Kletterbeutler

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Kletterbeutler
Gleichfarbkuskus (Phalanger gymnotis)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Beutelsäuger (Metatheria)
Überordnung: Australidelphia
Ordnung: Diprotodontia
Familie: Kletterbeutler
Wissenschaftlicher Name
Phalangeridae
Thomas, 1888

Kletterbeutler (Phalangeridae) zählen innerhlab der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Unterklasse der Beutelsäuger (Metatheria). In der Familie werden in 6 Gattungen 20 rezente Arten geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Die Kletterbeutler entwickelten sich während des Miozän vor rund 20 Millionen Jahren in den tropischen Regenwäldern Australiens. Aus dieser Zeit sind heute noch rezente Gattungen der Schuppenschwanzkususe (Wyulda), der Kusus (Trichosurus) und der Bodenkuskuse (Strigocuscus) nachgewiesen. Die anderen 3 Gattungen sind in Australien nicht durch fossile Funde belegt. Bärenkuskus (Ailurops), Kuskuse (Phalanger) und Tüpfelkuskuse (Spilocuscus) haben ihren Ursprung wahrscheinlich im Miozän in Neuguinea. Zu dieser Zeit war Australien mit Neuguinea über eine Landbrücke verbunden. Die meisten fossilen Funde stammen aus dem nördlichen Australien, insbesondere aus Riversleigh. Die Diversität in den einzelnen Gattungen beruht auf die geografische Isolation ihrer Populationen, insbesondere auf Inseln und in unzugänglichen Gebirgszügen in Neuguinea. Mit der Zeit starben Bodenkuskuse (Strigocuscus) in Australien aus und kommen heute nur noch in Neuguinea vor. An deren Stellen traten im Pleistozän in Australien zwei andere Arten, dem Eigentlichen Tüpfelkuskus (Spilocuscus maculatus) und dem Südlichen Wollkuskus (Phalanger intercastellanus).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Kletterbeutler erreichen je nach Art und Geschlecht eine Körperlänge von 32 bis 65 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 24 bis 61 Zentimeter sowie ein Gewicht von 0,9 bis 10 Kilogramm. Die kleinste Art ist der Celebeskusus (Strigocuscus celebensis), die größte Art ist der Bärenkuskus (Ailurops ursinus). Das Fell ist üblicherweise kurz, dicht und wollig. Es weist zumeist eine gräuliche, grauschwarze, schwarze, schwarzweiße bis rotbraune Grundfärbung auf. Bei einigen Arten zeigen sich dorsal helle Streifen oder Flecken. Die in der Regel nackten Ohren liegen weit hinten, leicht seitlich am Schädel. Der Kopf weist zur Schnauze hin eine kegelförmige Form auf. Die großen Augen liegen leicht seitlich am Schädel, weisen im Wesentlichen jedoch nach vorn, was den Tieren ein räumliches Sehen ermöglicht. Im Bereich der Schnauze zeigen sich lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen, die der Orientierung (Tastsinn) dienen.
Fuchskusu (Trichosurus vulpecula)
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Fuchskusu (Trichosurus vulpecula)
Der Nasenspiegel ist nackt und meist fleischfarben gefärbt. Weibchen verfügen über einen nach vorne geöffneten Beutel. Das Gebiss besteht je nach Gattung aus 40 bis 46 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i3/1-2, c1/0-1, p2-3/3, m5/5.

Lebensweise

Kletterbeutler sind meist nachtaktiv, selten auch dämmerungsaktiv. Abweichend davon ist nur der Bärenkuskus (Ailurops ursinus) am Tage aktiv. Er verfügt anders als die anderen Arten über runde Pupillen. Die meisten Arten leben ausschließlich in Bäumen und Sträuchern. Selbst die zeitweise am Boden lebenden Arten wie die Vertreter der Schuppenschwanzkususe (Wyulda) oder der Bodenkuskuse (Strigocuscus) sind auch in Bäumen anzutreffen. Kletterbeutler sind durchaus gute Kletterer. Zu Sprüngen kommt es jedoch nicht, da sie sich nur langsam durch das Geäst bewegen. Beim Klettern sind vor allem die gebogenen und scharfen Krallen der Vorderpfoten sowie die krallenlose aber opponierbare erste Zehe der Hinterpfoten von Vorteil. Als fünftes Greiforgan dient der Greifschwanz, der nur wenig oder gar nicht behaart ist.

Sie sind streng territorial und kommunizieren untereinender ausschließlich über den olfaktorischen Sinn. Alle Arten verfügen über Duftdrüsen, der Fuchskusu sogar über 4 Duftdrüsen, die sternal und parakloakal liegen. Männchen verfügen grundsätzlich über derartige Drüsen, bei einigen Arten auch die Weibchen. Die Drüsen sitzen im Anal-, Schnauzen und im Brustbereich. Markiert werden Äste, Blätter und Gräser an markanten Punkten im Revier. Zusätzlich zu den Drüsensekreten dient auch Urin der Reviermarkierung. Der Urin enthält Substanzen aus den paarigen Parakloakaldrüsen. Die Sekrete aus den Parakloakaldrüsen geben Aufschluss über die Existenz und ihren Status. Es dient bei Bedrohung aber auch der Beschwichtigung. Weibchen produzieren während ihrer Empfängnisbereitschaft ein gallertartiges Sekret, das über Drüsen im Bereich der Kloake abgegeben wird.

