Mimikry

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Als Mimikry (engl. to mimic = "nachahmen") wird in der Biologie eine Signalfälschung bezeichnet, die der Tarnung eines Organismus dient. Nach einer gebräuchlichen Hypothese wird ein anderer Organismus oder ein Teil eines anderen Organismus nachgeahmt um dem Signalsender einen Vorteil zu verschaffen. Die täuschende Ähnlichkeit zwischen Arten bildet sich dabei durch Selektion innerhalb einer Art aus. Das Prinzip beruht auf einem evolutiven Vorteil, den eine mäßig giftige oder ungenießbare Art erlangt, wenn ein Fressfeind diese Erkenntnis gewinnt und fortan Individuen dieser Art meidet. Dieser Vorteil ist allerdings nur für die Population und nicht für das Indivduum schlagend. Denn ein Feind muss dies erst durch Versuch und Irrtum lernen. Demnach ist Mimikry auch bei tödlich giftigen Tieren nicht wirksam, da sie ihren Feind töten und damit der Lerneffekt entfällt (siehe auch Mertens'sche Mimikry).

Die Mimese (griech. Mimese = "Nachahmung") wiederum bezeichnet das Nachahmen von unbeweglichen oder leblosen Objekten, wie zum Beispiel Steinen, Pflanzenteilen oder Tierkot.

Die Unterscheidung von Mimikry kann nach funktionellen Gesichtspunkten oder nach ihren Erstbeschreibern erfolgen.

Inhaltsverzeichnis

Schutzmimikry

Bates'sche Mimikry

Die Bates'sche Mimikry wurde 1862 von Henry Walter Bates beschrieben. Dieser entdeckte das von ihm beschriebene Phänomen nach Studien an Schmetterlingen im brasilianischen Regenwald. Diese Art der Mimikry bezeichnet eine Schutzmimikry, bei der harmlose Arten eine gefährliche, giftige oder ungenießbare Art imitieren. Dabei profitieren sie selbst, da Fressfeinde aufgrund ihrer negativen Erfahrungen die Art meiden.

Als optische Warnsignale haben sich Gelb-Schwarze oder Rote Farbtöne herausgebildet. Ein bekanntes Beispiel ist die Wespenmimikry. Wespen sind wehrhafte Insekten, die mit einer kräftigen Schwarz-Gelb-Färbung eine Warntracht tragen. Andere harmlose Insekten versuchen sowohl das Farbmuster, als auch den Körperbau zu imitieren, um als Wespe durchzugehen.

Müller'sche Mimikry

Diese Form der Mimikry, von Fritz Müller 1879 beschrieben, ist eine Signalnormierung unter verschiedenen Arten. Es gibt keine Vorbilder und Nachahmer, sondern ungenießbare Arten passen ihre Warntracht aneinander an, um gegenseitig zu profitieren. Ein potentieller Fressfeind muss also nur einmal eine schlechte Erfahrung machen. Danach meidet er alle Arten mit dieser Warntracht, da er sie nicht (oder ungenügend) unterscheiden kann.

Mertens'sche Mimikry

Bei der Mertens'schen Mimikry passt sich eine gefährliche oder ungefährliche Art einer mäßig gefährlichen Art an. Die Idee wurde 1955 von Robert Mertens zur Diskussion gestellt. Sie beruht auf seinen Forschungen an Korallenschlangen, die in 18 verschiedenen Gattungen von stark giftig bis ungiftig vertreten sind. Sie alle vertreten eine auffällige Warntracht in gelb, rot und schwarz.

