Esparsetten-Widderchen

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Esparsetten-Widderchen

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Geflügelte Insekten (Pterygota)
Überordnung: Neuflügler (Neoptera)
Ordnung: Schmetterlinge (Lepidoptera)
Unterordnung: Glossata
Familie: Widderchen (Zygaenidae)
Unterfamilie: Rotwidderchen (Zygaeninae)
Gattung: Zygaena
Art: Esparsetten-Widderchen
Wissenschaftlicher Name
Zygaena carniolica
(Scopoli, 1763)

Das Esparsetten-Widderchen (Zygaena carniolica), das auch Blutströpfchenfalter oder Krainer Widderchen genannt wird, zählt innerhalb der Familie der Widderchen (Zygaenidae) zur Gattung Zygaena. Das Esparsetten-Widderchen ist auch unter dem Synonym Agrumenia carniolica bekannt. Das Esparsetten-Widderchen ähnelt sehr dem Bergkronwicken-Widderchen (Zygaena fausta), die roten Flecken sind jedoch goldgelb eingefaßt.

Die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft wählte am 28. November 2007 das Esparsetten-Widderchen zum Insekt des Jahres 2008. Schirmherr der Wahl war Herr Minister Reinhold Dellmann (Minister für Infrastruktur und Raumordnung des Landes Brandenburg).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Das Esparsetten-Widderchen erreicht eine Körperlänge von etwa 3,5 Zentimeter, wobei das Weibchen etwas größer wirkt als das Männchen. Die Flügelspannweite beträgt etwa 35 bis 40 Millimeter und die Länge der Flügel beträgt 12 bis 16 Millimeter. Die Vorderflügel sind mit einem Muster versehen, das mit fünf oder sechs weißgelben umrandeten, roten Flecken besetzt ist. Die weißgelben Ringe um die "Blutströpfchen" und der rote Hinterleibsring können gelegentlich fehlen. Hinter dem Kopf bilden gelbe Haare eine doppelte Halskrause. Der Fleck am Flügelrand liegt quer zur Flügellänge und ist langgestreckt. Die Flügel zeigen eine schimmernd glänzend dunkelblaue Färbung. Die adulten Tiere besitzen einen wohlentwickelten Rüssel, ein Paar warzenartige oder quer wulstförmige Erhöhungen am Scheitel hinter den Fühlern, die mit einem strahlig angeordneten Haarbüschel versehen sind, auch Jordansches Organ genannt, und ein lichtempfindliches Organ, das sich neben dem Facettenauge befindet. Beim Männchen tritt dieses Organ ziemlich stark hervor. Die Fühler sind am Ende verbreitert und beim männlichen Geschlecht doppelt gekämmt. Die Postcubitalader ist stets auf beiden Flügeln vorhanden. Die Hinterflügel sind verkleinert und haben drei Analadern. Die Raupe wird bis zu 20 mm lang und ist hellgrün oder gelblich gefärbt. Oben auf jedem Segment befinden sich zwei Fleckenpaare. Das vorder Fleckenpaar ist schmal und rechteckig und das hintere Fleckenpaar ist dreieickig geformt.
Futterpflanze: Esparsette (Onobrychis viciifolia)
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Futterpflanze: Esparsette (Onobrychis viciifolia)
Im Allgemeinen wirkt die Raupe gedrungen und weist insgesamt eine zylindrische Form auf. Des Weiteren trägt die Raupe Warzen mit kurzen harten Borsten und lebt frei auf krautigen Pflanzen wie zum Beispiel Esparsette (Onobrychis viciifolia) und Hornklee (Lotus corniculatus) und an einigen weiteren Schmetterlingsblütlern. Sie erscheint im August, überwintert und ist im nächsten Mai erwachsen. Die Raupe verpuppt sich wie die des Bergkronwicken-Widderchens (Zygaena fausta) in einem eiförmigen, glatten Kokon an einem Pflanzenstängel. Dieser Kokon ist aber matt gelblich gefärbt. Bis auf das Beilfleck-Widderchen (Zygaena loti) besitzen alle übrigen Arten der Gattung spindelförmige Puppenkokons. Die Puppe ist schwarzbraun und mit einem hellen Hinterleib ausgestattet. Wie alle Zygaenen-Puppen besitzt auch die Puppe freie, nicht mit dem Körper verklebte Gliedmaßen.