Auch wenn Kletterbeutler überwiegend olfaktorisch kommunizieren, so gelten insbesondere Kusus (Trichosurus) zu den lautstärksten Beuteltieren. Ihre Rufe sind selbst im dichten Regenwäldern über eine Entfernung von bis zu 300 Metern zu hören. Zu den hörbaren Lauten gehören insgesamt 7 Grundlaute. Dies sind beispielsweise ein Grunzen, ein Zischen, aber auch lautes Kreischen, Klicklaute, Schnattern und leicht winselnde Laute. Kusus verdanken diesem recht breiten Lautrepertoire einer knorpeligen Resonanzkammer im Kehlkopf.

Verbreitung

Kletterbeutler sind in Australien, Tasmanien, Neuguinea und einigen umliegenden Inseln wie Sulawesi oder die Solomonen verbreitet. Auf Neuseeland und einigen anderen Inseln wurden Arten eingeführt. Die einzelnen Arten bewohnen zahlreiche Lebensräume und Klimazonen besiedelt. So sind Kletterbeutler in tropischen Regenwälder, lichte Sekundarwälder, Feuchtwälder, Mangrovenwälder sowie aride und regional auch alpine Wälder. In Höhenlagen sind Arten wie der Eigentliche Tüpfelkuskus (Spilocuscus maculatus) oder der Seidenkuskus (Phalanger vestitus) bis in Höhen von rund 2.700 Metern anzutreffen. Das größte Verbreitungsgebiet weist der Fuchskusu (Trichosurus vulpecula) auf. Er ist in fast ganz Australien anzutreffen und besiedelt vom tropischen Regen bis hin zu aridem Waldland zahlreiche Lebensräume. Je nach Lebensraum haben Fuchskusus verschiedene Adaptionen wie beispielsweise ein dichteres Fell in gemäßigten Regionen oder ein geringeres Gewicht in tropischen Regionen entwickelt. Schuppenschwanzkususe (Wyulda) sind in felsigen Eukalyptus- oder Regenwäldern beheimatet.

Prädatoren

Prädator: der Tüpfelbeutelmarder (Dasyurus viverrinus)
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Prädator: der Tüpfelbeutelmarder (Dasyurus viverrinus)

Kletterbeutler werden hauptsächlich nur von nachtaktiven Eulen (Strigiformes) und einigen baumbewohnenden Schlangen (Serpentes) gerissen. Am Boden stellen den Tieren auch eingeführte Raubtiere wie Rotfüchse (Vulpes vulpes) und Dingos (Canis lupus dingo) sowie Haushunde (Canis lupus familiaris) und verwilderte Hauskatzen (Felis catus) nach. Unter den einheimischen Raubtierarten der relativ kleinen Kletterbeutlern gehören nur wenige Raubbeutlerartige (Dasyuromorphia) wie der Tüpfelbeutelmarder (Dasyurus viverrinus) oder andere räuberisch lebenden Beutelsäuger wie Riesenbeutelmarder (Dasyurus maculatus).

Ernährung

Fast alle Arten der Kletterbeutler ernähren sich überwiegend von Blättern und jungen Trieben. Die Bezahnung ist dazu nur wenig spezialisiert. Zu einem kleineren Teil werden auch Blüten, Früchte sowie tierische Kost wie Gliederfüßer (Arthropoda) wie Insekten (Insecta) und deren Larven. Auch die Eier von Vögeln (Aves) und kleinere Wirbeltiere (Vertebrata) werden nicht verschmäht. Bodenkuskuse (Strigocuscus) weisen bei der Nahrung den größten Anteil an Früchten auf. Die beiden Arten dieser Gattung verfügen über einen sehr dehnbaren Magen, der eine große Menge Nahrung aufnehmen kann. Es verwundert nicht, dass Bodenkuskuse über einen gut entwickelten Magenausgang, dem Pylorusschließmuskel verfügen. Einige Arten wie beispielsweise der Fuchskusu (Trichosurus vulpecula) ernähren sich mit bis zu 95 Prozent nur von Eukalyptusblätter, wobei je nach Verbreitungsgebiet die Auswahl der Blätter stark schwanken kann. In der Nähe von landwirtschaftlichen Fläche werden auch zahlreiche Weidepflanzen gefressen. Kletterbeutler sind da nur wenig wählerisch. Die zum Teil stark zellulosehaltige Nahrung wird im Dickdarm durch spezialisierte Bakterien aufgespalten und in Energie umgesetzt. Die Nahrung bleibt dabei relativ lange im großen Dickdarm. Andere Arten weisen Adaptionen im Blinddarm auf, in dem die Partikeltrennung ebenfalls durch spezielle Bakterien bewerkstelligt wird.

