosaikstandarte von Ur (um 2.600/2.500) bildlich darstellt und der Gesetzeskodex Hammurapis (um 1.700) ausführt, gliederte sich in drei Schichten: Die Aristokratie, die freien Bürger und die Sklaven. Die aristokratischen Familien, deren Macht und Reichtum sich auf Grundbesitz gründerten, stellten die hohen weltlichen und klerikalen Beamten und Offiziere. Die Stadtbewohner und die geringer angesehenen Bauern bildeten den freien Teil der Bevölkerung. Dabei oblag den Bauern, Viehzüchtern, Gärtnern, Fischern und Jägern die Versorgung der Städte, die eine hoch speziasilierte Handwerkerschaft beherbergten. So gab es Maurer, Tischler, Töpfer, Steinmetze, Müller, Bäcker Fleischer, Weber, Brauer, Lederarbeiter und Ziegelbrenner. Eine besondere Rolle in der Verwaltung aber auch im Wirtschaftsleben spielten die hochangesehenen Schreiber. Als sich das Sozialgefüge vom Tempelstaat Altsumers über die bürgerliche Gesellschaftsordnung Altbabyloniens (etwa seit 1.500) zu einem Lehnssystem mit scharfen ständischen Abgrenzungen entwickelte, geriet die bäuerliche Bevölkerung in eine ständig wachsende Abhängigkeit.

Architektur und Kunst

Im Verlauf von etwa 3.500 Jahren hat das Zweistromland eine sehr eigenständige und relativ einheitliche Kunst und Kultur hervorgebracht, die auf vielen Gebieten die Nachwelt beeinflußt hat. Die Architektur Mesopotamiens beeindruckt durch ihre Monumentalbauten, Paläste, weitläufige Tempelanlagen, sich auftürmende Zikkurats und gewaltige Stadtmauern. Dagegen waren die Wohnhäuser recht einfach. Als Baumaterial wurden luftgetrocknete Ziegel verwendet (gebrannte Ziegel verarbeitete man nur bei Prachtbauten, die dauerhaftem Witterungsschutz bedurften). Der überwiegend aus Grabanlagen bekannte Gewölbebau zeigt - wie im Brückenbau - überwiegend Kragsteintechnik, Säulen finden nur wenig Verwendung. Plastische Werke sind seit etwa 3.000 v. Chr. als Beterstatuen erhalten. Seit dem 9. Jahrhundert gewinnt die Herrscherstatue eine besondere Bedeutung. Weit verbreitet ist das Relief. In neuassyrischer Zeit (seit etwa 1.000) versah man häufig den unteren Teil einer Palastmauer mit etwa zwei Meter hohen Kalksteinplatten, auf dem die Taten des Herrschers veranschaulicht werden (sogenannte Orthostaten). Zu dieser Zeit gewann auch die Wandmalerei an Bedeutung, vor allem die Schmelzfarbenmalerei (gebrannte Glasur auf Tonziegeln), die unter anderem den Tempel der Göttin Ischtar und den Palast Nebukadnezar II. in Babylon zierte.


Das Alte Äypten

3.000 bis 332 v. Chr.

Pyramide von Djoser, Sakkara, Ägypten
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Pyramide von Djoser, Sakkara, Ägypten

Das Land am Nil

Kaum ein Land ist in seiner politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung durch die geografischen Gegebenheiten des Landes so beeinflußt worden wie Ägypten. Die natürliche Dreiteilung des Landes in das oberägyptische schmale Niltal, das breite Delta und die westlichen und östlichen Wüstengebiete mit den zugehörigen Oasen bedingte ein Mißverhältnis zwischen Wüste und Fruchtland, die Isolation der Nilbewohner zu anderen ebenbürtigen Kulturen und eine spezielle Wirtschaftsform. Insbesondere die jährliche Nilüberschwemmung zwang die Menschen dazu, sich in Arbeitsgemeinschaften zur Regulierung des Wassers zwecks einer planvollen Vorratswirtschaft zusammenzuschließen. Der "Sprung in die Geschichte" gelang den Ägyptern um 3.000 v. Chr. (in der Phase der frühen Reichseinigung) mit der Erfindung der Hieroglyphen, einer Kombination von Symbol- und Lautschrift. In dieser Periode der sogenannten Thiniten-Zeit entwickelten sich auch Religion, Technik, Kunst, die Bearbeitung von Gold, Kupfer und Elfenbein und die spezifisch ägyptischen Anschauungen und Stile.

Die erste Reichseinigung

Mit der Gründung der Ersten Dynastie von Thinis (um 3.000 v. Chr.) und der Vereinigung beider Reiche Ober- und Unterägyptens zu einem Einheitsstaat unter den Königen Menes (Narmer) und/oder Aha (Athotis) beginnt die eigentliche Geschichte Ägyptens. Im Mittelpunkt der neuen Ordnung, die in dem doppelten Herrscheramt des Königs über Ober- und Unterägypten ihren Ausdruck fand, stand das Königtum. Der ägyptische Pharao galt als Inkarnation des Gottes Horus, der durch ihn die Welt regierte. Zentrum der Verwaltung war die königliche Residenz in Memphis. Das gesamte Land wurde verwaltungsmäßig in 42 Gaue unterteilt, die sich schon in vorgeschichtlicher Zeit als regionale Wasserwirtschaftsgemeinden herausgebildet hatten. Schon die ersten Könige der Thiniten-Zeit weiteten ihre Macht bis nach Nubien, Libyen und zum Libanon aus, um sich die fehlenden Rohstoffe - Mineralien, Steine und Hölzer - durch Importe zu sichern.

Die Pyramidenbauer des Alten Reiches

Sphinx und Pyramide, Ägypten
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Sphinx und Pyramide, Ägypten

Um 2.640 v. Chr. begann mit der Dritten Dynastie die Blütezeit des Alten Reiches, deren beherrschende Gestalt König Djoser (um 2.620 bis 2.600) war. Beeindruckendes Zeugnis seiner Macht ist die 60 m hohe Stufenpyramide von Sakkara. Mit dieser Anlage setzte die monumentale ägyptische Steinarchitektur ein, die unter der folgenden Dynastie mit den riesigen Anlagen von Gise unter den Pharaonen der Vierten Dynastie Cheops, Chephren und Mykerinos ihren Höhepunkt erreichte. Diese Monumentalbauten sind als Zeugnis der innerstaatlichen Organisation (gebaut wurde während der Überschwemmungsmonate, wenn die bäuerliche Bevölkerung unbeschäftigt war) und wirtschaftlichen Blüte Ägyptens zugleich Ausdruck der vollständigen Durchdringung von politischem und religiösem Leben. Der göttliche Pharao sollte noch aus dem Grab heraus seinem Volk Segen bringen. Die Zeit der Vierten Dynastie endete mit Thronwirren (um 2.465), mit denen sich die beginnende Entmachtung der königlichen Zentralgewalt ankündigte. Unter den ersten Königen der Fünften Dynastie setzte auf politisch-religiösem Gebiet ein Wandel ein. Der Einfluß des Re-Heiligtums und die Sonnenreligion von Heliopolis gewannen entscheidende Bedeutung. Neben das alte Staatsdogma vom König als menschgewordenem Himmelsgott Horus trat eine neue Lehre, die nunmehr im König den menschlichen Sohn Gottes sah. Gegen Ende der Dynastie (um 2.325) setzte ein weiterer geistig-religiöser Wandel ein. Unter dem Eindruck der wachsenden Osiris-Verehrung wurde der tote Pharao auch mit Osiris, dem Fruchtbarkeits- und Unterweltgott, identifiziert. Mit dem religiös motivierten, universalen Anspruch des Königtums sank jedoch zugleich die politische Macht. Die beamteten Gauverwalter wurden mächtige Gaufürsten und die Pristerschaft gewann durch mannigfache Privilegien immer mehr Eigenständigkeit. Unter dem Eindruck der in Ägypten vorherrschenden Naturalwirtschaft wurde aus dem straff organisierten Beamtenstaat mit zunehmender Dezentralisierung ein Feudalstaat, wobei Ägypten dank seiner Handls- und Militärexpeditionen nach Libyen, Syrien und in das Weihrauchland Punkt an der Somali-Küste und bis nach dem kleinasiatischen Troja auch weiterhin Macht und Reichtum demonstrierte.

Krise und Revolution

Während der Herrschaft der Sechsten Dynastie (2.325 bis 2.155) trat eine Zeit des Verfalls ein. Politische und soziale Unruhen sowie Kämpfe an den Grenzen des Reichs (Nubien, Palästina) begünstigten den Aufstieg lokaler Machthaber (Gaufürsten). Versuche der Pharaonen, die starke Königsgewalt zu erhalten, scheiterten. Schließlich bemächtigte sich die Gaufürstenfamilie von Herakleiopolis des Gebietes von Memphis und beanspruchte den Thron der Pharaonen. Das Reich brach auseinander. Im Süden machten sich die Gaue Oberägyptens unter der Führung Thebens 2.134 selbständig (Siebente bis Zehnte Dynastie). Um 2.040 gelang König Mentuhotep I. (2.061 bis 2.010, Elfte Dynastie) mit dem Sieg über das Nordreich von Herakleiopolis, die erneute Einigung von Ober- und Unterägypten. Damit begann das Mittlere Reich.

Blütezeit des Mittleren Reiches

Hyksos-Dynastie, Hyksos Sphinx
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Hyksos-Dynastie, Hyksos Sphinx

Die zweite große Blütezeit Ägyptens ging von dem Begründer der Zwölften Dynastie Amenemhet I. aus, der 1.991 den Thron bestieg. Memphis wurde wieder Reichshauptstand. Seinem Nachfolger Sesostris III., der von 1.878 bis 1.841 regierte, gelang es, im Süden das goldreiche Nubien bis zum zweiten Nilkatarakt als Provinz Ägypten anzugliedern. Auch die kupferreiche Sinai-Halbinsel und das südliche Palästina gerieten unter ägyptische Kontrolle. Dagegen bereitete die Sicherung der Nordwestgrenze gegen feindliche Libyer-Stämme Schwierigkeiten. Handelsverbindungen bestanden zu dem minoischen Kreta (das in dieser Zeit eine erste eigenständige kulturelle Blüte erlebte) und zum mesopotamischen Raum. Auch innenpolitisch war Sesostris erfolgreich. Nach langen Kämpfen konnte er die Gaufürsten-Dynastien zugunsten einer Zentralregierung ausschalten.

Fremdherrschaft der Hyksos

Nach dem Erlöschen der Zwölften Dynastie (1.785) folgte eine Reihe schnell wechselnder Herrscher. Diese Instabilität führte zum kulturellen Niedergang und zum Verlust der Außenprovinzen. Nubien, Sinai und Palästina sowie zur Infiltration des Ostdeltas durch semitische Nomadenstämme. 1.650 fiel ganz Ägypten unter die Fremdherrschaft der Hyksos, einer semitisch-churritischen Oberhoheit, die in Tanis, im Nordostdelta residierte. Gegen sie begann ein einheimisches Fürstengeschlecht aus Theben den national-ägyptischen Befreiungskampf. Dem thebanischen König Ahmosel (1.552 bis 1.527), Begründer der 18. Dynastie) gelang durch die Übernahme der von den Hyksos eingeführten Kampftechnik (unter anderem des zweirädrigen Streitwagens) 1.551 die Vertreibung der Fremden. Er wurde nach Menes (Narmer) und Mentuhotep I. der dritte Einiger Ägyptens. Mit ihm begann das Neue Reich.

Weltmachtstreben des Neuen Reiches

Stele der Frau Henutnefert (Thutmosis III, Amenophis II, 1.425)
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Stele der Frau Henutnefert (Thutmosis III, Amenophis II, 1.425)

Mit Thutmosis I., der von 1.505 bis 1.494 regierte, setzte um 1.505 die Epoche ägyptischen Weltmachtstreben ein. Im Zuge seiner Expansionen entwickelte sich Ägypten zur maßgebenden Macht im Mittelmeerraum. In dieser Zeit entstand auch gegenüber der neuen Reichshauptstadt Theben auf dem Westufer des Nils die Totenstätte der Pharaonen, das "Tal der Könige". Amun, der Lokalgott Thebens, wurde oberster Reichsgott. Unter Thutmosis III. mußten Hethiter, Babylonier und Assyrer die ägyptische Machtstellung in Vorderasien anerkennen. Erst mit Amenophis III., der 1.402 den Thron bestieg, endete die Zeit der aktiven Kriegs- und Expansionspolitik (er starb 1.364).

Echnatons Kulturrevolution

Eine innenpolitische Erschütterung erlebte das ägyptische Reich unter der Regierung Amenophis IV. (Echnaton) von 1.364 bis 1.347. Der "Ketzerkönig von Amarna" geriet zu Beginn seiner Herrschaft an die Spitze einer religiösen Bewegung, die in dem Sonnengott Re (symbolisiert durch die Sonnenscheibe "Aton") die Quelle allen Lebens sah. Der König, selbst Hoherpriester seiner sich zum Monotheismus entwickelnden Religion, verlegte die königliche Residenz von Theben, der Hochburg des Amungottes, in die neu gegründete Stadt Amarna und nannte sich nach dem Gott Aton Echnaton. Ein von ihm initiierter naturalistisch expressionistischer Kunststil sollte den Wandel des Zeitgeistes und die Absage an die alten religiösen Kulte unterstreichen. Doch der Widerstand gegen den Atonkult wuchs in allen Volksschichten. Gleichzeitig sank die außenpolitische Stärke des Reiches mit dem Verlust Syriens an die Hethiter. Echnatons Nachfolger, der durch seinen Grabfund berühmte Tutanchamun, kehrte wieder nach Theben zurück.

Die Ramessiden-Herrscher

Nach Tutanchamun ( 1.337) gelang es dem Reichsfeldherrn Haremhab, in einer fast 30jährigen Regierungszeit (1.333 bis 1.306) durch eine religiöse Restauration und innere Reorganisation die Staatskrise der Amarna-Zeit zu überwinden. Unter seinen Nachfolgern, den Königen der 19. Dynastie (1.306 bis 1.186), stieg Ägypten wieder zur führenden Weltmacht auf. Ramses II., der berühmteste Herrscher dieser Zeit, leitete während seiner Regierung (1.290 bis 1.224) ein gewaltiges Bauprogramm ein. Außenpolitisch gelang es ihm, mit den Hethitern, die sich nun mit Ägypten die Herrschaft in Vorderasien teilen mußten, Frieden zu schließen. Aber während die immense Bautätigkeit das Reich erschöpfte, wuchsen die Ligyer-Gefahr im Westen und die Bedrohung aus dem Norden durch die sogenannten Seevölker, die im 13. Jahrhundert bereits über Stützpunkte auf Kreta und den Ägäischen Inseln verfügten.
Luxor-Tempel, Theben, Ägypten
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Luxor-Tempel, Theben, Ägypten
Zwar konnte der letzte große Pharao des Neuen Reiches, Ramses III., der von 1.184 bis 1.153 auf dem Thron saß, einen Großangriff von Libyern und Seevölkerstämmen zurückschlagen, doch unter seinen Nachfolgern trat der Verfall der Königsmacht immer stärker zutage. Allein die Amunpriesterschaft in Theben wurde so mächtig, dass unter der schwachen 21. Dynastie (1.070 bis 945) Ägypten de facto in einen thebanisch-südägyptischen Tempelstaat und den eigentlichen Machtbereich der königlichen Residenz im Nordostdelta zerfiel. Im 10. Jahrhundert bildete sich in der Provinz Nubien das Reich Kusch unter einer einheimischen ägyptisierten Dynastie, die im 8. Jahrhundert Memphis eroberte und zeitweise das gesamte Niltal beherrschte. 671 wurde Memphis von dem assyrischen Großkönig Asarhaddon erobert, 663 zerstörten die Assyrer Theben.

Restauration und Spätzeit

Unter geschickter Ausnutzung der bald einsetzenden großen Krise des Assyrer-Reiches gelang es den Kleinfürsten von Sais, Necho I. und Psammetich I., den Begründern der 26. Dynastie ("Saiten-Zeit", 664 bis 525) die assyrische Oberherrschaft abzuschütteln und das Niltal unter ihrer Herrschaft neu zu einigen. Noch einmal erlebte Ägypten eine Blütezeit, überall im Land setzte eine erneute Bautätigkeit ein. In den Kunstwerken dieser Zeit knüpfte man bewußt an die Tradition des Alten und Mittleren Reiches an. Außenpolitisch versuchte Ägypten, Syrien erneut dem Reich anzugliedern. Doch 605 mußte Pharao Necho II., Psammetichs Nachfolger, eine entscheidende Niederlage gegen die Babylonier bei Karkemisch am Euphrat hinnehmen und auf Expansionsbestrebungen in Vorderasien verzichten. Unter König Amasis erfolgte der Anschluß Zyperns - ein Sieg, der die noch bestehende Seemachtstellung des Pharaonen-Reichs belegte. Der Aufstieg des Perser-Reiches unter Kyros II., dem Großen, dem Begründer des Achämeniden-Reiches, seit 560 nötigte Amasis zum Anschluß an das babylonisch-lydisch-spartanische Defensivbündnis gegen die neue Macht. Als jedoch Lydien 547 und Babylonien 539 unter persische Herrschaft gerieten, war die Eroberung Ägyptens nur noch eine Frage der Zeit. 525 unterlag der letzte Saiten-König, Psammetich III., dem persischen Großkönig. Ägypten wurde in eine persische Satrapie umgewandelt. Obwohl sich die Perser den unterworfenen Völkern gegenüber tolerant verhielten, haßten die Ägypter die persische Fremdherrschaft. Doch 404 gelang es einer einheimischen Familie, die Besatzungsmacht zu vertreiben. Diese letzte Zeit der Unabhängigkeit fand jedoch 343 durch die persische Wiedereroberung eine Ende. Elf Jahre später, 332, wurde Alexander der Große bei seinem Einzug in Ägypten als Befreier von der verhaßten persischen Fremdherrschaft jubelnd begrüßt.

Mykenische Plastik einer Frau aus dem 13. Jahrhundert v. Chr.
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Mykenische Plastik einer Frau aus dem 13. Jahrhundert v. Chr.

Kreta und Mykene

2.000 bis 1.200 v. Chr.

Probleme der Forschung

Erst mit den Grabungen Heinrich Schliemanns auf dem griechischen Festland in Mykene (Argolis, Peloponnes, 1876) und den Arbeiten Arthur John Evans in Knossos auf Kreta (seit 1900) begann sich die historische Forschung für diese beiden Mittelmeerkulturen zu interessieren. So folgten den Entdeckungen der beiden Archäologen bald weitere Funde monumentaler Relikte und umfangreichen Kleinmaterials aus der griechischen Frühzeit. Darunter befanden sich in Knossos zahlreiche Tontafeln, die zwei unterschiedliche Schriftgruppen aufwiesen, eine ältere (Linear-A) und eine jüngere (Linear-B). Hinzu kamen 1.939 weitere Tontafelfunde in der Linear-B-Schrift, als der Archäologe Carl Blegen das mykenische Pylos (Südwest-Peloponnes) ausgrub. 1952 endlich gelang es Michael Ventris, unterstützt von John Chadwick, letztere Schrift zu entziffern. Trotz dieser und aller folgenden historischen Leistungen erlauben die bisherigen Forschungsergebnisse nicht, eine zusammenhängende Geschichte Kretas und Mykenes darzustellen. Erschwerend kommt hinzu, dass für die gesamte griechische Bronzezeit (etwa 3.000 bis 1.100 v. Chr.) keine sicheren Datierungsmöglichkeiten existieren. Anhaltspunkte einer relativen Chronologie dieser beiden Hochkulturen liefern Bau- und Zerstörungsgeschichte des Palastes von Knossos und die zeitliche Einordnung von Keramikfunden, die zum Teil mit der besser datierbaren Geschichte Ägyptens in Verbindung gebracht und von daher zeitlich fixiert werden können. So hat man auf Kreta und dem griechischen Festland unter anderem ägyptische Vasen, ungekehrt aber auch in Ägypten - und dem Vorderen Osten - kretische und mykenische Keramik bei Ausgrabungen gefunden.

Ursprünge und erste Palastzeit Kretas

Mykenische Frau
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Mykenische Frau

Etwa gegen 7.000 v. Chr. erreichten erste Einwanderer, vermutlich aus Kleinasien, Kreta. Aus bescheidenen Anfängen nahm die Insel gegen Ende der kretischen Frühzeit (2.600 bis 2.000) einen glanzvollen Aufschwung, der wohl auch durch die Zerstörung von Troja im nordwestlichen Kleinasien (Ende der zweiten Siedlungsperiode) um 2.200 begünstigt wurde. Zu dieser Zeit besaßen die Kreter bereits eine Flotte, die sie kontinuierlich ausbauten und die in den folgenden Jahrhunderten das Mittelmeer beherrschte und für weitreichende Handelsbeziehungen sorgte. Auf die stetig wachsende Macht deuten die um 2.000 auf Kreta einsetzenden Palastgründungen hin. Gleichzeitig neigte sich die bis dahin unabhängige Kykladen-Kultur (Inseln der Ägäis) ihrem Ende zu, gegen 1.700 wurde sie von der kretischen überlagert. Wie sich die Kreter selbst nannten ist übrigens unbekannt, bei den Ägyptern hießen sie "Keftiu". Die moderne Forschung bezeichnet sie nach ihrem mythischen König Minos als Minoer und ihre Kultur als minoisch. Bisher wurden auf Kreta fünf Paläste entdeckt (Knossos, Kato Zakros, Mallia, Phaistos und Hagia Triada), die jeweils religiös, wirtschaftliche und politische Zentren größerer Bezirke bildeten, zu deren Einzugsbereich Dörfer und stadtähnliche Ortschaften gehörten. Von diesen Zentren aus ging der kretische Handel nach Ägypten, dem Westen, an die syrische Küste (Ugarit, Nordphönikien) und zum griechischen Festland, wo die Kreter bald auch politischen Einfluß ausübten. Heftige Erdbeben mit nachfolgenden Feuersbrünsten zerstörten um 1.700 die großen Paläste Kretas.

Zweite Palastzeit

Linear-B-Schrift um 1.450 v. Chr.
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Linear-B-Schrift um 1.450 v. Chr.

Prächtiger als zuvor bauten die Kreter unmittelbar nach der Katastrophe ihre Paläste wieder auf, erweiterten die Verwaltung und intensivierten den Handel. Im 16. Jahrhundert v. Chr. stand Kreta auf dem Gipfel der Macht. Handelsstützpunkte entstanden auf Ägina, Keos, Kythera, Melos, Rhodos, Thera und in Milet. Ferner unterhielt man Kontakte im Westen bis zu den Liparischen Inseln und im Osten zum Mitanni-Reich im mesopotamischen Raum. Erstmals seit dem 15. Jahrhundert sind mykenische Einflüsse auf Kreta bezeugt, auf die unter anderem die Anlage von Kriegergräbern zurückzuführen ist, die im minoischen Knossos bis dahin unbekannt waren. Gleichzeitig veränderte sich der Kunststil im Palast von Knossos. Entscheidenden Einblick in diesen Wandel gewährte erst die Entzifferung der sogenannten Linear-B-Schrift, die gegen Mitte des 15. Jahrhunderts auf Kreta entstand und die seit etwa 1.700 v. Chr. dort gebräuchliche nichtgriechische Linear-A-Schrift ablöste. Anscheinend residierten um 1.450 achäische Griechen (Mykener) in Knossos, die eine Frühform des Griechischen sprachen und die alte Linear-A-Schrift im Hinblick auf ihren sprachlichen Gebrauch abänderten (Linear-B). Zu diesem Zeitpunkt hatte Kreta seine einstige Machtstellung bereits verloren - möglicherweise als Spätfolge der Vulkanexplosion, die sich um 1.500 auf der 160 Kilometer entfernten Insel Thera ereignete und von deren Auswirkungen auch Kreta und seine Flotte betroffen wurde. Aus bisher ungeklärten Ursachen brannte gegen 1.400 - oder etwas später - der letzte große Palast von Knossos nieder. Danach versank Kreta in die Bedeutungslosigkeit.

Aufstieg Mykenes

Totenmaske eines mykenischen Fürsten aus Elektron, natürliche Gold-Silber-Legierung, 16. Jahrhundert v. Chr., gefunden von Heinrich Schliemann (1876). Nationales Archäologisches Museum in Athen
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Totenmaske eines mykenischen Fürsten aus Elektron, natürliche Gold-Silber-Legierung, 16. Jahrhundert v. Chr., gefunden von Heinrich Schliemann (1876). Nationales Archäologisches Museum in Athen

Die Mykener, so benannt nach ihrem bedeutendstem Machtzentrum, Mykene, beherrschten in ihrer Blütezeit (seit 1.400 v. Chr.) den gesamten Süden Griechenlands. Im Norden reichte ihr Gebiet noch über die griechische Landschaft Böotien hinaus bis nach Thessalien und im Westen bis zu den Ionischen Inseln. Hinzu kamen außerdem eine Reihe vo Außenposten. Zeitlich erstreckte sich die mykenische oder späthelladische Kultur von etwa 1.600 bis 1.100. Umstritten bleiben die Herkunft der Mykener und die Entstehung der griechischen Sprache. Möglicherweise drang im 22. vorchristlichen Jahrhundert ein kriegerisches Volk, das eine neue Sprache und andersartige Keramik mitbrachte, bis zur nördlichen Peloponnes vor, ließ sich dort und in Zentral-Griechenland nieder und vermischte sich mit der einheimischen Bevölkerung. Erst nach einigen Jahrhunderten vollzog sich die Entwicklung und der Aufstieg der mykenischen Kultur. Die von Heinrich Schliemann freigelegten Schachtgräber (1.600 bis 1.500) - von diesem Zeitpunkt an spricht die moderne Forschung von Mykenern - offenbarten den immensen Reichtum der herrschenden Schicht. Die mykenischen Machthaber besaßen technische Kenntnisse, beherrschten die Metallverarbeitung und entwickelten aus einem starken Unternehmergeist heraus einen blühenden Handel, der ihren zunächst mit Waffengewalt errungenen Reichtum vermehrte.

