Eisvogel

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Eisvogel

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse: Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Rackenvögel (Coraciiformes)
Familie: Eisvögel (Alcedinidae)
Unterfamilie: Eigentliche Eisvögel (Alcedininae)
Gattung: Alcedo
Art: Eisvogel
Wissenschaftlicher Name
Alcedo atthis
Linnaeus, 1758

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Eisvogel (Alcedo atthis) zählt innerhalb der Familie der Eisvögel (Alcedinidae) zur Gattung Alcedo. Im Englischen wird die Art Common Kingfisher, Eurasian Kingfisher oder River Kingfisher genannt. Der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) wählten den Eisvogel zum Vogel des Jahres 2009 und 1973.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen, Maße

Der Eisvogel erreicht eine Länge (Schnabel- bis Schwanzspitze) von 16,5 bis 18,5 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 24 bis 26 Zentimeter sowie ein Gewicht von 30,2 bis 47 (36) Gramm. Flügel, Kopf und Rücken sind überwiegend blau bis blaugrün gefärbt. Es schimmert je nach Lichteinfall metallisch. Die Bauch- und Brustseite weist eine orangene Färbung auf. Unmittelbar hinter den Augen ist deutlich ein orangener Fleck erkennbar. Im Nacken und im oberen Kehlbereich zeigt sich eine weißliche Färbung. Die recht kleinen Füße sind rötlich gefärbt. Der lange und kräftige Schnabel weist beim Männchen eine schwarze Färbung auf. Beim Weibchen ist der untere Teil des Schnabels dunkelrot gefärbt. Ansonsten weisen die Geschlechter keinen Geschlechtsdismorphismus auf. Das Gefieder juveniler Vögel ist etwas grünlicher und deutlich matter.

Lebensweise

Eisvögel Sie sind sehr standorttreu und bleiben meist in ihrem Revier. Im Flug bewegt sich der Eisvogel schnell und gewandt, er ist ohne Frage ein sehr guter Flieger. Er erreicht durchaus Geschwindigkeiten von 40 bis 45 km/h. Auch rasche Richtungsänderungen sind mit den ausgesprochen kurzen Flügeln kein Problem. Aufgrund der eher ungeeigneten Flügelform muss ein Eisvogel im Flug ständig mit den Flügeln schlagen, um genügend Auftrieb zu erzeugen. Die Handschwingen, die den Schub sorgen, sind zwar relativ groß, jedoch sind die Armschwingen verhältnismäßig kein. Lange Gleitflüge sind daher nicht möglich. Zu kurzen Gleitflügel kommt es jedoch während der Balz. In der Ruhestellung sieht man Eisvögel meist an exponierter Stelle im Geäst sitzen oder durch ihren Lebensraum fliegen. Die Größe des Reviers richtet sich stark an der vorhandenen Nahrung aus. Die Sinne, insbesondere der Sehsinn sind gut entwickelt. Dies ist auch notwendig, da die Hauptnahrung im Flug aus dem Wasser oder knapp über der Wasseroberfläche erbeutet wird. Taucht der Eisvogel ins Wasser ein, so kann er seine Augen mit einer Membrane schützen. Nach der Nahrungssuche und -aufnahme wird regelmäßig das Gefieder geputzt. Mit dem Schnabel wird Öl aus der Bürzeldrüse im Gefieder verteilt. Zudem werden einzelne Feder mit dem plump wirkenden Schnabel filigran in die richtige Richtung gebracht. Die Gefiederpflege nimmt bis zu 20 Minuten in Anspruch.

