Haubennetzspinnen

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Haubennetzspinnen
Rotgestreifte Kugelspinne (Enoplognatha ovata)

Systematik
Abteilung: Gewebetiere (Eumetazoa)
Unterabteilung: Bilateria
Stammgruppe: Urmünder (Protostomia)
Überstamm: Häutungstiere (Ecdysozoa)
Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Unterstamm: Kieferklauenträger (Chelicerata)
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Unterklasse: Micrura
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Unterordnung: Echte Webspinnen (Araneomorphae)
Familie: Haubennetzspinnen
Wissenschaftlicher Name
Theridiidae
Sundevall, 1833

Die Haubennetzspinnen (Theridiidae), die auch Kugelspinnen genannt werden, zählen innerhalb der Ordnung der Webspinnen (Araneae) zur Unterordnung der Echten Webspinnen (Araneomorphae). In der Familie werden in rund 87 Gattungen annähernd 2.200 rezente Arten geführt. Jährlich kommen zahlreich neue Arten, vor allem aus den Tropen und Subtropen, hinzu. Von diesen 87 Gattungen sind rund 24 Gattungen auch in der mitteleuropäischen Fauna vertreten. Im Englischen werden Haubennetzspinnen Tangle-web spiders, Cobweb spiders oder Comb-footed spiders genannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die meisten Arten der Haubennetzspinnen erreichen eine Körperlänge zwischen 2 und 5 Millimeter. Einige Arten erreichen jedoch auch Größen jenseits der 10 Millimeter. Zu den größten und zugleich auch gefährlichsten Arten gehört zweifelsohne die Schwarze Witwe (Latrodectus mactans). Namensgebendes Merkmal der Haubennetzspinnen bzw. Kugelspinnen ist der kugelförmige Hinterleib. Dieses Merkmal trifft jedoch bei weitem nicht auf alle Arten zu. Bei zahlreichen Arten wie beispielsweise die Vertreter der Gattung der Argyrodes ist der Hinterleib deutlich verlängert und fadenförmig gestaltet. Bei den Arten der Gattung der Phoroncidia ist der Hinterleib (Opisthosoma) stark abgeflacht und mit dornenartigen Fortsätzen versehen. Gemeinsames Merkmal aller Haubennetzspinnen ist jedoch der Bau der Fußglieder. Die Unterseite der Fußglieder weisen jeweils einen Kamm auf, der aus 6 bis 10 starren, gezähnten und leicht gebogenen Borsten besteht. Mit diesem Borstenkamm werfen die Tiere klebrigen Leim auf die Beutetiere. Dieser Leim wird in lappenartige Leimdrüsen und große Spulen auf den hinteren Spinnwarzen produziert und macht ein Beutetier bei Kontakt wehrlos. Im Folgenden wird ein Beutetier durch einen Giftbiss getötet. Mit dieser durchaus raffinierten Methode kann selbst eine kleine Haubennetzspinne ein deutlich größeres Tier überwältigen und töten. Die eher kleine Rotgestreifte Kugelspinne (Enoplognatha ovata) kann so leicht eine Honigbiene (Apis mellifera) töten.

Lebensweise

Die Männchen verfügen über Stridulationsorgane. Je nach Familie sind diese unterschiedlich stark entwickelt. Besonders stark ist das Stridulationsorgan in der Unterfamilie Latrodectinae wie etwa der Gattung Steatoda ausgeprägt. Bei diesen Haubennetzspinnen liegen gut sichtbar gezähnte Chitinleisten auf der Vorderwand des Opisthosoma. Die dazugehörigen Riefenplatten liegen auf dem hinteren Vorderkörperrücken. Während der Balz bringen Latrodectinae zirpende Geräusche hervor, die sogar vom Menschen wahrnehmbar sind. Die meisten Arten der Haubennetzspinnen sind sesshaft und bleiben immer in der Nähe ihres haubenartigen Maschennetzes. Einige Arten bauen jedoch keine Maschennetze, sondern Leimrutennetze. Bei den Maschennetzen dienen peripher angebaute Klebefäden dem Fang von fliegenden Insekten. Mit den Leimrutennetzen werden Beutetiere für gewöhnlich am Boden oder an Baumstämmen erbeutet. Es gibt jedoch auch Arten, die beide Netztypen einsetzen. Dies ist beispielsweise bei der Steatoda albomaculata und anderen Arten der Gattung Steatoda der Fall. Ameisen werden bevorzugt mit Leimrutennetzen erbeutet. Die Fettspinne (Steatoda bipunctata) baut vornehmlich Netze, mit denen fliegende und laufende Insekten erbeutet werden können.