Höhepunkt und Niedergang Mykenes

Etwa gleichzeitig mit der Zerstörung des letzten großen Palastes in Knossos setzte die Blütezeit der mykenischen Kultur ein. Bereits seit etwa 1.450 v. Chr. herrschten Mykener im Palast in Knossos und übernahmen mit den minoischen Kultureinflüssen auch die kretische Seeherrschaft und die Handelsbeziehungen, die sie nach Sizilien, Süditalien, Zypern, Kleinasien, Syrien, Palästina und Ägypten führten. Auf dem griechischen Festland existierten zu dieser Zeit nebeneinander eine Reihe kleiner, unabhängiger Staaten, die von Palästen aus zentral verwaltet wurden. Zu den bedeutendsten Machtzentren zählten neben Mykene Pylos, Theben, Tiryns, Athen, Iolkos und Orchomenos. Aufgrund seiner Größe und Macht nahm Mykene um 1.300 eine führende Stellung ein. In dieser Zeit entstanden die prächtigen Kuppelgräber und die zusätzlichen Verstärkungen schon bestehender monumentaler Befestigungsanlagen (Tiryns, Mykene). Um 1.200 wurden mehrere mykenische Burgen geplündert und niedergebrannt. Am ehesten sind diese Verwüstungen mit inneren Unruhen und wirtschaftlichem Niedergang zu erklären. Ein Jahrhundert später brach die mykenische Herrschaft endgültig zusammen.

Wirtschaft und Gesellschaft

Knossos, Kreta
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Knossos, Kreta

Besonders minoische Bauwerke und Bilddarstellungen lassen in Kreta auf eine gut entwickelte und zentral gelenkte Wirtschaft schließen, dabei sind ägyptische Vorbilder nicht zu verkennen. Organisiert wurde die Wirtschaft vom Palast aus, der zugleich Residenz, religiöses Zentrum, Sitz der Bürokratie und zentraler Speicher war. Bauern, Handwerker und Künstler mußten wohl einen Teil ihrer Produkte an den Palast abliefern, der die Entlohnung und die Weiterverwendung der Erzeugnisse festlegte und den Handel regulierte. Den Warentransport erleichterte ein Straßennetz, dessen wichtigste Verbindung von Knossos aus nach dem für den Ägypten-Handel bedeutenden Süden der Insel führte. Siegelbilder zeigen kretische Schiffe, die der Insel Reichtum brachten. Der Seehandel lief über Außenposten und Umschlagplätze, zum Beispiel über das phönikische Ugarit. Exportiert wurden neben Öl und Getreide, unter anderem auch Kunstgegenstände und Keramik. Der Import konzentrierte sich vor allem auf Gold, Silber, Kupfer, Zinn und Elfenbein. Über alle wirtschaftlichen Vorgänge wachte die Palast-Buchhaltung, die Art und Bestand der Waren sorgfältig registrierte. Im Hinblick auf diese zentral gelenkte Wirtschaft scheint es sicher, dass die kretische Gesellschaft hierarchisch gegliedert war und strengen Reglementierungen unterlag. Ob es einen Monarchen oder einen Priesterfürsten gab, ob eine Mittelschicht existierte, ist völlig unklar. Darstellungen von Frauen auf Fresken, Steinsiegeln und als kleine Tonfiguren erwecken den Eindruck, dass die kretische Frau eine angesehene Stellung besaß als später im klassischen Griechenland.

Auch im mykenischen Bereich bildeten die Paläste in jeder Hinsicht das maßgebliche Zentrum, in dem auch Handwerker und Künstler arbeiteten. Anfangs allerdings lag der Schwerpunkt der mykenischen Wirtschaft auf Ackerbau und Viehzucht. Erst später gewann der Handel immer mehr an Bedeutung. Um 1.400 bildete der Mittelmeerhandel dann die Hauptquelle des mykenischen Reichtums. Man exportierte vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse, Waffen, Gefäße und spezielle Kunstgegenstände wie Elfenbeinreliefs. Mit dem handel nahm auch das Handwerk, unter anderem beeinflußt von nachbarlichen Kreta, einen großen Aufschwung und zeigte eine zunehmende Spezialisierung. Ein recht gutes Wegenetz begünstigte den Transport der Handelsgüter, die für einen gewaltigen Außenhandelsüberschuß sorgten.
Spätgeometrischer Oinochoe-Weinkühler mit Kampfszene zwischen Pylos und Epians (Ilias XI), 750-725 v. Chr.
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Spätgeometrischer Oinochoe-Weinkühler mit Kampfszene zwischen Pylos und Epians (Ilias XI), 750-725 v. Chr.
An der Spitze der mykenischen Sozialordnung stand der Wanax, der Herrscher, ein aboluter Monarch, der zugleich der größte Krieger war. Er setzte die Angehörigen der aristokratischen Oberschicht als Gesandte, Verwaltungsbeamte und Offiziere ein. Eine weitere Großgrundbesitzerschicht war unter anderem zuständig für die Verwaltung außerhalb der Hauptstadt. Pylos beispielsweise war in 16 Verwaltungsbezirke aufgeteilt. Die unterste Schicht bildeten Abhängige und Sklaven. Bauern, Handwerker und Arbeiter stellten die Masse der Bevölkerung. Wirklich frei scheint nur der Herrscher gewesen zu sein.

Religion, Kunst und Architektur

Erkenntnisse über Religion und Kult auf Kreta sind nur aus Abbildungen zu gewinnen, die indes sehr schwer zu deuten sind. Eine kultische Verehrung der Gottheiten fand in Heiligtümern statt, in heiligen Höhlen (Erdgottheiten) wie zum Beispiel der Kamareshöhle, auf Bergen (Petsofa) und im Freien (Baumkult). Kultbilder fehlten völlig, erst in der Spätzeit tauchten sogenannte Idole auf. Jedoch finden sich auf Fresken zahlreiche Darstellungen von Göttern in Menschengestalt, überwiegend weibliche. Als häufige Kultsymbole wurden die Doppelaxt (zum Töten von Opferstieren) und Kulthörner dargestellt. Die Stierspiele, bei denen weibliche und männliche Akrobaten auf einem Stier turnen, können kultische Bedeutung besessen haben. Priesterinnen wurden häufiger abgebildet als Priester, vielleicht ein Hinweis auf den besonders intensiven Kult der Großen Mutter auf Kreta, die im gesamten Mittelmeerraum unter verschiedenen Bezeichnungen als Fruchtbarkeits-, Tier-, Berg- und Erdgöttin verehrt wurde. Die mykenische Kunst, zeigt gleichfalls zahlreiche Götterdarstellungen und Kultszenen, häufig in kretischer Typik, unter anderem mit Doppelaxt und Doppelhörnern als Motive. Insgesamt aber ist die mykenische Religion trotz kretischer Beeinflussung eigenständig.

So belegen Tontafeln aus Pylos, dass die spätere Zwölfzahl der olympischen Götter in mykenischer Zeit ihren Ursprung hat, unter anderem werden die Götternamen von Zeus, Hera, Ares und Athena genannt. Man verehrte diese Götter in Heiligtümern und an umzäunten heiligen Orten mit Altären. Auch in der Kunst wurde Mykene nachhaltig von Kreta beeinflußt. Die kretische Freskomalerei mit pflanzlichen und figürlichen Motiven hat eine sehr weit zurückreichende Tradition. Die ältesten Fresken aus dem mykenischen Theben und Tiryns setzten diese Tradition nahtlos fort. Thematik und Kleidung waren teils kretisch, teils mykenisch. Charakteristisch für die Architektur der beiden Hochkulturen sind die Palastanlagen, von denen auf Kreta fünf nachgewiesen sind. Die größte liegt in Knossos. Es gab unter anderem Repräsentationsräume, Wohnräume, Werkstätten und Magazine. Um einen großen rechteckigen Hof gruppierten sich Hallen und zum Teil mehrstöckige Gebäude. Eingänge und Korridore waren labyrinthisch verwinkelt. Im Gegensatz zu den minoischen Palästen waren die mykenischen durch starke Befestigungsanlagen (Zyklopenmauern) geschützt - mit Ausnahme von Pylos.


China bis zur Reichseinheit

2.205 bis 206 v. Chr.

Das geeinte Reich

Terrakotta-Figur, ein Offizier des ersten Kaisers Chinas Shih Huang-ti
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Terrakotta-Figur, ein Offizier des ersten Kaisers Chinas Shih Huang-ti

Im Jahr 221 v. Chr. wurde China, das Reich der Mitte, erstmals in seiner Geschichte geeint. Fürst Cheng, der den Kleinstaat Ch'in regierte, hatte alle konkurrienden Staaten erobert und sich zum Shih Huang-ti, dem Erhabenen und Göttlichen Kaiser des Anfangs, ausrufen lassen. Der Reichseinheit voraus ging eine Zeit, die nur in Legenden faßbar ist, sowie die ständigen Kriege der zum Teil politisch klugen, überwiegend jedoch grausamen Tyrannen verschiedener Herrscherhäuser. Doch die Zeit der Zerrissenheit und Kriege war gleichzeitig eine Blüte der chinesischen Klassik, in der von den "Hundert Schulen", insbesondere von den Philosopen Laotse und Konfuzius, das Fundament der kulturellen Entwicklung geschaffen wurde. Gleichzeitig entstand während der Kriege die traditionelle soziale Gliederung der chinesischen Gesellschaft und nicht zuletzt die Schriftsprache, wie sie bis heute erhalten ist.

Die legendäre Vorzeit

Die Ursprünge der Bewohner Chinas sind zwar nicht bekannt, doch lassen die Funde des Peking-Menschen (vor etwa 500.000 bis 400.000 Jahren) auf ein sehr hohes Alter der Menschheit dieser Region schließen. Nach der Legende war P'an-ku der Vater der Menschheit. Er entstammte der Urform alles Seins, dem Ei, das aufsprang und dessen obere Teil Himmel, der untere Teil Erde wurde. P'an-ku wuchs täglich um drei Meter, während der Himmel drei Meter höher und die Erde drei Meter dicker wurde. Als P'an-ku nach 18.000 Jahren starb, entstand aus seinen Körperteilen die gesamte Natur, aus seinen Flöhen jedoch wurden Menschen. Ssu-ma Chien (145 bis um 90 v. Chr.), der die erste allgemeine Geschichte Chinas schrieb, nennt als erste sterbliche Machthaber Huang-ti, den Gelben Kaiser sowie seine Nachfolger, denen sämtliche zivilisatorischen Entwicklungen zugeschrieben werden, so die Verwaltung, das Geldwesen, die Haushaltsführung, Viehzucht, die Erfindung des Kompaß, der Schrift und anderes mehr. Der gleichfalls legendäre Yü, Begründer der Hsia-Dynastie (2.250 bis 1.766 v. Chr.) soll die lebensnotwendigen Flußregulierungen vorgenommen haben. Das Ende dieser Herrscher-Familie kam durch einen Aufstand gegen Chieh, den letzten grausamen Hsia-Machthaber. Träger des Aufstands waren die Shang, die als neues Herrscherhaus ein Feudalsystem weitgehend unabhängiger Territorialherren begründeten, das von der darauffolgenden Chou-Dynastie bis zu ihrem Ende (249 v. Chr.) übernommen wurde.

Feudalismus

Shih Huang-ti (259-210BC), war der erste Kaiser der Ch'in-Dynastie, und er war der Gründer des ersten Reiches in China. Er erweiterte seine militärische Stärke, eine Armee von einer Million Berufssoldaten. Er begann auch den Bau der Großen Mauer
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Shih Huang-ti (259-210BC), war der erste Kaiser der Ch'in-Dynastie, und er war der Gründer des ersten Reiches in China. Er erweiterte seine militärische Stärke, eine Armee von einer Million Berufssoldaten. Er begann auch den Bau der Großen Mauer

Die Shang-Herrscher schufen eine funktionstüchtige Regierung förderten vor allem die Landwirtschaft, deren Überschüsse die Versorgung eines ständigen Heeres erlaubten. Das Aufkommen der Bronze-Verarbeitung um 1.500 v. Chr. führte zu bedeutenden Fortschritten in Kunst und Technik. Gleichfalls begann in der Shang-Zeit die Entwicklung der Schrift aus den magischen Zeichen der Orakelpriester. Die große Masse der steinzeitlich-bäuerlichen Bevölkerung verehrte in ihren Kulturen erdverbundene Gottheiten, so den "Fürsten der Erde" und den "Herrn der Hirse". Für den Adel war der König gleichzeitig das religiöse Oberhaupt, weil er mit den göttergleichen Ahnen in Kontakt stand. Seine Herrschaft begründete sich nicht auf seiner Abstammung, sondern galt als göttlicher Auftrag. Diese Ansicht, die sich von alten Häuptlingswahlen herleitet, erlaubte es der Chou-Sippe, den letzten Herrscher der Shang, den grausamen Chou-Hsien, zu stürzen. 1.122 v. Chr. eroberten die Chou die Hauptstadt Ying und zerstörten sie. Nach langen Kämpfen wurde die neue Dynastie begründet, die dem bisherigen Obergott Shang-ti eigenen Gott, Tien, gegenüberstellte, weil die Herrschaft nicht nur die tatsächliche Macht, sondern auch durch den "himmlischen Auftrag" legitimiert werden mußte. Die Regierungszeit der Chou gliedert sich in drei Epochen und war eine Zeit des hoch entwickelten Feudalismus, der allmählich die zentrale Königsmacht schwächte und zu einer Fülle sich bekämpfender Teilreiche führte.

In der ersten Epoche, der Westlichen Chou (1.050 bis 771), teilten die Herrscher das Land in Lehen auf, das an adlige Untergebene verteilt wurde. Zudem rüstete der Chou-Herrscher seine Fürsten mit Kriegern aus, so dass die einzelnen Randregionen durch Eroberungen bald mächtiger wurden als das zentrale Königshaus. Die einzelnen Fürsten, von denen es zeitweilig bis zu 1.700 gab, herrschten gewöhnlich über eine befestigte Stadt und die im näheren Umland produzierenden Bauern. Trotz Fronarbeit gab es jedoch keine Sklavenklasse größeren Umfangs. 841 zwangen die mächtigen Fürsten den König Li Wang (878 bis 841) zur Flucht. Etwa 771 brach das Feudalsystem zusammen. Die Macht der Chou fiel endgültig an die Fürsten. Nominell regierten die Chou noch bis 249 v. Chr., geschränkt auf den Umkreis ihrer Residenz von Lo-yang (Östliche Chou-Zeit). Die nun - nach der Verdrängung der Chou-Herrscher - beginnende Periode (771 bis 481) wird nach dem Buch des Konfuzius, "Ch'un-ch'iu" (Frühling und Herbst), genannt. Aus den zahlreichen Stadtstaaten waren elf Fürstentümer entstanden. In dieser Zeit entwickelte sich das höfische Leben der adligen Oberschicht. Im 6. vorchristlichen Jahrhundert traten neue staatliche Rechtsgrundlagen an die Stelle des alten Gewohnheitsrechts. Das Gesetzbuch von Chou, "Chou-li", legte erstmals den Aufbau der chinesischen Gesellschaft fest. An der Spitze stand, als Abgesandter und Sohn des Himmels, der Kaiser. Die Geschäfte des Staates führte auf Grund von Erziehung und Geburt der Adel. Verwaltet wurde die große Masse der Bauern, die in patriarchalischen Familien lebten und keine Stimme in öffentlichen Angelegenheiten hatten. Ein Kabinett mit verschiedenen Ressorts kontrollierte die sozialen Aufgaben, Kriege und Justiz sowie das Leben des Kaisers. Entgegen dieser idealen Konstruktion herrschten die Territorialfürsten jedoch weitgehend unbeschränkt.

Geschichtsschreiber Konfuzius
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Geschichtsschreiber Konfuzius

Der beginnende Handel begründete als neue Gesellschaftsschicht ein Bürgertum, das zwar nicht hoch angesehen war, dessen Lebensstandard aber vermutlich höher lag als etwa derjenige seiner Zeitgenossen im antiken Griechenland. In der nächsten Epoche, der Zeit der "Streitenden Reiche" (481 bis 249), kristallisierten sich durch ständige Kämpfe sieben Staaten, die untereinander verfeindet bleiben. Kein Staat war stark genug, die Vorherrschaft im "Reich der Mitte", wie China seit der frühen Chou-Zeit genannt wurde, zu erringen. Im Jahr 403 spaltete sich Zentralchina in drei Teilreiche, so dass der westliche, halb-barbarische Staat Ch'in eine Machtposition erelangte, die konsequent ausgebaut wurde. Eroberungen, vor allem jedoch eine kluge Bewässerung und Anlage von Kanälen, verschaffte dem ehemals rückständigen Ch'in den für ein Heer notwendigen Lebensmittelüberschuß und strategische Vorteile. Durch die Verwendung von Eisenwaffen, die Aufstellung eines Volksheeres und den Übergang von feudaler Kriegsführung zum Vernichtungskrieg überwältigten die Ch'in-Herrscher letztlich alle Staaten. Nach der Schlacht bei Ch'an-p'ing (259), in der 400.000 Gefangene getötet wurden, bereitete der Fürst Cheng von Ch'in (er regierte seit 246) die Eroberung ganz Chinas vor. 230 eroberte der "Tiger von Ch'in" den Staat Han, 228 Chao, 225 Wei, 223 Ch'u und 222 v. Chr. Yen. Nach der Annexion des bedeutendsten Gegners, des Staates Ch'i, war China 221 erstmals unter einem Herrscher geeint.

Die Ch'in-Dynastie

Cheng, der sich nun Shih Hunag-ti nannte, setzte an die Stelle des Feudalismus eine zentralistische Monarchie. Die gesamte Staatsmacht konzentrierte sich auf den Kaiser, der seine Herrschaft mit großer Härte gegen innere und äußere Bedrohungen absicherte. Um die ständig bedrohte Nordgrenze gegen die Hsiung-nu (vermutlich die Hunnen) zu schützen, ließ der Kaiser die bereits bestehenden Grenzbefestigungen zur Großen Mauer ausbauen. Die Arbeit, zu der die dienstpflichtige Bevölkerung im Alter von 23 bis 56 Jahren, Sträflinge und Sklaven gezwungen wurden, bot gleichzeitig die Möglichkeit, eine große Menge der nach der Befriedung des Reiches nutz-und bindungslosen Soldaten zu beschäftigen. Innenpolitisch brach Shih Huang-ti die Macht des Adels, indem er die Ländereien in Bezirke umwandelte denen eine zivile und eine militärische Verwaltung vorstand, die regelmäßig ausgetauscht wurde. Um Machtanhäufung zu vermeiden, wurden die Adlingen gezwungen, in der Hauptstadt, fern von ihrem Besitz zu wohnen. Weil er selbst als Begründer Chinas gelten wollte, ließ Shih Huang-ti sämtliche Bücher der Geschichtsschreiber, besonders die des Konfuzius, verbrennen. Doch obwohl bei Zuwiderhandlung Tod oder Zwangsarbeit an der Großen Mauer drohte, blieben einige Bücher erhalten oder wurden mündlich weitergegeben. Ebenso scheiterte der Wunsch, als Erster Kaiser die Zählung seiner Nachfolger bis zum Zehntausendsten ihrer Linie zu begründen. Die Härte seiner Regierung führte nach dem Tod Shih Huang-tis (210 n. Chr.) zu Massenerhebungen. Das Volk revoltierte gegen den zweiten Sohn, der durch Intrigen gegen den Kronprinzen die Macht übernommen hatte und beendete die Herrschaft der Ch'in-Dynastie fünf Jahre nach dem Tod des ersten Kaisers. Eindrucksvoll wird Shih Huang-tis Macht durch seine Grabanlage bezeugt (1974 entdeckt), in der ein Arsenal von rund 7.000 Terrakotta-Figuren, Soldaten, Pferde und Streitwagen in Lebensgröße, die ewige Ruhe des Kaisers bewacht.

Die klassische Ära

Geschichtsschreiber Laotse, 6. nach anderen 3./4. Jahrhundert v. Chr., er schrieb ein Buch in zwei Teilen, das Tao-Te-Ching, (Buch vom Weg und der Tugend)
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Geschichtsschreiber Laotse, 6. nach anderen 3./4. Jahrhundert v. Chr., er schrieb ein Buch in zwei Teilen, das Tao-Te-Ching, (Buch vom Weg und der Tugend)

Die Jahrhunderte des ständigen Krieges waren gleichzeitig Epochen des technischen Fortschritts und der Ausbildung der bis heute gültigen Schriftsprache. Das Fehlen einer kaiserlichen Zentralmacht löste tiefgreifende geistige Auseinandersetzungen aus und ermöglichte eine vielfältige kulturelle Entwicklung, die zur Grundlage der Sprache, Philosophie und Kusnt Chinas wurde. Die klassische Periode des Denkens war die Zeit der "Hundert Schulen". Die Technik der Kunst und Werkzeugherstellung erlangte nach 1.500 v. Chr., als die Bronze-Verarbeitung bekannt war, ein Niveau, das von den Kulturen Asiens und Europas kaum erreicht wurde. Im Zentrum des technischen Fortschritts standen der Wasserbau ebenso wie die Baukunst. Nicht nur der ständige Asubau der Bewässerungssysteme, sondern auch die Binnenschiffahrt wurden intensiv betrieben. Der Han-kuo-Kanal wurde 486 in Auftrag gegeben und war somit der erste funktionstüchtige Kanal der Menschheit. In der Baukunst sind besonders Wälle und Mauern entwickelt worden. Jede Stadt hatte eine geschlossene Außenmauer und innerhalb der Wohnviertel rechtwinklig angelegte Mauern, die mit Türmen und Toren die Zugänge der Stadtteile überwachten. Die Große Mauer der Nordgrenze war über 3.000 Kilometer lang. Die Schrift der Shang-Dynastie beruhte auf Zeichen, die von den Orakelpriestern des Adels benutzt wurden. Die Bilder-Zeichen gaben keine Laute an, sondern stellten ganze Begriffe dar. Kaiser Shih Huang-ti ließ ein amtliches Verzeicnis der gültigen Symbole anfertigen, das 3.300 Zeichen umfaßte (um 213). In der folgenden Han-Zeit (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) verdreifachte sich ihre Anzahl, so dass eine Rationalisierung notwendig wurde. Man unterteilte die Zeichen nach ihrer Abstammung in Gattungen, von denen es heute 214 Gruppen für die gebräunliche Schrift gibt.

Die chinesische Philosophie begann mit dem einzigen metaphysischen Buch der Literatur, dem I-Ching, Buch der Wandlungen, das die uralte Yin- und Yang-Philosophie zusammenfaßt. Das männliche Prinzip Yang, das positive, helle und himmlische und das weibliche Prinzip Yin, das negative, dunkle und irdische, stehen in einem empfinlichen Gleichgewicht. Alle Weisheit der Natur und Geschichte ist in den 64 möglichen Kombinationen enthalten. Über das Leben Laotses, des Alten Meisters (6. nach anderen 3./4. Jahrhundert v. Chr.) ist wenig bekannt. Der Geschichtsschreiber Ssu-ma Chien berichtet, Laotse, habe seine Arbeit als Kurator der Bibliothek von Chou niedergelegt, um in eine friedliche, einsame Gegend zu ziehen. Auf die Bitte eines Zöllners habe der Weise ein Buch in zwei Teilen geschrieben, das "Tao-Te-Ching" (Buch vom Weg und der Tugend). Tao ist der Weg der Natur und der Weg zum weisen Leben. Da der Mensch als Teil der Natur begriffen wird, der sich durch die Feudalgesellschaft vom Ganzen, Ursprünglichen entfernt habe, müsse der vollkommene Mensch sich von der Gesellschaft zurückziehen, um im Schweigen und einfachen Leben zur harmonischen Ruhe zurückzufinden. Wenig später als das Tao entstand die Lehre des Konfuzius (551 bis 479) aus dem Fürstentum Lu. Konfuzius, der sich als Teil der feudalen Gesellschaft verstand, lehrte nicht nach Regeln der Logik, sondern im fragenden Gespräch mit Schülern. Seine Anschauungen, die sich durch Pragmatismus und soziales Bewußtsein auszeichnen, gründen wesentlich in Moral, im Versuch, die Weisheit direkt auf die Lebensführung und besonders die Regierungen anzuwenden. Das politische Chaos seiner Zeit erschien ihm als moralische Krise, die durch eine strenge Ethik für die Feudalgesellschaft zu beseitigen sei. Die Grundlage der Gesellschaft sollte der disziplinierte Mensch in einer hierarchisch geordneten Familie sein. Gehorsam der Kinder gegenüber den Eltern, Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann und über allem die Pflicht bilden in Konfuzius'Sinn eine vernünftige Gesellschaft. Von den Regierungen verlangte der Lehrer die Kontrolle von Aufrichtigkeit, Gehorsam und guten Sitten. Der Konservatismus des Konfuzius prägte die gesamte Geschichte Chinas. Die jahrhundertelange Fesselung der Frauen in extremer Abhängigkeit ist zumindest in großen Teilen eine Folge seiner Lehre.


Das Reich der Perser

6. Jahrhundert v. Chr. bis 7. Jahrhundert n. Chr.

Die Vorgeschichte Altirans

Relief mit abgebildeten Königlichen Soldaten aus glasierten Ziegeln aus dem Palast des Dareios in Susa
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Relief mit abgebildeten Königlichen Soldaten aus glasierten Ziegeln aus dem Palast des Dareios in Susa

Zwischen 1.500 und 1.000 v. Chr. drangen indoeuropäische Stämme, die sich selbst als Arier bezeichneten, von Nordosten über den Kaukasus auf die iranische Hochebene vor, übernahmen hier die Herrschaft und nannten das Land Iran, Land der Arier. Zur letzten Einwandungsgruppe gehörten die Stämme der Perser und Meder, die in den assyrischen Annalen Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. erstmals erwähnt und lokalisiert werden. Danach lag das Gebiet der Perser westlich vom armenischen Urmia-See, das der Meder südöstlich davon. Im 8. und 7. Jahrhundert zogen die persischen Stämme nach Südosten, besetzten elamitisches Gebiet (Parsumash) und Landstriche weiter östlich, die sie Parsa ("Perserland") nannten. Bereits Teispes (675 bis 640), der Sohn des Dynastiegründers Achämenes ("Achämeniden") führte den Königstitel, doch waren er und seine Nachfolger - zeitweise existierten nebeneinander zwei Perserreiche (640 bis 600) - vom medischen Herrscher abhängig.

