Haselmaus

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Haselmaus

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Teilordnung: Bilchverwandte (Glirimorpha)
Familie: Schlafmäuse (Gliridae)
Unterfamilie: Eigentliche Bilche (Glirinae)
Tribus: Muscardinini
Gattung: Haselmäuse (Muscardinus)
Art: Haselmaus
Wissenschaftlicher Name
Muscardinus avellanarius
Linnaeus, 1758

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Haselmaus (Muscardinus avellanarius) zählt innerhalb der Familie der Schlafmäuse (Gliridae) zur Gattung der Haselmäuse (Muscardinus). Trotz ihres Namens gehören sie nicht zu den Mäusen, man rechnet sie zur Unterfamilie der Eigentlichen Bilche (Glirinae). Im Englischen wird die Haselmaus Hazel Dormouse genannt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Die ersten Vorgänger der Haselmaus waren Vertreter aus der Unterfamilie der Eigentlichen Bilche (Glirinae), zu denen auch die Haselmaus gehört. Die Ursprünge liegen bereits im Eozän vor 55 bis 34 Millionen Jahren. Die Blütezeit lag wahrscheinlich im Pleistozän vor 1,8 Millionen Jahren bis vor 10.000 Jahren. Während dieser Zeit bildeten sich auch Riesenformen aus, die vor allem in Südeuropa und auf einigen größeren Mittelmeerinseln vorkamen. Zu den ausgestorbenen Gattungen gehören insbesondere Eomuscardinus, Glirudinus, Heteromyoxus, Myoglis und Paraglis. Diese Gattungen sind wie die Haselmaus im Tribus Muscardinini anzusiedeln. <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Haselmäuse erreichen eine Körperlänge von 6 bis 9 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 5,8 bis 6,8 Zentimeter sowie ein Gewicht von durchschnittlich 15 bis 40 Gramm. Unmittelbar vor der Winterruhe kann das Gewicht auch bis zu 45 Gramm betragen. Das weiche und dichte Fell weist je nach Verbreitungsgebiet und Unterart eine gelblichbraune bis leicht rötlichbraune Grundfärbung auf. Die Bauchseite und der Kehlbereich sind cremefarben bis hellbraun gefärbt. Der lange Schwanz ist vollständig mit Fell besetzt. Markantes Merkmal sind die großen, knopfartigen Augen. Sie sind ein Indiz für die überwiegend nächtliche Aktivität. Die Ohren sind leicht gerundet und relativ klein. Sie sitzen weit hinten, leicht seitlich am Kopf. Im Bereich der stumpf endenden Schnauze zeigen sich lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen, die der Orientierung dienen. Das Weibchen verfügt zum Säugen des Nachwuchses über vier Paar Zitzen. Das kräftige Gebiss der Haselmaus besteht aus 20 Zähnen. Die zahnmedizinische Formel lautet 1/1, 0/0, 1/1, 3/3.

Lebensweise

Haselmaus
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Haselmaus

Als nachtaktives Tier verschläft die Haselmaus den Tag an geschützter Stelle, entweder in ihrem Nest (kugelförmiger Kobel) oder in einer Baumhöhle. Die Nester befinden sich in Bäumen oder Sträuchern in meist geringer bis mittlerer Höhe von zwei bis vier Metern. Aktiv wird sie mit Einbruch der Nacht und in der Nacht. Die Haselmaus lebt hauptsächlich in den Bäumen und steigt nur selten auf den Erdboden herab. Ihre Klettereigenschaften können dabei durchaus als ausgezeichnet bezeichnet werden. Sie können mit diesen ausgezeichneten Klettereigenschaften durchaus mit Eichhörnchen und Siebenschläfern konkurrieren. Auch kleinere Sprünge werden mühelos bewältigt. Haselmäuse leben einzelgängerisch oder in kleinen Familiengruppen, die dann meist aus einem Weibchen und deren Nachwuchs bestehen. Die Nahrung wird fast ausschließlich in den Bäumen, nur gelegentlich auf dem Boden gesucht. Beim Fressen setzen sie ihre Vorderfüße geschickt zum Festhalten ein.

