Indriartige

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Indriartige
Coquerel-Sifaka (Propithecus coquereli)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Feuchtnasenaffen (Strepsirhini)
Familie: Indriartige
Wissenschaftlicher Name
Indridae
Burnett, 1828

Indriartige (Indridae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Primaten (Primates) und der Unterordnung der Feuchtnasenaffen (Strepsirhini). Dieser Familie sind 12 rezente Arten in 3 Gattungen zugeordnet.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen

Die einzige Art innerhalb der Lemuren ohne Schwanz ist in der Familie der Indriartigen zu finden. Es ist der Indri (Indri indri), der nur einen rudimentären Schwanzansatz aufweist und eine Länge von lediglich 4 Zentimeter aufweist. Zudem ähnelt die Art eher einem Gibbon und ähnelt diesem auch in der Lebensweise. Eine Verwandtschaft ist jedoch nicht gegeben. Die Ähnlichkeiten beruhen lediglich auf konvergenter Evolution. Innerhalb der Familie der Indriartigen weisen die einzelnen Arten durchaus gravierende Unterschiede in Bezug auf die Lebensweise und die Größe auf. Die Indriartigen erreichen je nach Art eine Körperlänge von 25 bis 70 Zentimeter, eine Schwanzlänge (wenn vorhanden) von 31 bis 60 Zentimeter sowie ein Gewicht von 700 bis 7.500 Gramm. Männchen bleiben insgesamt ein wenig kleiner und leichter als Weibchen. Die detaillierten Maße und Gewichte können der nachstehenden Tabelle entnommen werden.

Zu den kleinsten Arten der Indriartigen gehören die Wollmakis (Avahi). Ihr dickes und wolliges Fell weist eine graubraune, olivbraune, gräuliche oder rötlichbraune Färbung auf. Die Indris (Indri) und die Sifakas (Propithecus) ähneln sich im Wesentlichen. Sifakas sind deutlich bunter gefärbt und weisen unterschiedliche Zeichnungen auf, die vor allem bei den Arten zuweilen auch bei den Unterarten zum Tragen kommen.
Indri (Indri indri)
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Indri (Indri indri)
Die Farbvariationen reichen von weiß bis hin zu völlig schwarzen Tieren. Meist zeigen sich bei den schwarzen und weißen Tiere orangene, braune oder graue Flecken und Markierungen an den Armen und Beinen oder am Kopf. Der Kopf der Indriartigen ist rundlich, besonders auffällig ist dies bei den Wollmakis. Die Augen sind üblicherweise bei den meisten Arten eher klein und nur beim Wollmaki deutlich größer. Das Gesicht ist bei allen Arten nackt und schwärzlich gefärbt. Die Schnauze ist hundeartig aus dem Gesicht hervortretend. Die Ohren sind klein und rundlich gefärbt. Sie liegen seitlich am Kopf und ragen meist nur wenig aus dem dichten Fell hervor. Der Körperbau aller Arten ist an das senkrechte Klettern und weite Sprünge angepasst. Die Beine sind kräftig und etwa ein Drittel länger als die Arme. Der Indri ist in der Lage, Sprünge von bis zu 10 Metern zu bewältigen. Das Gebiss der Indriartigen besteht aus 32 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet 2/2, 1/1, 2/2, 3/3.

Lebensweise

Bis auf die Wollmakis sind alle anderen Indriartigen tagaktive Lemuren. Sie halten sich fast ausschließlich hoch oben in den Bäumen auf. Sifakas und Indris kommen jedoch gelegentlich auch auf den Waldboden hinab und bewegen sich hier auf zwei Beinen fort. Rund die Hälfte ihrer aktiven Zeit verbringen die Tiere mit der Nahrungssuche und -aufnahme. Die Indriartigen leben in kleinen Familiengruppen, die meist aus 4 bis 6, gelegentlich auch bis zu 10 Individuen bestehen. Eine Gruppe besteht aus mehreren Männchen und Weibchen sowie deren Nachwuchs. Indriartige sind territorial und bewohnen ein Revier, das eine Größe von bis zu 10 Hektar aufweisen kann. Wollmakis beanspruchen deutlich kleinere Revier. Diese erstrecken sich selten über mehr als 2 Hektar. Das Revier einer Gruppe wird von Männchen und Weibchen mit Sekreten aus Körperdrüsen markiert. Eindringlinge werden grundsätzlich vertrieben. Dabei bleibt es aber in der Regel bei Drohgebärden, die mit knurrenden Lauten einhergehen. Zu echten Kämpfen kommt es nur selten. Die Kommunikation untereinander ist vielschichtig. Die Revierverteidigung bei allen Arten erfolgt über die charakteristischen Ausrufe. Bei den Indris glänzen die Geschlechter im Duettgesang. Ihr Gesang ähnelt dabei den asiatischen Gibbons. Wie bei den Lemuren, so dominieren die Weibchen der Indriartigen die Männchen. Weibchen haben auch bei der Nahrungssuche den Vorrang, wobei die Männchen geduldig warten, bis die Weibchen satt sind und selbst Nahrung zu sich nehmen können. Neben Mimik und Gestik verständigen sich Indriartige insbesondere durch verschiedene Laute wie Knurren und Bellen. Aber auch Geruchsmarkierungen dienen durchaus der Kommunikation. Ihr Geruchssinn ist hochentwickelt. Insbesondere zwischen einer Mutter und ihrem Nachwuchs spielt auch die Tastkommunikation eine große Rolle.

