Giraffenartige

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Giraffenartige
Giraffe (Giraffa camelopardalis)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Giraffenartige
Wissenschaftlicher Name
Giraffidae
Gray, 1821

Giraffen (Giraffidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla). Es werden 2 Arten in 2 Gattungen geführt. Es handelt sich dabei um Giraffen (Giraffa) und Okapis (Okapia).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Giraffen gehören zu den größten rezenten Wiederkäuern. Neben den langen Beinen gehört der lange Hals der Giraffenartigen zum markantesten Merkmal dieser Familie. Der Hals fällt beim Okapi noch verhältnismäßig kurz aus. Bei der Giraffe ist er extrem lang und erreicht leicht eine Länge von annähernd 3 Metern. Bei Okapis wäre ein extrem langer Hals hinderlich, da sie in dichten Wäldern leben. Der lange Hals stellt eine Anpassung an die Ernährungsgewohnheiten dar, die Adaption erfolgt durch natürliche Auslese. Eine weitere Anpassung ist das schmale Maul der Giraffen, mit dessen Hilfe sie leichter an Triebe und Blätter kommen. Der lange Hals in Verbindung mit den langen Beinen hat jedoch nicht nur Vorteile.
Okapi (Okapia johnstoni)
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Okapi (Okapia johnstoni)
So befindet sich das Herz der Giraffen etwa in einer Höhe von 2 Metern, das Hirn liegt noch einmal 3 Meter höher. Das bedeutet insbesondere, dass in den Beinen eine hohe Blutsäule steht, deren Gewicht insbesondere auf die Kapilargefäße des darunter liegenden Gewebes drückt. Bei anderen Tieren hätte dies ein Blutstau zur Folge. Nicht so bei den Giraffen. Bei ihnen sind die unteren Beinhälften von einer sehr dicken Hautschicht umgeben, die für einen hohen extravaskulären Druck sorgt und so dem hohen Druck der Blutgefäße entgegenwirkt. Eine weitere Besonderheit stellt das Herz-Kreislauf-System dar. Der Pumpdruck, der notwendig ist, um das Hirn bis ins Hirn zu pumpen, ist fast doppelt so hoch wie bei Tieren ähnlicher Größe. Der Blutdruck im Gehirn wird konstant auf 90 mmHg gehalten. Der Blutdruck auf Herzhöhe beträgt rund 215 mmHg, mmHg ist die traditionelle Maßeinheit für den Blutdruck (Millimeter Quecksilbersäule). Selbst wenn eine Giraffe ihren Kopf zu Boden senkt, beispielsweise beim Trinken, schießt das Blut nicht unkontrolliert in den Kopf. Die Blutgefäße im Giraffenhals sind mit starkem Druck regulierenden Gefäßklappen ausgestattet. Zudem gibt es noch das sogenannte Wundennetz unterhalb des Gehirns, ein Netz aus verzweigten Arterien, das das anströmende Blut wie ein Schwamm aufnimmt. Trotz der enormen Länge weist der Hals der Giraffen wie bei allen Säugetieren nur 7 Halswirbel auf. Diese sind jedoch stark verlängert und durch Sehnen und Muskel mit einem Ansatzpunkt am Rückenhöcker miteinander verbunden. In diesem Gerüst liegen die Speise- und die Luftröhre. Wie bei allen Wiederkäuern, so gelangt das Futter zum Wiederkäuen durch die lange Speiseröhre zurück ins Maul. Die Nahrungsklumpen, die diesen Weg gehen, sind in etwa tennisballgroß. Der lange Hals stellt auch für die Atmung eine Herausforderung dar. Die Luftröhre weist eine Länge von 150 Zentimeter und einen Durchmesser von 5 Zentimeter auf. Das Volumen der Luftröhre beträgt rund 3 Liter. Die Atemfrequenz liegt im Ruhezustand bei den Giraffen bei 20 Atemzügen pro Minute. Dies ist deutlich mehr als beispielsweise beim Menschen (12 bis 15 Atemzüge). Der Schädel weist eine Länge von bis zu 73 Zentimeter auf und wiegt je nach Geschlecht zwischen 13 und 17 Kilogramm. Das kräftige Gebiss besteht aus 32 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet 0/3, 0/1, 383, 3/8. Die Weibchen verfügen zum Säugen des Nachwuchses über 4 Zitzen. Giraffen erreichen eine Körperlänge (Kopf-Rumpf) von 380 bis 470 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 80 bis 100 Zentimeter, einer Standhöhe (bis zu den Hörnern) von 390 bis 530 Zentimeter sowie ein Gewicht von 550 bis 1.930 Kilogramm. Weibchen bleiben kleiner und leichter als Männchen. Das Okapi ist deutlich kleiner. Es erreicht eine Körperlänge von 190 bis 200 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 30 bis 42 Zentimeter, eine Standhöhe von 150 bis 170 Zentimeter sowie ein Gewicht von 210 bis 250 Kilogramm. Das Fell der Giraffen weist Flecken in unterschiedlicher Größe und Farbe, unterbrochen durch netzartig angeordnete cremefarben bis ockerfarbene Linien. Die Flecken können orangebraun, rotbraun oder fast schwarz sein.
Netzgiraffe (Giraffa camelopardalis reticulata)
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Netzgiraffe (Giraffa camelopardalis reticulata)
Die Flecken, die durchweg eine unregelmäßige Form aufweisen, imitieren das Spiel von Licht und Schatten in den leicht bewaldeten oder baumsteppenartigen Lebensräumen. Die Fleckung variiert zwischen den Unterarten zum Teil sehr stark, zum Teil auch zwischen den Geschlechtern und Altersklassen innerhalb einer Population. Das Fellmuster einer Giraffe ist einzigartig wie ein Fingerabdruck. Das samtartige Fell des Okapi ist dunkel kastanienbraun bis fast schwarz mit einem purpurnen Schimmer. Im Gesäß zeigen sich auffällige schwarz-weiße Querstreifen. Der untere Bereich des Rumpfes sowie die Oberschenkel weisen ebenfalls diese markante Streifung auf. Männchen sind insgesamt etwas dunkler gefärbt als Weibchen.