Haselmäuse legen ein ausgesprochen territoriales Verhalten an den Tag. Die Reviere weisen zumeist einen Radius von 150 bis 200 Meter rund um das eigene Nest auf. Reviergrößen von drei bis sechs Hektar sind keine Seltenheit. Sie markieren ihr Revier mit Urin und Sekreten aus den Analdrüsen. Ein Revier wird grundsätzlich erbittert gegenüber Artgenossen verteidigt. Nur während der Paarungszeit kommt es dabei zu einer Annäherung der Geschlechter. Im Spätsommer macht sich die Haselmaus die ersten Gedanken über einen geeigneten, frostsicheren Platz für den mit bis zu sieben Monaten sehr langen Winterschlaf. Meist werden dazu tiefere Erdlöcher oder größere Laubhaufen genutzt. Bis zum Spätsommer haben sich Haselmäuse einen dicken Winterspeck angefressen. Der Winterschlaf wird nicht durch Wachphasen unterbrochen, sie schlafen während dieser Zeit tief und fest. Ihr Stoffwechsel fährt dabei auf ein Minimum zurück. Die Atmung wird auf durchschnittlich zwei bis drei Atemzüge pro Minuten reduziert. Im späten Frühjahr (meist Ende Mai), wenn die Temperaturen die 20°C-Grenze überschreiten, erwachen die Tiere aus ihrem Winterschlaf. Der Winterschlaf erstreckt sich meist von Oktober bis Mitte Mai. Sogleich beginnen sie mit der Nahrungsaufnahme, da der Körper nach einem Winterschlaf sehr geschwächt ist. Die Kommunikation untereinander erfolgt über Pheromone und über Lautäußerungen, die an ein Zwitschern oder Pfeifen erinnern.

Unterarten

Wissenschaftlicher Name Erstbeschreiber IUCN-Status Vorkommen
Muscardinus avellanarius avellanarius Linnaeus, 1758 LC weite Teile Europas;
fehlt in Italien und Griechenland
Muscardinus avellanarius speciosus Dehne, 1855 ? zentrales und südlichen Italien sowie Sizilien
Muscardinus avellanarius pulcher Barrett-Hamilton, 1898 ? ganz Italien und Sizilien
Muscardinus avellanarius trapezius Miller, 1908 ? Vorderasien
Muscardinus avellanarius niveus Altobello, 1920 ? Italien
Muscardinus avellanarius zeus Chaworth-Musters, 1932 ? Griechenland und einige griechische Inseln
wie Korfu
Muscardinus avellanarius kroecki Niethammer & Bohmann, 1950 ? Bulgarien

Verbreitung

Haselmäuse kommen mit ihren Unterarten in weiten Teilen Europas und in Vorderasien, auch bekannt als Kleinasien, vor. Die größten Vorkommen sind dabei in südlichen und südwestlichen Regionen Europas beheimatet. Der natürliche Lebensraum erstreckt sich über geschlossene Laubwälder, die über einen entsprechend dichten Unterwuchs in Form von Dickichten und Büschen verfügen. Sie leben sowohl am Boden als auch in Geäst der Bäume und Sträucher. Sie gelten als ausgezeichnete Kletterer. Die Nahrungssuche erfolgt dabei nur selten am Boden. Eher selten sind Haselmäuse in offenen Landschaften zu beobachten, hier sind sie an Feldgehölzen oder in Hecken anzutreffen. Tagsüber schlafen die Tiere in ihren kugelförmigen Nestern in den Bäumen, aktiv werden sie erst mit Einbruch der Nacht.

Prädatoren

Prädator: Rotfuchs (Vulpes vulpes)
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Prädator: Rotfuchs (Vulpes vulpes)

Die Haselmaus steht auf der Speisekarte einiger Fleischfresser. Zu den gefährlichsten gehören zweifelsohne der Rotfuchs (Vulpes vulpes), der Mauswiesel (Mustela nivalis) und der Hermelin (Mustela erminea),. Aber auch einige Eulen (Strigiformes) und Greifvögel (Falconiformes) wie Lannerfalke (Falco biarmicus) und die Schleiereule (Tyto alba). Einziger Schutz vor Fleischfressern bietet den Haselmäusen die rechzeitige Flucht. Sie verstecken sich auf dem Waldboden unter Laub oder flüchten in die Bäume oder Büsche. Während der Winterruhe fallen die Tiere nicht selten Wildschweinen (Sus scrofa) zum Opfer, die sie regelrecht ausgraben.

