Gibbons

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Gibbons
Weißhandgibbon (Hylobates lar)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mamalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Euarchontoglires
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Familie: Gibbons
Wissenschaftlicher Name
Hylobatidae
Gray, 1870

Gibbons (Hylobatidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mamalia) zur Ordnung der Primaten (Primates) und der Teilordnung der Altweltaffen (Catarrhini). Man bezeichnet sie gelegentlich auch als Kleine Menschenaffen. Es werden 7 rezente Arten in einer monotypischen Gattung geführt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Körperbau und Funktion

Anders als die Menschenaffen haben Gibbons in Bezug auf die Größe keinen Dimorphismus entwickelt. Gibbons weisen eine überaus schlanken Körperbau auf, der durch sehr lange Arme geprägt ist. Die grundlegenden Anpassungen für die einzigartige hängend-schwebende Lebensweise der Gibbons betreffen die hangelnde Fortbewegung in den Bäumen sowie die aufrechte Körperhaltung. Ein weiteres Merkmal sind die komplexen Rufe, die hauptsächlich im Duett vorgetragen werden. Die Rufe dienen im Wesentlichen der Paarbindung und -Festigung sowie der territorialen Reviermarkierung. Die Kombination aus Monogamie, frugivorer Ernährung, Territorialität, hangelnder Fortbewegung und komplexer Gesänge ist in der Ordnung der Primaten (Primates) einzigartig. Die Arme und Beine sind sehr lang und das Fell der Gibbons ist trotz der tropischen Lebensräume ausgesprochen dicht. Gehen sie am Boden, so bewegen sie sich aufrecht auf zwei Beinen fort. Die einzelnen Arten, nicht selten auch die Geschlechter und Altersgruppen, zeichnen sich durch eine variable Fellfärbung aus. Einige Arten haben Kehlsäcke entwickelt, die als Resonanzkörper der Rufe dienen. Dies ist beispielsweise beim Siamang der Fall. Die Rufe sind auch ein gutes Unterscheidungsmerkmal zwischen den einzelnen Arten. Gibbons erreichen je nach Art eine Körperlänge von 45 bis 89 Zentimeter sowie ein Gewicht von 5,5 bis 10 Kilogramm. Die größte Gibbonart ist der Siamang. Die Maße der einzelnen Arten kann der nachstehenden Tabelle entnommen werden. Das Fell ist sehr variabel gefärbt, es treten je nach Art, Geschlecht und Altergruppe schwarze, braune, hellbraune oder gräuliche Fellfärbungen auf. Bei allen Arten treten markante Gesichtszeichnungen in Erscheinung.

Das Fell der männlichen Schwarzen Schopfgibbons ist mehr oder weniger weißlich mit gelblichen oder rötlichen Wangen gefärbt, Weibchen sind ockergelb bis goldfarben getönt. Zuweilen zeigen sich bei den Weibchen auch schwärzliche Haarbüschel. Der Nachwuchs ist weiß gefärbt. Beim Siamang und beim Kloss-Gibbon sind sowohl Männchen und Weibchen als auch die Jungtiere schwarz, der Kehlbereich ist gräulich bis leicht rosafarben gefärbt. Beim Weißbrauengibbon sind die Männchen schwarz, die Weibchen goldfarben mit schwarzen Wangen. Bei beiden Geschlechtern zeigen sich weißliche Augenbrauen. Die Jungen sind weißlich gefärbt. Die Männchen der Kappengibbon sind schwarz und weisen weiße Hände und Füße sowie einen weißen Kopfring auf. Die Weibchen sind silbergrau mit schwarzer Brust. Die Jungen sind gräulich gefärbt. Beim Grauen Gibbon sind beide Geschlechter grau gefärbt, wobei sich im Brustbereich eine dunkle Färbung zeigt. Die Männchen sind durch einen hellen Gesichtsring erkennbar. Beide Geschlechter und der Nachwuchs des Silbergibbons sind gräulich gefärbt. Die Kappe und der Brustbereich sind etwas dunkler als das restliche Fell. Beim Schwarzhandgibbon zeigt sich innerhalb von verschiedenen Populationen eine variable Färbung. Es treten ockergelbe, rotbraune, braune oder schwarze Färbungen auf. Die Geschlechter sind jedoch immer gleich gefärbt. Beim Weißhandgibbon zeigt sich ebenfalls eine variable Färbung. Sie reicht von ockergelb, hellbraun oder braun, rotbraun bis hin zu schwarz. Das Gebiss besteht aus 32 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet 2/2, 1/1, 2/2, 3/3.