Zu den giraffenähnlichen Merkmalen der Okapis zählen die lange und bewegliche Zunge, die hautüberzogenen Stirnzapfen und die eingekerbten Eckzähne. Bei den Okapis tragen jedoch nur die Männchen Hörner, bei den Geraffen beide Geschlechter. Gravierende Unterschieden zwischen Girraffen und Okapis zeigen sich in der Ökologie und im Verhalten.

Lebensweise

Giraffen leben in lockeren sozialen Gruppen, die aus Weibchen, Jungbullen und Jungtieren bestehen. Die Gruppenzusammensetzung sind jedoch nicht fest, da ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Soziale Bande sind nur zwischen Müttern und ihren Kälbern zu beobachten. Geschlechtsreife Bullen leben in der Regel einzelgängerisch und legen auf der Suche nach Kühen weite Strecken zurück. Die zurückgelegte Strecke kann durchaus 20 Kilometer am Tag betragen. Paarungsberechtigt sind in der Regel nur die größten und stärksten Bullen, die sich in den Rivalenkämpfen behaupten können. Um ein rangniedrigeres Männchen zu vertreiben, richtet sich ein dominanter Bulle mit hochgerecktem Hals auf und stemmt sich mit durchgedrückten Beinen gegen seinen Rivalen. Unterlegene Tiere suchen das Weite. Trifft ein Bulle auf eine brünftige Kuh, so testet er ihre Paarungsbereitschaft, indem er ihren Urin durch lecken mit der Zunge prüft und die Genitalien beschnüffelt. Aufgenommener Urin wird im Gaumenbereich mit dem Vomeronasalorgan geprüft. Dabei nimmt der Bulle die typische Flehm-Haltung ein. Beim Flehmen sind die Lippen zurückgezogen und das Maul leicht geöffnet. Giraffen sind durchaus schnelle Läufer. Auf kurzen Strecken erreichen sie eine Geschwindigkeit von bis zu 30 km/h.