Lebensweise

Auch wenn das Esparsetten-Widderchen tagaktiv ist, so gehört der Schmetterling zoologisch betrachtet zu den Nachtfaltern. Des Weiteren zeigt das Esparsetten-Widderchen einen trägen schwirrenden Flug. Gegen Abend versammeln sich oft mehrere Esparsetten-Widderchen an der Spitze etwas über die Umgebung hinausragender Pflanzen, um dort gemeinsam die Nacht zu verbringen. Die Bedeutung solchen Verhaltens, das auch beim Thymian-Widderchen (Zygaena purpuralis) und beim Bibernell-Widderchen (Zygaena minos), aber sonst von keiner weiteren Widderchen-Art bekannt ist, ist bisher noch unklar. Da die Bezeichnung Schlafgesellschaft bereits eine möglicherweise falsche Interpretation beinhaltet, sollte man vielleicht besser von "Parkstationen" sprechen. Dieses Verhalten könnte zum Beispiel auch der Geschlechterfindung dienen, da die Gesellschaften sich oft aus einem Weibchen und ansonsten nur Männchen zusammensetzen. Vielleicht besteht aber auch ein Zusammenhang mit der für alle Zygaenen-Arten typischen Warnfärbung. Mit ihrem auffallenden schwarzroten Zeichnungsmuster warnen sie mögliche Prädatoren vor einem Angriff, denn in ihren Geweben sind giftige Bestandteile wie Blausäure, Azetylcholin und Histamin enthalten. Die blausäurehaltige Körperflüssigkeit ist eine hochwirksame Verteidigungswaffe. Der Warneffekt könnte durch eine solche Ansammlung verstärkt werden.

Unterarten

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Verbreitung

Das Esparsetten-Widderchen ist in ganz Südeuropa sowie in Mitteleuropa nördlich bis zum Mittelgebirge verbreitet und
Berg-Flockenblume (Centaurea montana)
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Berg-Flockenblume (Centaurea montana)
hält sich gerne auf sonnigen, steinigen Magerwiesen, zwischen Gebüsch oder lichtem Baumbestand auf. Aber auch lokal an den Flugplätzen ist das Esparsetten-Widderchen oft anzutreffen. In Süddeutschland gebietsweise auf der Schwäbischen Alb ist das Esparsetten-Widderchen noch häufig zu finden. In weiten Teilen des Verbreitunsgebietes, vor allem in Norddeutschland, aber auch zum Beispiel am Oberrhein ist eine stark rückläufige Bestandsentwicklung zu beobachten, stellenweise ist das Esparsetten-Widderchen schon ganz verschwunden. Isolierte Vorkommen sind noch von den Pyrenäen und Katalonien bekannt.

Ernährung

Das erwachsene Esparsetten-Widderchen ernährt sich ausschließlich vom Nektar blütentragender Pflanzen wie zum Beispiel von den Flockenblumen (Centaurea) und Skabiosen (Scabiosa). Das Esparsetten-Widderchen ist träge und bleibt lange auf den Pflanzen, aus denen das Esparsetten-Widderchen den Nektar trinkt. Zur Nahrungsaufnahme wird der Saugrüssel ausgerollt und in eine Blüte getaucht. Im Laufe der Evolution hat sich der Saugrüssel aus den verlängerten Außenladen des Unterkiefers gebildet. Im Ruhezustand ist der Saugrüssel zu einer Spirale unterhalb des Kopfes aufgerollt. Dagegen verfügt die Raupe über kräftige Mundwerkzeuge. Unabläßlich ist die Raupe mit Fressen beschäftigt. Unmittelbar nach dem Schlupf ernährt sich die Raupe zunächst vom Dottervorrat des Eies. Kurze Zeit später beginnt sie mit dem Fressen.

