Koboldmakis

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Koboldmakis
Sulawesi-Koboldmaki (Tarsius tarsier)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Koboldmakis (Haplorhini)
Familie: Koboldmakis
Wissenschaftlicher Name
Tarsiidae
Gray, 1825

Koboldmakis (Tarsiidae) zählen in der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Primaten (Primates) und zur Unterordnung Trockennasenaffen (Haplorhini). In der monogenerischen Familie wurden bisher 7 Arten, heute 10 Arten in der Gattung Tarsius geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Die Vorfahren der Koboldmakis wurden durch fossile Funde in Europa, Asien, Afrika und in Nordamerika nachgewiesen. Die rezenten Vertreter sind heute ausschließlich in Südostasien anzutreffen. Die heutige Verbreitung westlich und östlich der Wallace-Linie läßt den Schluss zu, dass Koboldmakis in dieser Region bereits vor 40 Millionen Jahren lebten. Sie gehören somit zu einer sehr alten Säugergruppe. Man geht davon aus, dass Koboldmakis eng mit den südamerikanischen Primaten, insbesondere den Nachtaffen (Aotidae) verwandt sind. Zu den ausgestorbenen Arten gehört beispielsweise Tarsius thailandica. Zu den ausgestorbenen Familien gehören unter anderem Carpolestidae, die vom mittleren Paläozän bis ins frühe Eozän lebten. Omomyidae lebte Eozän bis ins Oligozän (55 bis 25 Mio. Jahre). Weitere ausgestorbene Familien sind Afrotarsiidae und Microchoeridae.

Beschreibung

Äußere Morphologie

Koboldmakis gehören innerhalb der Primaten zu den kleinsten Vertretern. Innerhalb der Koboldmakis sind die Art in der äußeren Morphologie schwer zu unterscheiden. Unterschiede zeigen sich hier insbesondere in der Fellfärbung. Die Haare sind an der Basis meist gräulich gefärbt, gemischt mit einem Stich bräunlich, rötlich, gelblich, orange oder ocker. An den Haarspitzen zeigt sich meist eine dunkelrote, bräuliche bis schwärzliche Färbung. Auch kann es erhebliche inter-und intra-spezifische Überschneidungen sowie Variationen in der Fellfärbung innerhalb einer Art und der geographischen Lage. Die Fellfärbung ist demnach kein zuverlässiger Indikator für die Artbestimmung. Andere Unterscheidungsmerkmale sind Augengröße, Gebiss, Leib und Proportionen. Die Wirbelsäule der Koboldmakis weist eine besondere Morphologie auf, mit der der Kopf um nahezu 180° in eine Richtung gedreht werden kann. Daraus ergibt sich ein Winkel von fast 360°. Dies ist innerhalb der Säugetiere einzigartig. Koboldmakis verfügen an den zweiten und dritten Zehe über Krallen sowie über 2 Putzkrallen. Die Tiere bewegen sich durch ihren Lebensraum fast ausschließlich springend. Sprünge von 5 oder mehr metern sind keine Seltenheit. Die Körper sind an diese Fortbewegungsweise exzellent angepasst. Muskeln beanspruchen rund 25% des Körpergewichtes. Weitere Fortbewegungsmethoden sind zweibeiniges und vierbeiniges Klettern, laufen und hüpfen.

Koboldmakis erreichen eine Körperlänge von 8,5 bis 16 cm, eine Schwanzlänge von 13,5 bis 27,5 cm sowie ein Gewicht von 80 bis 165 g. Weibchen bleiben ein wenig kleiner und leichter als Männchen. Der lange und dünne Schwanz ist meist leicht geschuppt und endet in einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Quaste, die je nach Art eine Länge von 10 bis 15 cm aufweisen kann. Bei den Arten, die auf Sulawesi verbreitet sind, ist die Quaste mit 13 bis 15 cm am längsten und buschigsten. Die hinteren Extremitäten sind deutlich verlängert. Sie sind etwa doppelt so lang wie der Körper selbst. Der Ober- und Unterschenkel sowie der Fuß weisen jeweils die gleiche Länge auf. Bei den Jungtiere sind die hinteren Extremitäten bereits im Alter von gut 4 Monaten voll ausgewachsen.