Das Reich der Achämeniden

Kyros II., der Große (559 bis 529 v. Chr.), stürzte um 550 seinen medischen Oberherren und Schwiegervater Astyages (585 bis 550) und begründete mit dieser Tat das achämenidische Großreich. 547 eroberte er das lydische Reich, die kleinasiatischen Griechenstädte an der Westküste mußten sich ihm ebenso beugen wie die Karier und Lykier. Als er 539 Babylon einnahm, standen ihm auch Mesopotamien, Syrien, Palästina und Phönikien offen. Bei seinem Tod waren die Reichsgrenzen im Nordosten bis zum Jaxartes (Syr-Darja) und im Osten bis Baktrien und der Sogdiane vorgeschoben. Die unterworfenen Reiche bestanden weiter, nun allerdings unter persischer Verwaltung. Religion, Landessitten, Landessprachen und besondere Regierungsformen (wie die griechische Polis) durften beibehalten werden. So wurde das von Kyros II. erbaute Pasargadae zur Residenz, das medische Ekbatana zur zweiten Hauptstadt des Reiches. Die offizielle Amtssprachen waren das Persische, das Elamitische und das Aramäische. Der Sohn Kyros II, Kambyses (529 bis 522), führte die Eroberungspolitik mit der Besetzung Ägyptens fort. Während seiner Abwesenheit usurpierte der Magier Gaumata (522), ein Anhänger der Lehre Zarathustras, den Thron. Erst dem Nachfolger des Kambyses, Dareios I., dem Großen (522 bis 486), gelang es, durch eine Verschwörung mit sechs persischen Adelsfamilien Gaumata und seine Anhänger zu beseitigen und die Reichseinheit wiederherzustellen (519). Ein Bericht über den Aufstand des Gaumata liegt in Dareios I. großer Felsinschrift von Bisutun vor.

Innenpolitisch beschritt Dareios I. neue Wege, indem er eine Einteilung des Reiches in 20 Satrapien vornahm, eine einheitliche Goldmünze (Dareikos) einführte, Steuern und Finanzen ordnete und die Verkehrswege - unter anderem die Königsstraße zwischen Susa und Sardes sowie den Kanal vom Nil zum Roten Meer - und Poststationen ausbaute. Unter ihm und seinem Nachfolger Xerxes I. (486 bis 465) erreichte Persien seine größte Ausdehnung, obwohl ein Skythen-Feldzug (512) erfolglos blieb und nach der Unterdrückung des Aufstandes der ionischen Griechen in Westkleinasien (499 bis 494) der Griff nach Europa scheiterte. Den Niederlagen der Perser bei Marathon (490), bei Salamis (480) und Platäa (479) folgten Aufstände in Ägypten und Babylonien, die sich unter den späteren Achämeniden fortsetzten. Hauptunruheherde bildeten neben Ägypten Baktrien, Kleinasien und Phönikien. Zudem erschütterten Thronstreitigkeiten die innere politische Lage, so zum Beispiel als Kyros der Jüngere seinem Bruder Artaxerxes II. (405 bis 359) vergeblich die Herrschaft streitig machte (405). Artaxerxes III. Ochos (359 bis 338) gelang es noch einmal, alle Kräfte zu mobilisieren und kurzfristig dem Reich die alte Größe wiederzugeben. Doch fielen er und sein Sohn Arses (336) Hofintrigen zum Opfer. Die Niederlage Dareios'III. (336 bis 330) bei Gaugamela (331) gegen den Makedonien-König Alexander III., den Großen, bedeutete das Ende der Archämeniden-Herrschaft.

Seleukiden und Parther

Alexander III. im Kampf gegen Dareios III.
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Alexander III. im Kampf gegen Dareios III.

Als Alexander III., der Große, (336 bis 323) Persien in sein Weltreich eingliederte, übernahm er das persische Verwaltungswesen und das Herrschaftssystem ohne große Änderungen, gleichzeitig aber wurden die alten iranischen Gebiete hellenisiert. Alexanders General Seleukos wurde 321 Satrap von Babylon, 312 gründete er eine eigene Dynastie und nahm 305 als Seleukos I. Nikator (305 bis 281) die Königswürde an. Sein Herrschaftsbereich umfaßte Mesopotamien, Iran und Syrien. Hauptstadt dieses Reiches war Babylon, später Seleukia am Tigris und zuletzt Antichoia in Syrien. Die ständigen Auseinandersetzungen der Seleukiden mit den ägyptischen Ptolemäern und eine wachsende innere Opposition nutzten die Satrapen der nordöstlichen Provinzen, insbesondere Baktrien, bereits im 3. vorchristlichen Jahrhundert für ihre Unabhängigkeitsbestrebungen. Unter Seleukos IV. Philopator (187 bis 175) gingen selbst die Persis und die Elymais verloren. Schon um 250 v. Chr. waren Nomadenstämme in den Nordwesten des iranischen Hochlandes eingedrungen. Einer ihrer Häuptlinge Arsakes, nahm den Königstitel an (247) und begründete die Dynastie der Arsakiden (247 v. Chr. bis 224 n. Chr.). Ausgehend von Parthien ("Parther") und Hyrkanien drängten die Arsakiden im Lauf von 150 Jahren in wechselhaften Kämpfen die Seleukiden in den Westen ab. Hier besiegelte der römische Feldherr Pompeius das Ende der Seleukiden-Herrschaft, indem er den letzten Seleukiden-Herrscher absetzte und Syrien zur römischen Provinz machte (64/63).

Den größten Aufschwung nahm das Parther-Reich unter Mithridates I. (um 171 bis 138), der Babylon (142) und Seleukia am Tigris (141) einnahm, die Persis und die Elymais unterwarf, Baktrien und Teile Indiens gewann (139/138) und somit die Karawanenstraßen des Fernhandels kontrollierte. Im Westen mischte sich erstmals 64/63 v. Chr. Rom in die inneren Verhältnisse des zu dieser Zeit geschwächten Parther-Reiches ein. Nach weiteren Mißerfolgen erkannte Kaiser Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) praktisch den Euphrat als Grenze an. Die Abwehrkämpfe gegen die Völker im Osten und die großen Kriege gegen die römischen Kaiser schwächten das parthische Königtum. Entscheidend wirkten sich aber innere Zwistigkeiten und eine starke nationaliranische Bewegung aus, die in den Stämmen der Persis ihre treibenden Kräfte besaß. Unter Ardaschir I. aus dem Haus der Sassaniden führte die Situation zur offenen Rebellion und 224 n. Chr. zum Ende der Arsakiden-Herrschaft.

Die Sassaniden

Dareios III., König von Persien, auf der Flucht vor Alexander dem Großen
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Dareios III., König von Persien, auf der Flucht vor Alexander dem Großen

Als Ardaschir I. (224 bis 241) den Thron bestieg, verstand er sich als legitimer Erbe und Erneuerer des Achämeniden-Reiches. Bis zu seinem Tod hatte er mit Ausnahme Ägyptens, Syriens und Kleinasiens die alten achämenidischen Reichsgrenzen wiederhergestellt und im Innern das Reich wieder unter Kontrolle gebracht. Er reorganisierte die Verwaltung und forderte von den Römern das gesamte Gebiet bis zum Bosporus als altes persisches Erbe zurück (230). Seine gegen Rom begonnenen Kriege führte sein Sohn Schapur I. (241 bis 272) fort, der seinen Herrschaftsanspruch in dem Titel "König der Könige von Iran und Nicht-Iran" ausdrückte. Ständige Kriege mit den Römern, innere Wirren, Kämpfe gegen die Skythen und Auseinandersetzungen mit arabischen Grenzstämmen prägten die nächsten Jahrhunderte. Dabei lag häufig die eigentliche königliche Gewalt bei dem übermächtig gewordenen Feudaladel und dem Obermagier, dem Hüter des zur Staatsreligion erhobenen Zoroastrismus.

Eine zunehmende Gefahr stellten im 5. Jahrhundert die Kidariten oder Hephtaliten dar, ein hunnisch-türkischer Stamm, den noch Schapur II. (309 bis 379) auf iranischem Gebiet angesiedelt hatte. Gegen Ende des Jahrhunderts erschütterte die Revolte der Mazdakiten das Reich, die im Kampf gegen den Adel die bisherige soziale Ordnung Irans radikal verändern wollten. Der letzte große und vielleicht der berühmteste König war Chosrau I. Anoscharwan (531 bis 578). Ihm gelang es, das Oströmische Reich zurückzudrängen (561/62), die Hephtaliten zu schlagen und die Reichsgrenzen bis zum Jemen auszudehnen. Innere Reformen folgten diesen außenpolitischen Leistungen. Unter seinen Nachfolgern brachen wiederum Zwistigkeiten aus, der Adel revoltierte, die Herrscher wechselten rasch. Diese inneren Schwächen nutzte der byzantinische Kaiser Herakleios I. (610 bis 641) und schlug das persische Herr 627/28 mehrfach. 637 besetzten die Araber Seleukia und in den nächsten 15 Jahren fiel das gewaltige Sassaniden-Reich der islamischen Eroberung zum Opfer.

Religion und Kult

Fravashi, Symbol der Zoroaster
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Fravashi, Symbol der Zoroaster

In vorachämenidischer Zeit war die iranische Religion polytheristisch geprägt, der Kult lag in den Händen medischer Magier, die das Opferritual vollzogen, Träume deuteten und Zaubersprüche sangen, Tempel und Götterbilder indes strikt ablehnten. Mit der Lehre des baktrischen Magiers Zarathustra (599/98? bis 522/21?) waren sie zu Beginn der Achämeniden-Herrschaft wohl schon vertraut. Kerngedanken dieser Lehre, die starke Anleihen bei der altiranischen Religion machte, waren die Verehrung nur eines Gottes, des Ahura Masda, des Weltschöpfers und das kosmische Ringen zwischen der "Gerechtigkeit" und der "Lüge". Weil die Wahl eines dieser moralischen Prinzipien dem Menschen freistand, konnte er sein Schicksal mitbestimmen. Allerdings folgte dementsprechend nach seinem Tod Belohnung oder Strafe. Den Mittelpunkt des Kultes stellte die Verehrung des Feuers dar, meist in Tempeltürmen mit Feueraltären. Dargelegt hatte Zarathustra seine Lehre in den 17 Gathas, dem weitaus ältesten Teil des Awesta. Die Magier übernahmen diese Lehre mit starken Abwandlungen. So ging der Monotheismus verloren.

Der Gott des Lichts und der Beschützer aller Iraner, Mithras, gewann an Bedeutung. Dieser Zoroastrismus spielte unter den Arsakiden und Sassaniden eine immer wichtigere Rolle und wurde unter den ersten Sassaniden sogar zur Staatsreligion erhoben. Unter Schapur verkündete Mani (216 bis 277) eine neue iranische Lehre, die bis zum 12. Jahrhundert selbst in China zahlreiche Anhänger fand, bei den Magiern und Sassaniden jedoch als Häresie galt. Dem Manichäismus zufolge war "der Böse" der Schöpfer und Beherrscher der sichtbaren Welt, die Seele als Teil des guten Gottes im Körper eingekerkert. Eine Befreiung der Seele aus der Finsternis war möglich und dieses Wissen führte zur Selbsterkenntnis und verbürgte für jede "Person" die Erlösung. Das in Persien seit dem 2. Jahrhundert verbreitete Christentum durchlebte ein wechselhaftes Schicksal, bis die im Jahr 489 aus dem oströmischen Reich vertriebenen nestorianischen Christen - nach dem Patriarchen Nestor ( 451) benannt - für eine Nationalisierung der seit 424 unabhängigen iranischen Kirche sorgten, die sich dann zunehmend für die Belange der Herrscher einsetzte.

Staat und Gesellschaft

Nisa wird von einigen als eine der ersten Hauptstädte der Parther beschrieben. Sie wurde traditionell von Arsaces I. (reg. etwa 250 v. Chr. bis 211 v. Chr.) gegründet und war angeblich die königliche Nekropole der parthischen Könige, obwohl es weder festgestellt wurde, dass die Festung bei Nisa eine königliche Residenz noch ein Mausoleum war.
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Nisa wird von einigen als eine der ersten Hauptstädte der Parther beschrieben. Sie wurde traditionell von Arsaces I. (reg. etwa 250 v. Chr. bis 211 v. Chr.) gegründet und war angeblich die königliche Nekropole der parthischen Könige, obwohl es weder festgestellt wurde, dass die Festung bei Nisa eine königliche Residenz noch ein Mausoleum war.

Der "König der Könige" regierte in Krieg und Frieden als ein absoluter Herrscher, der seine Macht von der Gnade Gottes Ahura Masda ableitete. Adlige Berater standen ihm im Rechtswesen und in der Verwaltung zur Seite. Jeder der 20 Reichsteile wurde von einem Satrapen verwaltet, der für die Steuereintreibung, die Rechtsprechung, die bewaffneten Aufgebote der Satrapie und für Ruhe und Ordnung zuständig war. Dagegen lag die militärische Leitung bei einem nur dem Großkönig verantwortlichen Führer. Eine schreibkundige Beamtenschaft bildete neben dem Heer, die sogenannten 10.000 Unsterblichen, die Hauptstütze des Herrschers. Sozial der Königsfamilie gleichgestellt waren die sechs Adelsfamilien, die Dareios I. im Kampf gegen den Magier Gaumata unterstützt hatten. Rangmäßig unter ihnen standen die Besitzer erblicher Latifundien, die hohe Positionen als Priester, als Beamte und in der Armee einnahmen. Alle bedeutenden Adligen erhielten vom Großkönig Land, für das sie als Gegenleistung Truppen zu stellen und im Heer zu dienen hatten. Freie Handwerker, freie Tagelöhner und Arbeiter sowie Leibeigene und Sklaven bildeten die unteren sozialen Schichten.

Alexander der Große behielt nach der Eroberung des Achämeniden-Reiches das persische Verwaltungssystem bei. Der Staat der Arsakiden unterschied sich nur geringfügig von dem der Achämeniden. Neu war eine Unterteilung der Satrapien in kleinere Einheiten (Eparchien) und die Unterstützung des Herrschers durch die Magier und Weisen. Eine zunehmende Feudalisierung zeigte sich auch darin, dass eine Reihe einheimischer Dynastien relativ frei in ihren Provinzen herrschte. Die Sassaniden ersetzten die alten Satrapen durch neue Provinzialverwalter. Dabei schwankte die Zahl der Provinzen, die sich in Distrikte, "Kantone" und "Dörfer" gliederten. Dem König zur Seite stand ein Wesir, ein General befehligte die Armee und fungierte zugleich als Kriegsminister und Unterhändler. Das Feudalsystem der Parther-Zeit blieb unter den Sassaniden bestehen, auch wenn zeitweilig die Zentralisation verstärkt wurde. Die Gesellschaft war in vier "Berufsgruppen" eingeteilt, in Priester, Krieger, Sekretäre, Bauern und Handwerker. Daneben existierte eine Einteilung des Adels in vier Gesellschaftsschichten, wobei diese Gruppierung der Abstufung von Funktionen im Staatsapparat entsprach.

Das Römische Weltreich

753 v. Chr. bis 476 n. Chr.

Das Ende einer Krise

Römische Zisternen in Karthago
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Römische Zisternen in Karthago

Kurz vor seinem Tod im Sommer des Jahres 14. n. Chr. verfaßte Augustus einen Rechenschaftsbericht, der auf Lateinisch und Griechisch in Inschriften im ganzen Reich bekannt gemacht wurde. Darin schrieb der Kaiser: "Nachdem ich den Bürgerkriegen ein Ende gesetzt hatte, habe ich, der ich mit Zustimmung der Allgemeinheit zur höchsten Macht gelangt war, den Staat aus meinem Machtbereich wieder der freien Entscheidung des Senats und des römischen Volkes übertragen. Für dieses Verdienst wurde ich auf Senatsbeschluß Augustus genannt...Seit dieser Zeit überragte ich zwar alle an Einfluß und Ansehen, Macht aber besaß ich hinfort nicht mehr als diejenigen, die auch ich als Kollegen im Amt gehabt habe." Diese Worte beschreiben die vielleicht seltsamste Alleinherrschaft der Geschichte. Hatte ihre Aufrichtung noch den Adoptiv-Vater des Augustus, Julius Cäsar, das Leben gekostet, so wurde sie nun allgemein begrüßt. Das goldene "Augusteische Zeitalter" löste die Dauerkrise ab, in der sich die Römische Republik ein Jahrhundert lang befunden hatte. Das Römische Reich fand endlich zu einem stabilen Zustand, der es ihm ermöglichte, weitere vir Jahrhunderte zu überstehen. Die Krise der Römischen Republik rührte letztlich daher, dass der Stadtstaat Rom von seiner gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Struktur her ebensowenig dazu geschaffen war, das größte Reich der damals bekannten Welt zu beherrschen, wie seine staatliche Organisation dazu ausreichte. Denn die Geschichte "Roms" ist die erstaunliche Entwicklung eines kleinen Orts auf der Appenninen-Halbinsel zur Vor-, dann zur Alleinmacht des gesamten Mittelmeerraums. Sie wird dadurch erklärbar, dass dieser Aufstieg selten von überlegenen Konkurrenten in Frage gestellt wurde. Hinzu kommt eine bemerkenswerte Beharrlichkeit der Römer bei der Verfolgung einmal abgesteckter Ziele.

Die Anfänge

Der Ort Rom ist eine etruskische Gründung, die um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. verschiedene, zum Teil Jahrhunderte alte Siedlungen auf den Hügeln 20 Kilometer nordöstlich der Tiber-Mündung zusammenfaßte. Als Teil des etruskischen Machtbereichs gelang der Stadt ein bemerkenswerter Aufschwung zur Hegemonialmacht unter den stammesverwandten Latinern (war zum Teil bereits im Vertrag mit Karthago, der bedeutendsten Handelsmacht im westlichen Mittelmeer, von 507/08 v. Chr. deutlich wird). Der Stadtstaat, der damals über ein Gebiet von etwa 800 Quadratkilometer Fläche herrschte, wurde zunächst von Königen regiert (offenbar aus etruskischem Geschlecht), die gegen Ende des 6. Jahrhunderts, als der Höhepunkt der etruskischen Macht in Italien überschritten war, von den führenden Geschlechtern Roms vertrieben wurden. Obwohl der Schutz der Etrusker fortfiel, gelang es in wechselvollen Kämpfen, die Herrschaft über die Latiner zu behaupten und bis zum Beginn des 3. Jahrhunderts auf Mittelitalien auszudehnen. Dieser Prozeß wurde durch die Vorstöße der Kelten nach Mittelitalien zwischen 387 und 340 v. Chr. nur vorübergehend aufgehalten. Mit dem endgültigen Sieg über die um Benevent siedelnden Samniten (290 v. Chr.) wurde Rom zur Führungsmacht in Italien. Diese Position konnte auch der 280 v. Chr. von der griechischen Stadt Tarent herbeigerufene und 275 von den Römern besiegte König Pyrrhos von Epeiros nicht erschüttern.

Die Ständekämpfe

Römische Säule in Karthago
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Römische Säule in Karthago

Entscheidend für diese Erfolge war eine gut ausgebildete Staats- und Heeresverfassung, dessen Leitung die sich jährlich abwechselnden obersten Beamten, die beiden Konsuln, in Notzeiten ein von ihnen für sechs Monate ernannter Diktator innehatte. Beraten und unterstützt wurden sie von den Oberhäuptern der adligen oder patrizischen Geschlechter. Innere Konflikte (sogenannte Ständekämpfe) mit dem nichtadligen Volk (plebs) führten bis zum Beginn des 3. Jahrhunderts dazu, dass die reicheren plebejischen Geschlechter den Patriziern gleichgestellt wurden, die Volksversammlung politische Mitwirkungsrechte erhielt und im Amt der Volkstribunen eine Einrichtung bestand, die gegen Handlungen rechtmäßig erschienen. Die so erreichte innere Stabilität ermöglichte die äußere Expansion, die durch den engen Bund mit anderen italischen Städten, die Anlage von Kolonien auf fremdem Boden und ein gut ausgebautes Straßennetz zur raschen Bewegung von Truppen abgesichert wurde.

Die Erringung der Weltmacht

Die erreichte Stellung mußte über kurz oder lang zur Konfrontation mit der zweiten politischen Großmacht im westlichen Mittelmeerbecken führen, der nordafrikanischen Handelsmetropole Karthago. Der Konflikt zwischen beiden entbrannte 264 um den beherrschenden Einfluß in Sizilien. Die Zwänge des ersten Punischen Krieges (264 bis 241) führten zum Aufbau einer römischen Kriegsflotte und machten Rom auch zu einer führenden Seemacht im Mittelmeer. Der Vorstoß des Karthagers Hannibal über Spanien und Südfrankreich nach Italien brachte im zweiten Punischen Krieg (218 bis 201) Rom an den Rand einer völligen Niederlage. Dass es dennoch überlebte, lag nicht zuletzt daran, dass Hannibal seinen Krieg weitgehend ohne Konsens mit seiner Vaterstadt, auf eigene Faust führen mußte. Nach seiner Niederlage war Rom unbestrittene Führungsmacht in der westlichen Mittelmeerwelt. Nach der endgültigen Zerstörung Karthagos 146 aber sahen sich die Römer in die vielfältigen Konflikte unter den Nachfolgestaaten des Reiches Alexanders des Großen und dem Königreich Pontos im Norden Kleinasiens sowie in die Probleme der parthischen Ausdehnung nach dem östlichen Mittelmeer hineingezogen. Weil die Beherrschung der Lage von außen immer schwerer fiel, wurden Griechenland, Kleinasien und die Küstengebiete des Mittelmeers schließlich dem Römischen Reich einverleibt oder ihm faktisch unterworfen.

Die Krise der Republik

Diese Ausdehnung blieb jedoch für Rom nicht ohne schwerwiegende innere Folgen. Als Stadtstaat war die Republik auf die Verwaltung eines so riesigen Reichs nicht vorbereitet. Die Steuereinziehung in den unterworfenen Gebieten wurde an kapitalkräftige Bürger verpachtet, die sich an den ihnen zugewiesenen Provinzen schadlos hielten. Die langen Kriege seit 264 entzogen die Bauernsoldaten ihrem Land, das verfiel oder von reichen adligen Grundherrn mit Beschlag belegt wurde. In der Hauptstadt strömten gewaltige Massen landlosen Proletariats zusammen, die Rekrutierung des Heeres geriet in Gefahr. Die Reformen der Gracchen (133 bis 121), die auf Landverteilung für die Armen abzielten, scheiterten. Das Milizheer wurde schließlich von Gaius Marius zum Söldnerheer umgewandelt. Das Problem der Landverteilung blieb aber bestehen, weil künftig die Heerführer Land für ihre aus dem Dienst ausscheidenden Soldaten forderten. Angesichts dieser sozialen Spannungen geriet das Gleichgewicht des römischen Staatswesens aus den Fugen. Eine Restauration der Herrschaft der "Nobilität", die sich gegen Aufsteiger immer mehr abkapselte, gelang zwar noch Lucius Cornelius Sulla (82-79), hatte aber über dessen Rücktritt hinaus kaum Bestand. Seitdem wurde die Politik von Einzelpersönlichkeiten bestimmt, die über gute Verbindungen in den herrschenden Kreisen, Heeresanhang und Gefolgschaft bei den Volksmassen verfügten.

Gaius Julius Cäsar
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Gaius Julius Cäsar

Unter diesen Persönlichkeiten war zunächst Gnaeus Pompeius am bedeutendsten. Seine Erfolge gegen das aufständische Spanien bei der Säuberung des Mittelmeeres vom Piratenunwesen und bei der Neuordnung der römischen Herrschaft im Osten (64 bis 62) ließen ihn zum einflußreichsten Politiker aufsteigen, der in Rom faktisch hätte herrschen können, ohne immer das höchste Amt zu bekleiden und ohne die bestehende Verfassung anzutasten. Dies wäre der Stellung die später Augustus besaß, nahegekommen. Die Senatsnobilität verweigerte sich aber, war zum Bündnis des Pompeius mit den beiden anderen damals wichtigen Politikern führte, dem kapitalkräftigen Marcus Licinius Crassus und dem Führer der Popularen Gaius Julius Cäsar (Erstes Triumvirat, 60). Letzterer ließ sich die gallischen Provinzen in Norditalien und Südfrankreich zuweisen und eroberte von ihnen aus von 58 bis 51 das gesamte Gallien. Mit dieser Machtbasis und seinem erprobten Heer gelang es ihm nach dem Tod des Crassus im Partherkrieg (53) und dem Umschwenken des Pompeius zur Senatspartei, beide zu überwinden und die Alleinherrschaft zu erringen.

Von Cäsar zu Augustus

Zunächst zum Diktator auf Lebenszeit ernannt, hat Cäsar anscheinend nach der Königswürde gestrebt und jene heftige Opposition in den - von ihm nach dem Sieg weitgehend verschonten - Kreisen der Senatspartei hervorgerufen, die 44 zu seiner Ermordung führte. Die Folge waren neue Wirren und Bürgerkriege, in denen sich Cäsars Adoptivsohn Octavius und seine ehemaligen Unterfeldherrn Marcus Antonius und Lepidus 43 zum Zweiten Triumvirat zusammenschlossen. Von ihnen besaß Octavius das meiste politische Geschick. Nach Ausschaltung des Lepidus und Aufteilung des Reiches mit Antonius konnte er diesen schließlich 31 v. Chr. in der Seeschlacht von Aktium besiegen und endgültig die Alleinherrschaft erringen. Octavius übte sie allerdings eher verdeckt auf. Aufgrund seiner Verdienste konnte er sich im Janur 27 v. Chr. leisten, auf seine bisherigen Sondervollmachten zu verzichten und die alte republikanische Verfassung formell wiederherzustellen. Der Senat verlieh ihm darauf den Ehrentitel Augustus. Außerdem erhielt er die militärische Befehlsgewalt (imperium), während er nur noch sporadisch auch als Konsul fungierte. Auf diese Art beruhte seine Herrschaft als "erster Bürger" (princeps) vor allem auf dem eigenen und dem mit seinen Amtsgewalten verbundenen Ansehen (auctoritas).

