Krallenaffen

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Krallenaffen
Weißgesichtseidenaffe (Callithrix geoffroyi)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Familie: Krallenaffen
Wissenschaftlicher Name
Callitrichidae
Gray, 1821

Krallenaffen (Callitrichidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Primaten (Primates) und der Unterordnung der Trockennasenaffen (Haplorhini). In der Familie werden in 6 Gattungen rund 40 Arten geführt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Krallenaffen sind kleinwüchsige Primaten. Sie erreichen je nach Art eine Länge von 17,5 bis 40 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 19 bis 38 Zentimeter sowie ein Gewicht von 120 bis 710 Gramm. Die kleinste Art ist das Zwergseidenäffchen (Cebuella pygmaea), zu den größten Arten gehören die Vertreter der Löwenäffchen (Leontopithecus).
Springtamarin (Callimico goeldii)
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Springtamarin (Callimico goeldii)
Das Fell ist bei allen Arten seidig und fein, es ist je nach Art einfarbig, mitunter auch farbig. Bei einigen Arten zeigen sich an den Ohren Haarbüschel, die sich meist hell oder dunkel vom restlichen Fell farblich absetzen. Der Kaiserschnurrbarttamarin (Saguinus imperator) und einige andere Arten weisen im Gesichtsfeld markante Schnurrbärte auf, andere Arten zeichnen sich durch Mähnen oder Haarkronen aus. Ein Dimorphismus ist bei keiner Art zu beobachten. Die Geschlechter gleichen sich sowohl in der Größe als auch in der Färbung. Weitere markante und für Primaten (Primates) untypische Merkmale sind das variable Fortpflanzungsverhalten und die häufig auftretenden Mehrlingsgeburten. Neben den Weibchen kümmern sich zudem alle Mitglieder, auch die Väter, um den Nachwuchs. Anatomisch unterscheiden sich Krallenaffen von den anderen Neuweltaffen. Sie besitzen modifizierte Krallen statt Nägel an allen Fingern und Zehen. Eine Ausnahme bildet hier nur die große Zehe. Das Gebiss der Krallenaffen besteht aus 32 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/2, c1/1, p3/3, m2/2. In Abweichung davon weist der Springtamarin (Callimico goeldii) 3 statt 2 Molaren auf. Sein Gebiss verfügt demnach über 34 Zähne. Die inneren Höcker der oberen Molaren sind bei keiner Art vorhanden. Dies stellt eine Anpassung an die bevorzugte Nahrung, Insekten (Insecta), dar.

Lebensweise

Goldgelbes Löwenäffchen (Leontopithecus rosalia)
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Goldgelbes Löwenäffchen (Leontopithecus rosalia)
Krallenaffen leben in geselligen Gruppen, die durchschnittlich eine Stärke von 5 bis 20 Individuen aufweisen. Bei den Zwergseidenäffchen liegt die Gruppenstärke abweichend davon zwischen 2 und 9 Tiere. Als kleinste Sozialeinheit gilt ein Pärchen mit ihrem Nachwuchs. Büschelaffen (Callithrix) und Seidenäffchen (Mico) bilden zumeist größere Gruppen als Springtamarin (Callimico). Der Grund liegt auf der Hand: Den Büschelaffen und Seidenäffchen steht zusätzlich auch Baumsaft als Nährung zur Verfügung. Die Folge für den Nahrungsüberfluss sind größere Gruppen. In größeren Gruppen leben neben einem Pärchen meist auch 2 bis 3 Generationen des eigenen Nachwuchses sowie aus fremden Gruppen eingewanderte Tiere. Jungtiere verbleiben in ihrer Geburtsgruppe, bis sie ihre Geschlechtsreife erreicht haben. Die Gruppen besiedeln je nach Art und Gruppenstärke ein Revier in einer Größe von 0,1 bis 40 Hektar. Die kleinsten Reviere besiedeln Zwergseidenäffchen, die größeren Vertreter der Marmosetten durchaus mehrere Dutzend Hektar. Abweichend davon beanspruchen die Vertreter der Löwenäffchen (Leontopithecus) Reviere in einer Größe von bis zu 200 oder mehr Hektar. Vor allem die größeren Arten durchstreifen ihr Revier täglich oder in wenigen Tagen. Dabei legen sie bis zu 2 Kilometer zurück. Krallenaffen gehören zu den durchaus territorialen Primaten. Sie verteidigen ihr Revier insbesondere gegenüber benachbarten Gruppen. Die Reviermarkierung erfolgt mit Sekreten aus Drüsen um Brust- und Schambereich. Wenn die Krallenaffen nicht gerade mit der Nahrungssuche und -aufnahme beschäftigt sind, geben sie sich ganz der gegenseitigen Fellpflege hin. Die Fellpflege stärkt vor allem den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Das sogenannte Groomen wird vor allem zwischen dem Elternpaar und zwischen Eltern und dem jüngsten Nachwuchs betrieben. Der Kommunikation untereinander dient neben einer recht komplexen Lautsprache auch ihr nur mäßig ausgeprägtes Mimenspiel sowie verschiedene Gesten und Körperhaltungen.