Die Finger der Füße sind insgesamt sehr lang und schlank. Der dritte Finger ist der längste und erreicht eine Länge von bis zu 90% des Unterarmknochens. Koboldmakis verfügen im Verhältnis zur Körpergröße über die größten Augen aller Säugetiere. Die Augen erreichen einen Durchmesser von 1,6 cm und ein Gewicht von 3 g. Damit sind die Augen sogar schwerer als das Gehirn der Tiere. Die großen Augen sind ein Indiz für ihre Nachtaktivität. Eine reflektierende Schicht, das Tapetum lucidum, hinter der Netzhaut ist trotz der Nachtaktivität nicht vorhanden. Im Gegenzug entwickelten sich die Augen zur jetzigen Größe, um den Mangel auszugleichen. In der Netzhaut der Koboldmakis ist eine kleine Vertiefung (Fovea centralis) zu erkennen, die für eine exzellente Sehschärfe sorgt. Dieses Merkmal ist nur bei höheren Primaten vorhanden. Die großen und rundlich geformten Ohren sind nur spärlich behaart und liegen seitlich am Schädel. Das Gebiss besteht aus 34 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/1, c1/1, p3/3, m3/3. Die oberen Schneidezähne sind groß und leicht verlängert. Die oberen Eckzähne sind hingegen eher kurz. Die Molaren und Prämolaren sind optimal an ihre bevorzugten Nahrung (Insekten) angepasst. Der Schädel der Koboldmakis weist eine durchschnittliche Länge von etwa 4,7 Zentimeter auf.

Maße und Gewicht

Deutscher Name Wissenschaftlicher Name Körperlänge Schwanzlänge Gewicht male Gewicht female
Philippinen-Koboldmaki Tarsius syrichta 11 - 13 cm 21 - 25 cm 130 - 140 g 110 - 120 g
Sunda-Koboldmaki Tarsius bancanus 11,5 - 14,5 cm 20 - 24 cm 122 - 134 g 107 - 127 g
Diana-Koboldmaki Tarsius dianae 11,5 - 12 cm 21,5 - 23 cm 110 g 115 g
Zwergkoboldmaki Tarsius pumilus 9,5 - 10,5 cm 18 - 20 cm 80 - 100 g 90 - 110 g
Peleng-Koboldmaki Tarsius pelengensis n/a n/a n/a n/a
Sangihe-Koboldmaki Tarsius sangirensis n/a n/a n/a n/a
Sulawesi-Koboldmaki Tarsius spectrum 10 - 12 cm 20 - 24 cm 80 - 110 g 90 - 120 g

Lebensweise

Koboldmakis sind durchaus gesellig und leben üblicherweise in monogamen Familiengruppen, die aus einem Pärchen und deren Nachwuchs bestehen. Die Tiere leben fast ausschließlich in den Bäumen oder höheren Sträuchern und sind nur während der Nacht,
Präparat eines Philippinen-Koboldmaki (Tarsius syrichta)
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Präparat eines Philippinen-Koboldmaki (Tarsius syrichta)
seltener auch in der Dämmerung aktiv. Sie sind territorial und markieren ihr Revier mit einem Sekret aus epigastrischen Duftdrüsen. Die Drüsen sitzen bei den Koboldmakis im Bereich des Bauches (Epigastrium). Zusätzlich dient auch Urin der Reviermarkierung. Die Reviere weisen je nach Art eine Größe von 0,6 bis 2,0 Hektar auf. Zu Kämpfen zwischen rivalisierenden Gruppen kommt es zwar selten, sind jedoch nachgewiesen, da einige untersuchte Individuen Narben und Wunden aufweisen. Koboldmakis sind meist schon aus einiger Entfernung zu hören. Artspezifische Laute und Gesänge sind bei den meisten Arten die Regel und meist im Duett zu hören. Die Gesänge unterscheiden sich je nach Geschlecht. Neben der akustischen Kommunikation spielt auch die chemische- und die Tastkommunikation im sozialen Miteinander eine herausragende Rolle.