Verbreitung

Giraffen kommen südlich der Sahara in offenen Waldlandschaften und im leicht bewaldeten Grasland, zuweilen auch in trockenen Busch- und Baumsavannen vor. Ursprünglich kamen Giraffen auch nördlich der Sahara vor. Hier wurden sie jedoch ausgerottet. Das heutige Verbreitungsgebiet ist nicht mehr zusammenhängend. Die größten zusammenhängenden Verbreitungsgebiete sind in Ostafrika zu finden. Hier sind alleine 5 der 9 Unterarten anzutreffen. Die Westafrikanische Giraffe (Giraffa camelopardalis peralta) kommt nur noch reliktartig im westlichen Afrika vor. Das Okapi ist im Norden und Nordosten der Republik Kongo verbreitet. Hier lebt es im tropischen Regenwald und hält sich für gewöhnlich im dichten Unterholz verborgen. Nur während der Nahrungssuche sind die Tiere auf Waldlichtungen an Fließgewässern zu beobachten.

Beziehung zu anderen Organismen

Löwe (Panthera leo)
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Löwe (Panthera leo)

Prädatoren

Zu den Hauptfleischfressern gehören zweifelsohne der Löwe (Panthera leo). Giraffen sind jedoch nicht wehrlos. Sie können zum einen sehr schnell laufen und entkommen so auch schnellen Fleischfressern, zum anderen können Giraffen schmerzhafte Tritte austeilen, die mitunter auch für einen Löwen tödlich sein können. Junggiraffen werden nicht selten von Leoparden (Panthera pardus), Hyänen (Hyaenidae) oder Geparden (Acinonyx jubatus) gerissen. An Wasserlöchern oder Flüssen, wo Giraffen Trinkwasser zu sich nehmen, kann es gelegentlich zu Übergriffen von Krokodilen (Crocodilia) kommen.

Symbiose

Giraffen leben in Symbiose mit Madenhacker (Buphagus) und ähnlichen Vögeln, die es auf die im Fell der Giraffen lebenden Parasiten abgesehen haben. Die Vögel nehmen nicht nur Parasiten auf, sondern stochern auch in Wunden oder den Ohren, wo sie insbesondere Ohrenschmalz aufnehmen.

Parasiten

Giraffen werden sehr häufig von Parasiten heimgesucht. Dazu gehören unter anderem Zecken (Ixodida), insbesondere Schildzecken (Ixodidae) der Gattungen Amblyomma, Boophilus und Rhipicephalus. Als nachgewiesene Endoparasiten treten vor allem Fadenwürmer (Nematoda) wie Haemonchus contortus, Peitschenwürmer (Trichuris), Parabronema sp., Monodontella giraffae sowie Bandwürmer (Cestoda) wie der Rinderfinnenbandwurm (Taenia saginata) in Erscheinung.

Ernährung

Giraffen sind reine Pflanzenfresser, die sich fast ausschließlich von Laub ernähren. Das Laub von Bäumen und Büschen gehört zu ihrer bevorzugten Nahrung. Daher sind Giraffen in völlig offenen Flächen nur selten anzutreffen. Beliebte Futterpflanzen sind beispielsweise Akazien (Acacia) und ähnliche Pflanzenarten. Studien haben ergeben, dass zwischen 40 und 60 Pflanzenarten auf der Speisekarte der Giraffen stehen. Nährstoffreiche Pflanzenteile wie Blätter, Blüten, junge Triebe und Früchte werden bevorzugt verzehrt. In Mangelzeiten wird auch trockenes Laub, Zweige und trockene Samenkapseln gefressen. Da in den zum Teil sehr trockenen Savannen Pflanzen nur vereinzelt wachsen und saisonal Blätter ausbringen, müssen Giraffen auf der Suche nach Nahrung weite Strecken zurücklegen. Die Nahrungshabitate können dabei durchaus eine Größe von mehreren Hundert Quadratkilometern aufweisen. In der Sahelzone des Niger können die Streifreviere bis zu 1.500 Quadratkilometer groß sein. Giraffen suchen ihre Nahrung meist in der Nähe von Wasserläufen, da hier die Bodenfeuchtigkeit Pflanzenwuchs erlaubt.

