Mangroven-Nachtbaumnatter

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Mangroven-Nachtbaumnatter

Systematik
Klasse: Kriechtiere (Reptilia)
Ordnung: Schuppenkriechtiere (Squamata)
Unterordnung: Schlangen (Serpentes)
Überfamilie: Nattern- und Vipernartige (Xenophidia)
Familie: Nattern (Colubridae)
Unterfamilie: Land- und Baumnattern (Colubrinae)
Gattung: Nachtbaumnattern (Boiga)
Art: Mangroven-Nachtbaumnatter
Wissenschaftlicher Name
Boiga dendrophila
(Boie, 1827)

Die Mangroven-Nachtbaumnatter (Boiga dendrophila) oder Ularburong ist eine Schlangenart (Serpentes) aus der Familie der Nattern (Colubridae) und zählt innerhalb dieser Gruppe zur Unterfamilie der Land- und Baumnattern (Eigentliche Nattern; Colubrinae) und zur Gattung der Nachtbaumnattern (Boiga). Im Englischen wird sie als Gold-ringed Cat Snake oder Mangrove Snake bezeichnet.

Das Artepitheton „dendrophila“ leitet sich von dem Griechischen „dendros“ für „Holz“ oder „Baum“ und „philos“ für „Freund“ ab. Damit soll durch die wissenschaftliche Bezeichnung ein Hinweis auf die in Gehölzen kletternde Lebensweise der Art gegeben werden.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Mangroven-Nachtbaumnatter weist einen langgestreckten, schlanken und kräftigen Körperbau auf, wobei der Körper in der Vertikale etwas abgeflacht ist, so dass der Rücken ein dachgiebelartigen Eindruck erweckt. Sie erreicht meistens eine Gesamtlänge von circa 200cm, in Ausnahmefällen jedoch bis zu 250cm. Der rundlich oval geformte, ungezeichnete oder durch gelbliche Flecken gekennzeichnete Kopf setzt sich mäßig bis deutlich von dem schlanken Hals ab. Er zeigt gelbe, schwarz umrandete Ober- und Unterlippenschilder sowie eine gelbe Kehle. Die Augen wirken relativ groß und weisen eine bei Lichteinfall vertikal geschlitzte Pupille auf. Die Nasenlöcher liegen seitlich an der Schnauze. Das Maul ist weit gespalten und überaus dehnbar, so dass es beim Zubeißen weit aufgerissen werden kann. Der Körper ist oberseits im Grunde glänzend blauschwarz gefärbt und besitzt ein Muster markanter schwefelgelber bis weißlicher (je nach Unterart auch grau), vertikal verlaufender Binden (diese fehlen bei einigen Unterarten im ausgewachsenen Alter). Diese sind in der Rückenmitte unterbrochen und verbreitern sich zur einfarbig schwarz gefärbten oder gelb gefleckt-marmorierten Bauchseite hin. Brehm gibt für die gelben Binden eine Anzahl von 40 bis 90 an. Manchmal sind die Binden auch zu Flecken verkümmert.
Boiga dendrophila: Habitus.
vergrößern
Boiga dendrophila: Habitus.

Im Gebiss zeigen sich je Kiefer zwölf gleichförmige, mäßig lange Zähne sowie vorne ein Fangzahn. Als soganannte Trugnatter verfügt die Mangroven-Nachtbaumnatter weiterhin im hinteren Teil des Oberkiefers über unbewegliche Giftzähne mit einer seitlichen Rinne, welche mit Duvernoy'schen Drüsen, also Gift produzierenden, modifizierten Speicheldrüsen, in Verbindung stehen. Diese Zahnstellung wird als opistoglyph bezeichnet.

Pholidose

Die Pholidose setzt sich mit der Beschreibung der Beschuppung („Schuppe“, lat. „scutum“) von Schlangen auseinander und kann als Identifikationsmerkmal einzelner Arten herangezogen werden. Dabei weist Boiga dendrophila am Kopf ein Präokularschild (Vorderaugenschild, Scutum praeoculare), zwei Postokularschilder (Hinteraugenschilder, Scutum postoculare) und ein Zügelschild (Lorealschild, Scutum loreale) sowie acht Oberlippenschilder (Supralabialia, Scutum supralabiale; 3., 4. und 5. grenzen an den Unterrand des Auges) und elf Unterlippenschilder (Sublabialschilder, Scutum sublabiale) auf. Entlang des Rückens umgeben den Rumpf 21 bis 23 Reihen von Rückenschuppen (Dorsalschuppen, Scutum dorsale). Die Bauchseite wird von 209 bis 239 Bauchschuppen (Ventralschilder, Scutum ventrale) und 78 bis 110 paarigen Unterschwanzschildern (Subcaudalschilder, Scutum subcaudale) bedeckt. Das Analschild (Scutum anale) ist nicht geteilt.

