Lemuren

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Lemuren
Weißkopfmaki (Eulemur fulvus albifrons)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Feuchtnasenaffen (Strepsirhini)
Familie: Lemuren
Wissenschaftlicher Name
Lemuridae
Gray, 1821

Lemuren (Lemuridae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Primaten (Primates) und zur Unterordnung der Feuchtnasenaffen (Strepsirhini). Der Familie werden in 5 Gattungen 13 rezente Arten zugeordnet.

Den Familiennamen verdanken Lemuren ihren Rufen, die frühen Forschern an die Schreie der römischen Totengeister, den lemures, erinnerten.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Madagaskar wurde wahrscheinlich im Paläozän von den Vorfahren der Lemuren besiedelt. Das Paläozän schloss sich an die Kreidezeit an und erstreckte sich von 65,5 bis 55,8 Millionen Jahren. Wie die ersten Individuen Madagaskar erreichten ist jedoch unklar. Man geht davon aus, dass die Tiere über Treibholz oder ähnlichen auf die Insel gelangten. Über eine Landverbindung können die ersten Individuen nicht gekommen sein, da sich Madagaskar vor rund 150 Millionen Jahren vom afrikanischen Festland trennte. Die ältesten bekannten Fossilien der Lemuren stammen aus dem Eozän.

Man geht heute davon aus, dass bis zur Ankunft der ersten Menschen auf Madagaskar die Inseln von rund 50 Lemurenarten besiedelt wurde. Mit der Besiedlung und der einher gehenden Bejagung und Vernichtung der natürlichen Lebensräume kam es zum Aussterben vieler Arten. Da die meisten Arten erst vor relativ kurzer Zeit ausgestorben sind, konnten sich keine Fossilien bilden. Einige ausgestorbene Arten konnten in Höhlen durch intakte Knochenfunde nachgewiesen werden. Die ausgestorbenen Arten unterscheiden sich zum einen in der Größe, zum anderen in der Ökologie von den rezenten Arten. Einige Arten waren sehr klein, teilweise in Größe einer Maus, andere Arten wiesen die Größe eines Gorillas oder Orang Utans auf. Die Arten bewegten sich entweder terrestrisch oder arborikol (baumbewohnend), in der Regel jedoch immer auf allen Vieren fort.

Beschreibung

Roter Vari (Varecia variegata ruber)
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Roter Vari (Varecia variegata ruber)

Aussehen

Lemuren gehören zu den mittelgroßen Primaten. Alle Arten zeichnen sich durch ein kurzes aber dichtes Fell aus. Je nach Art erreichen die Tiere eine Körperlänge von 25 bis 55 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 32 bis 48 Zentimeter sowie ein Gewicht von 700 bis 4.500 Gramm. Die Größe und das Gewicht der einzelnen Arten kann der folgenden Tabelle entnommen werden. Die Fellfärbung variiert je nach Art und reicht von schwarz, braun, grau und graubraun bis hin zu schwarzweiß. Der rundliche Kopf endet in einer spitzen Schnauze, die kleinen rundlichen Ohren sitzen seitlich, weit hinten am Kopf und liegen bei einigen Arten im Fell verborgen oder ragen nur wenig heraus. Einige Arten wie die Kattas weisen farbige Gesichtsmasken und geringelte Schwänze auf. Nicht selten sind die Geschlechter unterschiedlich gefärbt. Dies ist beispielsweise beim Mohrenmaki (Eulemur macaco) oder dem Mongozmaki (Eulemur mongoz) sowie den anderen Vertretern dieser Gattung der Fall. Bei allen anderen Gattungen sind die Geschlechter gleich gefärbt. Varis bilden die größte rezente Art. Sie treten in mehreren Farbvariationen auf. Das Fell der Varis ist je nach Unterart facettenreich gefärbt und reicht von schwarz-weiß über braun-weiß bis hin zu rötlich-weiß oder rostbraun. Ihr dunkel gefärbtes Gesicht ist durch eine lange, dem Fell angepassten Farbe, Halskrause gekennzeichnet. Beim Roten Vari zeigt sich im Nackenbereich ein ausgedehnter weißer Fleck. Am Hals hat der Vari eine Drüse, die der Markierung des Reviers und der Gruppenmitglieder dient. Diese Drüse fehlt allen anderen Lemurenarten. Das kräftige Gebiss der Lemuren besteht aus 36 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet 2/2, 1/1, 3/3, 3/3.