Prinzipat und Dominat

Konstantin der Große
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Konstantin der Große

Diese Form des Prinzipats, die kontinuierliches Regieren des Kaisers ohne Ausschaltung der bisherigen Eliten ermöglichte, hat rund zwei Jahrhunderte Bestand gehabt. Unfähige Herrscher, die durch Grausamkeiten von sich reden machten wie Caligula (37 bis 41), Nero (54 bis 68) oder Domitian (81 bis 96), blieben die Ausnahme. Das gut verwaltete Reich blühte wirtschaftlich auf und konnte sich sogar weiter ausdehnen, so auf Britannien, ins heutige Rumänien und zeitweilig bis zum Persischen Golf. Im 3. Jahrhundert wandelten sich die Rahmenbedingungen. Die Zerrüttung der Staatsfinanzen durch hohe Militärausgaben zur Reichsverteidigung gegen Germanen und Perser sowie höfischen Luxus, das Aussterben der stadtrömischen bzw. italischen Eliten und deren Ersatz durch dem römischen Wesen Fremde (möglich durch die Übertragung des römischen Bürgerrechts an alle freien Reichsangehörigen 212), führten zu einer Nivellierung der Reichsuntertanen. Die Führung des Reiches fiel jahrzehntelang an die jeweils stärksten Feldherren ("Soldatenkaiser"), denen meistens zu wenig Zeit zur Konsolidierung ihrer Herrschaft blieb. Die Konsequenzen zog daraus der 284 zur Macht gelangte Dalmatiner Diokletian. Die Straffung der Verwaltung, die strenge Unterordnung des Heeres und die Aufteilung des Reiches unter zwei Ober-Herrscher (Augusti) und zwei zur Nachfolge vorgesehene Vertreter (Caesari) sollten das Reich stabilisieren. Gegen religiöse Sekten, vor allem die Christen, ging man mit aller Schärfe vor. Die Viererherrschaft (Tetrarchie) bewährte sich indessen nicht. Mit Konstantin dem Großen (324 bis 337) ist das neue, absolute Kaisertum zur Alleinherrschaft eines einzelnen geworden. Zugleich wurde das Christentum zur beherrschenden Religion, die später (380) als einigendes Band zur Staatsreligion erhoben wurde.

Niedergang und Ende

Alles dies vermöchte den Niedergang des Reiches, dessen Hauptstadt Konstantin nach Byzanz am Bosporus ("Konstantinopel") verlegte, nicht aufzuhalten. Die Abwehr der Perser und der im Norden andrängenden Germanen machte seit 395 eine dauernde Teilung in West- und Ostrom erforderlich, wobei die weströmischen Kaiser meistens in Mailand oder Ravenna, nahe der gefährdeten Grenzen, residierten. Immer mehr germanische Völker drangen ins Reichsgebiet ein, wurden zum Teil angesiedelt und durchlöcherten das Herrschaftsgefüge, während in leitenden Stellungen der Verwaltung und des Heeres romanisierte Germanen saßen. Während das oströmische Reich wegen der günstigen Lage seiner Hauptstadt, die schwer zu erobern war, weiterbestehen konnte, wurde Rom 410 und 455 von germanischen Völkerschaften erobert und geplündert. Die weströmischen Kaiser mußten tatenlos zusehen. Als 476 der germanische Heerführer Odoaker den letzten von ihnen, Romulus Augustulus, entthronte, fand das alte Römische Reich mit dem Zentrum Rom sein Ende.


Hochkulturen in Indien

2.500 v. Chr. bis 700 n. Chr.

Mohenjo-daro, eine Stadtsiedlung der Indus-Kultur
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Mohenjo-daro, eine Stadtsiedlung der Indus-Kultur

Geschichtliche Überlieferung

Schriftliche Überlieferungen, die die Geschichte Indiens und seiner Herrscher beschreiben, sind nur sehr spärlich vorhanden. Die wenigen Aufzeichnungen stammen aus Zeiten, als der Religionsstifter Buddha (um 563 bis 479 v. Chr.), die erste historische Persönlichkeit Indiens, längst nicht mehr lebte. Die Gründe für diese dürftige Geschichtsschreibung sind in der Lebensphilosophie der Inder von der Stellung des einzelnen in der Welt begründet. Wer so offensichtlich dem Wandel, dem Vergehen unterliegt wie das einzelne Wesen, dessen persönliches Schicksal ist unwichtig für die Erkenntnis der Wahrheit, die alles überdauert. So versucht die indische Philosophie, im Einzelnen das Ewige, Beständige zu erkennen. Darum bleibt die Einzigartigkeit und Einmaligkeit einer historischen Begebenheit unwichtig, bewahrt wird nur das zeitübergreifende Gültige. Die Kenntnisse der Geschichte des vorislamischen Indien beruhen auf Quellen, die für andere Hochkulturen als geschichtliche Nebenüberlieferungen gelten: Auf Archäologie, Münzkunde und Inschriften, auf Literatur und Legende sowie auf Berichten ausländischer Reisender und Pilger.

Die Indus-Kultur

Es bestand lange die Annahme, dass die Grundlagen der indischen Geschichte erst nach dem Einbruch der Arier im 2. vorchristlichen Jahrtausend gelegt wurden. Als jedoch im 19. Jahrhundert n. Chr. im Pandschab (West-Pakistan) die Ruinen der Stadt Harappa und später auch der Stadt Mohenjo-daro gefunden wurden, traten Spuren einer Zivilisation ans Licht, die etwa 1.000 Jahre lang - von 2.500 bis 1.500 v. Chr. - existiert hatte. Diese Induskultur der Bronzezeit wurde nach ihrem ersten Fundort auch als Harappa-Kultur bezeichnet. Bedeutender noch als Harappa selbst war für diese Kultur Mohenjo-daro, eine Siedlung mit schon großstädtischem Charakter.
Mohenjo-daro, Swimming-Pool der Indus-Kultur
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Mohenjo-daro, Swimming-Pool der Indus-Kultur
Diese Stadt wies ein für das Altertum einzigartiges Be- und Entwässerungssystem auf und besaß viele mehrstöckige Häuser. Fast 1.000 Jahre lang behielten die rechtwinklig gekreuzten Haupt- und Nebenstraßen ihre Lage bei. Sie bildeten genau abgemessene Stadtviertel, in denen die Bevölkerung getrennt nach Berufsgruppen lebte. In dieser strengen Einteilung wird die Grundlage eines an Beruf und Erblichkeit gebundenen Kastensystems vermutet, das sich bis in die heutige Zeit auswirkt. Die Religion der Harappa-Zivilisation weist überraschend Ähnlichkeiten mit dem Hinduismus auf. So wurden unter anderem Tonfiguren in Form von Tieren und Muttergöttinnen gefunden, wie sie noch heute im ländlichen Indien auf Hausaltären stehen.

Auf einigen alten Siegeln ist ein männlicher Gott abgebildet, der gehörnt ist und drei Gesichter hat. Er gilt als vorgeschichtliche Form des Gottes Schiwa. Schon damals galten die Kühe als heilig. Ihr Fleisch - wie auch das anderer Tiere - durfte nicht verzehrt oder den Göttern geopfert werden. Tempel- und Palastbauten wurden bei den Ausgrabungen jedoch nicht freigelegt. Nach der Entzifferung der bildhaften Schriftzeichen konnte die Bevölkerung Harappas den Drawiden zugeordnet werden, einer großen Sprachfamilie, die keiner anderen Sprachgruppe zurechenbar ist. Heute noch ist diese Sprachgruppe in Zentral- und Südindien beheimatet. Die Menschen, die dort lebten, waren überwiegend dunkelhäutig, von kleinem Wuchs, mit dunklen lockigen Haaren und Bärten. Sie müssen sehr friedliebend gewesen sein, denn ihre Städte weisen keinerlei militärische Anlagen auf, weder für den Angriff, noch für die Verteidigung. So standen sie dem Ansturm der Arier, die beritten waren und Streitwagen mit sich führten, um 1.500 v. Chr. wehrlos gegenüber.

Die Epoche der Arier

Hinduismus - Shiva als Nataraja, tanzend auf dem Apasmara (11. Jhd.)
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Hinduismus - Shiva als Nataraja, tanzend auf dem Apasmara (11. Jhd.)

Die Herkunft der hellhäutigen Hirten- und Viehzüchtervolkes, das selbst arya (Edle) nannte, ist bis heute nicht sicher geklärt. Die Arier sprachen eine Urform der Sankskrit, einer indoeuropäischen Sprache. Darum wird vermutet, dass sie aus dem indoeuropäischen Raum stammen. Um das Jahr 1.500 eroberten sie wiete Teile Nordindiens. Bis 200 n. Chr. dehnten sie ihren Einflußbereich auf das gesamte Gebiet zwischen dem Himalaya- und dem Vindhya-Gebirge aus, von einem Meer bis zum anderen. Friedliche Kundschafter wurden ebenfalls in den Süden gesandt, konnten dort aber (im Gegensatz zum Norden) die drawidische Kultur nicht tiefgreifend beeinflussen. So sind heute die Sprachen des Südens Indiens drawidischen Ursprungs, während drei Viertel aller indischen Sprachen dem arischen Sanskrit verwandt sind. Die Arier huldigten verschiedenen Naturgöttern, die zum Teil Personifizierungen von Naturgewalten, wie zum Beispiel Feuer, Wasser und Luft waren. Die Gunst der Götter suchten sie durch Gebete und Tieropfer auf Gras-Altären zu erlangen. Der Ranghöchste unter ihren Göttern war der Kriegsgott Indra, eine Verherrlichung des arischen Kriegers. Groß, stark, mit lohfarbenem Bart und alkoholischen sowie aufputschenden Getränken zugetan. Aus diesen ersten Jahrhunderten arischer Herrschaft in Indien stammt das älteste überlieferte Werk dieses Volkes, die "Veden" ("Das Wissen", 1.500 bis 1.200), eine Sammlung volkstümlicher Lieder, magischer Sprüche und anderer Zeugnisse. Im Lauf der Jahrhunderte vermischten sich die Kultur und Religion der Arier mit denen der Urbevölkerung. Es entstand der Brahmanismus, eine neue religiöse Vorstellung von der universalen Seele (Brahmas), in der die individuelle Seele des einzelnen Menschen aufgeht. Um diese Verschmelzung zu erreichen, muß das Individuum nach Erkenntnis des übergreifend Gültigen streben, nur so kann es das Leiden des täglichen Lebens überwinden. In dieser Periode entwickelte sich auch die Lehre von Kreislauf der Seele, die besagt, dass die Taten des Menschen im gegenwärtigen Leben über das Los und die Kastenzugehörigkeit im folgenden entscheiden.

Weil die Regeln des Brahmanismus, der als Vorläufer des heutigen Hinduismus gilt, an strenge und komplizierte Opferrituale geknüpft waren, gewannen die Priester an gesellschaftlicher Bedeutung. Die Macht der Krieger des Kriegsgottes Indra sank. In den "Upanischads" ("Buch der Wege"), die um 800 v. Chr. entstanden, sind sämtliche Naturgötter der Arier durch die Vorstellung von der universalen Seele abgelöst. Parallel zu dieser Entwicklung wuchs die Ehrfurcht vor den Tieren erneut. Die Tieropfer verschwanden, Kühe wurden wieder heilig, es wurde vorwiegend vegetarisch gegessen. Diese allmähliche Sinnesänderung läßt sich in dem großen indo-arischen Epos "Mahabharata" verfolgen, das in der überlieferten Form um 200 v. Chr. entstand, dessen Gestaltung aber Jahrhunderte in Anspruch nahm. Hier werden Schlachtungen von Tieren in frühen Passagen noch mit Zustimmung, in späteren jedoch mit deutlichen Entsetzen geschildert. Eine Anzahl kleiner Königshöfe waren die Organisationszentren der arischen Macht. An ihnen spielten Brahmanen als Opferpriester und Berater eine bedeutende Rolle. Die Arier übernahmen von der Indusbevölkerung die Institution der Kasten, ordneten diese jedoch neu in ein hierarchisch aufgebautes Vier-Kasten-System. Die Brahmanen (Priester) standen an höchster Stelle, es folgten abgestuft die Ksatriya (Krieger), die Vaisya (Handwerker) und zuunterst die Sudras (Bauern und Diener). Außerhalb dieser festgeordneten Gemeinschaft standen die "Unberührbaren", Angehörige noch nicht assimilierter Stämme und sogenannter unreiner Berufe, wie zum Beispiel Straßenkehrer. Die Arier selbst nahmen in diesem System die oberen Ränge ein. Noch heute finden sich in den oberen Kasten überwiegend hellhäutige Inder.

Das Reich der Mauryas

Buddhas erste Predigt (Dahlem Museum, Berlin)
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Buddhas erste Predigt (Dahlem Museum, Berlin)

Um 500 v. Chr. bildete sich im Osten der Ganges-Ebene in Magadha (dem heutigen Bihar) ein neues Kultur- und Machtzentrum. Siddharta Gautama, der Buddha (der "Erleuchtete", der "zur vollen Einsicht Gelangte") überwand hier mit seiner Lehre die Anschauungen der brahmanischen Opferpriester. Er verkündete eine mögliche Erlösung der Wiedergeburten nicht durch Opfer und Askese, sondern durch Meditation, Selbstvervollkommnung und letztendlich Aufgabe des Ich. Grundlage des Buddhismus ist auch heute noch die Vorstellung, dass jegliche lebende Existenz jedweder Form Leiden ist. Das Heil - die Erlösung vom Leiden, die im Erlöschen der Individualität und allen Strebens besteht - ist nur durch Erkenntnis zu gewinnen. Diese Erkenntnis muß alle Lebensebenen eines Menschen umfassen und hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Lebensführung. So entstanden die buddhistischen Orden, in denen die strenggläubigen Mönche abgeschieden von der Außenwelt lebten. Buddha lehnte das Kastensystem entschieden ab. Mit seiner Lehre schuf Buddha die Grundlage für die Herrschaft der Maurya-Dynastie, die kurz nach dem Einfall Alexander des Großen in Indien (327 bis 325) einsetzte und bis ins 2. vorchristliche Jahrhundert im Norden und Nordwesten Indiens andauerte. Die Hauptstadt dieser Dynastie lag im alten Pataliputra, dem heutigen Patna in Bihar. Mit der Kontrolle der wichtigsten Handelswege, einer durchdachten und zugleich repressiven Staatsverwaltung, einem riesigen stehenden Heer und schließlich dem Anspruch auf eine indische Universalmonarchie besaßen die Mauryas neue wirksame Herrschaftsmittel. Aus der Zeit der Maurya-Herrschaft stammen die Vielzahl von Überlieferungen. Der Maurya-Herrscher Kautilya liefert in seinem Staatslehrbuch "Arthaschostra" eine ironische Beschreibung seiner Epoche.

Aschoka (um 268 bis 232), der dritte und mächtigste Fürst dieser Dynastie, ließ seine Edikte in Steinsäulen und Felsen einmeißeln. Interessanterweise wurden diese frühesten Denkmäler indischer Schreibkunst in mittelindischen Sprachen und nicht in Sanskrit abgefaßt. Weil sie unter anderem bestimmte Herrschernamen enthalten, liefern sie die eersten gesicherten Daten indischer Geschichte aus eigener Quelle. Aschoka führte die expansive Politik seiner Vorfahren fort und begann seine Regierungszeit mit der Eroberung Orissas. Den Inschriften zufolge muß dieser Feldzug äußerst blutig verlaufen sein. Er hinterließ einen nachhaltigen Eindruck auf den strenggläubigen buddhistischen Herrscher, dessen Religion ja selbst das Töten von Tieren verwarf. Nach dem Aschokas 232 v. Chr. sank der Einfluß der Maurya-Dynastie, das Gebiet wurde 500 Jahre lang von Machthabern verschiedener Herkunft regiert. So dehnten zunächst die griechischen Seleukiden-Könige, an die um 250 v. Chr. Baktrien (heute Nordost-Iran und Nord-Afghanistan) gefallen war, ihr Gebiet nach Süden aus. Sie errichteten in Gandhara ein Reich, von dem aus sie später weiter ins Innere Indiens vordrangen. Um 95 v. Chr. wurden die Griechen von den Saken, einem zentralasiatischen Nomadenvolk, aus Indien verdrängt. In späteren Jahren besiegten die Parther die Saken und mußten ihrerseits den Skythen weichen. Das Staatswesen und die Glaubensformen hatten sich in Indien unter den Mauryas allerdings so weit gefestigt, dass alle Eroberer über kurz oder lang zu Indern wurden. Die Herrscher nahmen indische Namen an und ihre Bekehrungen wurden in Legenden ausgeschmückt.

Die Gupta-Dynastie

Skulptur aus der Gupta-Dynastie
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Skulptur aus der Gupta-Dynastie

Nach dem Niedergang der buddhistischen Großreiche setzte eine brahmanische Renaissance ein. Viele kleine Fürstenhäuser förderten die Brahmanen, die für das Staatswesen weniger Kosten verursachten als die buddhistischen Mönchsorden. Als Gegenleistung für diese Unterstützung untermauerten die brahmanischen Priester die Herrschaftsansprüche ihrer Fürsten in ihre Lehre und im Ritual. Um 320 n. Chr. erhob sich aus der Mitte dieser Fürstenhäuser die Gupta-Dynastie, die durch ein dem Feudalismus vergleichbares System verschiedene Fürstenhäuser an sich band. Durch Berichte chinesischer Pilger sind wir über das Staatswesen dieser Periode besonders gut informiert. Die Guptas entwickelten eine neue höfische Kultur und pflegten wieder das klassische Sanskrit. Der kulturelle Einfluß dieser Epoche blieb über Jahrhunderte, weit über die Herrschaftszeit dieser Dynastie hinaus, bestimmend. Die Regierungszeit der Guptas gilt allgemein als das goldene Zeitalter des mittelalterlichen Indiens. Zwar wurde das Kastensystem noch strenger als vor der buddhistischen Zeit gehandhabt, die Strafgesetze waren jedoch wesentlich milder als in der Maurya-Zeit. Unter dem Ansturm zentralasiatischer Nomaden, der Hunnen, brach das Gupta-Reich Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zusammen. Es folgte eine Epoche des Kampfes, die nur kurz von der Herrschaft des mächtigen Monarchen Harschawardhana von 606 bis 647 unterbrochen wurde. Danach zerfiel Indien wieder in einzelne Regionen, die von Lokaldynastien regiert wurden. So gibt es für die Zeit zwischen dem Ende der Gupta-Dynastie und dem Ende des 12. Jahrhunderts keine einheitliche geschichtliche Entwicklung im Norden und Nordwesten Indiens.

Der Süden Indiens

Der Süden Indiens entwickelte, nahezu unabhängig von den nördlichen Reichen, eine eigene Kultur und behielt die drawidische Sprachzugehörigkeit. Die Völker des Südens lebten zwar, ebenso wie die des Nordens, von Ackerbau und Viehzucht, waren jedoch in erster Linie Fischer und Seefahrer. So betrieb die Schatawahana-Dynastie, die in den ersten Jahrhunderten n. Chr. weite Teile der südlichen Halbinsel beherrschte, regen Handel und unterhielt ausgedehnte Geschäftsverbindungen, wie unter anderem zahlreiche römische Münzfunde anzeigen.


Die Zeit der Völkerwanderung

4. bis 6. Jahrhundert

Alarich plündert Rom

Stilicho rettet Rom vor den Vandalen
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Stilicho rettet Rom vor den Vandalen

Im August 410 erschütterte eine geradezu unglaugliche Nachricht die Mittelmeerwelt. Der Westgoten-Heerführer Alarich I. hatte Rom eingenommen und die Stadt drei Tage lang geplündert. Die Nichtchristen meinten, dies sei die Strafe für Roms Abfall von den alten Göttern. Der Kirchenvater Augustinus verfaßte zur Widerlegung dieses Vorwurfs sein berühmtes Werk "Der Gottesstaat", das die Theologen des Mittelalters entscheidend beeinflussen sollte. Richtig an den Vorwürfen war sicherlich, dass das Römische Reich dem Untergang geweiht war. Eine der Ursachen dafür waren die seit über hundert Jahren andauernden Germanenkriege. Das Reich war zum Militärstaat geworden, dessen Finanzbedarf die Landwirtschaft und das einst blühende Städtewesen ruiniert hatte. Längst bestanden die Heere zum großen Teil aus germanischen Söldnern. Auch die Truppenführer, ja selbst die hohen Beamten waren nicht selten Germanen, die zu römischen Bürgern geworden waren. Das Römische Reich, von Germanen bedroht, schien sich innerlich bereits "germanisiert" zu haben. So war römischerseits der größte Gegenspieler Alarichs der gebürtige Vandale Stilicho, dessen Ermordung 408 den Westgoten ihren Angriff auf Rom erleichterte.

Die Germanen und Rom bis 375

Kriegszüge germanischer Völkerschaften gegen die Römer waren nichts Neues. Bereits um 100 v. Chr. hatte man sich der Kimbern und Teutonen kaum erwehren können. Gaius Julius Cäsar war bei der Eroberung Galliens gleichfalls auf vordingende Germanen gestoßen. Den Versuch zur Zeit des Augustus, weite Teile Germaniens (bis zur Elbe) dem Römischen Reich einzuverleiben, hatte die Niederlage im Teutoburger Wald vereitelt (9 v. Chr.). Kaiser Mark Aurel stand seit 166 im Kampf gegen die die Donaugrenze berennenden Markomannen. Im 3. Jahrhundert überfluteten germanische Stämme den Limes zwischen Rhein und Donau, ja drangen weit nach Gallien und zum Teil nach Norditalien vor, ehe sie zurückgeworfen werden konnten. Diese Züge hingen mit fortwährenden Bewegungen germanischer Völker, Teilstämmen oder Gefolgschaftsverbänden zusammen, die unter Führung von Mitgliedern adliger Familien Kriegs- und Beuteexpeditionen unternahmen. Die Gründe dafür sind bis heute noch nicht restlose geklärt. Klimaverschlechterungen, Flutkatastrophen an der Nordseeküste, zeitweilige Überbevölkerung mancher Gebiete mögen dazu beigetragen haben.

Teutonen
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Teutonen

Der reiche Süden bot für Beutelustige eine gewaltige Anziehungskraft. Hinzu kam der Brauch, dass die männliche Jugend sich jeweils im Frühjahr zur Wehrertüchtigung auf Kriegsfahrt begab. Fest steht aber, dass sich kriegsbereite Stammesgruppen und Stämme seit dem 3. Jahrhundert zu größeren und gefährlicheren Verbänden unter sogenannten Heerkönigen zusammenfanden. Hinzu kamen weiträumigere Wanderungen wie die der Alamannen, der Sachsen, später der Franken, vor allem aber der Goten, die in den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten langsam aus dem heutigen Mittelschweden über das Weichselgebiet bis zur Schwarzmeerküste zogen. Bereits Mitte des 3. Jahrhunderts beunruhigen die verschiedenen gotischen Völkerschaften die Römer im Bereich des unteren Donaulaufs und suchten als Seeräuber sogar die Gestade des Schwarzen Meeres heim. 269 schieden sich die verschiedenen gotischen Stämme in die "Ostrogoten", die unter ihrem König Ermanarich ( 375?) den weiten Bereich des europäischen Rußlands beherrschten und die "Wesegoten", deren Schwerpunkt mehr zum Balkan hin lag. Die übrigen Teilstämme gingen allmählich in den Ost- und Westgoten auf.

Hunnen, Westgoten und Vandalen

Bereits die Wanderung und Reichsbildung dieser Völker hatte die germanischen Stämme immer wieder in Bewegung gebracht. 375 aber trag die Goten selbst der Stoß eines wandernden Volkes, und zwar der aus den Steppen Zentralasiens westwärts drängenden hunnischen Reiterscharen. Sie besiegten im Wolgagebiet die Ostgoten und trieben, was sich von den Westgoten nicht unterwarf, vor sich her. Diese baten die Römer um Ansiedlungsrecht an der unteren Donau. Mißhelligkeiten zwischen Westgoten und der oströmischen Zentralgewalt führten aber zum Kampf, der mit der vernichtenden Niederlage des Kaisers Valens bei Adrianopel (378) endete. Während der Hunnenverstoß 451 nach der Niederlage des Hunnenkönigs Attila, der kurz darauf (453) starb, durch Römer und germanische Hilfstruppen auf den Katalaunischen Feldern in der heutigen Champagne zum Stehen kam, waren die nun in heftige Bewegung geratenen Germanenvölker nicht mehr aufzuhalten. Der politische Gegensatz zwischen den seit 395 endgültig von eigenen Kaisern regierten westlichen und östlichen Hälften des Römischen Reiches spielte dabei eine erhebliche Rolle. Die Westgoten, die zunächst Griechenland durchzogen, wandten sich 400 nach Italien, dessen Verteidigung die Entblößung der Rheingrenze zur Folge hatte. Über sie drangen Vandalen, Alanen und Sweben nach Gallien und von dort aus 409 nach Spanien ein. Hier setzten sich die Vandalen unter ihrem Anführer Geiserich zunächst im Süden ("Andalusien") fest, wo sie sich die Kunst des Schiffsbaus aneigneten und eine Seemacht aufbauten. 429 setzten sie nach Afrika über, wo Geiserich 439 das erste selbständige germanische Königreich mit der Hauptstadt Karthago gründete. Von hier aus beherrschte er das westliche Mittelmeer, kontrollierte die Kornzufuhr nach Italien und konnte 455 ungehindert die Stadt Rom erneut plündern.