Aussehen und Maße

Deutscher Name Wissenschaftliche Bezeichnung Körperlänge male Körperlänge female Gewicht male Gewicht female
Siamang Symphalangus syndactylus 75 - 90 cm 75 - 90 cm 10,5 kg 10,5 kg
Schwarzer Schopfgibbon Nomascus concolor 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,7 kg 5,7 kg
Gelbwangen-Schopfgibbon Nomascus gabriellae 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,7 kg 5,7 kg
Weißwangen-Schopfgibbon Hoolock hoolock 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,7 kg 5,7 kg
Weißhandgibbon Hylobates lar 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,7 kg 5,3 kg
Kloss-Gibbon Hylobates klossii 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,8 kg 5,8 kg
Kappengibbon Hylobates pileatus 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,4 kg 5,4 kg
Grauer Gibbon Hylobates muelleri 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,7 kg 5,3 kg
Silbergibbon Hylobates moloch 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,9 kg 5,9 kg
Schwarzhandgibbon Hylobates agilis 45 - 64 cm 45 - 64 cm 5,9 kg 5,9 kg

Lebensweise

Gibbons sind tagaktiv und leben in monogamen Familiengruppen. Die Mitglieder einer Familiengruppe bleiben für gewöhnlich eng beieinander. Nur bei der Nahrungssuche entfernen sie sich gelegentlich 30 bis 50 Meter von der Gruppe. Trotz der monogamen Familiengruppen halten sich soziale Kontakte in Grenzen. Die Kommunikation untereinander erfolgt über die visuelle und akustische Reize. Ein wichtiger Teil der sozialen Kontakte ist das Grooming. Es handelt sich dabei um verschiedene Aktivitäten eines Tieres, die unmittelbar der Körperpflege zugeordnet werden können. Der auffälligste und sicher auch energetisch kostspieligste Teil des Sozialverhaltens ist der Gesang. Er wird bei einem Pärchen fast ausschließlich im Duett vorgetragen. Der Gesang dient neben der Kommunikation untereinander auch der Revierverteidigung. Die Dauer der Gesänge variiert dabei je nach Art. Eine Gesangsdauer von bis zu 15 Minuten ist dabei keine Seltenheit. Ein Duettgesang tritt jedoch nicht bei allen Arten auf. Eine Ausnahme bilden hier der Kloss-Gibbon und der Silbergibbon. Mitunter kommt es bei einigen Arten auch zu Sologesängen der Männchen. Bekannt sind die Sologesänge insbesondere bei Weißhandgibbons, Kloss-Gibbons, Schwarzhandgibbons und Grauer Gibbons.

Nicht permanent, jedoch wenigstens täglich macht sich ein Gibbonpärchen im Revier durch lautstarken Gesang bemerkbar. Dabei kann’s durchaus zu kurzen Konfrontationen mit anderen Gruppen an den Reviergrenzen kommen. Zu handfesten Kämpfen kommt es jedoch eher selten. Die Streifreviere der Gibbons erstrecken sich meist über 30 bis 60 Hektar. In der Regel sind auf einem Quadratkilometer 3 bis 4 Gibbonfamilien anzutreffen. Bei der täglichen Nahrungssuche legen die Tiere zwischen 800 und 1.500 Metern zurück.