Maße und Gewichte

Deutscher Name Wissenschaftliche Bezeichnung Kopf-Rumpf-Länge Schwanzlänge Gewicht
Kronenmaki Eulemur coronatus 32 - 36 cm 42 - 51 cm rund 2.000 Gramm
Brauner Maki Eulemur fulvus 38 - 50 cm 60 - 60 cm 1.900 - 4.200 Gramm
Mohrenmaki Eulemur macaco 38 - 45 cm 51 - 64 cm 2.000 - 2.900 Gramm
Mongozmaki Eulemur mongoz 32 - 37 cm 47 - 51 cm 2.000 - 2.200 Gramm
Rotbauchmaki Eulemur rubriventer 36 - 42 cm 46 - 54 cm rund 2.000 Gramm
Südlicher Halbmaki Hapalemur meridionalis 27 - 40 cm 32 - 40 cm 700 - 1.000 Gramm
Sambirano-Halbmaki Hapalemur occidentalis 30 - 40 cm 32 - 40 cm rund 1.000 Gramm
Grauer Halbmaki Hapalemur griseus 27 - 40 cm 32 - 40 cm 700 - 1.000 Gramm
Goldener Halbmaki Hapalemur aureus 28 - 45 cm 24 - 40 cm 1.000 - 1.500 Gramm
Breitschnauzen-Halbmaki Prolemur simus 40 - 45 cm bis 42 cm 2.400 bis 2.500 Gramm
Katta Lemur 39 - 46 cm 56 - 63 cm 2.300 - 3.500 Gramm
Varis Varecia sp. 51 - 56 cm 56 - 65 cm 3.300 - 4.500 Gramm

Lebensweise

Lemuren leben je nach Art in monogamen Paaren oder schließen sich zu mittelgroßen Gruppen von bis zu 20 Tieren zusammen. Monogam lebende treten dabei in allen rezenten Gattungen auf. Größere Gruppen teilen sich mitunter in Untergruppen auf.
Mohrenmaki (Eulemur macaco) - Weibchen
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Mohrenmaki (Eulemur macaco) - Weibchen
In der Regel weisen die Gruppen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auf. Bei einigen Arten treten durchaus interessante Sozialstrukturen auf. Die sozialen Strukturen sind insbesondere bei den Kattas innerhalb der Säugetiere einzigartig. Die erwachsenen Weibchen dominieren über alle Männchen einer Gruppe. Die Gründe für die Umkehr der üblichen Geschlechterrollen sind weitestgehend unbekannt. Kattas gehören zu den wenigen Lemurenarten, die überwiegend am Boden leben. Klettern können sie jedoch auch sehr gut. Die Vertreter der Gattung der Braunen Makis (Eulemur) zeigen ein Aktivitätsmuster, das man unter Primaten sonst nicht findet. Sie sind cathemeral, das heißt, bei ihnen verteilen sich mehrere Aktivitätsphasen über Tag und Nacht. Kattas und Varis gelten als überwiegend tagaktiv. Jedoch fehlt auch den tagaktiven Lemurenarten das trichromatische Farbsehen, das bei anderen tagaktiven Primatenarten vorhanden ist. Man geht davon aus, dass die cathemerale Aktivität ein Stadium im evolutionären Übergang zwischen Nacht- zum Tagtier darstellt. Ähnliches ist nur noch bei den südamerikanischen Nachtaffen (Aotidae) der Fall.