Fortpflanzung

Im Laufe der Entwicklung vom Ei bis zum fertigen Falter durchläuft das Esparsetten-Widderchen eine vollständige Metamorphose. Die Entwicklung erstreckt sich über vier Entwicklungsstadien: Ei, Raupe, Puppe und fertiger Schmetterling. Mit dem Schlupf aus der Puppe oder kurze Zeit später ist das Esparsetten-Widderchen auch geschlechtsreif und kann sich fortpflanzen. Ein juveniles Stadium gibt es bei dem Schmetterling nicht. Die Geschlechtsorgane liegen bei beiden Geschlechtern im Bereich des Hinterleibes. Zur Begattung berühren sich die Falter jeweils mit dem Hinterleib. Dabei schauen sie in die entgegengesetzte Richtung.
Futterpflanze: Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus)
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Futterpflanze: Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus)
Die Partner verhaken sich dabei regelrecht. Bei dem Weibchen liegen die Begattungsorgane im Körper, bei dem Männchen bilden die Begattungsorgane äußere Anhängsel. Bei der eigentlichen Begattung führt das Männchen sein Begattungsorgan in das Weibchen ein. Der in das Weibchen übertragene Samen wird in einer Begattungstasche, der sogenannten Bursa copulatrix, gespeichert. Unmittelbar vor der Eiablage wird dann jedes einzelne Ei befruchtet.

Das Esparsetten-Widderchen schlüpft je nach Höhenlage im Mai oder im Juni aus einem gelben, gesponnenen Kokon, meistens in den Morgenstunden. Die Lebenserwartung des Esparsetten-Widderchen beträgt höchsten zwei Wochen. In dieser Zeit ist das Esparsetten-Widderchen tagsüber auf der Suche nach Nektar und nach einem Partner oder Partnerin. Die Kopulation findet meist auf der Futterpflanze Esparsette (Onobrychis viciifolia) sowie auf der Futterpflanze Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus) statt, wo auch das Weibchen kurz nach der Paarung die Eier an die Unterseite von den Blättern der zwei Pflanzen in Bodennähe ablegt. Bereits nach wenigen Tagen verfärben sich die gelblichen Eier leicht bräunlich und die Raupen schlüpfen. Die zwanzig Millimeter langen hellgrünen oder gelblich gefärbten Raupen überwintern nach der zweiten oder dritten Häutung in den oberen Bodenschichten meist unter Laub. Im April oder Mai setzen die Raupen ihre Fressaktivität fort und häuten sich dann noch viermal. Danach verpuppen sich die Raupen. Die Verpuppung erfolgt in einem eiförmigen, glatten Kokon, der an einem Pflanzenstängel oder an Blättern angeheftet ist. Dieser Kokon weist eine matt gelbliche Färbung auf. Die Puppe selbst ist schwarzbraun und weist einen hellen Hinterleib auf und wie alle Zygaenen-Puppen hat die Puppe freie, nicht mit dem Körper verklebte Gliedmaßen. Nach etwa zwei Wochen schlüpft der Falter und ist etwa von Mai oder Juni bis August in frischen leuchtenden Farben auf den Magerwiesen zu beobachten.