Verbreitung und Lebensraum

Das Verbreitungsgebiet der Koboldmakis erstreckt sich über das südöstliche Philippinen, Borneo sowie zahlreiche Inseln in Südostasien wie beispielsweise Sulawesi, Mindanao, Sangihe, Selayar, Togian, Bohol oder Samar. Die einzelnen Arten sind dabei interessanterweise sowohl westlich als auch östlich der Walacea-Linie anzutreffen. Die Wallace-Linie (Wallacea) ist die biogeografische Trennlinie zwischen der asiatischen und australischen Tier- und Pflanzenwelt. Die Linie wurde nach dem britischen Naturforscher Alfred Russel Wallace benannt. Entdeckt wurde diese imaginäre Linie jedoch von dem englischen Zoologen Philip Lutley Sclater im Jahre 1857.

Als Lebensraum dienen den Koboldmakis artabhängig Primär- und Sekundärregenwälder, Mangrovenwald, Galeriewälder, Buschland, in der Nähe des Menschen auch Plantagen, Gärten und ähnliche Agrarflächen. Aber auch Flussläufe, Sumpfgebiete und Palmen- und Bambushaine werdenbesiedelt. Die Tiere halten sich hauptsächlich im Geäst der Bäume, Sträucher und Büsche auf. Den Boden betreten sie relativ selten, und wenn, dann nur um einen Baum zu wechseln. Stehen die Bäume nah beieinander, so werden kleinere Distanzen auch durch Sprünge bewältigt. In Höhenlagen sind Koboldmakis bis in Höhen von etwa 2.200 m über NN anzutreffen. Je nach Vorkommen und Lebensraum fallen in den Regionen bis zu 270 mm Regen pro Jahr. Lokal wurden wie auf Borneo auch Regenmengen von bis zu 314 cm gemessen.

Prädatoren

Aufgrund ihrer geringen Größe sind Koboldmakis eine begehrte Beute zahlreicher Fleischfresser. Dazu gehören vor allem nachtaktive Eulen (Strigiformes) und gelegentlich auch tagaktive Greifvögel (Falconiformes). Andere Fleischfresser schließen Schleichkatzen (Viverridae) und Schlangen (Serpentes) mit ein. Einziger Schutz der Koboldmakis ist ihre verschwiegene und nachtaktive Lebensweise. Während der Ruhephasen halten sich die Tiere hoch oben in den Bäumen in dichter Vegetation auf. Hier sind sie vor den meisten Fleischfressern in Sicherheit.

Ernährung

Koboldmakis ernähren sich als reine Fleischfresser hauptsächlich von Gliederfüßer (Arthropoda) wie Insekten (Insecta) und deren Larven). Zur bevorzugten Nahrung gehören beispielsweise Käfer (Coleoptera), Zikaden (Auchenorrhyncha), Schmetterlinge (Lepidoptera), Ameisen (Formicoidea) und ähnliche Insekten. Darüber hinaus werden aber auch Spinnentiere (Arachnida), Schnecken (Gastropoda), kleine Reptilien (Reptilia) und kleinere Wirbeltiere (Vertebrata) gefressen. Gelegentlich verschmähen sie auch Vogeleier und Jungvögel nicht. Die rein animalische Kost ist unter Primaten einzigartig. Bei der Nahrungsaufnahme halten Koboldmakis ihre Beutetiere wie alle Primaten mit den Händen. Die Nahrungssuche erfolgt fast ausschließlich aboreal. Im Schnitt nehmen sie 10 bis 15 Gramm an Nahrung pro Tag zu sich. Dies entspricht etwa 10 Prozent des Körpergewichtes. Auf Nahrungssuche gehen sie als nachtaktive Tiere nur in der Nacht.