So verfügt beispielsweise die Harlekin-Korallenotter (Micrurus fulvius) aus der Gattung der Korallenottern (Micrurus sp.) über eine auffällige Ringelung. Die Grundfärbung ist schwarz, breite rote Bänder, die durch schmale gelbe Bänder begrenzt sind, überziehen den gesamten Körper. Die Harlekin-Korallenotter ist hochgradig giftig und verabreicht ein hochwirksames Neurotoxin. Eine derartig auffällige Färbung imitiert die nur leicht giftige Falsche Korallenotter (Erythrolamprus aesculapii) oder die ungiftige Milchschlange (Lampropeltis triangulum). In dieser Färbung sind manche Arten kaum auseinander zu halten. Nur Fachleute sind in der Lage, eine richtige Bestimmung abzugeben. Experimente mit schlangenfressenden Vögeln zeigten, dass die Abneigung gegenüber den Warnfarben zum Teil angeboren ist. Weiter diskutiert wird die Einschätzung der Giftigkeit von Micrurus Arten.

Lockmimikry

Peckham'sche Mimikry

Diese Form, auch aggressiven Mimikry genannt, dient nicht der Feindvermeidung, sondern tarnt einen Angreifer. Aufgestellt wurde die Hypothese 1889 von Elizabeth G. Peckham. Ein klassischer Fall bezeichnet den Europäischen Kuckuck (Cuculus canorum), bei dem das Weibchen ein Ei in das Nest eines Wirtsvogel schmuggelt, das sich farblich geradezu perfekt unter den Eiern des fremden Geleges tarnt. Dazu entfernt das Weibchen zusätzlich ein Ei des Wirtes, damit dieser nicht durch eine abweichende Eianzahl gewarnt wird. Der Seeteufel ahmt mit einem Hautanhang an einem separat beweglichen Strahl seiner Rückenflosse einen Wurm nach und kann damit seine Beute direkt vor sein Maul locken. Andere tiefseebewohnende Anglerfische tun dies nach dem selben Prinzip mit einer "Laterne" als Köder. Auch die Geierschildkröte lockt mit einer einen Wurm imitierenden Zunge Beute direkt in ihr Maul.

Molekulare Mimikry

Nach dem Prinzip der Mimikry tarnen sich auch Krankheitserreger. Sie sind an ihrer Oberfläche mit körpereigenen Molekülen ident und können so vom Immunsystem nicht erkannt werden. Die Immunantwort des Körpers bleibt aus und der Krankheitserreger wird nicht bekämpft.

Imitation ohne Mimikry

Bei vielen Tieren ist eine Blattmimese bekannt, bei der welkende Blätter, Äste oder Ähnliches imitiert werden. Der Begriff Blattmimikry wird von Lunau (2002) für Misteln verwendet. Diese pflanzlichen Halbschmarotzer tarnen sich, in dem sie die Blätter ihrer Wirtspflanze imitieren und sich so vor Pflanzenfressern schützen, die an ihre nährstoffreichen Blätter gelangen wollen.

Automimikry

Eine innerartliche Form der Nachahmung. Männchen der Bienen und Wespen ohne Wehrstachel ahmen die wehrhaften Weibchen ihrer Art nach. Dabei imitieren sie sogar die Stechbewegungen. Bläulinge, wie etwa Zipfelfalter imitieren an ihrem Hinterende einen Kopf, um von dem sensiblen Vorderende abzulenken. Manche Schlangen tun dies ebenfalls, allerdings um mit ihrem - als gefährlich bekannten - Kopf das Hinterende zu tarnen.

Mimikryforschung

Bei der Mimikry werden bereits etablierte Systeme der Biokommunikation ausgenutzt. Der Signalimitator verschafft sich einen Vorteil wenn er den Signalempfänger erfolgreich täuscht. Da dieser dadurch jedoch einen Nachteil erfährt, wird dadurch ein evolutiver Wettlauf ausgelöst. Viele dieser Phänomene sind hoch komplex und dadurch nur teilweise durch Versuche untermauert. Ein Teil der genannten Hypothesen stützt sich auf Schlussfolgerungen und manche Mimikrysysteme sind noch nicht ausreichend erforscht oder als solche eindeutig beschrieben worden.

Literatur und Quellen

  • Lunau K. 2002: Warnen, tarnen, täuschen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt.
  • Schaefer M. 1992: Wörterbuch der Biologie - Ökologie. 3 Auflage, Gustav Fischer Verlag, Jena.
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