Hufeisennasen

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Hufeisennasen
Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros)

Taxonomie
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Überfamilie: Hufeisennasenartige (Rhinolophoidea)
Familie: Hufeisennasen
Wissenschaftlicher Name
Rhinolophidae
Gray, 1825

Die Familie der Hufeisennasen (Rhinolophidae) zählt innerhalb der Ordnung der Fledertiere (Chiroptera) zur Unterordnung der Fledermäuse (Microchiroptera). Im Englischen latat der Familienname Horseshoe bats. Der Familie werden in einer rezenten Gattung je nach Autor etwa 70 Arten zugerechnet (Wilson & Reeder, 2005).

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde stammen aus Europa und reichen zurück bis ins späte Eozän. Jüngere Fossile stammen aus dem Pleistozän und wurden in Asien gefunden. Funde aus Australien reichen zurück bis ins mittlere Miozän.

Verwandtschaft

Die Einordnung in die klassische Taxonomie erfolgte aufgrund morphologischer Studien. Grundlage hierbei sind die Morphologie des Skelettes, insbesondere der Flügel, des Brustbein, des Schultergürtels und des Schädels. In einem gewissen Maß spielte auch die Morphologie der Zähne bei der Einordnung eine Rolle. Wo der Ursprung der Arten liegt ist noch weitestgehend unklar. Man geht beim Ursprung von Afrika oder Südostasien aus. Heute werden in einer rezenten Gattung etwa 70 Arten geführt. Andere Gattungen wie Palaeonycteris gelten als ausgestorben.

Definition und Allgemeines

Namengebendes Merkmal für die Familie der Hufeisennasen war der hufeisenartige Nasenaufsatz im Bereich des Gesichtsfeldes. Auch die Rundblattnasen (Hipposideridae) verfügen über eine ähnliche Gesichtsstruktur, jedoch gibt es deutliche Unterschiede zwischen den beiden Familien. Hufeisennasen haben große und mobile Ohren, ein Tragus ist jedoch nicht vorhanden. Das Fell ist in der Regel bräunlich gefärbt, bei einigen Arten in Südostasien auch rötlich bis rotbraun. Bei der inneren Morphologie ist ein charakteristisches Merkmal der Grad der Verschmelzung in den Elementen des Schultergürtels. Der siebte Halswirbel ist mit dem ersten Brustwirbel fast vollständig verschmolzen. Beim Becken ist eine Reduktion von Sitzbein und Schambein deutlich zu erkennen.

Beschreibung

Merkmale

Hufeisennasen erreichen eine Körperlänge von 35 bis 110 mm, eine Schwanzlänge von 15 bis 70 mm, eine Unterarmlänge von 30 bis 105 mm sowie ein Gewicht von 4 bis 180 g. Das Fell ist mittellang und weich, die Fellfärbung ist artabhängig. Weibchen verfügen über ein Paar funktionierende Brustdrüsen in der Achselregion und ein paar funktionslose Brustdrüsen in dem Leistenbereich. Die trichterartigen Ohren sind groß und stehen weit auseinander. Ein Tragus ist nicht vorhanden, der Antitragus ist hingegen stark vergrößert und erscheint als breite Falte an der Unterseite des Ohres. Die Flügel sind bei allen Arten kurz und gerundet. Der Zeigefinger besteht nur aus dem Mittelhandknochen, Finger III, IV und V weisen jeweils 2 Fingerglieder auf. Das Nasenblatt weist familientypisch eine hufeisenartige Form auf. Das Gebiss der Hufeisennasen verfügt über 32 Zähne, die zahnmedizinische Formel lautet i1/2, c1/1, p2/3, m3/3. Der obere Schneidezahn ist recht klein, jedoch gut ausgebildet. Die oberen Eckzähne haben eine einfache Form und sind kräftig gebaut. Die unteren Schneidezähne sind mäßig entwickelt. Die Anzahl der Rippen entspricht der Anzahl der Brustwirbel. Die Rippen sind stark abgeflacht, wobei die ersten beiden Rippen miteinander verwachsen sind. Das Schulterblatt ist oval und in etwa doppelt so breit wie lang. Die Mittelhandknochen sind schlank und zylindrisch geformt. (Novak, 1999).