Verbreitung

Silberäffchen (Mico argentata)
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Silberäffchen (Mico argentata)

Krallenaffen sind im nördlichen Südamerika und im südlichen Mittelamerika weit verbreitet. Die meisten Arten kommen nur in subtropischen und tropischen Regenwäldern vor, einige Arten besiedeln auch Waldränder, bewaldete Flussläufe und lichte Galeriewälder, zum Teil auch Baumsavannen. Artabhängig kommen Krallenaffen in Wäldern der Ebene als auch des Hochlandes vor. Krallenaffen sind ausgesprochene Baumbewohner, eher selten betreten einige Arten auch den Waldboden. Hier gehen sie gelegentlich auf die Jagd nach kleinen Wirbeltieren (Vertebrata).

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern der Krallenaffen gehören vor allem Greifvögel (Falconiformes) wie beispielsweise der Wegebussard (Buteo magnirostris), der Weißschwanzbussard (Buteo albicaudatus), der Zweibindenbussard (Buteo nitidus) und die Harpyie (Harpia harpyja). Unter den Säugetieren (Mammalia) stellen insbesondere die Tayra (Eira barbara), der Jaguar (Panthera onca), die Kleinfleckkatze (Oncifelis geoffroyi), der Jaguarundi (Puma yaguarondi), Langschwanzkatze (Leopardus wiedii), die Tigerkatze (Leopardus tigrinus) und der Ozelot (Leopardus pardalis) den Krallenaffen nach. Hin und wieder erbeuten auch Schlangen (Serpentes) einen Krallenaffen. Für keinen Fleischfresser ist es jedoch leicht einen Krallenaffen zu erbeuten, da sie sich nur selten auf dem Boden blicken lassen und sich in den Bäumen äußerst geschwind bewegen und so den meisten Fleischfressern entgehen.

Ernährung

Die meisten Krallenaffen gehören zu den Allesfressern. Pflanzliche Nahrung wie Früchte, Knospen, Blüten, Nektar und Baumsäfte bilden jedoch für zahlreiche Arten den Großteil der Nahrung. An tierischer Nahrung nehmen Krallenaffen insbesondere Insekten (Insecta), deren Larven,
Schwarzrückentamarin (Saguinus nigricollis)
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Schwarzrückentamarin (Saguinus nigricollis)
Spinnentiere (Arachnida), Eidechsen (Lacertidae), Lurche (Amphibia) und Schnecken (Gastropoda) zu sich. Auch die Eier und Nestlinge von Vögeln (Aves) werden nicht verschmäht. An Insekten stehen Käfern (Coleoptera), Feldheuschrecken (Acrididae), Laubheuschrecken (Tettigoniidae) und Ameisen (Formicoidea) weit oben auf der Speisekarte. Einige Arten sind beim Erbeuten von Ameisen äußerst geschickt. So setzen beispielsweise Kuhls Büschelaffen nicht selten kleine Äste ein, mit denen sie nach den Ameisen angeln. Auf Nahrungssuche gehen Krallenaffen in kleineren Gruppen. Die Nahrung wird zumeist im Geäst der Bäume gefunden. Gelegentlich sind sie aber auch auf dem Erdoden auf der Suche nach Nahrung. Krallenaffen verbringen zwischen 25 und 30 Prozent ihrer aktiven Zeit mit der Nahrungssuche und -aufnahme. Zwergseidenäffchen benörigen sogar bis zu 67 Prozent ihrer aktiven Zeit. Das liegt daran, dass Zwergseidenäffchen sich auf Baumsäfte spezialisiert haben. Zur Konkurrenz zwischen den verschiedenen Aren der Krallenaffen kommt es nicht, da nie 2 Arten in ein und demselben Lebensraum anzutreffen sind.