Die Germanen als Bundesgenossen

San Vitale von Theoderich begonnen, fertiggestellt 548 von Justinian und Maximinian, geplündert von Karl dem Großen
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San Vitale von Theoderich begonnen, fertiggestellt 548 von Justinian und Maximinian, geplündert von Karl dem Großen

Dass sich auf Reichsboden neue, germanische Staaten bildeten, lag zunächst jenseits der politischen Absichten der einfallenden Völker. Sie suchten lediglich Ansiedlungsmöglichkeiten und weil es sich meistens nur um 20.000 bis 100.000 Menschen gehandelt haben dürfte, von denen nicht mehr als ein Fünftel zu den eigentlichen Kriegern zählte, kam man diesen Absichten römischerseits auch entgegen. Ansiedlungswillige wurden als Bundesgenossen (foederati) in den Reichsverband aufgenommen und erhielten dort, wo sie sich niederließen, ein Drittel des Grundbesitzes zugewiesen. Diese Regelung hat die Romanisierung der meisten Germanen ermöglicht. Sie gaben oft schon nach wenigen Generationen ihre Sprache auf und verschmolzen mit der übrigen Bevölkerung. Nur ein Teil eines Wortbestandes (etwa in der Bezeichnung von Farben oder von Himmelsrichtungen, vielfach auch in Orts- und Landschaftsnamen) lebt in den romanischen Sprachen fort. Erleichtert wurde das Zusammenleben auch dadurch, dass sich die meisten Germanen schon früh zum Christentum bekehrten. Bei den Goten, deren Missionsbischof Ulfilas die Bibel ins Gotische übersetzte (um 350) - der Text des Neuen Testaments ist uns noch zum größten Teil erhalten -, war das zuerst der Fall. Allerdings hingen sie zum Teil noch bis ins 6. Jahrhundert hinein dem Bekenntnis des Arius an, das die Gottgleichheit Christi und folglich die Dreifaltigkeitslehre ablehnte und nur an die Gottähnlichkeit des "Sohnes" glaubte. Erst als sie sich davon abwandten, wurde eine echte Verschmelzung mit den neuen Nachbarn möglich. Der Zerfall der weströmischen Zentralgewalt ließ jedoch eine Fortsetzung solcher friedlichen Bemühungen auf die Dauer nicht zu, so dass gewaltsame Landnahmen immer häufiger wurden.

Die neuen Germanenreiche

Die Westgoten siedelten sich nach dem Italienzug Alarichs I. zunächst im südlichen Gallien an, um dann nach Spanien zu ziehen, wo ihr Reich 711 dem Ansturm der Araber erlag. An sie erinnert heute nur noch der Name der Landschaft Katalonien ("Gotalandia"). Die nach dem Ende des Hunnenreichs wieder freien Ostgoten rückten um 490 nach Italien ein. Ihr bedeutendster Herrscher, Theoderich der Große (474 bis 526), der Dietrich von Bern ("Verona") der germanischen Sage, gebot schließlich auch über das gesamte Alpengebiet und den Nordostteil des heutigen Jugoslawiens. Ravenna, dessen Bauten um 800 Karl der Große in Aachen nachahmte, wurde zu einem der großen Kulturzentren der spätantiken westlichen Welt. Dieses Reich wurde freilich nach Theoderichs Tod - ebenso wie das der Vandalen - von den Heeren des oströmischen Kaisers Justinian I. (527 bis 565) erorbert. Dieser - auch durch die von ihm angeordnete Kodifikation des römischen Rechts berühmte - Herrscher versuchte, die römische Herrschaft über das gesamte Mittelmeergebiet wiederherzustellen. Dies war darum möglich, weil der Osten des Römischen Reiches von den wirtschaftlichen Krisenerscheinungen seit dem 3. Jahrhundert nicht so stark betroffen und inzwischen wieder in einem wirtschaftlichen Erholungsprozeß begriffen war. Möchte auch das weströmische Reich den Germaneneinfällen erlegen sein, der Kaiser in Konstantinopel gebot nach wie vor über die einzige Großmacht des Mittelmeerraums, über den er dem Anspruch nach insgesamt herrschte, wie denn auch sein Titel ihn über die übrigen Könige emporhob.

Mosaik vom Palast Theoderichs, Basilika Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna, Italien
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Mosaik vom Palast Theoderichs, Basilika Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna, Italien

Während das Vandalen-Reich 533/34 beim ersten Vorstoß der oströmischen Heere zusammenbrach, dauerte die Eroberung Italiens fast 20 Jahre und war erst 553 abgeschlossen. Bereits 550 war den Westgoten der Südostzipfel Spaniens zwischen Cadiz und Córdoba entrissen worden. Diese Bemühungen und die Erneuerung des Römischen Reiches schwächten allerdings Konstantinopel so stark, dass es kurze Zeit später den Angriffen des neupersischen Sassaniden-Reichs und anschließend der zum Islam bekehrten Araber kaum noch standhalten konnte. Auch konnten es die Nachfolger Justinians nicht verhindern, dass seit 568 die Langobarden (aus dem "Bardengau" um Lüneburg und seit 490 östlich der Alpen siedelnd) den größten Teil Italiens besetzten, deren nördlicher Teil, die Lombardei, noch ihren Namen trägt. Wirklich prägend für ihre neue Siedlungsgebiete wurden so nur wenige germanische Stämme. Die Burgunder, die aus dem Gebiet zwischen Oder und Weichsel stammten und im 3. Jahrhundert an den Main gelangt waren, wurden 436 zum großen Teil von den Hunnen vernichtet, während der Rest am Alpen-Ostrand von den Römern angesiedelt wurde und später in das Frankenreich aufging.

Die Alamannen waren ein Stammesverband aus dem mittleren Elbegebiet, der im 3. Jahrhundert das heutige Schwaben besetzte und bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts weiter südlich bis ins Alpenland sowie ins Oberrheintal vordrang. Auch ihnen gelang keine dauerhafte Reichsbildung. Endgültig wurden sie im 8. Jahrhundert von den Franken unterworfen. Die Angeln und Sachsen kamen aus Jütland. Während die Sachsen weit nach Süden vorstießen und das heutige Niedersachsen, Westfalen und Thüringen eroberten, setzten Teile von ihnen gemeinsam mit den Angeln im 5./6. Jahrhundert auf die britischen Inseln über und gründeten dort verschiedene Kleinkönigreiche, die schließlich im 9. Jahrhundert zu einem angelsächsischen Königreich vereint wurden. Auch die Sachsen, die einen Stammesverband ohne Königtum bildeten, konnten ein mächtiges Reich aufbauen, das sich von allen Völkerwanderungsstaaten am längsten der christlichen Mission verschloß. Erst der Frankenkönig und Kaiser Karl der Große konnte diesen Stammesstaat nach mehr als 30jährigem Kampf niederringen und christianisieren. Da den Franken sich auch die Langobarden sowie endgültig die einst aus Böhmen ausgewanderten Baiern unterwarfen, war auf dem Kontinent von den Reichen der Völkerwanderung um 800 nur noch das fränkische übrig.

Die Franken als Erben

Chlodwig I., König der salischen Franken 482
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Chlodwig I., König der salischen Franken 482

Die fränkische Wanderung war die kürzeste und zugleich die für die weitere Geschichte des Abendlandes folgenreichste. Die Franken (gleichbedeutend mit die "Kühnen", "Ungestümen") bildeten sich im 3. Jahrhundert als Bündnis einer Reihe kleinerer rechtsrheinischer Völkerschaften. Seit dem 4. Jahrhundert drangen sie mehr und mehr nach Gallien ein. Wo sie mit der romanischen Bevölkerung verschmolzen, hinterließen sie in den sich aus dem Latein der unteren Volksschichten herausbildenden romanischen Dialekten (aus denen unter anderem das Provenҫalische und das Französische hervorgingen) und in der Landschaft nur geringe Spuren. Anders im nördlichen Gallien bis zur Somme. Hier verschob sich die romanisch-germanische Sprachgrenze von Rhein bis auf die heutige, quer durch Belgien und den Kamm der Vogesen entlanglaufende Linie. Nach Ausschaltung sämtlicher Machtkonkurrenten erhob sich Chlodwig I., der König der salischen Franken seit 482, schließlich zum Gesamtherrscher. Bis zu seinem Tod (511) hatte er sein Reich bis ins Vorland der Pyrenäen ausgedehnt. Politisch kam ihm hierbei zugute, dass er 498 zum Allgemeinen (katholischen) christlichen Bekenntnis übertrat und die Franken so eine gewisse Rückendeckung des in der Mittelmeerwelt immer noch mächtigsten, des oströmischen Reichs gegenüber den übrigen - arianischen - Germanenkönigen erhielten. Im fränkischen Staat arbeiteten die verbliebenen römischen Fachbeamten loyal mit, ebenso die als gesellschaftliche und wirtschaftliche Kraft bedeutsame Kirche. So konnte jene Symbiose zwischen römisch-antiker Kultur christlicher Prägung und germanischen Traditionen entstehen, die das Frankenreich schließlich im 8. Jahrhundert zum mächtigsten Staatswesen des Westens werden ließ, das neben den Byzantinern allein den Sturmlauf des expandierenden Islams aufzuhalten vermochte. Im Frankenreich, dessen König 800 das weströmische Kaisertum erneuerte, vollzog sich die Geburt des mittelalterlichen Europas.


Der Islam und die Welt der Araber

um 570 bis 8. Jahrhundert

Das Ursprungsland

Kaaba in Mekka - Schwarzer Stein (ein Meteorit)
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Kaaba in Mekka - Schwarzer Stein (ein Meteorit)

Der Islam, die jüngste der Weltreligionen, entstand erst im frühen 7. Jahrhundert in einem Gebiet, das zu den unwirtlichsten der Erde zählte. In einer heißen, ausgedörrten Landschaft, die sich eine Million Quadratkilometer weit zwischen Asien und Afrika erstreckt. Im 6. und 7. Jahrhundert lebten dort überwiegend nomadisierende Beduinen, die sich notdürftig von Milch und Datteln ernährten und in Zelten aus Tierhaaren hausten. Oft herrschte Blutfehde zwischen den Stämmen, Kinder wurden häufig gleich nach der Geburt getötet, um die ohnehin kärgliche Nahrung eines Stammes nicht durch weitere Esser zu verknappen. Als die höchsten menschlichen Tugenden galten bei den Beduinen Großzügigkeit, Loyalität und Mut. Um die Mitte des 6. Jahrhunderts gab es in Nordarabien drei bedeutende Städte, alle im gebirgigen Landstrich Hedschas gelegen, den im Westen das Rote Meer, im Osten die große Wüste begrenzt. In der Mitte des Hedschas lag Jasrib, das spätere Medina, in einem kleinen, fruchtbaren Oasengebiet. 400 Kilometer weiter südlich befand sich - in den kühleren Bergen - die Stadt Taif und nordwestlich davon in einer Senke das von vegetationslosen Bergen umgebene Mekka. Mekka war damals wegen seiner verkehrsgünstigen Lage die blühendste dieser drei Städte und bezog hohe Einnahmen von reich beladenen Kamelzügen, die diesen Knotenpunkt des Karawanenhandels zahlreich durchquerten. Führende Bürger der Stadt gehörten der Koreischiten-Sippe an, die mit finanzieller und militärischer Macht in Mekka regierten. Zu ihrem Wohlstand trugen unter anderem die Pilger bei, die zur Kaaba in Mekka, der heiligsten Stätte der Araber, reisten. In der Kaaba wird noch heute der Schwarze Stein (ein Meteorit) von den Moslems als heilig verehrt. Allah, später einziger Gott der Moslems, war damals eine der Hauptgottheiten Mekkas. Dort wurden noch etwa 300 weitere Götter und Göttinnen angebetet.

Mohammed verkündet die Lehre

Gräber und Gruften sind die spektakulärsten Funde der islamischen Epoche in Siraf (liegt an der Nordküste des Persischen Golfes). Auf einigen Gräbern und in Gruften sind einige Worte oder Verse des Heiligen Koran zu lesen. Das älteste Grab stammt um etwa 975 n. Chr.
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Gräber und Gruften sind die spektakulärsten Funde der islamischen Epoche in Siraf (liegt an der Nordküste des Persischen Golfes). Auf einigen Gräbern und in Gruften sind einige Worte oder Verse des Heiligen Koran zu lesen. Das älteste Grab stammt um etwa 975 n. Chr.

In Mekka wurde um 570 Mohammed als Sohn eines verarmten Koreischiten geboren. In jungen Jahren verdiente er seinen Lebensunterhalt als Angestellter der reichen, 15 Jahre älteren Witwe Chadidscha. Als Mohammed 25 Jahre alt war, heiratete sie ihn. Der Ehe entstammten mehrere Kinder. Im Jahr 610 erschien Mohammed auf dem Berg Hira der Erzengel Gabriel, der ihm verkündete, Mohammed sei der Apostel und Gesandte Gottes. Doch schon bald offenbarte sich ihm Gabriel abermals und beauftragte ihn, die Menschen zu erwecken und sie vor dem drohenden Gericht Gottes zu warnen. So begann Mohammed im Jahr 613 in Mekka öffentlich zu predigen, was der Engel ihm als Glaubensgut verkündet hatte: Allah ist alleiniger Gott des Weltalls, neben ihm gibt es keine anderen Götter. Vor Allah sind alle Gläubigen gleich und obwohl Allah das Schicksal der Menschen ohne ihr Zutun bestimmt, müssen sie sich vor ihm am Tag des Jüngsten Gerichtes verantworten. Reiche müssen ihr Vermögen mit den Armen teilen. Die Anhänger Mohammeds nannten diese neue Lehre "Islam", das bedeutet "Ergebung in den Willen Gottes". Mit seinen Predigten gab Mohammed den Beduinen neue Verheißungen. Bis dahin galt den Arabern der Tod als das Ende jeglicher Existenz. Als einziger Maßstab für den persönlichen Erfolg galt der Reichtum, den ein Mensch während seines Lebens ansammelte. So waren viele der ersten Anhänger des Gesandten Arme, die Allahs Botschaft mit großer Hoffnung auf ein besseres dies- und jenseitiges Leben aufnahmen. Die reichen Koreischiten jedoch bekämpften Mohammed erbittert, stellte er doch durch die neuen Lehren ihre persönliche Lebensweise in Frage. Nachdem unter wachsendem Druck der Mächtigen in Mekka schon viele seiner Anhänger aus Mekka geflohen waren, verließ auch Mohammed im Jahr 622 heimlich die Stadt in Richtung Jasrib, die nun den Namen "Medinet al-Nabi", kurz "Medina" ("Stadt des Gesandten") erhielt. Dieser Auszug Mohammeds, "Hedschra" genannt, gilt als Beginn der islamischen Zeitrechnung.

Das Heilige Buch der Moslems - Der Koran
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Das Heilige Buch der Moslems - Der Koran

Mit der Predigt des wahren Glaubens und der Reinigung der alten Religion erwuchsen Mohammed zugleich politische Aufgaben. Er verkündete auch soziale und gesetzgeberische Richtlinien. So verkündete er unter anderem die Stellung der arabischen Frau. In vorislamischer Zeit konnte ein Mann so viele Frauen heiraten, wie er wollte. Mohammed ordnete zwar, ähnlich wie das Christentum, die Frau weiterhin dem Mann unter, reduzierte jedoch die Polygamie auf eine Ehe mit vier Frauen, die der Ehemann mit gleicher Güte zu behandeln hatte. Lediglich für ihn als Propheten galt eine Ausnahme, nach dem Tod Chadidschas heiratete er noch neun weitere Frauen. Lange Zeit versuchte Mohammed auch Juden und Christen zum Islam zu bekehren, denn der Islam verstand sich nicht als neue Religion, sondern als endgültige Offenbarung gegenüber den als Vorläufer anerkannten jüdisch-christlichen Propheten. So sind in vielen Aussagen des Koran, des heiligen Buches der Moslems, Entsprechungen zum Alten und Neuen Testament zu finden. Die christliche Vorstellung, Jesus sei der Sohn Gottes, wird im Koran allerdings ausdrücklich bestritten. Als es Mohammed nicht gelang, die Juden Medinas zu Allah zu bekehren, gab er seine Zugeständnisse an jüdische Rituale (wie das Fasten am Versöhnungstag und das Beten gen Jerusalem) auf. Er schuf neue Gebräuche, die nur dem Islam zu eigen sind. So forderte nun anstelle der Glocken ein Gebetsrufer, der Muezzin, die Gläubigen zu festgesetzten Zeiten zum Gebet auf, das gen Mekka zu verrichten war. Das Fasten dehnte er auf einen Monat, den Ramadan, aus.

Schon bald gewann der Gesandte Anhänger unter kriegerischen Beduinenstämmen, die durch den gemeinsamen Glauben alte Stammesrivalitäten überwanden, so dass eine politische Einigung erfolgen konnte. Unter Mohammeds Führung entwickelte sich der Islam zur Grundlage eines theokratischen Gemeinwesens, das eine sendungsbewußte Militanz entwickelte, die sich zunächst gegen die Koreischiten Mekkas richtete. Weil die Moslems eine Reihe von Siegen erragen, schlossen sich ihnen viele Gefolgsleute an, denn der Kampf für Allah bot den Kriegern zweifachen Anreiz. Bei einem Sieg fiel die Beute an die Soldaten, beim Tod in der Schlacht erwarteten die Gefallenen unmittelbar das Paradies. Um 630 eroberten die Moslems Mekka. Mohammed ließ in der Kaaba alle Götzenbilder vernichten, erklärte die Städte zum islamischen Heiligtum und schuf so der Religion ein geistiges Zentraum. Im Jahr 632 starb Mohammed. In den 22 Jahren seines Wirkens war es ihm zum einen gelungen, die jüdisch-christliche Tradition eines einzigen Gottes und ein unterschwellig vorhandenes arabisches Nationalgefühl zu einen, zum anderen schuf er mit dem heiligen Buch, dem Koran, in dem die Worte Allahs durch seinen Mund gesammelt sind, das praktisch-theologische Fundament des Islam, an dem auch heute noch die Moslems ihr Leben und ihre religiösen Pflichten ausrichten.

Die fünf Säulen des Islam

Die Blaue Moschee in Istanbul
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Die Blaue Moschee in Istanbul

Fünf rituelle Pflichten bestimmen das Leben eines Gläubigen, die, von Allah Mohammed offenbart, bis zum heutigen Tage nichts von ihrer Gültigkeit für den Moslem verloren haben: Glaube, Gebet, Almosen, Fasten und die Pilgerfahrt. Sie werden die "fünf Säulen des Islam" genannt. Auf dem Satz "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammend ist sein Gesandter" beruht der Glauben. Legt ein Gläubiger dieses Zeugnis ab, wird er selbst zum Moslem, ohne dass - wie in anderen Religionen - besondere Aufnahmerituale erforderlich sind. Als höchste Tugend gilt der Gehorsam gegenüber Allah. Der Moslem glaubt, dass Mohammed der letzte der Gesandten ist und dass sein Wort die Gläubigen bis zum Jüngsten Gericht leiten wird. Die zweite Säule des Islam ist das Gebet, das fünfmal am Tag zu festgelegten Zeiten verrichtet werden muß. Dazu muß der Gläubige rituelle Waschungen vornehmen, ohne die seine Gebete keine Gültigkeit haben. Dritte Pflicht des Islam ist das Almosengeben, das sogenannte Sakat. Die Almosen wurden vom Staat eingezogen und zur Unterstützung Bedürftiger verwendet. Indem ein Moslem einen Teil seines Besitzes gibt, "reinigt" er den ihm verbleibenden Rest. Das Fasten im Monat Ramadan ist die vierte Pflicht der Gläubigen. Im Ramadan offenbarte Allah seinem Propheten zum ersten Mal den Koran und in diesem Monat errang Mohammed seinen ersten Sieg über die Koreischiten. Während der Stunden des Tageslichts muß der Moslem fasten. Essen und Trinken ist nur nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang gestattet.

Letzte Pflicht der Gläubigen ist die Pilgerfahrt nach Mekka, die sogenannte Hadsch, die jeder Moslem mindestens einmal im Leben unternehmen soll. Dieser aus arabischer Tradition übernommene Brauch fand einmal im Jahr statt, im Monat Dsul-Hidscha. Weil zu dieser Zeit Gläubige aus den entferntesten Gebieten in Mekka zusammenströmten und gleichgekleidet die gleichen Andachtsübungen verrichteten, verlieh dieses Erlebnis den Moslems ein Gefühl der Einigkeit und Stärke ihres Glaubens. Dies trug wesentlich dazu bei, das arabische Reich zu einigen. Ein entscheidender Unterschied des Islam zum Christentum liegt in der Einstellung zum Krieg, die fast zu einer sechsten Säule des Islams herangewachsen wäre. Während Jesus Christus seine Jünger aussandte, um den wahren Glauben friedlich zu verkünden, forderte Mohammed seine Anhänger auf, den Islam mit dem Schwert zu verbreiten. In der Praxis ist dieser Unterschied jedoch kaum bedeutend. Die Unterwerfung fremder Völker unter das Christentum verlief häufig grausamer als die Bekehrung zum Islam.

Der Islam als Weltmacht

Mausoleum von Abu Bakr
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Mausoleum von Abu Bakr

Nach dem Tod des Propheten entwickelt sich die religiöse Gemeinschaft des Islam durch Eroberungen zu einem machtvollen politischen Reich. Weil Mohammed es versäumt hatte, einen Nachfolger zu benennen, kam es nach seinem Tod bis zur Mitte des 9. Jahrhundert allerdings zu blutigen Kämpfen um das Amt des "Nachfolgers", des Kalifen, des religiösen und politischen Führers an der Spitze des Islam. Der erste der vier "rechtgeleiteten" Kalifen, die das Goldene Zeitalter des Islam begründeten, war der Koreischite Abu Bakr, der Vater von Mohammeds Lieblingsfrau Aischa. Er führte siegreiche Kämpfe gegen vom Islam abgefallene Araberstämme und einte die Gläubigen wieder. Zugleich vergrößerte er den Machtbereich des Islam um große Gebiete Persiens und des Byzantinischen Reichs. Als Abu Bakr im Jahr 634 an Fieber starb, wurde Omar I., ein enger Berater Mohammeds, zum Nachfolger erhoben. Während der zehnjährigen Herrschaft dieses Kalifen gelangen dem Islam die größten Eroberungen. So gliederten die Moslems Palästina, Syrien, Ägypten und fast ganz Persien dem islamischen Reich an. Die einheimische Bevölkerung in diesen Gebieten empfingen die Eroberer als Befreier von der byzantinischen und persischen Herrschaft. Die Araber ließen die bestehenden Verwaltungsorganisationen in den eroberten Gebieten weitgehend unangetastet. Angehörigen der "Schriftreligionen" (Juden, Christen, Zarathustra-Anhänger) wurde gegen eine Kopfsteuer Religionsfreiheit gewährt. Durch Übertritt zum Islam erwarb man den Status des "Mawali" (Verbundenen). Araber jedoch konnte man nicht werden.

Spaltungen und Machtkämpfe

Die Eingangshalle des Omaijaden-Palastes, Teil der Zitadelle in Amman. Der Palast wurde 720 n. Chr. in der zweiten Hälfte der Omaijaden-Dynastie unter Kontrolle des muslimischen Kalifats errichtet.
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Die Eingangshalle des Omaijaden-Palastes, Teil der Zitadelle in Amman. Der Palast wurde 720 n. Chr. in der zweiten Hälfte der Omaijaden-Dynastie unter Kontrolle des muslimischen Kalifats errichtet.

Nach der Ermordung Omars durch einen christlichen Sklaven ging das Kalifat auf Mohammeds Schwiegersohn Othman über, der der Sippe der Omaijaden angehörte. Othman zog sich den Haß vieler Araber zu, weil er wichtige Regierungsposten mit Angehörigen seiner Familie besetzte und fähigere Männer benachteiligte. Nach nur zwölfjähriger Regierungszeit starb auch er durch Mord. Als vierten Kalifen wählte die islamische Oberschicht Ali, einen Vetter und Schwiegersohn Mohammeds. Ali stellte sich jedoch ein Gegenkalif entgegen. Muawija I., der Statthalter von Damaskus und ein Neffe des Kalifen Othman war. Er warf Ali vor, den Mord an Othman nicht ausreichend gesühnt zu haben. Während der Vorbereitungen auf den Kampf gegen Muawija wurde Ali ermordet. Seine Anhänger aber, die Schiiten, spalteten sich auch theologisch vom Islam ab. Diese Konfession des Islam ist heute vor allem im Iran beheimatet. Muawija begründete das erbliche Omaijaden-Kalifat (661 bis 750), eine Art erblicher Herrschaft (was den Prinzipien des Islam widersprach). Die Hauptstadt des Reiches verlegte er von Medina nach Damaskus. Unter den Omaijaden breitete sich der Islam nach Nordafrika aus. 711 setzten die Araber bei Gibraltar nach Europa über, eroberten fast die gesamte iberische Halbinsel und setzten dem Westgoten-Reich ein Ende. Im selben Jahr erreichten sie im Osten Indien. Im Lauf der Jahrzehnte schwächten innere Konflikte die Macht der Omaijaden-Dynastie. Unter der Führung von Abul Abbas, dem Nachfahren eines Onkels des Propheten, revoltierten die Abbasiden gegen die Omaijaden. 749 erhob sich Abbas zum Kalifen, später líeß er die Familie Oamijaden systematisch ausrotten. Die Abbasiden regierten das islamische Reich 500 Jahre lang. Unter ihnen ebbten die Eroberungskriege ab und das Reich lebte in relativem inneren und äußeren Frieden. Der Islam hatte sich als religiöse und politische Macht durchgesetzt.