Rufe, Laute und Gesang

Der Ruf des Eisvogels ist ein klarer und durchaus kraftvoller Ton. Er trägt vor allem über dem Wasser weit. Es handelt sich dabei um einen hohen Pfeifton - ähnlich einem “tschik-tschie“, der in Intervallen wiederholt wird. Der Ruf kann kaum mit dem Ruf anderer Vogelarten verwechselt werden. Am ehesten kann der Ruf des Eisvogels mit einer Heckenbraunelle (Prunella modularis) verwechselt werden, wobei der Ruf des Eisvogels deutlich kräftiger ertönt. Die Laute ertönen vor allem während der Flüge durch das Revier und während des Landeanfluges. Sie dienen hauptsächlich der Reviermarkierung. Im übrigen ertönen die Laute ganzjährig, sowohl in den Sommer- als auch in den Winterquartieren. Der Gesang der Eisvögel setzt sich aus abwechslungsreichen, klangvollen und trillernden Lauten zusammen. Besonders im Frühjahr ertönt der Gesang aufgeregt oder dringend, jedoch meist in einer schnellen Abfolge. Sitzt ein Pärchen gemeinsam auf einer Ansitzwarte, so ertönt der wechselseitige Gesang eher leise. Es handelt sich dabei um einen Grundton mit unterschiedlicher Betonung. Bei der Revierverteidigung ist der Gesang deutlich aggressiver. Es handelt sich hierbei um ein recht schrilles “tschik-it-it”.

Revierverhalten

Eisvögel sind territorial und dulden in ihrem Revier keine Artgenossen. Revierkämpfe manifestieren sich meist nur in Imponiergehabe und Drohgebärden, zu ernsthaften Verletzungen kommt es sehr selten. Mitunter werden auch andere Vogelarten energisch vertrieben. Außerhalb der Paarungszeit leben Eisvögel einzelgängerisch. Die Reviere liegen entlang von Flüssen oder an anderen Gewässerabschnitten. In den meisten Regionen werden die Reviere schon sehr früh zu Beginn der Paarungszeit abgesteckt. Im südlichen Europa ist dies bereits ab September der Fall. Fließende Gewässer werden zwar bevorzugt, sehr schnell fließende jedoch gemieden. In subtropischen und tropischen Regionen werden Reviere ganzjährig besetzt. Die Reviergröße richtet sich im Wesentlichen nach dem Vogelbestand, dem Vorkommen an geeigneter Nahrung und dem Vorhandensein adäquater Nistplätze. Durchschnittlich umfasst ein Revier einen Flussabschnitt von etwa 1.000 Metern. An den Reviergrenzen kann es zu Revierüberlappungen kommen. Im Revier halten sich ein Pärchen und ihr Nachwuchs auf. Spätestens 6 Wochen nach dem Erreichen der Flugfähigkeit fliegen die Jungen jedoch aus. Ein eigenes Revier legen sich Jungvögel erst gegen Ende des ersten Winters zu. Bis zu diesem Zeitpunkt ziehen sie vagabundierend umher.

Tritt ein Eisvogel einen entschlossenen Kontrahenten entgegen, so beginnt der Imponierkampf. Während des Imponierkampfes stehen die Kontrahenten aufrecht mit leicht gekrümmten Schultern. Die Flügel hängen dabei schlaff nach vorne. Der Hals ist gestreckt und der Schnabel wird leicht geöffnet gehalten. Ist die Spannung gebrochen, so ertönen heftige Drohlaute und eine zum Teil minutenlanger Verfolgungsflug beginnt. Zu einem Verfolgungsflug kommt es jedoch nur, wenn sich ein Kontrahent nicht durch das Imponiergehabe beeindrucken lässt. Zu körperlichem Kontakt kommt es dabei nur selten.

Unterarten

Wissenschaftlicher Name Erstbeschreiber Brutgebiete
Alcedo atthis atthis Linnaeus, 1758 Italien bis Südosteuropa, Naher Osten bis Indien, Sibirien
Winter: Nordostafrika bis Pakistan
Alcedo atthis bengalensis Gmelin, 1788 Südliches Asien bis Ostasien
Winter: Südostasien
Alcedo atthis floresiana Sharpe, 1892 Kleine Sunda-Inseln bis Timor
Alcedo atthis hispidoides Lesson, 1837 Sulawesi bis Neuguinea
Alcedo atthis ispida Linnaeus, 1758 westliches bis östliches Europa
Winter: Südeuropa bis Naher Osten
Alcedo atthis salomonensis Rothschild & Hartert, 1905 Salomonen bis San Cristoval
Alcedo atthis taprobana Kleinschmidt, 1894 Indien und Sri Lanka