Gefährdung und Schutz

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat der Mensch seine Umwelt verändert wie nie zuvor. Diese Veränderungen bedeuten immer Verarmung und damit Rückgang der ökologischen Nischen. Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig und stehen untereinander und mit anderen Faktoren in einer Wechselbeziehung.
Habitat: Magerrasen
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Habitat: Magerrasen
Am wichtigsten sind die Verarmung der Landschaft und Flurbereinigung, Trockenlegung, Urbanisierung und Straßenbau, die allgegenwärtige Verschmutzung sowie der Einsatz von Düngern, Pflanzenschutzmitteln und weiteren Giftstoffen. Besonders empfindlich scheinen die Raupen auf Staub zu reagieren. Blattflächen, die mit einer feinen Staubschicht versehen sind, werden von den Raupen nicht gefessen, die Tiere verhungern eher. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass sie vor allem der gegenwärtige Abrieb der Autoreifen vom Fressen abhält. Die meisten Schmetterlinge (Lepidoptera) sind wohl deswegen am Aussterben, weil ihre Nährpflanzen keinen Platz zum Überleben mehr haben. Wenn ein Landwirt einen trockenen Magerrasen zu düngen beginnt, verschwinden innerhalb kürzester Zeit 80 bis 90 Prozent aller Pflanzenarten. Mit ihnen sterben die phytophagen Insekten, an erster Stelle die Schmetterlinge (Lepidoptera) und die Langfühlerschrecken (Ensifera) sowie die Kurzfühlerschrecken (Caelifera). In diesem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass sich auch viele erwachsene Schmetterlinge (Lepidoptera) ernähren müssen. Wenn sie nicht die richtigen Blüten finden, sterben sie aus, selbst wenn die Raupennahrung noch wächst. Man kann in dieser Beziehung einen praktischen Naturschutz betreiben, indem man entsprechende Insektenblumen in den Gärten pflanzt, wie zum Beispiel: Sommerflieder (Buddlejeae), Ziertabak (Nicotiana sanderae), Rispige Flammenblume (Phlox paniculata), Petunien (Petunia), Rittersporne (Delphinium), Nelken (Dianthus), Lippenblütler (Lamiaceae) wie Echter Lavendel (Lavandula angustifolia), Heckenkirschen oder Geißblätter (Lonicera), Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare), Taubenkropf-Leimkraut (Silene vulgaris), Gewöhnliches Seifenkraut (Saponaria officinalis) sowie Echtes Eisenkraut (Verbena officinalis).

Verwandte Arten

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Heiko Bellmann: Der neue Kosmos-Schmetterlingsführer. Schmetterlinge, Raupen und Futterpflanzen. Kosmos, 2003 ISBN 3440093301
  • Leon Rogez: Schmetterlinge und Raupen. Ensslin im Arena Verlag, 2006 ISBN 3401452541
  • Thomas Ruckstuhl: Schmetterlinge und Raupen. Gondrom Verlag, 2001 ISBN 3401452541
  • Dr. Helgard Reichholf-Riem: Steinbachs Naturführer. Insekten. Mit Anhang Spinnentiere. München: Mosaik Verlag GmbH, München 1984. ISBN 3-570-01187-9
  • Ake Sandhall, übersetzt von Dr. Wolfgang Dierl: BLV Bestimmungsbuch 15. Insekten und Weichtiere. Niedere Tiere und ihre Lebensräume-Gliedertiere, Würmer, Nesseltiere, Weichtiere, Einzeller. BLV Verlagsgesellschaft mbH, München Wien Zürich 1984. ISBN 3-405-11390-3
  • Michael Chinery: Pareys Buch der Insekten: Ein Feldführer der europäischen Insekten. Übersetzt und bearbeitet von Dr. Irmgard Jung und Dieter Jung. Verlag Paul Parey 1987. Hamburg und Berlin. ISBN 3-490-14118-0
  • Kurt Günther, Hans-Joachim Hannemann, Fritz Hieke: Urania Tierreich, 6 Bde., Insekten . Deutsch Harri GmbH; Auflage: 5, 1990 ISBN 387144944X
  • Valerio Sbordoni, Saverio Forestiero: Weltenzyklopädie der Schmetterlinge Arten, Verhalten, Lebensräume. München Südwest Verlag, 1985 ISBN 3-517-00876-1
  • Dr. Frieder Sauer: Sauers Naturführer Raupe und Schmetterling. Karlsfeld Fauna-Verlag, 1988, 4. Auflage ISBN 3-923010-00-1

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