Das Fernöstliche Mittelalter

4. bis 14. Jahrhundert

China bis zur Ming-Dynastie

Yüan-Dynastie
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Yüan-Dynastie

Nach dem Zerfall des ersten Kaiserreichs der Ch'in bemächtigte sich der Führer des Aufstands, Kao-tsu (Liu Pang), des Throns und begründete die Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.), die zunächst ein Mischsystem aus Feudalherrschaft und staatlichen Verwaltungsgebieten war und unter Kaiser Wu-Ti (141 bis 87 v. Chr.) zur absoluten Monarchie wurde, in der eine neue Beamtenschicht an die Stelle der Lehensfürsten trat. Die neuen Beamten hingen den Lehren des Konfuzius an, sie mußten den Dialekt der Hauptstadt sprechen, konfuzianische Texte auswendig wissen und wurden häufig versetzt, um Machtanhäufung zu vermeiden. Trotzdem wurde das Kaisertum geschwächt, weil es unter dem Konfuzianismus seine Göttlichkeit verlor und der Kaiser nur noch als oberster Vertreter der Menschheit angesehen wurde. Zudem wuchs in der Zeit langwieriger Kämpfe gegen die nördlichen Nomadenstämme die selbständige Macht der Provinz-Gouverneure, so dass im Zug der Verschlechterung der Wirtschaftslage der Usurpator Wang Mang (Hsin-Dynastie) die Macht an sich reißen konnte, jedoch durch einen Aufstand heimatloser Landarbeiter bald wieder gestürzt wurde. Der Han-Zeit folgte die "Zeit der Drei Reiche". Generäle gründeten die Staaten Wei, Shu und Wu. Weil jeder von ihnen die Herrschaft über ganz China beanspruchte, bekämpften sie sich permanent. Vorübergehend gelang es den Herrschern von Wei, der Ch'in-Dynastie (265 bis 421), China zu einigen. Bürgerkriege und der Verlust des gesamten Nordens und Nord-Westens an die Nomaden der nördlichen Steppe führten jedoch erneut zur Spaltung des Reichs. Im Norden herrschten die Topa, ein Stammesbund türkischer und hunnischer Stämme, die sich mit dem Territorialadel der Chinesen verbündeten. Im Süden wurde die Ch'in-Dynastie fortgesetzt. Beide Teilreiche zerfielen auf Grund innerer Auseinandersetzungen. Im Norden bekämpften traditionsbewußte Stämme den chinesischen Einfluß, im Süden war es der Machtkampf verschiedener Adelsgruppen. 589 gelang es einem Topa-General, die zerstrittenen Gebiete zu erobern und China in der Sui-Dynastie zu einigen. Der im Norden verbreitete Buddhismus wurde zur Staatsreligion des neuen Reiches, das nach kurzer Zeit (um 618) im Bürgerkrieg zusammenbrach. Wieder war es die nördliche Aristokratie, die unter der T'ang-Dynastie ein neues Gesamtreich gründete.

China wurde in dieser Zeit (618 bis 906) zu einem weltoffenen Staat, der eine kulturelle Blüte erlebte und einen Höhepunkt seiner Geschichte erreichte. Wie schon der Han- und Sui-Zeit wurde die Verwaltung verbessert. Literatur und Malerei nahmen einen großen Aufschwung. Die Erfindung des Drucks von Buchstaben (770) brachte die erste Zeitung der Geschichte hervor. Im Jahr 806 wurde erstmals Papiergeld für den expandierenden Handel eingeführt. Trotzdem war das Reich innenpolitisch schweren Auseinandersetzungen preisgegeben. Der Adel bekämpfte die reiche Beamtenschicht und die regionalen Führer wurden durch Landanhäufung immer mächtiger. Der Verfall begann im 8. Jahrhundert durch den zunehmenden Einfluß der Palast-Eunuchen und die Abhängigkeit des Staates von Söldnerheeren, die gegen die neuen Staaten der Tibeter und Uiguren eingesetzt wurden. Im Zug des Verbots aller fremden Religionen kam es zu schweren Buddhisten- und Ausländer-Verfolgungen. Die Plünderung von Städten leitete den Untergang des wohlhabenden und einst toleranten Staates ein. An seine Stelle trat nach einer kurzen Zeit der "Fünf Dynastien" (906 bis 960) der einheitlich Staat der Sung-Dynastie, ebenfalls ein wirtschaftlicher und kultureller Höhepunkt der Geschichte Chinas, der von der Rückbesinnung auf die konfuzianische Tradition getragen wurde. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Herrschern entmachteten die Sung das Militär zugunsten einer Zivilverwaltung. Statt gegen die Stämme des Nordens zu kämpfen, zahlten die Sung Tribute, um den Frieden zu erhalten. Trotzdem mußten die neuen Herrscher sich 1126 in den Süden Chinas, das eigentliche Wirtschaftszentrum, zurückziehen und den Bestand Restchinas durch neue Zahlungen erkaufen. Der Einfall der Mongolen beendete die Sung-Zeit. 1227, als der Mongolen-Führer Dschingis-Khan starb, hatten sie den Norden erobert. 1279, nach dem Tod des letzten Sung-Prinzen, einte der mongolische Großkhan Khubilai-Khan ganz China und begründete als Kaiser Shih-tsu die Yüan-Dynastie.
Tang-Dynastie
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Tang-Dynastie
Als Teil des mongolischen Weltreichs wurde China von Verwaltungskräften und Beratern unterschiedlichster Kulturkreise, unter ihnen auch der Venezianer Marco Polo, kontrolliert. Die Chinesen bildeten die unterste von vier Gesellschaftsschichten des Reiches. Die Unterdrückung sowie hohe Steuerlasten führten zu Aufständen der gesamten Bevölkerung. Die Fremdherrschaft der Khane endete 1368, als der letzte Yüan-Herrscher durch einen Aufstand, der 1351 begonnen hatte, zum Rückzug in die Mongolei gezwungen wurde und China unter der nachfolgenden Ming-Dynastie wieder selbständig wurde.

Die Entwicklung des Beamtenstaates

Die Existenz eines riesigen Reiches wie China hing vollständig von einer funktionsfähigen Verwaltung ab. An der Spitze des Han-Staates stand ein theoretisch absolut mächtiger Kaiser, den ein Palastrat unterstützte. Zwei Verwaltungsapparate, ein Kanzler und ein Oberbefehlshaber der Armee, die beide von einem weiteren Kanzler, dem Großsekretär, kontrolliert wurden, bildeten die zweite Schicht. Die Gouverneure der 13 Inspektionskreise des Staates meldeten jährlich die Arbeit ihrer Ämter an das Innere Kabinett mit seinen neun Ressorts, herrschten jedoch de facto wie Könige in ihren Bezirken. Neue Beamte rekrutierten sich aus reichen Familien, den bereits bestehenden Beamtenfamilien und einer Akademie, die seit 165 v. Chr. Staatsprüfungen durchführte. Nach dem Zusammenbruch der Han-Dynastie verwahrloste die Staatsverwaltung durch ungeregelte Ämterbesetzungen und Cliquenwirtschaft verschiedener Adelssippen. Erst in der Sui- und frühen Tang-Zeit (um 618) wurde das Reich reorganisiert. Kurse über Texte konfuzianischer Klassiker sowie Staatsprüfungen sorgten erneut für qualifizierte Beamte. Das Kontrollamt prüfte die Amtsführung der Beamten. In der Tang-Zeit kam ein Wirtschaftsamt als weitere Spezialisierung hinzu. Die Sung-Kaiser strafften den Prüfungsstoff wiederum, indem sie allein die Lehre des Konfuzius gelten ließen. Alle Befugnisse, auch das Heereswesen, lagen in den Händen der Zivilbeamten.
Shinto Wächtergott
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Shinto Wächtergott
Die Verwaltung gliederte sich in Provinz-, Präfektur- und Kreisbehörden. Dem Kaiser unterstanden drei beratende Gremien, insbesondere das Zensorat, das die Zentralregierung kontrollierte. Die chinesische Gesellschaft gliederte sich in Adelssippen, Beamte und die breite Masse des Volkes. Seit der Tang-Dynastie waren die Beamten als gebildete Literaten die eigentlichen Träger von Politik und Kultur und die herrschende Schicht.

Japan von den Anfängen bis zur Kriegerherrschaft

Die heiligen Inseln Japans entstanden nach der Legende aus Wassertropfen, die von dem juwelengeschmückten Speer der Götter Izanagi und Izanami herabfielen. Von den Göttern leiten sich hiernach auch die Tennos (Kaiser) Dai Nippons (Japans) ab. Zweifellos sind die Inseln jedoch vulkanischen Ursprungs. Obwohl der Zeitpunkt ihrer Besiedlung nicht bekannt ist, sind erste menschliche Belege von Jägern und Sammlern aus der Dschomon-Kultur (etwa 4.500 bis 300 v. Chr.) nachweisbar. Es folgte die wegen ihres Keramik-Stils als Jajoi bezeichnete Kultur von Festlandeinwanderern (etwa bis 300 n. Chr.). Die einzigen schriftlichen Quellen finden sich in den Annnalen des chinesischen Staates Wei (297 n. Chr.), in denen die Bewohner Japans erstmals beschrieben wurden. Weitere chinesische Aufzeichnungen berichten von 100 Ländern in Japan, von denen 30 Beziehungen zu China unterhielten. Diese Länder waren Herrschaftsgebiete von Geschlechterverbänden, den Uji, in denen eine beherrschende Sippe eine Reihe anderer kontrollierte. Die Macht in einem Gebiet lag in den Händen des Oberhauptes der führenden Familie. Im 3. und 4. Jahrhundert gewann eine Familie, die sich göttlicher Herkunft rühmte und Ahnen der Tenno-Sippe wurden, eine Vormachtstellung und vereinte die Teilstaaten in der Ebene zwischen Osaka, Kyoto und Nara zum Yamato-Reich. Ahnenkult und Geschlechtskult bestimmten die religiösen Praktiken der Ackerbaukultur der frühen Japaner. Die Toten wurden gefürchtet und verehrt. Hin und wieder wurden bei Katastrophen Menschenopfer dargebracht.
Diese Gräber gehören dem ehemals mächtigen Fujiwara-Clan und befinden sich in der Nakahechi-Region
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Diese Gräber gehören dem ehemals mächtigen Fujiwara-Clan und befinden sich in der Nakahechi-Region
Der Ahnenkult entwickelte sich zur ältesten noch lebenden Religion Japans, Shinto, dem "Weg der Götter". Der Shintoismus kannte kein Glaubensbekenntnis, keine Priesterschaft oder Lehre, sondern verlangte nur gelegentliche Pilgerfahrten und die Verehrung der Ahnen und der Vergangenheit. Im Jahr 538 n. Chr. kam der Buddhismus über Korea nach Japan. Seine Verbreitung verdankt er dem religiösen Bedürfnis des Volkes und dem politischen Bedürfnis des Staates. Der ursprüngliche Buddhismus hatte sich zu dem Mahayana-Buddhismus sanftmütiger Götter, fröhlicher Zeremonien und persönlicher Unsterblichkeit verwandelt. Er schärfte dem Volk Frömmigkeit, Friedfertigkeit und Gehorsam ein und milderte das eintönige Leben. Die neue Religion spaltete den Adel und führte zu jahrzehntelangen Machtkämpfen, die schließlich von der probuddhistischen Partei gewonnen wurden.

Der Absolutismus

Kronprinz Schotoku (574 bis 622) beherrschte das Land als Prinzregent. Um den Zerfall des Reiches zu verhindern, versuchte Schokotu einen Beamtenstaat nach chinesischen Vorbild aufzubauen. Nachdem er 594 den Buddhismus als Staatsreligion eingeführt hatte, verkündete er 604 einen Regierungskodex der "17 Artikel", mit denen er die Stellung des Kaisers und "Himmelssohnes" begründete. Nach dem Tod des Kronprinzen kam es zu harten Auseinandersetzungen um die Nachfolge. Eine Sippe, die wie keine andere die Geschichte Japans prägen sollte, die Fujiwara, errang den Sieg und vollendeten das Werk des Schokotu mit der 646 erlassenen Taika-Reform. Die alten Geschlechter-Verbände wurden aufgelöst, der Tenno, dem alles Land gehörte, war jetzt Staatsoberhaupt auf Grund seiner himmlischen Abstammung. Die Befehle des Tenno führte eine Hofadministration nach chinesischem Vorbild durch. An die Stelle der Sippen war als neue Wirtschafseinheit der Haushalt getreten, nach dessen Umfang die Besteuerung erfolgte.
Samurai
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Samurai
Das Reich wurde in Provinzen und Distrikte aufgeteilt und von Gouverneuren des Hofadels verwaltet. Ebenfalls nach chinesischem Vorbild wurde als Hauptstadt Nara angelegt und 710 bezogen. Sie wurde zu einem Zentrum für Kunst und Literatur. Um dem immer stärkeren politischen Einfluß der buddhistischen Mönche zu entgehen, wurde die Hauptstadt zunächst 784 nach Nagaoka und dann 794 nach Heian-Kio, dem heutigen Kyoto verlegt. Mit dem Niedergang der chinesischen Tang-Dynastie verlor Japan seinen Bezug zum Festland und erreichte einen eigenständigen Weg kultureller Gestaltung, auf dem die Macht des Throns ihren Höhepunkt erlebte.

Der Niedergang der Monarchie

Der Aufstieg des Hofadels, der nicht nur erblich viel Land besaß, sondern zusätzlich öffentliches Land steuerfrei in Besitz nahm, schwächte die Stellung des Tenno. Die Fujiwara-Familie trat immer stärker in den Vordergrund, indem sie im politischen und kulturellen Leben alle Schlüsselpositionen besetzte. Nach dem Tod des Tenno Montoku im Jahr 858 ließ sich Joshifusa Fujiwara zum Regenten für den minderjährigen Tenno ernennen und behielt die Regentschaft auch nach dessen Volljährigkeit. Die Fujiwara, die unter Michinaga (966 bis 1028) den Höhepunkt ihrer Macht erreichten, setzten unmündige Herrscher auf den Thron, deren Regierungsführung sie übernahmen. Der Adel verlor weitgehend seinen Einfluß und seinen Besitz, während die einzig mächtige Familie das Land von ihrer Hauskanzlei aus regierte. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts versuchte der Tenno noch einmal, gegen die Macht der Fujiwara anzugehen, indem er früh abdankte, um eine eigene Hausmachtpolitik auf seinen Besitz zu betreiben. Seine wichtigste Behörde war das Prüfungsamt. Aller Besitz, für den keine Urkunden vorlagen, sollte in die Hände des Ex-Tennos fallen. In den daraus redultierenden Machtkämpfen versuchten beide Parteien, Unterstützung vom Landadel zu erlangen, der als einziger über bewaffnete Truppen verfügte. Der Landadel, ursprünglich Vertreter des Hofadels auf deren Gütern, war mit der Zeit unabhängig geworden und unterhielt eine Kaste von Kriegern, den Samurai, die aus den Haustruppen entstanden war. Für ihre Kämpfe benötigten die streitenden Hofparteien die Truppen der provinziellen Großfamilie, besonders die der mächtigen Taira- und Minamoto-Familie, die je nach eigenem Vorteil bald die eine, bald die andere Partei unterstützten. Gleichzeitig begannen Kämpfe zwischen den beiden Landadelssippen. Nach einer kurzen Vorherrschaft der Taira wurden diese in der Seeschlacht von Dannoura (1185) von den Minamoto vernichtend geschlagen. Das Oberhaupt der siegreichen Familie, Yoritomo Minamoto ließ sich daraufhin vom Hof das Amt des Schogun (ursprünglich der Heerführer des Reichs in Kriegszeiten) erblich verleihen und wurde der eigentliche Machthaber des Landes. Yoritomo baute seine Haushofhaltung zu einem umfassenden Regierungsapparat aus. In Japan gab es nun gleichzeitig drei Regierungen, den Hof, die Höfe der Ex-Tenno und das Schogunat, das am mächtigsten war.


Das Europäische Mittelalter

8. bis 15. Jahrhundert

Ursprung und Welt des Mittelalters

Kaiser Friedrich I. Barbarossa
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Kaiser Friedrich I. Barbarossa

Am 10. Juni 1190 ertrank auf dem Dritten Kreuzzug Kaiser Friedrich I. Barbarossa in einem Gebirgsfluß Kilikiens. Mit ihm starb eine der überragenden Herrschergestalten des Mittelalters. Er verkörperte den Anspruch des abendländischen Kaisertums auf den Rang einer Universalmonarchie im Gegensatz zum Papsttum und zugleich christliches Rittertum auf bewaffneter Pilgerfahrt ins Heilige Land (Kreuzzüge). Als Mittelalter Europas bezeichnet man die Epoche zwischen der Entstehung der Germanenreiche auf dem Boden des weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert und den überseeischen Entdeckungen seit 1492. Geprägt wurde diese Zeit von der Glaubensherrschaft und -einheit der römisch-katholischen Kirche. Darum kann man als das Ende des Mittealters auch die Reformation ansehen, als diese Einheit zerbrach. Räumlich begrenzt waren die Erscheinungsformen des Mittelalters zunächst auf die romanisch-germanischen Völker West- und Mitteleuropas (daher die Begriffe "Abendland" und "Okzident"). Die von dort ausstrahlende Mission gewann dem christlichen Abendland Nord- und Ostmitteleuropa hinzu, also die Völker Skandinaviens, des Gebiets zwischen Elbe, Saale und Weichsel, zuletzt bis zum Baltikum und zum Dnjepr sowie Böhmens und Mährens, Ungarns und Kroatiens. Außerdem wurden der Süden der Appenninen- und die Pyrenäen-Halbinsel dem Islam in zähen, meist kriegerischen Auseinandersetzungen wieder entrissen.

Dagegen scheiterten Versuche, im Verlauf der Kreuzzüge das byzantinische Reich und den Nahen Osten auf Dauer in den Einflußbereich des Abendlandes einzubeziehen. Die Erscheinungsformen mittelalterlichen Lebens wurden durch die christliche Antike sowie durch germanische Anschauungen und Lebensweisen bestimmt. Die Begegnung germanischer Völker mit dem spätrömischen Reich führte dazu, dass sie das Christentum mitsamt der Kirchenorganisation übernahmen, ebenso - mit dem Lateinischen als Sprache der Gebildeten - einen Teil des antiken Bildungsguts, ferner Teile des römischen Rechts und der römischen Verwaltung. Auch bestimmte Formen des Wirtschaftslebens, vor allem im Agrarbereich die Bewirtschaftung großer Gutskomplexe, beeinflußten die Germanen. Diese wiederum brachten Elemente ihres Verfassungslebens, vor allem das Prinzip der Gefolgschaftstreue und ihre in Adlige, Freie und sklavenähnliche Halbfreie abgestufte Gesellschaftsordnung sowie ihren ausgeprägten Sinn für Symbolisches - im Alltag wie bei Feierlichkeiten - in die für sie recht fremde Welt ein.

Die Franken und die Geburt Europas

Gerade das Frankenreich war für die Herausbildung der abendländischen mittelalterlichen Welt von entscheidender Bedeutung. Unter Karl dem Großen umfaßte es - von den britischen Inseln abgesehen - sämtliche noch christlichen Gebiete West- und Mitteleuropas. Es ging in Spanien gegenüber dem Islam und im Osten gegenüber den heidnischen Völkerschaften der Germanen und Slawen zur Expansion über. Hierbei gelang vor allem die Eingliederung Sachsens, dessen führende Geschlechter später in der europäischen Politik bestimmend wurden (ottonische Kaiser). Das Bündnis der Karolinger mit dem Papsttum brachte ihnen selbst den kirchlichen Segen beim Griff nach der fränkischen Königswürde. Es werte aber auch die Bischöfe von Rom auf, deren geistliche Oberhoheit nun die gesamte Christenheit des Westens anerkannte. Als Papst Leo III. im Jahr 800 Karl den Großen zum Kaiser krönte, wurde an das 476 untergegangene weströmische Kaisertum angeknüpft. In der Blüte von Bildung und Kunst des Karolinger-Reichs (Karolingische Renaissance) erreichte die abendländische Welt ihren ersten kulturellen Höhepunkt. Freilich war dieses Reich zu groß und zu dünn besiedelt, um auf die Dauer äußeren Angriffen standhalten zu können. Sie gingen vor allem von den Normannen aus, die die Küstenlandschaften immer wieder plünderten. Außerdem bestanden innere Gegensätze. Schon bald zerfiel das Frankenreich daher in einige kleinere Reiche im Alpengebiet und in Italien sowie in zwei größere Teile. Das Westfrankenreich (später Frankreich) und das Ostfrankenreich, aus dem sich das deutsche Königreich (Regnum Teutonicum) entwickelte. In ihnen behielten die alten regionalen Amtsträger, die Herzöge und Grafen, ihre Herrschaft.

Feudalismus, Gesellschaft und Staat

Relief aus Elfenbein aus der Karolinger-Zeit
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Relief aus Elfenbein aus der Karolinger-Zeit

Diese adligen Herren erhielten früh ausgedehnte Güter durch die Hand des Königs, deren Ertrag zur Entlohnung diente. Viele kleinere Adlige, aber auch freie Bauern, begaben sich in den Schutz dieser Herren, indem sie ihnen ihre Güter "aufließen", um sie künftig für sie mit zu bearbeiten und einen Teil der Erträge abzuführen oder aber Heeresfolge zu leisten. Denn der Besitz eines größeren "Lehn"-Guts (lateinisch "feudum") diente dazu, die Kosten für den Militärdienst, vor allem für Pferd, Rüstung und Waffen aufzubringen. Mit der Zeit wurden die Lehen erblich, die Kontrolle des Königs als Oberlehnsheer über seine Lehnsleute schwieriger. So entstand die mittelalterliche "Feudal-Gesellschaft". Sie wurde durch die Ordnung und wechselseitige Treueverpflichtung des Lehnwesens geprägt, das abgestuft, gleich einer Pyramide, vom Kaiser oder König über die großen "Vasallen" bis zu den kleineren "Aftervasallen" reichte. Sie alle lebten von der Arbeit der ihnen untertanen, "hörigen" Bauern, zu deren Schutz sie sich verpflichtet hatten. Der Staat des Mittelalters war somit zunächst ein "Personenverbandsstaat". Er kannte keine moderne bürokratische Verwaltung. Eine Herrschaft ließ sich zunächst in kleineren Räumen aufbauen, wo ein mächtiger Lehnsherr über viel Eigengut verfügte, als Schirmherr über kirchliche Einrichtungen wirkte und sich allmählich königliche Rechte ("Regalien" wie Gerichts-, Burg-, Bergbau-Zoll-, Münz- und Marktverleihungsrecht) angeignete. Dadurch bekam er einen Landstrich durchgehend in seine Hand, den er mit besonderen, von ihm abhängigen Einrichtungen zu verwalten begann ("institutioneller Flächenstaat").

Die Erben der Karolinger

Die ostfränkischen bzw. deutschen Könige, die mit Otto I. das karolingische Bündnis mit dem Papsttum erneuerten und 962 die Kaiserwürde erlangten, gingen einen anderen Weg. Neben ihrem Hausgut und dem damit vereinten Reichsgut diente ihnen die Kirche als Herrschaftsstütze. Sie setzten Bischöfe und Äbte ein, diese erhielten weltliche Rechte und Verwaltungsaufgaben und leisteten Heeresfolge. Im 11. Jahrhundert aber besannen sich die Päpste auf die geistlichen Aufgaben der Kirche und auf ihre Führungsrolle und machten den Kaisern seitdem das Recht auf Bischofseinsetzung ("Investitur") streitig. Die Kaiser konnten sich nicht durchsetzen. Das "Reich" (bestehend aus den Königreichen Deutschlands, Burgunds und Italiens) besaß daher bald keine starke Zentralgewalt mehr. Das Schwergewicht verlagerte sich auf regionale Adelsgeschlechter, die als erbliche Fürsten ihre Macht in kleinen Territorien ausbauten, während die Reichsspitze, der König, weiterhin gewählt wurde. Im Gegensatz zu den römisch-deutschen Herrschern setzten sich die westfränkischen Könige (seit 987 die Kapetinger, zugleich Herzöge von "Franzien", der "Ile-de-France" um Paris) als Lehnsoberherren nach dem Aussterben oder Niederringen der bedeutenden Vasallengeschlechter bis 1200 als erbliche Monarchen durch und bauten eine wirksame Verwaltung auf. Das gleiche galt von England, das 1066 von dem normannischen Herzog Wilhelm erobert wurde. Überall jedoch trat im Lauf der Entwicklung dem Herrscher eine Vertretung des Landes zur Seite, die er einberief, wenn besondere Anlässe zusätzliche Geldmittel erforderten. Hier versammelten sich die "Stände", Vertreter der nach Abstammung, Geburt und Rechten gesonderten Gruppen der Geistlichkeit, des Adels und der Städte.

Stadtfreiheit und ländliche Gebundenheit

Der erste Kreuzzug im 11. Jahrhundert
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Der erste Kreuzzug im 11. Jahrhundert

Als mittelalterliche Form des menschlichen Zusammenlebens entstand die Stadt als durchaus etwas Neues. In Mitteleuropa knüpfte sie nur zum Teil und dann auch nur örtlich an städtische Siedlungen der Antike an, die im spätrömischen Reich fas völlig verfallen waren. Viele Städte gingen aus Bischofssitzen hervor, viele auch aus Mittelpunkten des Regional- und vor allem des Fernhandels. Zur "Stadt" wurde eine Siedlung, wenn sie Markt-, Befestigungs- und Selbstverwaltungsrecht von einem Herrn errang oder zugestanden erhielt. Städtegründungen dienten aber auch zur Festigung der Landesherrschaft, dann handelte es sich um bedingt autonome Landstädte. Im deutschen Reich setzten es viele Städte durch, nur dem König untertan, also faktisch unabhängig zu sein. Die Bürger bildeten eine Genossenschaft, die sich aus vielen kleineren zusammensetzte, besonders solchen, die Produktion und Absatz bestimmter Waren und Güter genau regelten und gegen Konkurrenz abschirmten, den Zünften. Manche Städte schlossen auch Zweckbündnisse wie die den Nord- und Ostseehandel beherrschende Hanse, die sich im 12. Jahrhundert herausbildete. Andere - wie Venedig oder Florenz - entwickelten sich zu eigenständigen Staatswesen mit bedeutenden Territorien. Im ländlichen Bereich glichen sich freie und unfreie Bauernschaften an. Aus den Zwangsverbänden leibeigener Bauern, die dem Herrn- oder "Frohn"-Hof eines kirchlichen oder weltlichen Grundeigentümers zugeordnet waren, wurden im 12. und 13. Jahrhundert Genossenschaften mit größerer Eigenständigkeit in Dorfangelegenheiten wie der Nutzung der Flur im Rhythmus der Dreifelderwirtschaft. Zunehmender Geldverkehr ermöglichte die Ablösung drückender Verpflichtungen. Die Bauern blieben aber persönlich meist unfrei sowie zu Diensten und Abgaben an ihre Grundherren verpflichtet. Die Verminderung der Lasten ermöglichte jedoch auch eine wesentliche Steigerung der Agrarproduktion. Sie hielt mit dem Wachstum der Bevölkerung (allein in Mittel- und Westeuropa von etwa 5,5 Millionen um das Jahr 650 auf rund 35,5 Millionen im Jahr 1340) Schritt.