Spezialität: Baumsäfte
Zwergseidenäffchen (Cebuella pygmaea) und Seidenäffchen (Mico) haben sich auf Baumsäfte spezialisiert. Zahlreiche Bäume produzieren Säfte als Wundverschluss. Die Tiere bohren dazu förmlich einen Baum an, um an die Säfte zu kommen. Vor allem Büschelaffen verfügen dazu über große, meißelartige Schneidezähne. Die der Zwergseidenäffchen sind hingegen deutlich kürzer. Ein widerstandsfähiger Zahmschmelz schützt die Zähne vor übermäßiger Abnutzung. Seidenäffchen schlagen dabei ihre oberen Schneidezähne in die Rinde und arbeiten sich mit den unteren Schneidezähne nach oben. Es entstehen ovale Löcher in der Rinde, die meist einen Durchmesser von bis zu 3 Zentimeter aufweisen. Mitunter hinterlassen Seidenäffchen auch längere Kratzkanäle, die eine Länge von 15 Zentimeter erreichen können. Einige Arten wie das Zwergseidenäffchen, der Weißbüschelaffe (Callithrix jacchus) oder der Weißschulterseidenaffe (Mico humeralifer) ernähren sich überwiegend von Baumsäften. Bevorzugte Bäume sind zum Beispiel Mimosengewächse (Mimosoideae).

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreichen die Klammeraffen mit 18 bis 24 Monaten, wobei Männchen meist 6 Monate länger brauchen als Weibchen. Die Tiere leben in kleinen Gruppen mit einem dominanten, geschlechtsreifen Weibchen und einem,
Schnurrbarttamarin (Saguinus mystax)
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Schnurrbarttamarin (Saguinus mystax)
bei einigen Arten auch mit mehreren Männchen. Paarungsberechtigt ist innerhalb einer Gruppe nur dieses dominante Weibchen. Sie paart sich mit einem oder mehreren Männchen. Die Lebensweise kann daher als polygam bezeichnet werden. Bei allen anderen Weibchen einer Gruppe ist der Eisprung unterdrückt. Die Paarungszeit ist in den tropischen Verbreitungsgebieten an keine bestimmte Jahreszeit gebunden, jedoch fallen die meisten Geburten in die Regenzeit. Dies ist zwischen März und Mai der Fall. Während dieser Zeit ist Nahrung reichlich vorhanden und die Aufzucht des Nachwuchses ist gesichert. In einer Saison kommt es meist nur zu einem Wurf, eher selten auch zu zwei Würfen. Bei den Marmosetten sind 2 Würfe in einer Saison die Regel. Bei Zwillingen handelt es sich grundsätzlich um zweieiige Geschwister, da es mehrere Väter sein können.