Lemurengruppen werden nicht durch soziale Beziehungen unter verwandten Weibchen zusammengehalten, auch wenn die Weibchen für gewöhnlich in ihrer Geburtsgruppe verbleiben. Soziale Interaktionen treten allenfalls zwischen Müttern und Töchtern auf, entfernte verwandte Weibchen vertreiben einander nicht selten sogar aus den Gruppen. Die Kommunikation untereinander erfolgt meist durch Laute. Sie dienen zum einen der Kommunikation untereinander, aber auch als Warnsignal, beispielsweise als Warnung vor einem Fleischfresser. Wie bei den meisten Primatenarten, so kommt es auch bei den Lemuren zur gegenseitigen Fellpflege, die insbesondere soziale Kontakte und Beziehungen stärkt.

Verbreitung

Lemuren sind im Wesentlichen auf Madagaskar endemisch. Einige Arten treten jedoch auch auf den Komoren auf. Die Komoren liegen mittig zwischen der Nordwestspitze Madagaskars und dem afrikanischen Festland. Lemuren besiedeln artabhängig zahlreiche Lebensräume. Dazu gehören insbesondere lichte Galeriewälder und feuchte Regenwälder. Besiedelt wird sowohl die Ebene als auch Bergwälder in mittleren Lagen. In Bezug auf den Lebensraum haben die einzelnen Gattungen jedoch Vorlieben. Kattas besiedeln beispielsweise nur Trockenwälder, Varis bevorzugen feuchte Regenwälder.

Prädator: die Madagaskar-Boa (Acrantophis madagascariensis)
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Prädator: die Madagaskar-Boa (Acrantophis madagascariensis)

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern der Lemuren gehören insbesondere die Madagaskar-Boa (Acrantophis madagascariensis), die Südliche Madagaskarboa (Acrantophis dumerili), Eulen (Strigiformes) wie die Madagaskar-Waldohreule (Asio madagascariensis), die Fossa (Cryptoprocta ferox), der Schwarzmilan (Milvus migrans) sowie verwilderte Haushunde und Hauskatzen (Felis catus).

Ernährung

Unter den Lemuren sind sowohl Nahrungsgeneralisten, also Allesfresser, als auch Nahrungsspezialisten zu finden. Halbmakis (Hapalemur) wie der Graue Halbmaki (Hapalemur griseus) ernähren sich beispielsweise fast ausschließlich von den Blättern der Bambuspflanzen. Andere Arten wie der Katta (Lemur catta) oder auch der Vari (Varecia variegata) sind überwiegend Fruchtfresser. Die Vertreter der Gattung Eulemur gehören zu des Allesfressern. Sie nehmen neben der pflanzlichen Nahrung auch Gliederfüßer (Arthropoda) in Form von Insekten (Insecta) oder Hundertfüßer (Chilopoda) sowie kleinere Wirbeltiere (Vertebrata) und die Eier von Vögeln (Aves) zu sich.

Fortpflanzung

Lemuren erreichen die Geschlechtsreife im zweiten oder dritten Lebensjahr. Die Paarungszeit ist nur sehr kurz und alle Weibchen sind nur einen Tag lang brünftig. Unter den Männchen kommt es bei Arten, die in Gruppen leben, zu Raufereien. Wer sich mit wem paart, entscheiden am Ende jedoch die Weibchen. Die Promiskuität ist bei in Gruppen lebenden Arten deutlich höher als bei Arten, die in monogamen Beziehungen leben. Die Kommunikation untereinander erfolgt meist durch Laute.
Kritisch gefährdet: der Kronenmaki (Eulemur coronatus)
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Kritisch gefährdet: der Kronenmaki (Eulemur coronatus)
Sie dienen zum einen der Kommunikation untereinander, aber auch als Warnsignal, beispielsweise als Warnung vor einem Fleischfresser. Wie bei den meisten Primatenarten, so kommt es auch bei den Lemuren zur gegenseitigen Fellpflege, die insbesondere soziale Kontakte und Beziehungen stärkt. Als Promiskuität (lat. promiscus) wird die Praxis nicht an langfristigen Bindungen orientierter sexueller Kontakte mit verschiedenen Partnern bezeichnet.