Haubennetzspinnen legen zum Schutz vor Feinden und als Ansitzwarte besondere Schlupfwinkel an. Diese sind mitunter so artspezifisch, dass sie zur Bestimmung einer Art herangezogen werden können. Bei einem Unterschlupf handelt es sich meist um ein fingerhutartiges Gebilde bzw. Gespinst, dass nach unten offen ist und im Netzzentrum oder in der Netzperipherie aufgehängt wird. Arttypisch erfolgt eine äußere Auskleidung des Schlupfwinkels mit Pflanzenteilen, Sandkörnchen oder Nahrungsresten. Nicht alle Haubennetzspinnen bauen Fanggewebe, um auf Beutefang zu gehen. Die einheimischen Vertreter der Euryopis erjagen ihre Beute schnell laufend. Ungewöhnlich ist auch der Lebensraum: sie sind in der Regel an ungewöhnlich trockenen und sandigen Habitaten anzutreffen. Selbstverständlich bauen auch diese Spinnen Netze. Nur dienen diese nicht primär dem Beutefang. Die Netze dieser Arten weichen jedoch stark von den Fanggeweben der anderen Haubennetzspinnen stark ab. Die Netze bestehen lediglich aus einem Querfaden, von dem zwei wenig auseinanderstrebende Fäden nach unten ziehen.

Verbreitung

Haubennetzspinnen kommen auf allen Erdteilen, in allen Klimazonen vor. Zahlreiche Arten zählt man zu den Kulturfolgern, die in unmittelbarer Nähe zum Menschen, nicht selten auch in dessen Wohngebäuden leben. Aber auch Gewächshäuser, Keller und Stallungen werden besiedelt. Zu den synanthropen Arten zählt in Mitteleuropa vor allem Steatoda grossa, eine nahe Verwandte der Fettspinne (Steatoda bipunctata). Die meisten Arten leben in der Krautschicht, in der Regel auf niedrigen Pflanzen oder in Gebüschen. Lebensräume mit einer gewissen Wärme und Feuchtigkeit werden bevorzugt besiedelt.

Ernährung

Beliebter Snack: Rote Waldameisen (Formica rufa)
vergrößern
Beliebter Snack: Rote Waldameisen (Formica rufa)

Bei den meisten Haubennetzspinnen werden vor allem fliegende Insekten (Insecta) gefressen. Andere Arten haben es auf am Boden laufende Insekten abgesehen. Bei den mitteleuropäischen Arten stehen artabhängig beispielsweise Rote Waldameisen (Formica rufa) oder Westliche Honigbienen (Apis mellifera) auf der Speisekarte. Ameisen (Formicoidea) stehen bei zahlreichen Haubennetzspinnen-Arten auf dem Programm. Beutetiere werden artabhängig mit Leimrutennetzen oder mit Maschennetzen gefangen und mit einem Leim außer Gefecht gesetzt. Die Diebsspinne (Argyrodes gibbosus) ist besonders raffiniert und nutzt sehr geschickt die Schwächen anderer Spinnenarten, insbesondere der Opuntienspinne (Cyrtophora citricola) aus und ernährt sich mit von deren Beute. Zum einen verfangen sich zahlreiche sehr kleine Beutetiere wie Blattläuse (Aphidoidea) und winzige Mücken (Nematocera) im Nest der Opuntienspinne, die zunächst von ihr ignoriert werden. Diese Insekten (Insecta) holt sich die Diebsspinne. Andererseits kommt es sogar vor, dass die Diebsspinne an die fressende Opuntienspinne (Cyrtophora citricola) heranschleicht, dabei zwar mit dem eigenen Leben spielt, aber oft genug an der bereits mundgerechten Beute mit saugen kann.

Fortpflanzung

Bei den Arten der Gattung Theridion ist eine aufopfernde Brutpflege zu beobachten. Hier ist beispielsweise die Braune Kugelspinne (Theridion impressum) zu nennen. Der Kokon mit den Eiern wird dabei im Schlupfwinkel deponiert und behütet. Nach dem Schlupf hängen die Spiderlinge in einer dichten Traube am oder in der Nähe des Schlupfwinkels. Nur bei Gefahr verstreuen sie sich im Netz der Mutter. Die Mutter lässt sich bei Gefahr an einem Sicherheitsfaden aus dem Netz fallen. Mit zunehmendem Alter der Jungtiere beginnen sie in den Randbereichen des mütterlichen Netzes ein eigenes kleines Gespinst bzw. Fanggewebe zu errichten. Zu diesem Zeitpunkt gehen sie erstmals selbst auf Beutefang. Einige Zeit später verlassen die Jungspinnen das Netz der Mutter und siedeln sich in der näheren Umgebung an. Einige Arten der Theridion füttern ihre Jungen in der ersten Zeit mit einem Nährsekret, das vom Darmtrakt abgesondert wird. Insgesamt ist die Brutpflege bei den einzelnen Arten höchst unterschiedlich ausgeprägt. Die Weibchen der Theridion bellicosum tragen den Kokon beispielsweise mit den Hinterbeinen mit sich herum.