Verbreitung

Eisvogel im Habitat
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Eisvogel im Habitat

Der Eisvogel ist bis auf das nördliche Skandinavien in ganz Europa verbreitet. Auch in Asien ist er in gemäßigten und tropischen Breitengraden häufig anzutreffen. In Afrika ist der Eisvogel nur nördlich der Sahara anzutreffen. Im Einzelnen ist der Eisvogel in Afghanistan, Albanien, Algerien, Andorra, Armenien, Österreich, Aserbaidschan, Bahrain, Bangladesch, Weißrussland, Belgien, Bhutan, Bosnien-Herzegowina, Brunei, Bulgarien, Kambodscha, China, Kroatien, Zypern, in der Tschechischen Republik, in Dänemark, Ägypten, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Indien, Indonesien, im Irak, in Irland, Israel, Italien, Japan, Jordanien, Kasachstan, in Nord- und Südkorea, in Kuwait, Kirgisistan, Laos, Lettland, Libanon, Libyen, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Mazedonien, Malaysia, Malta, in der Mongolei, in Montenegro, Marokko, Myanmar, Nepal, in den Niederlanden, in Norwegen, Oman, Pakistan, Papua-Neuguinea, auf den Philippinen, in Polen, Portugal, Katar, Rumänien, Russland, Saudi-Arabien, Serbien, Singapur, Slowakei, Slowenien, auf den Solomonen, in Spanien, Sri Lanka, Sudan, Schweden, in der Schweiz, in Syrien, Taiwan, Tadschikistan, Thailand, auf Timor-Leste, Tunesien, in der Türkei, in Turkmenistan, in der Ukraine, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Großbritanien, Usbekistan und Vietnam anzutreffen. Eine Verbreitung auf Guam, den Malediven sowie in Mikronesien und Palau ist ungewiss.

In subtropischen und tropischen Regionen ist der Eisvogel ein Standvogel, in nördlichen Regionen ein Zugvogel. Die Winterquartiere der europäischen Populationen liegen im nördlichen und nordöstlichen Afrika, die der asiatischen Populationen im südlichen und südöstlichen Asien. In Europa ist der Eisvogel der einzige Vertreter der Familie der Eisvögel. Man trifft Eisvögel in der Regel an stehenden oder langsam fließenden Gewässern an. Dazu gehören insbesondere Seen, Teiche, Sumpfgebiete sowie Bach- und Flussläufe. In Höhenlagen kommen die Vögel bis in Höhen von rund 200 Metern vor.

Prädatoren

Eisvögel haben nur wenige natürliche Feinde. Sie sind gewandte Flieger, die den meisten Fressfeinden leicht entkommen. Allenfalls die Brut ist gefährdet. Zu den natürlichen Fressfeinden zählen vor allen Hauskatzen (Felis catus), Hermelin (Mustela erminea) und andere Wiesel (Mustela), aber auch Sperber (Accipiter nisus) und andere Greifvögel (Falconiformes). In Küstennähe stellen auch Möwen (Laridae) den Eisvögeln nach. Darüber hinaus erbeuten gelegentlich auch Schlangen (Serpentes) Eier oder Nestlinge des Eisvogels. Wird ein Gelege angegriffen, so ist der Eisvogel ein sehr wehrhafter Vogel, der sein Gelege energisch verteidigt.