Wandel des Weltbildes

Die Kreuzritterburg im Nodwesten Syriens war Sitz der Johanniter zur Zeit der Kreuzzüge
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Die Kreuzritterburg im Nodwesten Syriens war Sitz der Johanniter zur Zeit der Kreuzzüge

Der Gesichtskreis der Menschen weitete sich so nach innen wie nach außen. Hierbei spielten verstärkte Kontakte - während der Kreuzzüge und durch den Handel - mit benachbarten Kulturen, Islam und Byzanz, eine Rolle. Die Schätze antiker Wissenschaft wurden, anfangs durch arabische Übersetzungen, seit dem 14. und 15. Jahrhundert durch Flüchtlinge aus dem von den Türken bedrohnten und 1453 eroberten Konstantinopel, dem Abendland übermittelt. Die scholastische und humanistische Wissenschaft wurden in genossenschaftlich organisierten Bildungsstätten, den Universitäten, weitervermittelt. Zugleich wuchs der Zweifel am überkommenen Wissen und Glauben, ja selbst an der Kirche als dem Hort abendländlicher Traditionen. Ein Grund für diese Entwicklung lag auch darin, dass das Papsttum als geistliche und auch politische Vormacht Europas immer weniger anerkannt wurde. Doppelwahlen von Päpsten führten mehrfach zur Spaltung der Glaubensgemeinschaft, deren Einheit erst im 15. Jahrhundert durch allgemeine Kirchenversammlungen (Konzilien) mühsam wiederhergestellt wurde. Das mittelalterliche Europa kennzeichnete nun Vielfalt im Staats-, Wirtschafts-, Geistes- und Kulturleben bei vollem Gefühl des Wurzelns in gemeinsamen Traditionen. Hinzu kam ein durchgreifender Bewußtseinswandel im Gefolge der vom Orient hereinbrechenden Pestwellen seit 1348.

Krise des späten Mittelalters

Der "Schwarze Tod" die große Pestepidemie, die seit 1347 ganz Europa heimsuchte, traf auf ein inzwischen übervölkertes, von Hungerkrisen geschütteltes Abendland. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts raffte die Pest über ein Drittel der Bevölkerung hinweg, entvölkerte ganze Dörfer und verwandelte fruchtbaren Ackerboden in ödes Brachland. Die Landwirtschaft geriet durch stockenden Absatz und Preisverfall in eine tiefe Krise. Ihr entzogen sich viele Bauern durch Flucht in die Städte. Oftmals - vor allem östlich der Elbe - wirkten dem die Grundherren durch engere Schollenbindung ihrer Bauern entgegen, so dass diese einen großen Teil ihrer Freizügigkeit einbüßten. Zugleich schürten Enge und Not die sozialen Konflikte in den Städten. Die Krise des Spätmittelalters bewirkte Lebensunsicherheit und Drang nach Genuß der noch verbleibenden Zeit, tiefes, ja bis zum Wahnsinn gehendes Frömmigkeitsgefühl (Geißlerzüge), dem die an sich und ihren Glaubensregeln zweifelnde Kirche nur wenig entgegenzusetzen hatte und das zu teilweise häretischen religiösen Bewegungen (Katharer, Waldenser, Hussiten) führte. Das Mittelalter klang aus mit Elend und Not, dunklem Drang nach Befriedigung religiöser Sehnsucht durch Kasteiung auf Erden zur Vorbereitung aufs Jenseits, aber auch mit der Blüte von Literatur und bildenden Künsten des Humanismus und der Renaissance, ohne dass jene expansive Dynamik des Abendlandes verlorenging, die Abenteurernaturen am Ende des 15. Jahrhunderts auf die Weltmeere und zu neuen Kontinenten trieb.


Das Weltreich der Mongolen

13./14. Jahrhundert

Die Ausrufung des Groß-Khans

Dschingis-Khan, Statue aus Bronze
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Dschingis-Khan, Statue aus Bronze

"Wir wollen dich zum Khan machen. Wenn du, Temudschin, Khan wirst, wolen wir als Spitze gegen die Feinde anreiten und ihre schönsten und besten Mädchen und Frauen und ihre Palastjurte, aus ihrem Staate und Volke die schönwangigen Frauen und Mädchen und die feinschenkligen Wallache vollwn wir dir im Trabe anbringen ... Wenn wir am Tag des Kampfes deinen Kommandos nicht entsprechen, dann reiße uns von unserem Besitz und Gattin und Frauen und wirf unsere schwarzen Köpfe auf den Erdboden". Mit diesen Worten, die in der "Geheimen Geschichte der Mongolen" (1241) festgehalten sind, wählte eine Stammesversammlung im Jahr 1206 Temudschin, der sich Dschingis-Khan nannte (um 1153 bis 1227), zum Groß-Khan aller Mongolen. Unter Dschingis-Khans strategischer Führung begann die rasche Expansion des Nomadenvolkes aus Zentralasien zu einem Weltreich, das unter Khubilai-Khan (1215 bis 1294) seit 1260 und Hülagü (1217 bis 1265) den Höhepunkt erlebte und in Europa unter dem Namen "Mongolensturm" Angst und Schrecken erregte. Ebenso schnell wie der Aufstieg zu einem Reich, das vom Arabischen Golf bis zu den nördlichen Wäldern Sibiriens, vom Schwarzen Meer bis zum Pazifik reichte, kam der Niedergang im Zerfall des Gesamtreiches in verschiedene autonome Gebiete, die bereits im 14. Jahrhundert vor dem Untergang standen. Einzig das Gebiet der Goldenen Horde hielt sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, allerdings unter osmanischer Oberhoheit.

Der Aufstieg unter Dschingis-Khan

Dschingis'Armee bestand aus Reitern
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Dschingis'Armee bestand aus Reitern

Zur Zeit von Dschingis-Khans Geburt lebte südöstlich des Baikal-Sees ein Stamm mit dem Namen Mongchol, der zusammen mit den Kereit, Merkit, Naiman und Oirat den Kern der Stammesföderation bildeten, die von Dschingis'Großvater bereits eingeleitet worden war. Die unzähligen Familien und Stämme der zentralasiatischen Steppe betrieben eine nomadische Viehwirtschaft, bei der das Weidegebiet Gemeineigentum war. So gehen manche Historiker von einer egalitären Stammesorganisation aus, die sich auf Grund des Viehbesitzes aber in eine soziale Hierarchisierung wandelte. Aus der jeweiligen Wahl eines Führers für Jagd und Raubzüge ging eine Militäraristokratie hervor, deren Privilegien unter Dschingis erblich wurden. Gesellschaftlich gliederte sich das Nomadenvolk in den Khan mit seiner Familie, den politisch und wirtschaftlich mächtigen Adel, das niedere Volk der gmeinen Stammesangehörigen und Gefangenen. Der Einfluß der Familie, der Temudschin angehörte, war mit dem Tod seines Vaters zurückgegangen, die Vasallen wandten sich anderen Sippen zu. In der "Geheimen Geschichte der Mongolen" wird die Jugend des späteren Groß-Khans als extremes Elend geschildert. Allerdings übertreibt der Verfasser die Armut und Verfolgung durch fremde Sippen, um den späteren Glanz des Khans um so deutlicher hervorheben zu können. Wie schon sein Großvater und Vater begann Dschingis Bündnisse mit anderen Sippen, vor allem den Kereit zu schließen, um seinen Besitz zurückzuerobern. In einem zehnjährigen Kampf mit wechselnden Bündnispartnern unterwarf oder vernichtete er die rivalisierenden Stämme und wurde 1206 zum Groß-Khan aller Stämme östlich des Altai-Gebirges ausgerufen.

Jurte von Dschingis-Khan
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Jurte von Dschingis-Khan

In diesen Kämpfen begründete der Khan seine Militärtechnik, deren Beweglichkeit und Disziplin allen anderen Heeren weit überlegen wurde. Dschingis'Armeen bestanden aus Reitern, die er in Tausend-, Hundert- und Zehnerschaften einteilte. Jeweils zehn Soldaten hatten einen Führer und stammten vermutlich aus der gleichen Sippe. Militärisch orientierte sich Dschingis zunächst nach nach dem Osten und Südosten, wo er erstmals seine neue Armee erprobte und die buddhistischen Tanguten unterwarf. Ziel der Aktion war jedoch China. Der aggressive Charakter der Mongolen-Führer beruhte wesentlich auf der nomadisierenden Lebensweise. Ein großer Teil der Bevölkerung konnte ständig unter Waffen stehen, ohne dass die wirtschaftliche Lage darunter litt. Die Viehwirtschaft erlaubte keine stärkere Expansion, so dass ein möglicher Reichtum nur durch Eroberungen und vor allem durch die Abgaben der Handelskarawanen erreicht werden konnte. Die Einigung der zentralasiatischen Steppe unter einer Herrschaft mußte in den Augen der mongolischen Führer zu einer Intensivierung des Handels auf den großen Fernstraßen, wie zum Beispiel der Seidenstraße, führen. 1211 begannen die Vorbereitungen eines Angriffs auf China mit einem Heer von 200.000 Mann. Gegen Ende des Jahres hatte das Heer die Große Mauer überwunden und marschierte aufgesplittert in verschiedenen Armeen auf Peking zu, wo es sich 1214 wieder vereinigte. Die Friedensbedingungen von 1215 wurden von den Chinesen wieder gebrochen und Mongolen zerstörten Peking und richteten ein Blutbad unter der Bevölkerung an. Ein Jahr später war das Heer in die Ausgangsstellungen nahe dem Machtzentrum Karakorum südlich des Baikal-Sees zurückgekehrt. Hier ist besonders der australische Weltreisende Tim Cope (* 1978) aus Gippsland, Victoria, zu erwähnen, der allein fast 10.000 Kilometer vom Sommer 2004 bis in den Sommer 2007 mit einem Zelt und auf drei Pferden mit dem Hund Tigon den Spuren der mongolischen Reiterheere des Dschingis Khan folgte. Ein ausführlicher Artikel über Tim Cope ist auch unter diesem Link Australischer Weltreisender Tim Cope zu finden.

Der Zug nach Westen

Der Feldheer Tran Hung Dao (1228-1300) war ein großer vietnamesischer Kommandeur. Er befehligte die Dai Viet Armeen, die die beiden großen mongolischen Invasionen im 13. Jahrhundert abwehrten. Seine Siege über die mächtigen mongolischen Heere unter Kubilai-Khan gehören zu den größten militärischen Heldentaten in der Weltgeschichte
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Der Feldheer Tran Hung Dao (1228-1300) war ein großer vietnamesischer Kommandeur. Er befehligte die Dai Viet Armeen, die die beiden großen mongolischen Invasionen im 13. Jahrhundert abwehrten. Seine Siege über die mächtigen mongolischen Heere unter Kubilai-Khan gehören zu den größten militärischen Heldentaten in der Weltgeschichte

Aufstände und Unruhen in den westlichen Gebieten Turkestans und in Altai-Gebirge führten zur Entsendung zweier mongolischer Armeen, die beide Regionen 1218 wieder unter Kontrolle brachten. Durch diesen Feldzug kam das Mongolen-Reich in direkten Kontakt mit dem islamischen Schah Muhammad II., der das Chorasan-Reich um Buchara und Taschkent beherrschte. Obwohl beide Fürsten Botschaften austauschten, in denen sie sich gegenseitig als Herrscher des Westens und Ostens anerkannten, kam es zum Krieg. Ein Gouverneur des Schahs hatte eine 450 Personen zählende, mongolische Karawane vernichten lassen. Die Botschafter von Dschingis-Khan, die daraufhin Genugtuung verlangten, ließ der Schah selbst hinrichten. Der Krieg, wie immer sorgfältig geplant, dauerte von 1219 bis 1221 und endete mit der Unterwerfung des Reiches, dessen Schah bereits im ersten Kriegsjahr auf einer Insel im Kaspischen Meer gestorben war. Mongolische Reiter hatten ihn bis dorthin pausenlos verfolgt. Während des Feldzuges waren zwei Generäle bis an den Unterlauf der Wolga vorgedrungen, wo sich ihnen ein 80.000 Mann starkes Heer der russischen Fürsten entgegenstellte, das am 31. Mai 1223 (in anderen Quellen wird der 16. Juni 1224 genannt) in der Schlacht am Kalka-Fluß vernichtend geschlagen wurde. Nach diesem Sieg begann Dschingis-Khan mit der weiteren Eroberung Chinas. Während der Vernichtung des Hsi-hsia-Volkes, das ausgerottet wurde, starb der Groß-Khan 1227.

Höhepunkt der Eroberungen

Das riesige Reich der Mongolen, das bereits in Verwaltungsbezirke unterteilt war, hatte Dschingis seinen vier Söhnen zugesichert. Dschotschi gehörte das Land der Kirgisen und der Westen, nach seinem Tod 1227 übernahm sein Sohn Batu des Besitz. Dschagatai erhielt Zentralasien, Ögedei die Regionen des Altai-Gebirges und des Flusses Irtysch und Tului, der jüngste Sohn regierte im Stammgebiet der Mongolen. Wie Dschingis bestimmt hatte, wurde Ögedei 1229 zum Groß-Khan des Gesamtreiches. Nachdem der neue Khan die Eroberung Chinas abgeschlossen hatte, berief er 1235 eine Versammlung der Würdenträger ein, um einen groß angelegten Feldzug zur Eroberung des gesamten Westens zu beraten. Im Sommer 1236 sammelten sich 150.000 Reiter am Oberlauf der Wolga und besetzten 1237/38 die ersten Städte westlich des Flusses. Die Bevölkerung der Regionen floh ins heutige Ungarn. Während des Tauwetters im Sommer, das die Bewegungsfreiheit stark einschränkte, siedelte das Heer auf den Weiden des Don und der Wolga, um im darauffolgenden Winter die Eroberung Rußlands fortzusetzen, die zwei Jahre später mit dem Fall von Kiew abgeschlossen war. Nur die Stadt Nowgorod, die inmitten von Sümpfen lang, konnte sich behaupten, geriet jedoch wegen der doppelten Bedrohung durch die Mongolen im Osten und die Kreuzritter im Westen in politische Abhängigkeit.

In zwei Stoßrichtungen, gegen Ungarn und ins nördliche Mitteleuropa, drangen die Reiterheere weiter vor. Eine Gruppe des nördlichen Heeres hatte das Baltikum erreicht, eine andere eroberte Krakau und nahm nach dem Übergang über die Oder mit Hilfe einer Bootsbrücke die Stadt Breslau ein. Am 9. April 1241 versuchte ein deutsch-polnisches Heer, den Mongolen-Sturm aufzuhalten und wurde von den beweglichen mongolischen Reitern vernichtet. Fast gleichzeitig, am 11. April 1241, erlitt ein ungarisches Heer eine Niederlage gegen die mongolische Südarmee. Ganz Ungarn war damit in der Hand des Khans, die Vorhut der Armee war bereits in Österreich eingedrungen, als eine plötzliche Wende eintrat. Am 11. Dezember 1241 war in der Hauptstadt Karakorum Groß-Khan Ögedei an den Folgen einer Trunksucht gestorben. Nach der Gesetzes-Sammlung von Dschingis-Khan mußten in diesem Fall alle Nachkommen des ersten Herrschers in die Mongolei zurückkehren, um einen neuen Khan zu wählen.

Die Herrschaft Khubilai-Khans

Mongolischer Reiter unter Führung von Genghis-Khan
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Mongolischer Reiter unter Führung von Genghis-Khan

Nach zwei kurzen Übergangs-Herrschaften in den Jahren 1246 bis 1248 und 1251 bis 1259 wurde ein Enkel Dschingis-Khans, Khubilai zum Groß-Khan gewählt und setzte die Eroberung Chinas fort. 1280 waren die Aktionen abgeschlossen und Khubilai begründete mit der Verlegung der Hauptstadt von Karakorum nach Peking die chinesische Yüan-Dynastie. Obwohl zwei Invasionsversuche nach Japan scheiterten, breitete sich die Mongolen-Herrschaft in Südostasien weiter aus, in der Zeit zwischen 1285 und 1288 sogar bis auf die Insel Java. Die Mongolen hatten schon vor Khubilai-Khan geplant, ganz Nordchina in ein Weideland zu verwandeln, erkannten jedoch bald den Vorteil der Steuererhebung auf den Reichtum des Landes und den Handel. Die Straßen in Zentralasien waren sicherer als je zuvor. In China wurden die Fernstraßen ausgebaut und mit Poststationen versehen. Kurier- und Reisedienste an den großen Straßen belebten den Handel zusätzlich. In dieser Zeit waren die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa, China und der Mongolei intensiver denn je. Insbesondere Kaufleute der Seidenstraße brachten Berichte über die mongolischen Herrscher Chinas nach Eruopa. 1271 verließ der junge Marco Polo zusammen mit seinem Vater Niccolo und seinem Onkel Maffeo die Heimatstadt Venedig, um an den Hof des Khans zu ziehen. Die beiden Kaufleute waren bereits 1253 bis 1269 in der Mongolei gewesen und hatten eine Botschaft des Khans zum Papst übermittelt, deren Antwort sie jetzt zurückbrachten. Nach einer dreieinhalbjährigen Reise wurden sie mit großen Ehren empfangen und Marco avancierte zum Gesandten und Gourverneur des Khans. Seinem Bericht über den Glanz des mongolischen Staates, den er nach seiner Rückkehr 1295 veröffentlichte, insbesondere der Schilderung von Städten mit mehreren Millionen Einwohnern, wollte man im christlichen Europa jedoch keinen Glauben schenken. Doch Zerfall des blühenden Weltreichs begann mit dem Tod Khubilai-Khan 1294.

Der Niedergang

Mongolisches Reich - Größtes Imperium unter Dschingis-Khan, Ögedei-Khan und Genghis-Khan.
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Mongolisches Reich - Größtes Imperium unter Dschingis-Khan, Ögedei-Khan und Genghis-Khan.

Das riesige Reich der Mongolen trug bereits Mitte des 13. Jahrhunderts den Keim des Zerfalls in sich. Ein Imperium solchen Umfangs, das größte Reich der Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt, konnte nicht mehr zentral verwaltet weden. Tortz eines guten Kommunikationssystems brauchten Nachrichten Monate, um bis nach Peking zu gelangen. Formal ließen sich die regionalen Führer noch von den Groß-Khanen bestätigen, doch bildeten sich rasch eigenständige Herrschaftsgebiete, so dass Groß-Khanat der Yüan-Dynastie in China, das Khanat Dschagatai nordöstlich von Tibet, das Gebiet der Goldenen Horde nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres und ein Khanat in Persien. Im 13. Jahrhundert hatte Hülagü, der Bruder Khubilais, das unabhängige Khanat Persien gegründet, dessen Herrscher sich "Ilkhane" nannten. In China begannen im 14. Jahrhundert große Volksaufstände gegen die mongolische Fremdherrschaft. Ausgangspunkt der Erhebung war die buddhistische Sekte "Weißer Lotos". Dem Mönch Tschu Yüan-Tschang (1328 bis 1398) gelang mit der Vertreibung der letzten Mongolen-Kaiser die Gründung der rein chinesischen Ming-Dynastie im Jahr 1368. 1410 zerstörten die Chinesen die alte und neue Hauptstadt der Mongolen, Karakorum. Nach einer kurzen Zeit der Erstarkung, in der die Mongolen wieder zu einem ernstzunehmenden Gegner Chinas wurden, mußten sie sich dem neuen Machtfaktor der Region, dem Mandschu-Stamm unterwerfen. Mit der Übergabe des Siegels der Khane an die Mandschu-Herrscher verschwand das Groß-Khanat endgültig. In das Machtvakuum nach dem Niedergang der Dschingiskhaniden-Fürsten stieß ein türkischer Herrscher, der verwandtschaftliche Beziehungen zu den Mongolen besaß und Dschingis-Khan als Vorbild ansah: Timur-Leng (1336 bis 1405). Er errichtete um 1369 ein Reich östlich des Kaspischen Meeres und entfaltete insbesondere in Samarkand eine rege Bautätigkeit. Die Armeen Timur-Lengs drangen bis nach Kleinasien und Indien vor. 1405 verletzte er sich selbst am Fuß und starb an einer Blutvergiftung. Ein bedeutender Nachfahre dieses letzten großen mongolischen Führers war Babur (1483 bis 1530), der 1526 das Sultanat von Delhi eroberte und das islamische Großreich der indischen Mogule errichtete.

Die Afrikanischen Reiche

10. bis 16. Jahrhundert

Wiederentdeckung der Geschichte

Almoravid Koubba in Marrakesch
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Almoravid Koubba in Marrakesch

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt das subsaharische Afrika als der schwarze, geschichtslose Kontinent. Erst mit der Gründung der jungen afrikanischen Staaten und der damit verbundenen Entwicklung eines eigenen afrikanischen Selbstbewußtseins geriet auch die eigene Geschichte vor der Entdeckung und Eroberung durch die Europäer ins Blickfeld der historischen Forschung. Vor allem das Anknüpfen an afrikanisch-einheimischen Traditionen erinnerte an längst vergessene Reiche wie das von Mali oder Gana. Als sich die ehemalige britische Kolonie-Goldküste, 1957 als erster westafrikanischer Staat in die Unabhängigkeit entlassen, den Namen Ghana gab, geschah dies als Zeichen für die einstige Macht und Größe jener Region Afrikas, deren Blütezeit etwa zwischen 4. und 16. Jahrhundert lag.

Gana - Land des Goldes

Das wohl älteste schwarzafrikanische Reich südlich der Sahara war das "Land des Goldes", Gana. Sein Reichtum basierte auf den Goldvorkommen im Südwesten und den Salzlagern im Norden des Landes, das im übrigen keineswegs identisch war mit dem modernen Ghana an der Voltamündung, 977, als das Reich von Gana auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, erklärte der arabische Geschichtsschreiber Ibn Haukal schlicht: "Der König von Gana ist der reichste Mann der Erde." Sein Einflußgebiet erstreckte sich vom Atlantik bis nahe Timbuktu am Niger. Angeblich gebot er über ein 200.000 Mann starkes Heer. In arabischen Berichten wurde immer wieder vom unermeßlichen Reichtum Ganas erzählt, von der prunkvollen Hofhaltung der Herrscher und der offenen Zurschaustellung ihres Besitzes. Dieser Reichtum erweckte Aufsehen und Neid, doch die eigentliche Gefahr für Gana erwuchs aus dem Missionierungseifer der Almoraviden, einer fanatischen islamischen Erneuerungsbewegung, deren Zentrum ein auf einer Insel im Fluß Senegal gelegenes Kloster war. Mitte des 11. Jahrhunderts begannen sie einen Glaubenskrieg, stießen nach Norden vor und gründeten eine neue Hauptstadt für ihren Herrschaftsbereich Marrakesch. Nach blutigen Kämpfen eroberten sie 1076 Ganas Handelsmetropole Kumbi Saleh (im Süden Mauretaniens), die sie plünderten und brandschatzten. Obwohl die Almoraviden nach etwa einem Jahrzehnt vertrieben werden konnten, erlangte Gana nie mehr seine frühere Machtstellung und wurde 1240 endgültig unterworfen.

Das Reich der Malinke

Militärischer Reiter unter dem malischen Kaiser Sundjata Keita (etwa 1210 bis etwa 1260). Basierend auf stilistische Vergleiche mit ähnlichen Zahlen, können diese Arbeiten versuchsweise zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert datiert werden
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Militärischer Reiter unter dem malischen Kaiser Sundjata Keita (etwa 1210 bis etwa 1260). Basierend auf stilistische Vergleiche mit ähnlichen Zahlen, können diese Arbeiten versuchsweise zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert datiert werden

Die Nachfolge Ganas trat das Reich der Malinke, kurz Mali genannt, an. Die Stammesfürsten von Mali, lange Zeit von Gana abhängig, hatten bereits früh den Islam angenommen. Unter ihrem legendären Herrscher Sundjata (1230 bis 1255), der den Beinamen Mari Djata (Löwe von Mali) trug, vergrößerten die Malinke ihren Einflußbereich, zerstörten die Hauptstadt Ganas und beherrschten das Gebiet von der Senegal-Mündung im Westen bis zum Niger-Knie, von Walata, wichtiger Karawanenumschlagplatz in Mauretanien, bis zu den Bergen im Süden. Das Reich von Mali lebte vom Transsaharahandel. Zudem kontrollierte es die reichen Goldfelder von Wangara. Seine größte Ausdehnung erlangte Mali unter Mansa (König) Kankan Musa in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Berühmt wurde die Pilgerfahrt des "Sultans der Neger" 1324 nach Mekka, der mit einer riesigen Kamel- und Sklavenkarawane durch Kairo zog. Die Pilgerfahrt diente vor allem der Anknüpfung von wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen mit der arabischen Welt. Neben Kaufleuten lockte Musa auch weiße Gelehrte und Baumeister an den Niger. Timbuktu wurde zur wichtigsten Handelsmetropole und kulturellen Zentraum des westlichen Sudans. Ende des 14. Jahrhunderts schwächten dynastische Streitigkeiten und zunehmender Druck einfallender Mossi-Stämme im Süden bzw. der Tuareg im Norden das Reich von Mali. 1435 eroberten die Tuareg Timbuktu, Mali zerfiel wie einst Gana und ein neues Reich trat an die Stelle Malis, das der Songhai.

Bücher, Sklaven und Pferde

Die Songhai bewohnten ursprünglich das Gebiet am Mittellauf des Niger, ihre Hauptstadt war das bereits um 890 erwähnte Gao, rund 350 Kilometer stromabwärts von Timbuktu. Wie die Malinke nahmen auch sie bereits im 11. Jahrhundert den Islam an, gerieten dann in Abhängigkeit von Mali, bevor sie unter ihrem Herrscher Sonni Ali fast das ganze Gebiet des ehemaligen Mali-Reiches eroberten. Alis militärische Erfolge trugen ihm den Beinamen "der Große" ein. Als Sonni Ali 1492 in einem Gebirgsstrom ertrank, riß einer seiner Heerführer aus dem Stamm der Soninke die Macht an sich und begründete als Askia Mohammed I. die Dynastie der moslemischen Askia, unter denen das Reich von Songhai im 16. Jahrhundert seine größte Ausdehnung erlangte. Die Macht der Askia gründete sich vor allem auf ein stehendes Heer, das über feste Garnisonen im ganzen Reich verfügte. Selbst eine Flotille kreuzte auf dem Niger. 1497 unternahm Mohammed I. eine Pilgerfahrt nach Mekka. 500 Reiter und 1.000 Mann Fußvolk begleiteten ihn. Der Askia kehrte mit dem Titel eines Emirs und zahlreichen arabischen Gelehrten in sein Reich zurück, dessen Städte sich zu Zentren der Wissenschaft und Kultur entwickelten. Vor allem die Islam-Schule von Timbuktu stand im Ansehen kaum hinter der berühmten Al-Azhar-Universität von Kairo zurück. Ende des 16. Jahrhunderts allerdings unterwarfen die Marokkaner, angelockt vom sagenhaften Gold der Songhai, deren Reich. Ausgerüstet mit Kanonen und Pulver eroberte ein Heer von spanischen Konquistadoren in marokkanischen Diensten Gao und Timbuktu, ohne aber die weiter im Süden gelegenen Goldgruben zu erreichen. Die Marokkaner errichteten eine Gewaltherrschaft, konnten jedoch das Land nicht völlig unterwerfen und verloren bald das Interesse an Songhai, weil der Unterhalt des Söldnerheeres die Einnahmen zu übersteigen drohte. Aber die Askia vermochten nicht mehr, ihre einstige Macht zurückzugewinnen. Zahlreiche Vasallen Songhais lösten sich vom Reich, dem letzten der drei afrikanischen Großreiche im westlichen Sudan.