Systematik der Familie Haubennetzspinnen

Diebsspinne (Argyrodes gibbosus)
vergrößern
Diebsspinne (Argyrodes gibbosus)
Schwarze Witwe (Latrodectus mactans)
vergrößern
Schwarze Witwe (Latrodectus mactans)
Braune Kugelspinne (Theridion impressum)
vergrößern
Braune Kugelspinne (Theridion impressum)
Fettspinne (Steatoda bipunctata)
vergrößern
Fettspinne (Steatoda bipunctata)

Familie: Haubennetzspinnen (Theridiidae)

Unterfamilie: Argyrodinae
Gattung: Argyrodes
Gattung: Neospintharus
Gattung: Ariamnes
Gattung: Deelemanella
Gattung: Faiditus
Gattung: Rhomphaea
Gattung: Spheropistha
Unterfamilie: Hadrotarsinae
Gattung: Anatea
Gattung: Audifia
Gattung: Dipoena
Gattung: Dipoenata
Gattung: Emertonella
Gattung: Euryopis
Gattung: Eurypoena
Gattung: Gmogala
Gattung: Guaraniella
Gattung: Hadrotarsus
Gattung: Lasaeola
Gattung: Phycosoma
Gattung: Yaginumena
Gattung: Yoroa
Unterfamilie: Latrodectinae
Gattung: Crustulina
Gattung: Echte Witwen (Latrodectus)
Gattung: Fettspinnen (Steatoda)
Unterfamilie: Pholcommatinae
Gattung: Carniella
Gattung: Cerocida
Gattung: Craspedisia
Gattung: Enoplognatha
Gattung: Helvidia
Gattung: Pholcomma
Gattung: Phoroncidia
Gattung: Proboscidula
Gattung: Robertus
Gattung: Stemmops
Gattung: Styposis
Gattung: Theonoe
Gattung: Wirada
Unterfamilie: Spintharinae
Gattung: Chrosiothes
Gattung: Seilspinnen (Episinus)
Gattung: Moneta
Gattung: Spintharus
Gattung: Thwaitesia
Unterfamilie: Theridiidaeincertae
Gattung: Adansonia
Gattung: Anelosimus
Gattung: Astodipoena
Gattung: Chorizopella
Gattung: Clya
Gattung: Coscinida
Gattung: Cretaraneus
Gattung: Eodipoena
Gattung: Eomysmena
Gattung: Flegia
Gattung: Hetschkia
Gattung: Icona
Gattung: Jamaitidion
Gattung: Kochiura
Gattung: Landoppo
Gattung: Marianana
Gattung: Melos
Gattung: Mictodipoena
Gattung: Municeps
Gattung: Nactodipoena
Gattung: Paidiscura
Gattung: Tomoxena
Gattung: Zercidium
Unterfamilie: Theridiinae
Gattung: Achaearanea
Gattung: Achaearyopa
Gattung: Ameridion
Gattung: Cabello
Gattung: Cephalobares
Gattung: Chrysso
Gattung: Coleosoma
Gattung: Cyllognatha
Gattung: Dipoenura
Gattung: Echinotheridion
Gattung: Exalbidion
Gattung: Helvibis
Gattung: Histagonia
Gattung: Keijia
Gattung: Macaridion
Gattung: Melychiopharis
Gattung: Molione
Gattung: Neottiura
Gattung: Nesticodes
Gattung: Nipponidion
Gattung: Paratheridula
Gattung: Propostira
Gattung: Rugathodes
Gattung: Sardinidion
Gattung: Simitidion
Gattung: Takayus
Gattung: Tekellina
Gattung: Echte Kugelspinnen (Theridion)
Gattung: Theridula
Gattung: Thymoites
Gattung: Tidarren
Gattung: Wamba

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Rainer F. Foelix, Biologie der Spinnen, Thieme, 1979 ISBN 313575801X
  • Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Prof. Dr. Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Koehler, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Bernhard Rensch, Prof. Dr. Peter Rietschel und Prof. Dr. Erich Thenius: Grzimeks Tierleben. Niedere Tiere. Erster Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Hans-Eckhard Gruner, Hans-Joachim Hannemann und Gerhard Hartwich, Urania Tierreich, 7 Bde., Wirbellose Tiere, Urania, Freiburg, 1994 ISBN 3332005022
  • Heiko Bellmann, Kosmos-Atlas Spinnentiere Europas. Und Süßwasserkrebse, Asseln, Tausendfüßer, Kosmos, 2006 ISBN 3440107469
  • Dick Jones, Der Kosmos-Spinnenführer, Frankh, 1990 ISBN 3440061418
  • Heiko Bellmann, Spinnen. Beobachten - Bestimmen, Naturbuch-Verlag, 1992 Weltbild Verlag GmbH, Augsburg ISBN 3-89440-064-1

Qualifizierte Weblinks

'Persönliche Werkzeuge