Fortpflanzung

Koboldmakis erreichen die Geschlechtsreife mit gut einem Jahr. Abweichend dazu erreichen Männchen die soziale Geschlechtsreife erst dann, wenn sie ein eigenes Revier besetzen können. Die Paarungszeit erstreckt such in den meisten Regionen über das ganze Jahr. Lokal kommt es zu Spitzen bei den Geburten zwischen Januar und März. Der Zyklus erstreckt sich über 18 bis 28 Tage, der eigentliche Östrus über 1 bis 3 Tage. Teil der Balz sind vor allem die gegenseitigen Verfolgungsjagden im Geäst der Bäume. Koboldmakis leben zumeist in monogamen Familiengruppen. Eher selten sind auch polygame Familiegruppen mit einem Männchen und mehreren, meist 2 Weibchen zu beobachten. Die Paarung als auch die Geburt der Jungen erfolgt hoch oben in den Bäumen. Nach einer Tragezeit von 178 bis 190 Tagen bringt ein Weibchen meist 2 Jungtiere zur Welt. Das Geburtsgewicht liegt bei den Jungen bei rund einem Viertel vom Körpergewicht der Mutter. Sie wiegen zwischen 20 und 31 Gramm. Der Nachwuchs ist bereits weit entwickelt und kommt mit geöffneten Augen und einem voll entwickeltem Fell zur Welt. Ihre ersten Kletterübungen beginnen sie ab dem zweiten Lebenstag. In der Regel klammern sie sich jedoch die erste Zeit am Bauch der Mutter fest. Im Alter von etwa einem Monat können die Jungen bereits springen. Die Säugezeit in Freiheit ist unbekannt, in Gefangenschaft wurden jedoch eine Säugezeit von 42 Tagen festgestellt. Das Fell der Jungtiere weist die gleiche Färbung auf wie die adulten Tiere. Auch wenn sich der Vater gelegentlich um seinen Nachwuchs kümmert oder mit ihm spielt, so obliegt der größte Teil der Arbeit doch der Mutter. Die Lebenserwartung liegt in freier Natur bei 8 bis 12 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Präparat eines Sunda-Koboldmaki (Tarsius bancanus)
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Präparat eines Sunda-Koboldmaki (Tarsius bancanus)

In den meisten Regionen kommen Koboldmakis heute noch relativ häufig vor. Einige Arten sind in ihren Beständen jedoch nur unzureichend erfasst, so dass aussagekräftige Zahlen nicht vorliegen.

Der Gefährdungsgrad schwankt je nach Art stark. Einige Arten gelten als nicht gefährdet, andere wie der Sunda-Koboldmaki oder der Sulawesi-Koboldmaki gelten als gefährdet, der Peleng-Koboldmaki und Sangihe-Koboldmaki gelten als stark gefährdet. Der neu entdeckte Sangihe-Koboldmaki steht kurz vor dem Aussterben und wird als kritisch gefährdet geführt (IUCN,2013).

Die Hauptbedrohung geht für alle Arten von der Vernichtung der tropischen Regenwälder aus. Vor allem durch die zum Teil sehr kleinen Verbreitungsgebiete kann sich dieses schnell negativ auf die Populationen auswirken. Auch die Bejagung und der Fang für den illegalen Tierhandel haben den Arten lokal stark zugesetzt.

Taxonomie und Systematik

Die Taxonomnie der Koboldmakis gilt bis heute als unstritten. Nach Groves, 2005, wird die Gattung in 7 Arten eingeteilt. Bis auf den Sunda-Koboldmaki (Tarsius bancanus) mit 4 Unterarten handelt es sich bei den anderen Arten um monotypische Arten (Wilson & Reeder, 2005).

Gattung: Koboldmakis (Tarsius)

Art: Sunda-Koboldmaki (Tarsius bancanus)
Unterart: Tarsius bancanus natunensis
Unterart: Tarsius bancanus borneanus
Unterart: Tarsius bancanus saltator
Unterart: Tarsius bancanus bancanus
Art: Philippinen-Koboldmaki ( Tarsius syrichta)
Art: Diana-Koboldmaki (Tarsius dianae)
Art: Peleng-Koboldmaki (Tarsius pelengensis)
Art: Zwergkoboldmaki (Tarsius pumilus)
Art: Sangihe-Koboldmaki (Tarsius sangirensis)
Art: Sulawesi-Koboldmaki (Tarsius tarsier)

In den letzten Jahren kamen einige neu entdeckte Arten hinzu. Dies sind:

Art: Lariang-Koboldmaki (Tarsius lariang) - Merker & Groves, 2006
Art: Siau-Koboldmaki (Tarsius tumpara) - Shekelle et al., 2008
Art: Wallace-Koboldmaki (Tarsius wallacei) - Merker et al., 2010

Demnach werden der Gattung heute 10 Arten zugerechnet.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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