Verbreitung

Gibbons sind in weiten Teilen des südostasiatischen Festlandes und des Sundaschelfs verbreitet. Besiedelt werden das nordöstliche Indien bis zum südlichen China, Bangladesh, Myanmar und Indochina bis zur Malaiischen Halbinsel, Sumatra, das westliche Java und Borneo. Gibbons bewohnen neben immergrünen tropischen Regenwäldern auch halbimmergrüne Monsumwälder. Sie leben zumeist hoch oben in den Bäumen und betreten den Waldboden eher selten. Gibbons gelangten vor etwa 1 Millionen Jahren nach Südostasien, wo sie in Südwesten, im Nordosten und im Osten isoliert wurden. Die Isolation der einzelnen Arten lässt sich mit den pleistozänen Meeresspiegelschwankungen vor 5 bis 1,8 Millionen Jahren im südostasiatischen Raum erklären. Aus diesen 3 Stammeslinien entwickelten sich im Laufe der Zeit der Siamang (Hylobates syndactylus), die Schopfgibbons (H. concolor, H. gabriellae und H. leucogenys) und die übrigen Arten. Großen Veränderungen unterlagen die im Osten auf dem Festland vorkommenden Arten. Das Festland wurde im Zuge der letzen Zwischeneiszeiten besiedelt. Hier entwickelten sich zunächst der Weißbrauengibbon (Hylobates hoolock), später der Kappengibbon (Hylobates pileatus) und zuletzt, während der letzten Eiszeit, der Weißhandgibbon (Hylobates lar). Die einzelnen Arten sind in der Regel durch Gewässer voneinander getrennt. Eine Ausnahme bildet der Siamang, der in Malaisia mit dem Weißhandgibbon und auf Borneo mit dem Schwarzhandgibbon (Hylobates agilis) sympatisch ist.

Prädatoren

Prädator: der Leopard (Panthera pardus)
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Prädator: der Leopard (Panthera pardus)

Hoch oben in den Baumkronen haben Gibbons im Grunde genommen keine Fleischfresser zu befürchten. Allenfalls größere Greifvögel (Falconiformes) sind in der Lage ein Jungtier zu erbeuten. Auf dem Waldboden gilt der Leopard (Panthera pardus) als ärgster Feind. Hin und wieder erbeuten auch Riesenschlangen (Boidae) wie der Dunkle Tigerpython (Python molurus bivittatus) einen Gibbon. Der Schwund in den Populationen durch Fleischfresser macht sich insgesamt kaum bemerkbar.

Ernährung

Zur bevorzugten Nahrung der Gibbons gehören hauptsächlich saftige und reife Früchte, die an verstreuten Nahrungsplätzen im Revier gefunden werden. Unreife Früchte werden hingegen nicht oder nur selten gefressen, da diese nur schwer verdaulich sind. Neben Früchten stehen auch Blätter und in einem geringen Umfang auch Gliederfüßer (Arthropoda) auf der Speisekarte. Letztere dienen hauptsächlich als Proteinquelle. Der Kloss-Gibbon weist mit etwa 22 Prozent den höchsten tierischen Anteil am Nahrungsaufkommen aller Gibbons auf. An reife Früchte kommen Gibbon ganzjährig, da die verschiedenen Fruchtarten zu unterschiedlichen Zeiten reifen. Gibbons bilden ein wichtiges Glied in der Koexistenz zwischen Tieren und Pflanzen. Sie gelten als exzellente Samenverbreiter und tragen so zur natürlichen Regeneration der Wälder bei. Ein Drittel der aktiven Zeit entfällt bei den Gibbons auf die Nahrungssuche. Dies entspricht pro Tag rund 3 bis 3.5 Stunden. Gibbons verfügen über einen einkammrigen Magen sowie über einen voluminösen Blind- und Grimmdarm (Teil des Dickdarms). So können auch große Mengen an Blättern verdaut und fermentiert werden.