Taxonomie

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung der Mangroven-Nachtbaumnatter führte 1827 der deutsche Zoologe Heinrich Boie durch. Er ordnete die Art damals unter der Bezeichnung Dipsas dendrophila den Dickkopfnattern (Dipsas) zu. Die französischen Zoologen Duméril, Bibron & Duméril überführten sie mit der Unterart Boiga dendrophila gemmicincta unter der heute gültigen Bezeichnung Boiga dendrophila 1854 in die Gattung der Nachtbaumnattern (Boiga). Von einigen Autoren wird Boiga dendrophila als Trugnatter nach wie vor zur heutzutage umstrittenen Unterfamilie Boiginae gezählt.

Interne Systematik

Boiga dendrophila: Detail des Kopfes.
vergrößern
Boiga dendrophila: Detail des Kopfes.

Die folgenden 9 Unterarten werden derzeit anerkannt:

  • Boiga dendrophila annectens - (Boulenger, 1896)
  • Boiga dendrophila dendrophila - (Boie, 1827)
  • Boiga dendrophila divergens - Taylor, 1922
  • Boiga dendrophila gemmicincta - (Duméril, Bibron & Duméril, 1854)
  • Boiga dendrophila latifasciata - (Boulenger, 1896)
  • Boiga dendrophila levitoni - Gaulke, Demegillo & Vogel, 2005
  • Boiga dendrophila melanota - (Boulenger, 1896)
  • Boiga dendrophila multicincta - (Boulenger, 1896)
  • Boiga dendrophila occidentalis - Brongersma, 1934

Lebensweise

Verhalten und Fortpflanzung

Boiga dendrophila führt eine dämmerungs- und nachtaktive Lebensweise. Zumeist ist sie im Geäst von Bäumen oder Büschen kletternd anzutreffen, tagsüber ruht sie größtenteils regungslos zusammengerollt zum Beispiel zwischen Laub oder Epiphyten (beispielsweise Orchideen), also Pflanzen, welche auf Gehölzen wachsen. Den Erdboden sucht sie nur sehr selten auf. Weiterhin ist die Art eine gute Schwimmerin und kann gelegentlich im Wasser angetroffen werden. Das Fortpflanzungsverhalten in freier Wildbahn ist noch weitgehend unbekannt. Boiga dendrophila pflanzt sich jedoch durch Oviparie fort, ist also eierlegend. Es ist davon auszugehen, dass mehrmals jährlich ein Gelege im Umfang von 4 bis 15 Eiern angelegt wird. Die Eier messen zwischen 30 und 50mm. In Gefangenschaft schlüpfen die Jungschlangen bei Temperaturen von 26 bis 30° Celsius nach 86 bis 137 Tagen. Sie messen beim Schlupf circa 35cm und häuten sich erstmals im Alter von vier bis sechs Wochen.

Gegenüber dem Menschen legt die Mangroven-Nachbaumnatter zumeist ein recht temperamentvolles Verhalten an den Tag. Fühlt sie sich gestört, geht sie oft sofort in eine angriffsbereite Körperhaltung über. Dabei wird der Kopf zurückgebogen und mit dem Schwanz vibriert. Unter Umständen beißt sie mehrfach zu, vor allem wenn sie ergriffen wird.

Ernährung
Im Zuge der nächtlichen Nahrungssuche werden Vögel (Aves; Hauptbeute) und gegebenenfalls deren Eier, kleine Säugetiere (Mammalia), Echsen (Lacertilia) und Froschlurche (Anura), seltener auch Fledermäuse (Microchiroptera) oder Knochenfische (Osteichthyes) erbeutet. Im Terrarium (vermutlich auch in freier Natur) lässt sich zudem ophiophages Verhalten feststellen, was bedeutet,
Habitat: Mangrovenwald (Vietnam).
vergrößern
Habitat: Mangrovenwald (Vietnam).
dass auch andere Schlangen (Serpentes), Artgenossen eingeschlossen, nicht verschmäht werden. Die Beute wird einerseits durch Erdrosseln, andererseits mit Hilfe des Giftes getötet. Da die Giftzähne weit hinten im Oberkiefer stehen, muss die Beute festgehalten und gekaut werden, wodurch das Gift regelrecht in die Bisswunde einmassiert wird. Die Beute wird meist mit dem Kopf voran an einem Stück heruntergeschlungen.