Von Kanem nach Bornu

Männliche Yoruba-Figur
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Männliche Yoruba-Figur

Gana, Mali und Songhai waren zwar die größten, doch keineswegs die einzigen Staaten im Sudan. So entwickelten sich zum Beispiel am Tschad-See das Reich von Kanem-Bornu als Knotenpunkt des Handels zwischen dem arabischen Norden bzw. den westafrikanischen Reichen und dem Süden Schwarzafrikas, dem Menschenreservoir für den Sklavenhandel. Ebenfalls seit dem 11. Jahrhundert islamisiert, erlangte das alte Kanem-Reich - gestützt auf ein Reiterheer von angeblich 30.000 Mann - im 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts seine größte Ausdehnung und wirtschaftliche Bedeutung Ende des 15. Jahrhunderts verschob sich das Machtzentrum vom Nordosten (Kanem) nach Westen (Bornu). Das Reich erlebte eine neue Blüte. Die um 800 begründete Saif-Dynastie regierte mehr als 1.000 Jahre, wenn auch bei schwindenden Einfluß, bevor 1846 der letzte Sultan dieses Geschlechts hingerichtet und damit der Zerfall des Reiches eingeleitet wurde.

Königsmord und Menschenopfer

Während die Entwicklung in der Sudan-Zone wesentlich durch die Ausbreitung des Islam bestimmt wurde, blieb das westafrikanische Wald- und Küstengebiet davon unbeeinflußt. Der Urwald verhinderte ein weiteres Vordringen der islamischen Reiterkrieger, so dass die Geschichte dieser Region bis ins 14. Jahrhundert nur aus stark mythisch gefärbten Überlieferungen bekannt ist. Bedeutung erlangt haben vor allem die sogenannten Yoruba-Staaten und das Reich Benin. Älteste Stadt und politisches Zentrum war Oyo (etwa 180 Kilometer nördlich von Lagos), religiöser Mittelpunkt das 100 Kilometer entfernte Ife. Der Überlieferung nach soll der bedeutendste Herrscher, Oluascho, 320 Jahre regiert und nicht weniger als 1.460 Kinder gezeugt haben. Die meisten Alafine (Palastherren) der Yoruba starben jedoch früh. Sie galten als Träger der Lebenskraft des Volkes und genossen göttliche Verehrung. Schwand aber die Körper- oder Geisteskraft des Regenten oder sank der Wohlstand des Volkes, so wurde seine Amtszeit kurzerhand beendet. Der Ältestenrat sandte ihm einen Becher, dessen Inhalt - Papageieneier - eine Aufforderung zum Selbstmord darstellte. Folgte der Herrscher dieser Aufforderung nicht, so half man gewaltsam nach. Im übrigen war die Macht des Herrschers beschränkt.

Die Städte der Yoruba-Völker, teilweise bis zu 100.000 Einwohner groß, wurden von Männerbünden verwaltet, die selbst den Bürgermeister und seine "Stadträte" einsetzten. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts gründete der aus Ife stammende Yoruba-Prinz Eweka den Stadtstaat Benin, der im 16. Jahrhundert einen Umfang von fast 10 Kilometer gehabt haben und von einer 3 Meter hohen Mauer umgeben gewesen sein soll. Ein holländischer Reisender, der Benin besuchte, verglich den Palast des Herrschers mit der Größe der Stadt Haarlem. Benin entwickelte sich zu einem Zentraum des Sklavenhandels. Menschen galten wenig und es wird berichtet, dass Tausende von Sklaven bei kultischen Feiern geopfert wurden. Das Reich von Benin ist vor allem wegen seiner Bronzereliefs und Plastiken berühmt. Die Technik des Bronzegusses stammte ebenfalls aus Ife, wurde aber weiterentwickelt und erlebte im 15. und 16. Jahrhundert eine Blüte. Einige der prachtvollen Kunstwerke stellen die ersten Europäer (Portugiesen) dar, die das Land besuchten.

Der Herr des Kongo

Männliche Bembe-Figur aus dem Kongo
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Männliche Bembe-Figur aus dem Kongo

Parallel zu den Yoruba-Staaten und Benin entwickelten sich entlang der Küste Westafrikas bis zur Mündung des Kongo eine Reihe von kleine, durch verwandtschaftliche Beziehungen föderalistsch verbundenen Hegemonien, in deren Zentraum das "Königreich" Kongo lang. Der Herrscher des Bantu-Volkes der Bakongo, Manikongo (Herr des Kongo) genannt, residierte in Mbanzakongo (dem portugiesischen San Salvador). Als der Portugiese Diego Cão 1482 die Kongo-Mündung entdeckte, stieß er auf ein bereits entwickeltes Staatswesen von beträchtlicher Ausdehnung. Der Manikongo bezog Einkünfte aus den Zöllen des schon vor Ankunft der Europäer florierenden Handels mit dem Landesinnern. 1490 kamen die ersten Portugiesen an den Kongo, weil der Manikongo Nzinga Nkuwu zur Zusammenarbeit mit den Europäern bereit war, die sich immer enger gestaltete, obgleich die Portugiesen ausschließlich ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgten.

Rätsel um Zimbabwe

Wie an der Mündung des Kongo so gab es auch an der Küste Ostafrikas zahlreiche Staatsbildungen, meist unter islamischem Einfluß entstandenen Stadtstaaten wie Mogadishu, Malindi, Mombasa oder Kilwa, die jedoch wirtschaftlich ganz nach Osten ausgerichtet waren und afrikanische Produkte - Gold und Elfenbein -, aber auch Sklaven exportierten. Hauptabsatzgebiet war Indien. Über die Reiche im Innern des südlichen Afrikas ist wenig bekannt. So zeugen in Südostafrika Tausende von Ruinen und ausgebeuteten Minen von alten Kulturen, von denen einzig über das Reich des Monomotapa Berichte vorliegen. Monomotapa (Herr der Minen) war die Bezeichnung des Herrschers eines Reiches im Gebiet des heutigen Sambia und Zimbabwe, wo sich eindrucksvolle Überreste einstiger Monumentalbauten erhalten haben. Die wirtschaftliche Existenz des Reiches gründete sich auf die Förderung und Bearbeitung von Kupfer und Gold. Im 15. Jahrhundert erreichte es seine größte Festigkeit, bevor es zunehmend unter portugiesischen Einfluß geriet und an Bedeutung verlor. Tiefer im Landesinnern, im Bergbaugebiet von Katanga (der südlichen Provinz des heutigen Zaire), lagen die Reiche der Luba und Lunda. Ihre Blütezeit erreichten sie allerdings erst nach dem 15. Jahrhundert, als sie den Kontakt zu den Europäern suchten und Handel mit ihnen trieben. Terrassenanlagen und Bewässerungskanäle zeugen auch in Kenia und Uganda von vergangenen Kulturen, die jedoch untergingen, bevor der Zusammenstoß mit europäischen Kolonialisten die Erinnerung an sie erhalten konnte.

Die Ankunft der Europäer

Am Anfang der afrikanischen Geschichte stand eine Naturkatastrophe. Die Verödung der Sahara, Auslöser einer großen Wanderungsbewegung der afrikanischen Stämme. Die zweite Phase wurde entscheidend geprägt durch die Ausbreitung des Islam, der die uns bekannten Reiche in West- und Zentralafrika zu einer politischen und kulturellen Blüte führte, die dem europäischen Hochmittelalter durchaus vergleichbar ist. Eine Sonderentwicklung nahmen allein die christianisierten Reiche in Nubien sowie das aus dem Reich Axum entstandene Äthiopien, die über Jahrhunderte dem Druck des Islam widerstehen konnten. Im 15. und 16. Jahrhundert führten die Bemühungen der Europäer, den Seeweg nach Indien zu finden, dazu, dass die meisten Reiche des schwarzen Kontinents in Abhängigkeit von den weißen Kolonisten gerieten, an Bedeutung verloren oder ganz zerfielen.


Altamerikanische Kulturen

15./16. Jahrhundert

Das Reich der Azteken

Tenochtitlan - Teotihuacan Stil Maske
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Tenochtitlan - Teotihuacan Stil Maske

Unter dem Herrscher Itzcoatl, der 1440 starb, begann der Aufstieg der Azteken zur führenden Großmacht im mittelamerikanischen Raum. Mit der Gründung eines Dreibundes zwischen den Städten Tezcoco, Tlacopan und dem aztekischen Tenochtitlan legte Itzcoatl den Grundstein des aztekischen Reiches. Charakteristischerweise wird ihm die erste Reinigungsaktion der aztekischen Geschichtsüberlieferung zugeschrieben. Er ließ die historischen Bilderhandschriften aus der Zeit vor seiner Regierung verbrennen. Erst im 14. Jahrhundert waren die Azteken aus dem Norden in das dichtbesiedelte Hochland von Mexiko eingewandert. Durch besondere Kriegstüchtigkeit auffallend, dienten sie hier zunächst als Söldner. Innerhalb kurzer Zeit übernahm dieser Nomadenstamm die hochentwickelten, traditionsreichen Kulturtechniken der mittelamerikanischen Völker, vom Kalendersystem bis zum Pyramidenbau und der Skulpturkunst. In einem unwirtschaftlichen Seen- und Sumpfgebiet gründeten die Neuankömmlinge um 1370 die Stadt Tenochtitlan, dort, wo heute die Stadt Mexico liegt. Am Vorabend der spanischen Eroberung umfaßte die Stadt 100.000 bis 300.000 Einwohner und war nicht nur eine der größten Städte Altamerikas, sondern der Alten Welt überhaupt. Die Unsicherheit in der Bevölkerungsziffer - die Angaben über den gesamten mesoamerikanischen Raum schwanken zwischen 3 und 30 Millionen - ist bedingt durch archäologische Spuren, die häufig sehr divergierende Berechnungen zulassen. Tenochtitlan ähnelte Venedig. Zahlreiche Entwässerungskanäle machten das Boot zum Hauptverkehrsmittel, ein unschätzbarer Vorteil in einem Raum, wo Pferd und Wagen nicht existierten. Mit Hilfe einer Art schwimmender Gärten ("Chinampas") konnte Tenochtitlan einen großen Teil seines Nahrungsmittelbedarfs selber decken. Zahlreiche, den Europäern unbekannte Nahrungspflanzen wurden im vorkolumbischen Amerika kultiviert, wie die Grundnahrungsmittel Mais und Kartoffel.

Die Gesellschaft und Religion

Darstellung von Quetzalcoatl
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Darstellung von Quetzalcoatl

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war der größte Teil des heutigen Mexiko den Azteken tributpflichtig. Das Azteken-Reich besaß einen geringen Grad wirtschaftlicher und politischer Integration. Große Gebiete konnten ihre Unabhängigkeit wahren. Die Grundeinheit der sozialen Organisation bildeten Sippengemeinschaften ("Calpulli"). Der Boden war Eigentum des Calpulli, wurde aber seinen Mitgliedern zur erheblichen Nutzung überlassen. Viele seiner Funktionen trat der Calpulli an die sich rasch entwickelnde Oberschicht ab. Diese bestand aus einem Erbadel - der alten Stammesaristokratie - sowie einem Verdienstadel, zu dem Kriegsauszeichnungen berechtigten. Im Gegensatz zum einfachen Volk war der Oberschicht Polygamie gestattet. Eine privilegierte Stellung nahmen auch Kaufleute und Handwerker ein. Die Masse der Bevölkerung bildeten Gemeinfreie - die Mitglieder der Calpulli - sowie Hörige, bei denen es sich vermutlich um Ureinwohner handelte. Einen geringen Bevölkerungsanteil machten die Sklaven aus, die in Haushalten und vor allem im Transportwesen arbeiteten. Bei ihnen handelte es sich um eine nicht erbliche Schuldsklaverei. Einem besonderen Zweck dienten die aztekischen Kriegsgefangenen. Sie wurden den Göttern geopfert. So hatten die aztekischen Kriegszüge nicht zuletzt die Funktion, Menschenopfer zu beschaffen. Das Menschenopfer, bekannt bei zahlreichen Völkern der Alten wie der Neuen Welt, erreichte bei den Azteken ein besonderes Ausmaß. Eine äußerst pessimistische Religion wies ihnen die heilige Mission zu, die Götter durch Menschenopfer zu ernähren, um den Fortbestand der Welt zu garantieren. Die Übernahme der Götter unterworfener Völker, ein bewährtes politisches Integrationsmittel, führte zu einer außerordentlichen Komplexität des aztekischen Pantheons, dessen zentrale Plätze der Sonnen- und der Regengott einnahmen. Der Vielfalt des Götterhimmels entsprach wiederum einer Vielfalt des Menschenopfers.

Das Ende der Azteken

Das Inka-Reich - Karte aus dem Jahr 1880
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Das Inka-Reich - Karte aus dem Jahr 1880

Die Eroberung des kriegerischen Azteken-Reiches durch eine vergleichsweise kleine spanische Truppe unter Hernán Cortés hatte mehrere Ursachen. In technologischer Hinsicht waren die Spanie mit ihren Eisen- und Feuerwaffen, mit ihren Pferden und Bluthunden den mit Stein- und Holzwaffen ausgestatteten Indianern überlegen. Zudem wußten die Azteken unter ihrem Herrscher Moctezuma II. (regierte 1503 bis 1519/20) zunächst nicht, wie sie den Fremden entgegentreten sollten. Eine alte Prophezeiung über die Wiederkehr des Gottes Quetzalcoatl, die auf das Erscheinen der Fremdlinge zutraf, ließ Moctezuma Xocoyotzin sich abwartend und zögernd verhalten. Der Nimbus von der Göttlichkeit und Unsterblichkeit der Spanier wurde erst zerstört, als es den Azteken 1520 gelang, die Spanier aus Tenochtitlan zu vertreiben. Entscheidend trugen zum spanischen Sieg 1521 die zahlreichen indianischen Hilfstruppen bei, welche die traditionellen Feinde der Azteken und Regionen, die unter besonders harten aztekischen Tributforderungen litten, entsandt hatten.

Das Reich der Inka

Zeitgleich mit dem Azteken-Reich entstand in Südamerika ein anderer Großstaat, der Inkastaat. Ende des 15. Jahrhunderts erreichte er seine größte Ausdehnung und umfaßte das Gebiet des heutigen Peru, Boliviens, Südekuadors sowie des nordwestlichen Argentinien. Die Inka aus dem Tal von Cuzco (Südperu), ein Stamm unter zahlreichen Andenstämmen, expandierten seit Mitte des 15. Jahrhunderts und unterwarfen mächtige, traditionsreiche Staaten wie den von Chimor an der Nordküste Perus. Im Gegensatz zu den Azteken bauten die Inka ihren Staat zentralistisch auf. An der Spitze der sozialen Pyramide stand der als Sohn der Sonne verehrte Gottkönig ("Sapay Inka"). Die Verwandten der Inkaherrscher, die Angehörigen der nichtköniglichen Sippe von Cuzco sowie die Herrscher der unterworfenen Völker bildeten die Oberschicht. An der Basis der sozialen Pyramide lebten bäuerliche Sippengemeinschaften ("Ayllu"), in denen ungefähr alle zwei Jahre der Boden neu verteilt wurde. Handwerker arbeiteten nur für den staatlichen Bedarf. Der Handel war staatliches Monopol. Die Herrschaft der Inka beruhte auf den Prinzipien der Gegenleistung und der Wiederverteilung. So bot die Beteiligung an neuen Eroberungszügen den gerade Unterworfenen Entschädigung. Diese Praxis trug wesentlich zur Schlagkraft der Armee der Inka bei.

Coricancha-Tempel in Cuzco
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Coricancha-Tempel in Cuzco

Eine staatliche Bevorratungspolitik verhinderte Hungersnot. Bewässerungs- und Terrassierungsbauten erhöhten die landwirtschaftliche Produktivität. Die Kehrseite der staatlichen Fürsorge war ein Netz von Kontrollmaßnahmen, das jedes Individuum von der Wiege bis zum Grab erfaßte. Die gesamte tributpflichtige Bevölkerung war in Alters- und Leistungsklassen eingeteilt, um die Rekrutierung für öffentliche Arbeiten (Kriegsdienst, Arbeit auf Staats- und Tempelland) zu erleichtern. Der staatliche Eingriff konnte bis zur Zuweisung des Ehepartners reichen, denn mit der Heirat setzte die Tributpflicht ein. Auch im Inkareich galt für die Oberschicht Polygamie und Monogamie für das übrige Volk. Die gesamte Bevölkerung wurde nach dem Dezimalsystem in Gruppen gegliedert, deren kleinste Einheit die Zehner-Gruppe bildete. Mit Hilfe von Knotenschnüren ("Quipu") - fälschlicherweise oft als Schrift bezeichnet - konnte die Bürokratie die Fülle der Daten registrieren. Ein bestens ausgebautes Straßensystem von etwa 16.000 Kilometer Länge sowie ein gut funktionierendes Nachrichtenwesen ermöglichten vor allem die Mobilität der Armee, wobei auch ein Lasttier, das Lama, eine Rolle spielte. Aufständische Bevölkerungsgruppen wurden zwangsweise umgesiedelt und durch inkatreue Einwohner ausgetauscht. Die Erhebung des Sonnenkultes zur Staatsreligion sowie die Verbreitung der Inkasprache Quetschua verstärkten zudem die Integration des Reiches.

Das Ende der Inka

Die Eroberung des mächtigen Inka-Imperiums durch etwa 150 Spanier unter der Führung Francisco Pizarros war nicht ohne die Krise dieses Staates denkbar. Das Ende der militärischen Expansion Anfang des 16. Jahrhunderts führte zu Spannungen und Rivalitäten innerhalb der inkaischen Oberschicht, die sich schließlich in einem Bürgerkrieg um die Inkaherrschaft entluden. Aus der Eroberung Mexikos hatten die Spanier gelernt, den Herrscher rasch zu vernichten und soziale Spannungen auszunutzen. Sie überfielen Atahuallpa (Inka der nördlichen Hälfte des Reichs Quito). Militärlager in Cajamarca, erschlugen einige tausend Mann, nahmen Atahuallpa gefangen (November 1532) und töteten ihn wenig später (August 1533). Auch Pizarro gelang es, für die weitere Eroberung indianische Verbündete zu gewinnen. Mit der Einnahme Cuzcos (1533) zerstörten die Spanier endgültig den Machtapparat des Inkastaates. Aber noch drei Jahrzehnte (bis 1572) konnte sich im Andengebirge um Vilcabamba (Machu Picchu, nördlich von Cuzco) inkaischer Widerstand gegen die spanische Kolonialmacht halten. Ende des 18. Jahrhunderts erhoben sich die Indios noch einmal gegen die spanische Herrschaft.

Die frühen Kulturen

Maye-Relief
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Maye-Relief

Eine weitere hoch entwickelte Kultur Altamerikas war die der Maya. In einzelne Stadtfürstentümer zerfallen, gerieten die Maya der Halbinsel Yucatan (Karibisches Meer) im Anschluß an die Eroberung des Azteken-Reiches bald unter spanischer Herrschaft (seit 1527), während die südlichen Waldgebiete noch bis Ende des 17. Jahrhunderts Widerstand leisteten. Zur Zeit der Ankunft der Spanier lag die Blütezeit der Maya-Kultur mit ihrer weitreichenden politischen Integration schon lange zurück. Der Zeitraum zwischem dem 3. und 10. Jahrhundert gilt als Blütezeit, als Klassik der vorkolumbischen Kulturen. Für Südamerika sei hier beispielsweise die Küstenkultur der Moche (Peru) und die Hochlandkulturen von Tiahuanaco (im Umkreis des Titicaca-Sees, Peru/Bolivien) genannt und für Mittelamerika die von Teotihuacán (nördlich der Stadt Mexiko) sowie die der Maya. Die nachklassischen Kulturen der Azteken und Inka halten gerade in künstlerischer Hinsicht dem Vergleich mit den klassischen Kulturen nicht stand. Aber unsere Kenntnisse der Inka und Azteken sind viel umfassender als die der klassischen Periode, bei deren Erforschung wir vor allem auf archäologische Quellen angewiesen sind. Über Inka und Azteken dagegen existieren zahlreiche schriftliche Quellen. Diese Aufzeichnungen stammen von europäischen Konquistadoren, Mönchen und Nachfahren der indianischen Herrscher, die trotz ihrer jeweiligen ideologischen Färbung ein lebendiges Bild von der inkaischen und aztekischen Gesellschaft vermitteln.

Die spanische Kolonisation

Mit der Ankunft der Spanier bzw. Portugiesen in Lateinamerika setzt sofort die koloniale Besitzergreifung der "Neuen Welt" ein. Bereits ein Jahr nach der Entdeckung der westindischen Inseln durch Christoph Kolumbus läßt sich die spanische Krone (1493) - in Nachahmung der portugisischen Praxis in Westafrika - vom Papst das ausschließliche Recht auf Entdeckungen in der Neuen Welt bestätigen, das mit der Verantwortung für die Heidenmission begründet wurde. Im Staatsvertrag von Tordesillas 1494 teilten sich Spanien und Portugal die überseeische Welt in Kolonisationsgebiete. Die Grenze entspricht ungefährt dem 49. Meridian, so dass ein Teil der Neuen Welt, Brasilien, noch an Portugal fiel. Während sich um die Begründung des spanischen Rechtsanspruchs auf Amerika weitreichende juristisch-theologische Kontroversen entzündeten, verfuhren die Konquistadoren vor Ort nach dem primitiven Recht des Stärkeren. Mehr als zwei Jahrzehnte blieben die Spanier hauptsächlich auf den Karibischen Inseln und unternahmen nur kurze Expeditionen an die Festlandküste. Nachrichten vom sagenhaften Reichtum der Festlandvölker an Gold und Silber zogen schließlich Konquistadorenbanden ins Innere Mittel- und Südamerikas, zumal die Ausbeutung der Inseln sich erschöpfte. Innerhalb eines Jahrzehntes war die Inselbevölkerung fast ausgerottet worden. Bereits 1503 werden die ersten Negersklaven aus Afrika importiert. Ursache der Bevölkerungsdezimierung, die dann auch im Festland auftrat, waren eingeschleppte Krankheiten und das System der "Repartimientos", d. h. der Zuteilung indianischer Arbeitskräfte an die Weißen. Gegen diese Form spanischer Einkünfte mit ihrer Versklavung und Mißhandlung der Indios erhob sich Protest in kirchlichen Kreisen, der vom Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas angeführt wurde. Erst 1536 wurde die direkte indianische Zwangsarbeit in die Tributabgabe eines bestimmten Bezirkes an einen spanischen "Encomendero" umgewandelt. Im Jahr darauf erklärte eine Pastbulle die Indiander zu Menschen, womit eine wesentliche Rechtfertigung der Indianer-Sklaverei entfiel. Gegen Mitte des 16. Jahrhunderts war die Verwaltungsorganisation abgeschlossen. Es entstanden die Vizekönigreiche Neu-Spanien (1535) und Peru (1543). Die entsprechende Zentralbehörde in Spanien war der "Indienrat". 1573 wurde das Wort "Conquista" offiziell aus der spanischen Amtssprache entfernt und durch "Pacificación" ersetzt.

Gefährdung und Schutz

Auf der ganzen Welt wird jede 3 Sekunden ein Baby geboren
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Auf der ganzen Welt wird jede 3 Sekunden ein Baby geboren

Laut der Roten Liste der IUCN gehört der Moderne Mensch heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Derzeit bestehen keine größeren Gefahren für die Menschen, obwohl einige Subpopulationen einen lokalisierten Rückgang als Folge von Krankheiten, Dürre, Krieg, Naturkatastrophen und anderen Faktoren erfahren. In der Roten Liste der IUCN wird der Moderne Mensch als least concern (nicht gefährdet) geführt.

Laut der Roten Liste der IUCN wurde Mitte 2007 die Weltbevölkerung auf 6,6 Milliarden Menschen geschätzt. Zwei Länder, China und Indien, machen etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit 1.318 Mio. und 1.312 Mio. Menschen aus. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind Dritter mit 302 Millionen Menschen. Die jährliche Steigerungsrate liegt bei etwa 1,2 Prozent. Die Weltbevölkerung wird voraussichtlich bis Mitte 2025 etwa 8,0 Milliarden Menschen und bis Mitte 2050 etwa 9,2 Milliarden Menschen zählen.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Robert Jungk: Chronik der Menschheit. Mit einem Ausblick auf die Zukunft. Band 3 der Chronik-Edition. Chronik-Verlag in der Harenberg Kommunikation Verlags- und Mediengesellschaft GmbH & Co. KG, Dortmund 1984. Idee und Konzeption und verantwortlich für die Redaktion: Bodo Harenberg. ASIN B002CDJRNE
  • [1] Winfried Ahne, Hans-Georg Liebich, Manfred Stohrer, Eckhard Wolf, Horst Erich König: Zoologie: Lehrbuch für Studierende der Veterinärmedizin und Agrarwissenschaften. Verlag: Schattauer, F.K. Verlag (September 2000). ISBN 978-3794517640
  • [2] Zahnfunde, Moderner Mensch lebte bereits vor 45.000 Jahren in Europa

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