Maße und Gewichte

Deutscher Name Wissenschaftliche Bezeichnung Kopf-Rumpf-Länge Schwanzlänge Gewicht
Indri Indri indri 60 - 70 cm 4 - 5 cm 3.000 - 7.500 Gramm
Coquerel-Sifaka Propithecus coquereli 42 - 50 cm 50 - 60 cm 3.500 - 6.000 Gramm
Van der Decken-Sifaka Propithecus deckenii 42 - 50 cm 50 - 60 cm 3.500 - 7.000 Gramm
Diademsifaka Propithecus diadema 45 - 50 cm 41 - 60 cm 3.000 - 7.500 Gramm
Edwards-Sifaka Propithecus edwardsi 45 - 50 cm 41 - 60 cm 4.000 - 7.500 Gramm
Perrier-Sifaka Propithecus perrieri 45 - 50 cm 41 - 60 cm 4.000 - 7.500 Gramm
Goldkronen-Sifaka Propithecus tattersalli 45 - 50 cm 41 - 60 cm 3.000 - 7.500 Gramm
Larvensifaka Propithecus verreauxi 45 - 50 cm 41 - 60 cm 3.000 - 7.500 Gramm
Östlicher Wollmaki Avahi laniger 25 - 30 cm 31 - 37 cm 700 - 1.300 Gramm
Westlicher Wollmaki Avahi occidentalis 25 - 30 cm 31 - 37 cm 700 - 1.300 Gramm
Sambirano-Wollmaki Avahi unicolor 25 - 30 cm ? 31 - 37 cm ? 700 - 1.300 Gramm ?
Cleese-Wollmaki Avahi cleesei 25 - 30 cm ? 31 - 37 cm ? 700 - 1.300 Gramm ?

Verbreitung

Indriartige sind auf Madagaskar endemisch. Hier leben die Tiere je nach Art in höchst unterschiedlichen Lebensräumen. Die Wollmakis besiedeln zum einen die östlichen Regenwälder, zum anderen die westlichen Trockenwälder. Sifakas bewohnen je nach Art die Dorn- und Trockenwälder im Norden und im Südwesten Madagaskars. Andere Arten der Sifakas wie der Goldkronen-Sifaka (Propithecus tattersalli) leben im Norden in tropischen Regenwäldern. Indris leben im nördlichen Teil der Insel vorzugsweise in dichten Primärregenwäldern. Dabei wird sowohl der Regenwald in der Ebene als auch Höhenlagen bis in Höhen von fast 2.000 Metern über NN. bewohnt.

Prädatoren

Prädator: die Hauskatze (Felis catus)
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Prädator: die Hauskatze (Felis catus)

Zu den natürlichen Fleischfressern der Indriartigen Lemuren zählen insbesondere die Madagaskar-Boa (Acrantophis madagascariensis), die Südliche Madagaskarboa (Acrantophis dumerili), Eulen (Strigiformes) wie die Madagaskar-Waldohreule (Asio madagascariensis), die Fossa (Cryptoprocta ferox) und der Schwarzmilan (Milvus migrans). In der Nähe des Menschen stellen auch verwilderte Haushunde und Hauskatzen (Felis catus) eine Gefahr für die Lemuren dar.