Fortbewegung

Hufeisennasen haben von allen Fledermäusen die geringe Flügelfläche. In Verbindung mit einer nierdrigen Flächenbelastung ergibt sich dennoch eine gute Manövrierfähigkeit. Selbst Schwebflug stellt für einige Arten kein Problem dar. Eine geringe Flügelstreckung ist bei langsamen Fliegern wie beispielsweise der Großen Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum) zu beobachten. Flügel mit einer geringen Flügelstreckung sind besonders beim Fliegen im Blattwerk geeignet.

Blutkreislauf

Das Kreislaufsystem der Hufeisennasen entspricht im Wesentlichen dem der anderen Familien der Fledermäuse. Die Körpertemperatur im Ruhezustand entspricht dabei der Umgebungstemperatur. Beim Schlafen kann die Körpertemperatur dabei leicht absinken, also unter Umgebungstemperatur fallen.

Atmung

Wie alle Fledermäuse haben auch Hufeisennasen im Vergleich zu ihrer Körpergröße große Lungen und die Nasenkammern im oberen Atmungssystem sind groß. Der Nasenrachenraum (Nasopharynx) ist ausgesprochen groß, von länglicher Form und rotral zur Stimmritze erweitert. Mit geschlossenen Nasenlöchern ist ein Atmen nicht möglich. Die Ultraschallausrufe stehen im Zusammenhang mit der Atmung, da mit jedem Atemzug einzelne Impulse oder Gruppen von Impulsen ausgestoßen werden.

Weitere Merkmale

Die paarig angelegten großen Nieren entsprechen denen anderer Säugetiere und liegen dorsal in der Bauchhöhle. Die Hoden liegen direkt vor dem Penis, die Nebenhoden sind an der Unterseite des Penis angeordnet. Die dorsale und ventrale Oberfläche des Körpers ist dicht behaart. Die Flügel sind meist schwarz gefärbt und nackt. Tasthaare sind vor allem im Gesichtsfeld vorhanden. Die Form des Nasenblattes ist je nach Art spezifisch. Die Haut ist an den Flugmembranen besonders dünn, an den Fußsohlen und im Bereich der Lippen besonders dick. Die Dermis (Lederhaut) von Fledermäusen ist insgesamt dünner als bei anderen kleinen Säugetieren und durch große Mengen von quergestreiften Muskelfasern gekennzeichnet. Schweißdrüsen sind im Achselbereich und bei vielen Arten im Gesicht vorhanden.

Nervensystem

Hufeisennasen sind typischerweise im Verhältnis zur Gesamtkörpergröße kleine Säugetiere. Die Augen sind klein und nur zur Erkennung von großen Formen wie beispielsweise Raubtiere geeignet. Das auditorische System, also das Gehör, ist hingegen sehr gut entwickelt. Über die Nasenlöcher emittieren Hufeisennasen konstante Signale, deren Echo zur Erkennung von Hindernissen und Beutetieren dient. Die Echos werden über die großen Ohren aufgenommen und ausgewertet. Die Ohren sind beweglich und die Basilarmembran ist gut entwickelt.

Echoortung

Die Rufe der Hufeisennasen erstrecken sich artabhängig über eine Dauer von etwa 70 ms. Diese relativ langen Impulse sind zwar zur Zielerkennung und Klassifizierung von Beutetieren geeignet, jedoch können die meisten Arten der Fledermäuse diesen Vorteil kaum nutzen, da sie zwischen den einzelnen Rufen auch noch die Echos auswerten müssen. Den Hufeisennasen, die mehr als 50 Prozent der Zeit orten, gelingt dies jedoch sehr gut, da sie als Trennung für Ruf und Echo nicht die Zeit, sondern die Frequenz nutzen. Sie können demnach gleichzeitig Rufen und Hören. Dieses wird auch als Doppelverschiebungs-Kompensation bezeichnet. Schallwellen komprimieren sich umso stärker, je schneller eine Fledermaus fliegt. Infolgedessen steigt die Frequenz. Um dem zu begegnen, verringert eine Hufeisennase ihre Ruffrequenz in Relation zur Fluggeschwindigkeit, um Doppelverschiebungen zu kompensieren. Durch diese Regulation kehren Echos immer in einer Frequenz von etwa 83 kHz zurück. Durch diese Maßnahme sind Rufe und Echos durch ihre Frequenz voneinander getrennt. Hufeisennasen emittieren (lat. emittere ausschicken, aussenden) im Zusammenhang mit der Doppelverschiebungs-Kompensation konstantfrequente Impulse. Man bezeichnet derartige Signale auch als schmalbandige Signale.