Nach einer Tragezeit von 130 bis 170 Tagen bringt das Weibchen 1 bis 2 (2) Jungtiere zur Welt. Bei Tamarinen und Löwenäffchen sind Zwillinge die Regel. Die Jungtiere wiegen bei der Geburt 30 bis 48 (45) Gramm. Je nach Art liegt das Geburtsgewicht zwischen 9 und 25 Prozent des Körtpergewichtes der Mutter. Das Fell ist bei der Geburt bereits voll entwickelt. Die Jungtiere sind in der ersten Zeit jedoch ausgesprochen hilflos. Sie klammern sich instinktiv am Fell der Mutter fest und werden sowohl von der Mutter als auch von den anderen Gruppenmitgliedern sorgsam gehütet. Die erste Zeit klammern sich die Jungtiere am Bauch der Mutter fest, später reiten sie auf dem Rücken der Gruppenmitglieder. Auch die Männchen beteiligen sich aufopfernd an der Betreuung. Ab der vierten Lebenswoche klettern die Jungtiere selbständig umher und erkunden spielerisch die nähere Umgebung. Zu diesem Zeitpunkt probieren sie auch bereits ihre erste feste Nahrung. Die Säugezeit endet mit rund 4 bis 6 (5) Monaten. Kurz darauf sind die Jungaffen selbständig, bleiben jedoch bis zur Geschlechtsreife in der Geburtsgruppe. Das Klammeraffen kann ein Alter von gut 5 bis 12 Jahren erreichen. In Gefangenschaft liegt die Lebenserwartung je nach Art zwischen 7 und 16 Jahre.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Weißbüschelaffe (Callithrix jacchus)
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Weißbüschelaffe (Callithrix jacchus)
Kuhls Büschelaffe (Callithrix kuhlii)
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Kuhls Büschelaffe (Callithrix kuhlii)
Schwarzpinselaffe (Callithrix penicillata)
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Schwarzpinselaffe (Callithrix penicillata)
Zwergseidenäffchen (Cebuella pygmaea)
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Zwergseidenäffchen (Cebuella pygmaea)
Goldkopflöwenäffchen (Leontopithecus chrysomelas)
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Goldkopflöwenäffchen (Leontopithecus chrysomelas)
Rotsteißlöwenäffchen (Leontopithecus chrysopygus)
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Rotsteißlöwenäffchen (Leontopithecus chrysopygus)
Manteläffchen (Saguinus bicolor)
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Manteläffchen (Saguinus bicolor)
Geoffroy-Perückenaffe (Saguinus geoffroyi)
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Geoffroy-Perückenaffe (Saguinus geoffroyi)
Kaiserschnurrbarttamarin (Saguinus imperator)
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Kaiserschnurrbarttamarin (Saguinus imperator)
Rotbauchtamarin (Saguinus labiatus)
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Rotbauchtamarin (Saguinus labiatus)
Rothandtamarin (Saguinus midas)
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Rothandtamarin (Saguinus midas)
Lisztaffe (Saguinus oedipus)
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Lisztaffe (Saguinus oedipus)

Auch wenn einige Arten noch nicht zu den bedrohten Arten gehören, zählen zahlreichen Arten der Krallenaffen zu den bedrohten, stark bedrohten oder gar kritisch gefährdeten Arten. Die größte Artenvielfalt aber auch die größte Bedrohung ist im Amazonasbecken zu verzeichnen. Der brasilianische Regenwald nimmt von Jahr zu Jahr durch Rodung und Brandrodung immer weiter ab. Dadurch gehen den Arten die Lebensräume verloren. Hinzu kommt noch, dass zahlreiche Arten nur in sehr kleinen Areale angesiedelt sind. Genau hier sind Krallenaffen besonders gefährdet, da das ökologische Gleichgewicht schnell kippen kann. Noch in den 60er und frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts glaubte man, Krallenaffen würde die Malaria und Gelbfieber übertragen und stellte den Tieren massiv nach. Dies stellte sich aufgrund umfangreicher Untersuchungen jedoch als Trugschuss heraus. Zahlreiche Tiere verschiedener Arten wurden in den nächsten Jahren gefangen und zoologischen Einrichtungen oder der biochemischen Forschung zugeführt. Silberäffchen werden in Laboren oftmals für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt. Dies gilt insbesondere für die Stammzellenforschung und die Genetik. Das Washingtoner Artenschutzabkommen fürt die Arten je nach Gefährdungsgrad in Anhang I oder II des Abkommens. In der nachstehenden Aufstellung kann der Gefährdungsgrad der einzelnen Arten entnommen werden.

Die Gefährdungssituation im Einzelnen (laut IUCN):

Systematik der Krallenaffen

Anhang

Literatur und Quellen

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