Das Maul der Giraffen ist optimal an ihre Ernährungsweise angepasst. Mit der langen Greifzunge pflücken sie stachlige Pflanzenteile und zermahlen sie zwischen den Backenzähnen. Weiche Schösslinge ziehen Giraffen durch die Lücke zwischen Eck- und Backenzähnen. Die Blätter werden dabei über die Schneide- und die eingekerbten Eckzähne gekämmt und vom Astwerk befreit. Aufgrund ihrer Größe können Giraffen Nahrung bis in Höhen von 5 Metern aufnehmen. Giraffen wenden je nach Geschlecht zwischen 43 (Männchen) und 55 Prozent (Weibchen) ihrer aktiven Zeit für die Nahrungssuche auf. Die Menge der aufgenommenen Nahrung schwankt je nach Geschlecht zwischen 58 und 66 Kilogramm. Den Wasserbedarf decken Giraffen hauptsächlich aus der Nahrung. Sie müssen also nur selten Trinkwasser zu sich nehmen. Ist Wasser vorhanden, so nehmen sie dieses jedoch täglich zu sich.

Fortpflanzung

Bullen kommen meist erst im Alter von frühestens 8 Jahren zu ihrer ersten Paarung. Weibchen erreichen die Geschlechtsreife hingegen bereits mit 4 bis 5 Jahren. Nach einer Trächtigkeit von rund 15 Monaten wird ein Kalb geboren. Zwillingsgeburten sind sehr selten, aber dokumentiert. Eine Kuh wird meist 5 Monate nach einer Geburt erneut trächtig. In ihrem Leben bringt eine Kuh zwischen 5 bis 10 Kälber zur Welt. Die Geburt erfolgt im Stehen, ein Kalb fällt also bei der Geburt aus einer Höhe von etwa 2 Metern auf den Boden. Es weist ein Geburtsgewicht von durchschnittlich 100 Kilogramm auf. Die Säugezeit erstreckt sich über einen Zeitraum von gut 18 Monaten. In den ersten Lebenswochen bleibt das Kalb an geschützter und schattiger Stelle verborgen, ehe es kräftig genug ist der Herde zu folgen.
Angola-Giraffe (Giraffa camelopardalis angolensis) in Gefangenschaft
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Angola-Giraffe (Giraffa camelopardalis angolensis) in Gefangenschaft
Die Mutter bleibt dabei immer in der Nähe und wacht über ihr Junges. Im Fall eines Angriffs verteidigt eine Mutter ihr Junges vehement, selbst gegen ein Rudel Löwen. In der Jugendphase kommt es unter Jungbullen zu ritualisierten Kämpfen, die jedoch freundschaftlich ausgetragen werden. Dabei winden sie ihre Hälse umeinander. Die Kämpfe können durchaus 30 Minuten oder länger dauern. Sie dienen im Wesentlichen der Stärkung der Halsmuskulatur und der Vorbereitung auf die zukünftigen Rivalenkämpfe. Adulte Bullen kämpfen erbittert um das Paarungsrecht mit den Weibchen, wenngleich die Kämpfe heftiger ausschauen als sie sind. Bei den Kämpfen schwingen die Bullen ihre Köpfe wie Keulen und versuchen den Kontrahenten aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Lebenserwartung der Giraffen beträgt rund 25 Jahre.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Auch wenn Giraffen insgesamt noch nicht bedroht sind, dies gilt für beide Arten, ist lokal ein dennoch ein starker Rückgang zu verzeichnen. Besonders schlecht steht es um die westafrikanischen Populationen. Die Ursachen sind in der Regel in der Überjagung zu suchen. Aber auch die Vernichtung der natürlichen Lebensräume trägt dazu bei. In der Sahelzone ist Brennholz Mangelware. Daher werden Bäume von der einheimischen Bevölkerung gefällt und als Brennholz genutzt. Dadurch bedingt sinkt der Baumbestand vor allem in der Sahelzone besorgniserregend. Wälder werden aber auch zugunsten von Weide- und Farmland gerodet. Die Populationen im Osten und Südosten Afrikas sind weitestgehend stabil und wachsen lokal sogar an. Die Bestände der Okapis sind mit rund 30.000 Tieren relativ stabil. Beide Arten werden in der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet geführt.

Systematik der Giraffenartigen

  • Familie Giraffenartige (Giraffidae)

Anhang

Literatur und Quellen

'Persönliche Werkzeuge