Lebensweise

Hufeisennasen sind hauptsächlich Höhlentiere. Die Ruheplätze liegen in Baumhöhlen, Felsspalten oder größeren Felshöhlen. Die meisten Arten leben in kleinen Kolonien, die aus wenigen Dutzend Individuen bestehen. Einige Arten können jedoch auch Kolonien aus mehreren Hundert oder Tausend Tieren bilden. Obwohl Hufeisennasen für gewöhnlich in natürlichen Höhlen leben, sind die Kolonien nicht selten auch in menschlichen Strukturen wie Eisenbahntunnel, verlassene Minen oder größere Abwasserrohre anwesend. Auch Häuser und Schuppen werden als Ruhestätte angenommen. Das Geschlechterverhältnis liegt in der Regel bei 1:1. Zahlreiche Arten bilden während der Fortpflanzungszeit reine Mutterkolonien mit keinen oder nur vereinzelten Männchen. Hufeisennasen sind gute Flieger im Nahbereich, Langstreckenflüge sind nicht nachgewiesen (Novak, 1999).

Verbreitung

Die Vertreter der Hufeisennasen kommen in weiten Teilen der Alten Welt, insbesondere in Europa, Afrika sowie in Südostasien vor. Einige Arten sind auch in Australien und der asiatischen Inselwelt vertreten. So werden auch Inseln wie Neuguinea, die Philippinen und Japan besiedelt. Hufeisennasen sind anscheinend nicht in der Lage größere Strecken über Wasser zurückzulegen, denn in Australien sind zahlreiche Arten vertreten, nicht aber auf Tasmanien und Neuseeland. In Nord- und Südamerika sind keine Arten beheimatet (Novak, 1999; IUCN, 2013).

Biozönose

An den Rast- und Ruheplätzen teilen sich Hufeisennasen häufig ihren Lebensraum mit anderen Fledertieren. Gut untersucht ist diese Sympatrie insbesondere in Australien. Genannt werden Art wie die Australische Gespenstfledermaus (Macroderma gigas), Grabflatterer (Taphozous) wie Taphozous georgianus und Taphozous australis, Eigentliche Rundblattnasen (Hipposideros) wie die Diadem-Rundblattnase (Hipposideros diadema), Hipposideros semoni, Hipposideros ater und Hipposideros cervinus, Mausohren (Myotis) wie Myotis adversus, Eigentliche Glattnasen (Vespertilioninae) wie Chalinolobus dwyeri, andere Glattnasen (Vespertilionidae) wie die Langflügelfledermaus (Miniopterus schreibersi) und Miniopterus schreibersi sowie Breitflügelfledermäuse (Eptesicus) wie Eptesicus pumilus.

Ernährung

Hufeisennasen ernähren sich hauptsächlich von Insekten (Insecta) wie Schmetterlinge (Lepidoptera) und Käfer (Coleoptera). Beutetiere werden für gewöhnlich im Fluge erbeutet. Eher selten erfolgt die Jagd von einem Ansitz aus. Bei der Nahrungssuche lokalisieren die Tiere ihre Beutetiere durch Echoortung. Die Nahrungssuche erfolgt ausschließlich in der Nacht (Stoffberg (2008).