Toxinologie

Die Toxinologie befasst sich mit Toxinen, also Giftstoffen biologischen Ursprungs. Als Trugnatter mit opistoglyphen Giftzähnen produziert die Mangroven-Nachtbaumnatter ein Schlangengift (Ophiotoxin) in Duvernoy'schen Drüsen im Oberkiefer. Duvernoy'sche Drüsen sind, wie auch die Giftdrüsen der „klassischen Giftschlangen“ (dies sind in erster Linie Giftnattern (Elapidae) und Vipern (Viperidae)), modifizierte, also im Zuge evolutionärer Prozesse umgebildete, Speicheldrüsen. Mittels der seitlich gefurchten, hintenstehenden Giftzähne wird das Giftsekret in die Bisswunde appliziert, wobei die Schlange dieses durch Kaubewegungen regelrecht einmassiert, etwa im Rahmen des Schluckprozessses. Das Gift dient der Schlange in erster Linie zur Lähmung respektive Tötung der Beutetiere. Brehm beschrieb in seinem Werk (1829–1884) den Biss dieser Art als ungefährlich für den Menschen. Auch die Einheimischen Javas sehen in der Schlange keine Bedrohung. Ein Giftbiss geht zumeist nur mit lokalen Symptomen wie Schwellung, Verfärbung, Blasenbildung und Schmerzen einher oder ist sogar völlig symptomfrei. Unter Umständen kann es allerdings auch zu schweren Verläufen kommen. Berichte über angebliche Todesfälle sind bisweilen dennoch kritisch zu sehen.

Denmotoxin

Das Sekret der Duvernoy'schen Drüsen enthält vor allem Proteine (Eiweißstoffe; aufgebaut aus Aminosäuren) und Polypeptide („kleinere Proteine“). Ein wirkungsbestimmendes, monomeres Polypeptid bei Boiga dendrophila ist das Neurotoxin („Nervengift“) Denmotoxin, ein Polypeptid mit „Drei-Finger-Struktur“. Pawlak und Mitarbeiter haben 2006 eine Studie zu Denmotoxin veröffentlicht. Sie erwiesen für Denmotoxin 77 Aminosäurereste mit vier Disulfid-Brücken („molekulare Brücke“ aus zwei Schwefelatomen) und eine fünfte Disulfid-Brücke in der ersten Schleife. Sieben Reste liegen am Amino-Terminus, welcher durch einen Pyroglutaminsäurerest blockiert wird. Experimentell zeigt sich eine starke postsynaptische („hinter der Synapse befindliche“) neuromuskuläre Aktivität (also an der motorischen Endplatte, der Übergangsstelle vom Nerv zum Muskel), indem es nikotinerge Acetylcholinrezeptoren hemmt; somit wird die Weiterleitung bzw. Übertragung eines Nervenimpulses/ Reizes von den Nervenbahnen auf die Muskulatur unterbunden. In der Folge kommt es zur Paralyse (Lähmung) der Skelettmuskulatur. Im Test an Gewebepräparaten von Hühnern/ Küken (Vögel) und Mäusen (Säugetiere) zeigt sich gegenüber Vögeln eine im Vergleich zu Säugetieren um den Faktor 100 stärkere Aktivität. Außerdem erfolgt die Hemmung des Rezeptors bei Vögeln irreversibel, bei Mäusen (und demnach wohl auch bei anderen Säugetieren) jedoch reversibel. Das Ophiotoxin von Boiga dendrophila ist also als Anpassung an die Hauptnahrung, welche von Vögeln dargestellt wird, spezifisch für die nikotinergen Acetylcholinrezeptoren von Vögeln (Aves).

Chemische Struktur von Denmotoxin.
vergrößern
Chemische Struktur von Denmotoxin.

Denmotoxin ist das erste Drei-Finger-Toxin, welches in einem Gift einer Schlange aus der Familie der Nattern (Colubridae) nachgewiesen werden konnte. Die bisherigen Drei-Finger-Toxine sind eher typisch für Vertreter der Giftnattern (Elapidae); auch bei ihnen besitzen die Toxine zumeist spezifische Wirkungen auf das Nervensystem. Weiterhin stellt Denmotoxin das erste vollständig charakterisierte vogelspezifische Toxin dar.