Die Vielfalt der in der Familie der Lemuren auftretenden Reproduktionsmuster ermöglichen einen Einblick in mögliche Evolutionsschritte in der Primatenentwicklung. Bei den Varis bringen die Weibchen nach einer Tragezeit von etwa 100 Tagen 2 bis 4 eher unterentwickelte Junge zur Welt. Der Nachwuchs verbleibt in den ersten Wochen ausschließlich im Nest und wird erst später im Maul herumgetragen. Auf dem Rücken der Mutter reiten sie nicht. Die Entwicklung geht schnell von statten und bereits im Alter von gut 4 Monaten bewegen sich die Jungtiere ebenso geschickt wie die adulten Tiere. Halbmakis errichten für ihren Nachwuchs ebenfalls Nester. Jedoch bringen sie nach einer Tragezeit von 140 Tagen nur ein Jungtier zur Welt, das deutlich weiter entwickelt ist als bei den Varis. Der Nachwuchs wird im Maul umher getragen oder klammert sich an das Fell der Mutter. Bei den Echten Makis, also der Gattung Eulemur, beträgt die Tragezeit 120 Tage. Die Mütter tragen ihren Nachwuchs von der Geburt an mit sich herum. Je nach Art erstreckt sich die Lebenserwartung bis zu 20 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Kritisch gefährdet: der Graue Halbmaki (Hapalemur griseus)
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Kritisch gefährdet: der Graue Halbmaki (Hapalemur griseus)

Aufgrund der massiven Zerstörung der natürlichen Lebensräume und der zum Teil starken Bejagung durch die einheimische Bevölkerung gelten fast alle Arten der Lemuren heute als gefährdet oder gar stark gefährdet. Zu den gefährdeten (VU, vulnerable) Arten gehören der Kronenmaki (Eulemur coronatus), der Mohrenmaki (Eulemur macaco), der Mongozmaki (Eulemur mongoz), der Rotbauchmaki (Eulemur rubriventer) und der Katta (Lemur catta). Deutlich schlechter steht es um den Vari (Varecia variegata). Diese Art gilt als stark gefährdet (EN, endangered). Unmittelbar vor der Ausrottung (CR, critically Endangered) stehen der Goldene Halbmaki (Hapalemur aureus) und der Graue Halbmaki (Hapalemur griseus). Aufgrund der zum Teil sehr kleinen Verbreitungsgebiete hat ein Verlust des Lebensraumes meist eine direkte Auswirkung auf die Populationen.

Systematik der Lemuren

Familie: Lemuren (Lemuridae)

Gattung: Braune Makis (Eulemur)
Art: Kronenmaki (Eulemur coronatus)
Art: Brauner Maki (Eulemur fulvus)
Art: Mohrenmaki (Eulemur macaco)
Art: Mongozmaki (Eulemur mongoz)
Art: Rotbauchmaki (Eulemur rubriventer)
Gattung: Halbmakis (Hapalemur)
Art: Östlicher Bambuslemur (Hapalemur griseus)
Art: Südlicher Bambuslemur (Hapalemur meridionalis)
Art: Sambirano-Bambuslemur (Hapalemur occidentalis)
Art: Alaotra-Bambuslemur (Hapalemur alaotrensis)
Art: Gilbert-Bambuslemur (Hapalemur gilberti)
Art: Goldener Bambuslemur (Hapalemur aureus)
Gattung: Breitschnauzen-Halbmakis (Prolemur)
Art: Breitschnauzen-Halbmaki (Prolemur simus)
Gattung: Katta (Lemur)
Art: Katta (Lemur catta)
Gattung: Varis (Varecia)
Art: Schwarzweißer Vari (Varecia variegata)
Art: Roter Vari (Varecia rubra)
Gattung: Pachylemur

Anhang

Literatur und Quellen

  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
  • William K. Purves, David Sadava, Gordon H. Orians: Biologie. "Lexikon der Biologie". Spektrum Akademischer Verlag, 2007 ISBN 3827420075
  • Volker Storch, Ulrich Welsch & Adolf Remane: Kurzes Lehrbuch der Zoologie. Spektrum Akademischer Verlag, Auflage: 7, 2005 ISBN 3827407400
  • Alfred S. Romer, Thomas S. Parsons: Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere. Verlag Paul Paray, Auflage: 5, 1991 ISBN 3490112180
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