Fortpflanzung

Je nach Art sind Hufeisennasen monogam bis polygam. Die Geschlechtsreife wird im 2. oder 3. Lebensjahr erreicht. Ein Wurf besteht lediglich aus 1 Jungtier, das nach einer Tragezeit von etwa 90 bis 100 Tage zur Welt kommt. Die Jungtiere sind fast nackt und weisen übermäßig große Ohren auf. Die Geburt erfolgt mit dem Kopf voran. Die Säugezeit erstreckt sich über 5 bis 6 Wochen. Gesäugt wird über Brustdrüsen im Achselbereich. Im Alter von 6 Wochen können die Jungen fliegen, die adulte Größe ist im Alter con 10 Wochen erreicht.

Systematik der Familie Hufeisennasen

Systematik nach Wilson & Reeder, 2005.

Familie: Hufeisennasen (Rhinolophidae)

Gattung: Vaylatsia
Unterfamilie: Rhinolophinae
Gattung: Hufeisennasen (Rhinolophus)
Art: Rhinolophus acuminatus
Art: Rhinolophus adami
Art: Rhinolophus affinis
Art: Rhinolophus alcyone
Art: Rhinolophus arcuatus
Art: Rhinolophus beddomei
Art: Rhinolophus blasii
Art: Rhinolophus bocharicus
Art: Rhinolophus borneensis
Art: Rhinolophus canuti
Art: Rhinolophus capensis
Art: Rhinolophus celebensis
Art: Rhinolophus clivosus
Art: Rhinolophus coelophyllus
Art: Rhinolophus cognatus
Art: Rhinolophus convexus
Art: Rhinolophus cornutus
Art: Rhinolophus creaghi
Art: Rhinolophus darlingi
Art: Rhinolophus deckenii
Art: Dents-Hufeisennase (Rhinolophus denti)
Art: Rhinolophus eloquens
Art: Mittelmeer-Hufeisennase (Rhinolophus euryale)
Art: Rhinolophus euryotis
Art: Große Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum)
Art: Rhinolophus formosae
Art: Rhinolophus fumigatus
Art: Rhinolophus guineensis
Art: Hildebrandt-Hufeisennase (Rhinolophus hildebrandti)
Art: Rhinolophus hilli
Art: Rhinolophus hillorum
Art: Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros)
Art: Rhinolophus imaizumii
Art: Rhinolophus inops
Art: Rhinolophus keyensis
Art: Rhinolophus landeri
Art: Rhinolophus lepidus
Art: Rhinolophus luctus
Art: Maclauds Hufeisennase (Rhinolophus maclaudi)
Art: Rhinolophus macrotis
Art: Rhinolophus madurensis
Art: Rhinolophus maendeleo
Art: Rhinolophus malayanus
Art: Rhinolophus marshalli
Art: Rhinolophus megaphyllus
Art: Meheley-Hufeisennase (Rhinolophus mehelyi)
Art: Rhinolophus mitratus
Art: Rhinolophus monoceros
Art: Rhinolophus montanus
Art: Rhinolophus nereis
Art: Rhinolophus osgoodi
Art: Rhinolophus paradoxolophus
Art: Rhinolophus pearsonii
Art: Rhinolophus philippinensis
Art: Rhinolophus pusillus
Art: Rhinolophus rex
Art: Rhinolophus robinsoni
Art: Rhinolophus rouxii
Art: Rhinolophus rufus
Art: Rhinolophus ruwenzorii
Art: Rhinolophus sakejiensis
Art: Rhinolophus sedulus
Art: Rhinolophus shameli
Art: Rhinolophus shortridgei
Art: Rhinolophus siamensis
Art: Rhinolophus silvestris
Art: Rhinolophus simulator
Art: Rhinolophus sinicus
Art: Rhinolophus stheno
Art: Rhinolophus subbadius
Art: Rhinolophus subrufus
Art: Rhinolophus swinnyi
Art: Rhinolophus thomasi
Art: Rhinolophus trifoliatus
Art: Gelbgesichthufeisennase (Rhinolophus virgo)
Art: Rhinolophus yunanensis
Art: Rhinolophus ziama
Gattung: Palaeonycteris
Unterfamilie: Rhinonycterinae

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera)

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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