Ernährung

Haselmäuse gehören zu den Allesfressern. Zu ihrer Hauptnahrung gehören jedoch Früchte, Beeren und Nüsse. Haseln des Haselnussstrauchs (Corylus avellana) stehen dabei weit oben auf der Speisekarte. Gelegentlich wird der Speiseplan durch tierische Nahrung in Form von Vogeleiern, Insekten (Insecta) und deren Larven sowie durch kleine wirbellose Tiere aufgebessert. Aber auch Pollen (Blütenstaub) werden durchaus gerne gefressen. Vor allem im Spätsommer und im frühen Herbst werden überwiegend Haseln gefressen, da diese besonders fettreich sind. Zellulosehaltige Nahrung wird nicht gefressen, da diese vom Verdauungssystem nicht verarbeitet werden kann.

Fortpflanzung

Die Haselmaus erreicht die Geschlechtsreife mit gut zwölf Monaten. Die Paarungszeit beginnt insbesondere in Mitteleuropa Ende Mai, wobei es pro Jahr je nach Verbreitungsgebiet zu einem oder zwei Würfen kommt. Die Geburt erfolgt im Laufe des Juni. Während der Paarungszeit verbreiten Weibchen über Drüsen im Analbereich Pheromone bzw. Gerüche, die auf Männchen außerordentlich anziehend wirken. Ein paarungsbereites Männchen erwidert diese Gerüche mit seinen eigenen Gerüchen. Hat sich ein Paar gefunden, so kommt es zur Kopulation. Das Nest erinnert an den Kobel eines Eichhörnchens und entsteht in mittlerer Höhe von Bäumen oder größeren Sträuchern. Unmittelbar nach der Paarung beginnt das Weibchen damit, sein Nest vorzubereiten. Das Männchen hat mit der Aufzucht des Nachwuchses nichts zu tun. Nach der Paarung verlässt es das Weibchen. Das kugelförmige Nest entsteht überwiegend aus weichen Pflanzenteilen wie Gräser, Moos, Blätter und auch kleine Ästchen, die der Stabilisierung dienen. Es weist einen Durchmesser von bis zu 15 Zentimeter auf. Das Nest wird mit weichem Material wie Tierhaaren, Federchen und anderen Materialien ausgepolstert. Eher selten entsteht das Nest in kleinen Baumhöhlen, ähnlich wie beim Siebenschläfer. Beliebte Habitate für die Aufzucht der Jungen sind insbesondere bewachsene Hänge mit reichlich Sonnenlicht, Waldränder und Lichtungen. Nach einer Tragezeit von etwa 24 bis 28 Tagen bringt das Weibchen zwischen zwei und sieben Jungtiere zur Welt. Die durchschnittliche Wurfgröße beträgt dabei zwischen drei und fünf Jungtiere. Die Jungen sind nur wenig weit entwickelt, sie kommen sowohl blind und taub als auch ohne Fell zur Welt. Die Ohren öffnen sich in der zweiten Lebenswoche, die Augen in der dritten Lebenswoche. Die Zähne bilden sich bis zum Ende der dritten Woche voll aus. Die Jungtiere werden meist in der vierten Lebenswoche von der Muttermilch abgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt nehmen die Jungtiere die erste feste Nahrung zu sich. Zwei Wochen später erreichen die Jungtiere ihre Selbstständigkeit. Haselmäuse haben eine Lebenserwartung von drei bis vier Jahren. In Gefangenschaft können sie auch ein Alter von bis zu sechs Jahren erreichen.

Gefährdung und Schutz

Haselmäuse sind global noch nicht gefährdet. Jedoch sind sie lokal in weiten Teilen ihrer Verbreitungsgebiete selten geworden oder völlig verschwunden. Schuld daran ist die weitreichende Vernichtung der natürlichen Lebensräume. Zwar stehen die Tiere in vielen Ländern Europas unter Schutz, ihre Lebensräume in der Regel jedoch nicht. Haselmäuse benötigen Laubwälder. Diese sind in weiten bereichen durch Nadelwälder ersetzt worden. Hier finden Haselmäuse jedoch keinerlei Nahrung. In der Roten Liste der IUCN wird die Art als nicht gefährdet geführt. Der Gefährdungsgrad der einzelnen Unterarten ist unbekannt.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • [1] David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999

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