Vorkommen

Die Mangroven-Nachtbaumnatter stammt aus dem südostasiatischen Raum. Der Terra typica, also das Gebiet, in welchem die Erstbeschreibung der Nominatform durchgeführt wurde, ist im Falle von Boiga dendrophila dendrophila die indonesische Insel Java. Allgemein kommt Boiga dendrophila mit neun Unterarten in Indonesien (Bangka, Belitung, Borneo, Java, Sulawesi, Riau Archipelago, Sumatra), Kambodscha, West-Malasien (Malaya; Johor: Pulau Sibu), Singapore, Thailand und Vietnam sowie auf den Philippinen (Panay) und weiteren Inseln vor. Boiga dendrophila bewohnt als Lebensräume (Habitate) im Flachland gelegene tropische Regenwälder und Mangrovenwälder, also Lebensräume, welche durch sehr viel Feuchtigkeit und Wärme gekennzeichnet sind.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Die Mangroven-Nachtbaumnatter verdeutlicht, wie die Beziehung zwischen einem Beutegreifer (der Mangroven-Nachtbaumnatter) und seiner Beute (in diesem Fall vor allem Vögel) Einfluss auf die Evolution der Biochemie der Toxine (natürliche Gifte) von Beutegreifern nehmen kann. Im Zuge der Evolution hat die Mangroven-Nachtbaumnatter ein hochentwickeltes Gift hervorgebracht, das spezifisch gegenüber ihre bvorzugten Beutetiere wirksam ist.

Die Mangroven-Nachtbaumnatter wird in der Roten Liste des IUCN (internationale Naturschutzunion) nicht geführt. Allerdings ist sie in Anhang D der EU-Artenschutzverordnung gelistet. Damit zählt sie zu den Arten, die in einem Umfang in die EU importiert werden, der eine mengenmäßige Überwachung rechtfertigt.

Terraristik

Habitat: Mangrovenwälder (Thailand).
vergrößern
Habitat: Mangrovenwälder (Thailand).

Die Haltung der Mangroven-Nachtbaumnatter sollte aufgrund ihres unter Umständen aggressiven Verhaltens nur erfahrenen Terrarianern oder zoologischen Institutionen vorbehalten bleiben. Wenngleich ihr Giftbiss nur selten schwere Reaktionen auslöst, sollten dennoch alle Regeln der Giftschlangenhaltung Beachtung finden. Sie beansprucht ein geräumiges Terrarium, welches die Möglichkeit zum Klettern bietet, also mit kräftigen Ästen eingerichtet sein muss. Die Terrarienmaße betragen optimalerweise bei Tieren bis 150cm Länge 100%x50%x150% der Gesamtlänge des Tieres (Länge x Tiefe x Höhe), bei Tieren über 150cm Länge 75%x50%x100% der Gesamtlänge des Tieres. Um die nötige Feuchtigkeit (relative Luftfeuchtigkeit: 70 bis 90%) zu gewährleisten, ist ein großes Wasserbecken einzurichten. Das Tier und die Einrichtung sollten täglich mit lauwarmem Wasser besprüht werden. Wegen der potentiell ophiophagen Ernährungsweise sollte eine Einzelhaltung in jedem Falle bevorzugt und zu Zuchtzwecken nur kürztmöglich gleichgroße Exemplare zusammengesetzt werden. Anzuraten ist die Einrichtung eines Schlupfkastens mit rundem Eingangsloch als Rückzugsmöglichkeit sowie eine dichte Bepflanzung, beispielsweise mit der Gefleckten Efeutute (Scindapsus pictus; heimisch in Indonesien). Die Temperaturen sollten über den Tag zwischen 25 und 30° Celsius, nachts bei 22 bis 24° Celsius liegen. Als Nahrung werden Vögel (Aves), Nagetiere (Rodentia) oder Fische angeboten.

Weitere Synonyme

  • Dipsas dendrophila - Boie, 1827
  • Triglyphodon dendrophilum - Duméril & Bibron, 1854
  • Triglyphodon gemmi-cinctum - Duméril & Bibron, 1854
  • Dipsadomorphus dendrophilus - Boulenger, 1896
  • Naja celebensis - Ahl, 1933

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Trutnau: Ungiftige Schlangen. Verlag Ulmer, Stuttgart 2002, Seite 594-597. ISBN 3-8001-3223-0.
  • A. E. Brehm: Brehms Tierleben: Säugetiere, Vögel, Fische, Kriechtiere & Lurche. Parragon Books, Copyright by Melzer Verlag, 2006. ISBN 1-40547-476-9.
  • Schmidt: Atlas Schlangen. Nikol-Verlag, (bede-Verlag, 2006). ISBN 978-3-86820-011-9.
  • Mattison: Enzyklopädie der Schlangen. blv Verlag. ISBN 978-3835403604.
  • Pawlak et al.: Denmotoxin. JBC Papers in Press, July 24, 2006. (PDF)
  • The Reptile Database: Boiga dendrophila, Stand 26. April 2012.
  • Rear Fanged: Boiga dendrophila (PDF)
'Persönliche Werkzeuge