Fortpflanzung

Gibbons leben in einer monogamen Einehe, die für gewöhnlich ein Leben lang hält. Die Arten erreichen die Geschlechtsreife mit 6 bis 8 Jahren. Sie reproduzieren sich nur alle 2 bis 3 Jahre, wobei ein einzelnes Jungtier zur Welt kommt. In der Regel weist eine Familiengruppe neben dem Pärchen 1 bis 2 Junge aus verschiedenen Würfen auf. Die Paarung erfolgt im Geäst der Bäume, zumeist in dorsoventraler Position, wobei sich ein Weibchen auf einen Ast hockt und das Männchen von hinten aufreitet. Es ist jedoch auch von Kopulationen von Angesicht zu Angesicht berichtet worden. Die Tragezeit erstreckt sich über 7 bis 8 Monate, die Säugezeit endet nach 12 bis 14 Monaten. Die Väter haben auch ihren Anteil an der Aufzucht des Nachwuchses. Vor allem die Männchen der Siamangs kümmern sich aufopfernd um ihren Nachwuchs. In der Regel übernehmen Männchen jedoch die Aufsicht erst mit Ende der Stillzeit. Dann jedoch deutlich mehr als die Weibchen. Mit Beginn des vierten Lebensjahres ist der Nachwuchs selbständig. Spätestens mit Erreichen der Geschlechtsreife verlässt der Nachwuchs die Familiengruppe. Sie leben bis zur Gründung einer eigenen Familie einzelgängerisch. Der Gesang der subadulten Tiere, insbesondere der subadulten Männchen, soll ein potentielles Weibchen anlocken. Gibbons erreichen je nach Art ein Alter von 25 bis 30 Jahren, in Gefangenschaft sogar bis zu 40 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Kritisch gefährdet: der Silbergibbon (Hylobates moloch)
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Kritisch gefährdet: der Silbergibbon (Hylobates moloch)

Zahlreiche Arten der Gibbons gehören heute zu den gefährdeten oder gar stark gefährdeten Primatenarten. Der Silbergibbon steht bereits kurz vor der Ausrottung und gilt als kritisch gefährdet. Man schätzt die Bestände der Silbergibbons heute auf weniger als 1.000 Individuen. Der Hauptgrund für die teils dramatische Gefährdungssituation ist die Vernichtung der tropischen Regenwälder. Dadurch verlieren Gibbons ihren natürlichen Lebensraum. In weiten Teilen Südostasiens sind Gibbons mittlerweile völlig verschwunden. Gejagt werden die Tiere in aller Regel nicht. Aufgrund ihrer aufrechten Haltung und des intelligenten Ausdrucks werden die Tiere von der indigenen Bevölkerung als gute Geister angesehen. Ein Problem stellen jedoch Wildfänge dar. Nicht selten werden Gibbons unter grausamen Bedingungen als Haustiere gehalten.

Die Gefährdungssituation im Einzelnen:

Alte Systematik der Gibbons

Siamang (Hylobates syndactylus)
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Siamang (Hylobates syndactylus)

Man kann die einzelnen Arten auch anhand ihrer unterschiedlichen Chromosomenzahl in Untergattungen einteilen. Die Schopfgibbons unterscheiden sich ebenso stark von der Lar-Gruppe wie der Siamang von den Weißbrauengibbons. Demnach ergibt sich folgende Einteilung:

Gelbwangen-Schopfgibbon (Hylobates gabriellae)
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Gelbwangen-Schopfgibbon (Hylobates gabriellae)

Neue Systematik der Gibbons

Der Spit der alten Gattung Hylobates erfolgt aufgrund der unterschiedlichen Chromosomenzahl. Danach teilen sich Gibbons in folgende neue Gattungen auf (Geissmann, 2003):

Gattung: Symphalangus

Art: Siamang (Symphalangus syndactylus)

Gattung: Schopfgibbons (Nomascus)

Art: Westlicher Schwarzer Schopfgibbon (Nomascus concolor)
Art: Östlicher Schwarzer Schopfgibbon (Nomascus nasutus)
Art: Gelbwangen-Schopfgibbon (Nomascus gabriellae)
Art: Nördlicher Weißwangen-Schopfgibbon (Nomascus leucogenys)
Art: Südlicher Weißwangen-Schopfgibbon (Nomascus siki)

Gattung: Hoolock

Art: Weißbrauengibbon (Hoolock hoolock)

Gattung: Kleine Gibbons (Hylobates)

Art: Kloss-Gibbon (Hylobates klossii)
Art: Kappengibbon (Hylobates pileatus)
Art: Grauer Gibbon (Hylobates muelleri)
Art: Silbergibbon (Hylobates moloch)
Art: Schwarzhandgibbon (Hylobates agilis)
Art: Weißhandgibbon (Hylobates lar)
Art: Weißbartgibbon (Hylobates albibarbis)

Anhang

Literatur und Quellen

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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