Fortpflanzung

Kletterbeutler erreichen die Geschlechtsreife mit spätestens einem Jahr. Die Geschlechter treffen nur zu Paarungszeit aufeinander und leben ansonsten einzelgängerisch. Gesichtete Gruppen umfassen in der Regel ein Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Auch wenn die Geschlechtsreife schon früh erreicht wird, pflanzen sich die meisten Arten erst im zweiten bis dritten Lebensjahr erstmals fort. Zu dieser Zeit haben sich die Individuen ein adäquates Revier zugelegt, in dem sie meist mehrere Baue, meist Baumhöhlen, unterhalten. Diese Baumhöhlen werden vom Revierinhaber erbittert verteidigt, da derartige Plätze auch den Weibchen als Brutstätte dienen und meist rar sind. Die Reviere weisen je nach Geschlecht eine Größe von 1 bis 5 Hektar bei den Weibchen und 3 bis 8 Hektar bei den Männchen auf. In der Regel lässt ein Weibchen ein Männchen nur bis auf einen Meter an sich heran. Durch die Hartnäckigkeit der Männchen nähern sie sich den Weibchen während der Paarungszeit immer näher. Dabei geben Männchen leise Beschwichtigungslaute von sich. Buhlen mehrere Männchen um ein Weibchen, so geht die Paarung mit einer konfliktbegleitenden Verhaltensweise einher. Nach der Kopulation zieht sich ein Männchen wieder zurück. Um die Aufzucht des Nachwuchses kümmern sich ausschließlich die Weibchen. Die Tragezeit liegt je nach Art zwischen 16 und 18 Tage. Ein Wurf umfasst meist 1 bis 2 Jungtiere, die bei der Geburt nur wenig entwickelt sind. Sie kriechen vom Geburtskanal selbständig über eine vom Muttertier geleckte Spur in den Beutel und saugen sich hier an eine der Zitzen fest. Zu den meisten Geburten kommt es im Herbst zwischen März und Mai, in einigen Regionen aber auch im Frühjahr.
Eigentlicher Tüpfelkuskus (Spilocuscus maculatus)
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Eigentlicher Tüpfelkuskus (Spilocuscus maculatus)
In tropischen Regionen wie in Neuguinea und im nördlichen Australien kommt es ganzjährig zu Paarungen und Geburten. Je nach Art kommt es zu 1 bis 2 Geburten. In den ersten Wochen bleiben die Jungtiere ausschließlich im Beutel der Mutter, später reichen sie auch auf deren Rücken. Die Jungensterblichkeit liegt um Durchschnitt bei etwa 15 Prozent. Die Lebenserwartung liegt bei bis zu 13 Jahren, in Gefangenschaft bei bis zu 17 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Viele Arten gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten, wobei der Bestand zahlreicher Arten völlig unklar ist. Es handelt sich dabei meist um Arten, die in unzugänglichen Regenwäldern leben. Zu den stark gefährdeten (EN, Endangered) Arten gehören Phalanger matanim und Spilocuscus rufoniger. Als gefährdet (VU, Vulnerable) gelten Phalanger rothschildi und der Seidenkuskus (Phalanger vestitus). In einigen Regionen wie in Victoria und New South Wales gelten einige Arten wie der Bergkuskus (Phalanger carmelitae) als Schädling, der er in Plantage an Pflanzungen durchaus erheblichen Schaden anrichten kann. Auch aus Tasmanien wird von schädlicher Einwirkung auf Pflanzungen durch den Fuchskusu (Trichosurus vulpecula) berichtet. Auf der anderen haben einige Arten auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. Der Pelz der tasmanischen Populationen ist sehr dicht und weich. Er ist daher sehr geschätzt. Alleine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden mehr als eine Millionen Pelze exportiert. Dies war auch der Grund, warum Fuchskusus auf Neuseeland eingeführt und in Farmen gehalten wurden. Im östlichen Australien wurde die Bejagung der Tiere bereits im Jahre 1963 eingestellt. Auf Tasmanien stellt man den Tiere jedoch auch heute noch nach. Lokal ist in Australien auch das Fleisch der Kletterbeutler begehrt. Die Tiere sind für Jäger eine leichte Beute, da sie sich im Geäst der Bäume nur langsam fortbewegen. In einigen Regionen kam es in der Vergangenheit zur Ansteckung der Fuchskusus mit der meist tödlich endenden Rindertuberkulose. Dies wurde insbesondere auf Neuseeland festgestellt, wo der Fuchskusu als Neozoa eingeführt wurde. Farmer befürchteten, dass sich Rinder anstecken könnten.

Systematik der Kletterbeutler

Bärenkuskus (Ailurops ursinus)
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Bärenkuskus (Ailurops ursinus)

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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