Ernährung

Die Vertreter aller 3 Gattungen ernähren sich hauptsächlich von pflanzlicher Kost. Zur natürlichen Nahrung gehören insbesondere Blätter, Blüten, junge Triebe, Früchte und gelegentlich die Rinde von Bäumen. Trotz ihrer fast menschenähnlich geformten Hände nehmen beispielsweise Sifakas selten Nahrung in die Hand, sondern fressen sie direkt von den Ästen. Das Nahrungsangebot schwankt je nach Jahreszeit. Früchte werden beispielsweise während der Regenzeit gefressen. Auf Nahrungssuche gehen Sifakas und Indris am Tage in der Regel in den Bäumen, seltener auch auf dem Waldboden. Wollmakis sind ausschließlich in den Bäumen unterwegs. Einen Großteil des Tages wenden die Tiere für die Nahrungssuche auf. Nach Nahrung wird in Höhen von 2 bis 10 Metern über dem Boden gesucht.

Fortpflanzung

Indriartige erreichen die Geschlechtsreife mit gut 4 bis 5 Jahren. Die Paarungszeit ist an Jahreszeiten gebunden. Bei allen Arten der Indriartigen kommt meist nur jeweils ein Jungtier zur Welt. Zwillingsgeburten sind sehr selten, aber bereits dokumentiert. Es entwickelt sich deutlich schneller als bei anderen Primaten vergleichbarer Größe. Da nur alle 2 bis 3 Jahre Nachwuchs auf die Welt kommt, ist die Reproduktionsrate sehr gering. Beide Geschlechter paaren sich mehrmals. Da Männchen über meist kleine Hoden verfügen, geht man davon aus, dass Spermienkonkurrenz eine große Rolle spielt. Dominante Männchen, die über größere Hoden verfügen, unterbinden die Fortpflanzungsfähigkeit von Rivalen durch chemische Signale ihrer Duftdrüsen. Dies ist zumindest bei den Sifakas und den Indris der Fall. Es ist aber anzunehmen, dass sich Wollmakis ähnlich verhalten. Das Phänomen des Infantizid durch erwachsene Männchen ist in mehreren Populationen beobachtet worden. Infantizid ist das Töten von Nachkommen der eigenen Art. Die Tragezeit erstreckt sich über etwa 150 (130 - 165) Tage. Die Jungen werden von der Mutter herum getragen und klammern sich dabei am Fell der Mutter fest.
Larvensifaka (Propithecus verreauxi)
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Larvensifaka (Propithecus verreauxi)
Anfangs klammern sie sich am Bauch fest, später reiten sie auch auf dem Rücken. Die Säugezeit erstreckt sich artabhängig von 4 bis 6 Monaten. Die Selbständigkeit erreicht der Nachwuchs gegen Ende des zweiten Lebensjahres. Die Jungen bleiben meist bis zum Erreichen der Geschlechtsreife im Familienverband. Die Lebenserwartung liegt zwischen 10 und 20 Jahren. Indris können in Gefangenschaft ein Alter von mehr als 30 Jahren erreichen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Bis auf den Östlichen Wollmaki (Avahi laniger) gelten alle Arten als gefährdet oder stark gefährdet. Als gefährdet (VU, vulnerable) gelten der Westliche Wollmaki (Avahi occidentalis) und der Larvensifaka (Propithecus verreauxi). Deutlich schlechter steht es um den Indri (Indri indri) und den Diademsifaka (Propithecus diadema). Diese beiden Arten gelten als stark gefährdet (EN, endangered). Der Goldkronen-Sifaka (Propithecus tattersalli) steht als kritisch gefährdet (CR, critically endangered) kurz vor der Ausrottung.

In den letzten Jahrhunderten sind bereits viele Arten aus der Familie der Indriartigen vom Menschen ausgerottet worden. Dies belegen nichtfossile Überreste. Das Hauptproblem für alle rezenten Arten ist ähnlich gelagert. Durch die weit reichende Vernichtung der natürlichen Lebensräume sind diese stark fragmentiert. Tropischer Regenwald und andere Primärwälder werden auf Madagaskar zugunsten von Lebensraum und landwirtschaftlichen Flächen gerodet oder brandgerodet. Die Bejagung spielt weitestgehend keine Rolle, da die Tiere für die einheimische Bevölkerung heilig sind.

Systematik der Indriartigen

Östlicher Wollmaki (Avahi laniger)
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Östlicher Wollmaki (Avahi laniger)

Anhang

Literatur und Quellen

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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