Ernährung

Bevorzugte Nahrung

Beliebte Beute: die Elritze (Phoxinus phoxinus)
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Beliebte Beute: die Elritze (Phoxinus phoxinus)

Der Eisvogel ernährt sich zu etwa gut 95% von kleinen Fische (Osteichthyes). Zu einem kleinen Teil werden aber auch Insekten (Insecta) und deren Larven sowie kleinen Krebstieren (Crustacea) verzehrt. Unter den Insekten stehen die Larven der Libellen (Odonata), Mücken (Nematocera) und Fliegen (Brachycera) auf der Speisekarte. Es scheint daher durchaus üblich zu sein, dass sich Eisvögel auch für Geflügelte Insekten (Pterygota) interessieren. An Fischen werden beispielsweise Elritzen (Phoxinus phoxinus), Rotaugen (Rutilus rutilus), juvenile Döbel (Leuciscus cephalus), Stichlinge (Gasterosteidae) und ähnliches gefressen. Fische weisen eine Länge von bis zu 8 Zentimeter auf. In den Überwinterungsgebieten, insbesondere an Flussmündungen und Häfen fressen Eisvögel auch zahlreiche Salswasserfische.

Nahrungserwerb

Das Jagdrevier des Eisvogels ist zwar in der Regel ein Süßgewässer, jedoch wurde er aber auch an Brackgewässern auf der Jagd beobachtet. Beliebte Nahrungsgründe sind vor allem seichte Uferabschnitte. Der Eisvogel ist zumeist ein Ansitzjäger, der von einem Ast aus sein Revier überblickt und Ausschau nach potentieller Beute hält. In der Regel befindet sich der Ansitz, meist ist es ein kräftiger Pfahl oder Ast, in Höhen von bis zu 3 Meter. Hat er ein Beutetier im Wasser entdeckt, so fliegt er im Sturzflug ins Wasser und ergreift den Fisch mit dem Schnabel. Nicht selten erfolgt die Jagd auch aus dem Rüttelflug heraus. Die Tauchtiefen befinden sich bis in durchschnittliche Tiefen von 20 bis 25 Zentimeter, selten auch tiefer. Die Tauchzeiten sind sehr kurz und liegen meist zwischen 1 und 2 Sekunden. Unter Wasser wird die Kehle verschlossen, um zu verhindern, dass Wasser eindringt. Eine bläuliche Nickhaut schließt das Auge unter Wasser. Wieder an Land schlägt er den Fisch gegen einen Stein oder einen Ast bis er bewegungslos ist, danach wird der Fisch im Ganzen verschlungen.

Zu Beginn der Paarungszeit nimmt der Appetit der Eisvögel deutlich zu. Nach Boag (1984) nimmt ein Eisvogel während dieser Zeit bis zu 45 Gramm an Nahrung pro Tag zu sich. Dies entspricht etwas mehr als dem Körpergewicht eines Eisvogels. Während der Aufzuchtzeit des Nachwuchses sogar mehr als das doppelte des Körpergewichtes. <1>

Fortpflanzung

Balz

Im Winter und außerhalb der Paarungszeit leben Eisvögel einzelgängerisch und verteidigen ihr Revier energisch. Dieses Verhalten ändert sich zur Paarungszeit. Die Paarbildung erfolgt bereits sehr früh im Jahr. Eisvögel leben für gewöhnlich in einer saisonalen Einehe, wobei es durchaus vorkommen kann, dass sich dieselben Vögel in aufeinanderfolgende Brutzeiten zusammen finden. Der Grund liegt auf der Hand. Nach der Brutzeit teilen sich die Altvögel das Brutrevier untereinander auf und leben dann einzelgängerisch. Im folgenden Jahr kann es daher durchaus sein, dass die beiden Altvögel sich erneut verpaaren. In Regionen hoher Siedlungsdichte kann es zur Bigamie kommen, wobei ein Männchen mit 2 Weibchen lebt. In klimatisch günstigen Regionen erfolgt die Paarbindung meist schon Ende Januar oder im frühen Februar, in kälteren Regionen Ende Februar oder Anfang März. Die Balz ist meist im Verlaufe des April vorbei und die einzelnen Pärchen haben sich gefunden. Die Geschlechtsreife erreichen Eisvögel gegen Ende des ersten Lebensjahres. Zur ersten Eiablage kommt es demnach einjährig. Während der Balz zeigen sowohl Männchen als auch Weibchen Imponiergehabe. Die Balz ist geprägt durch Balzflüge des Männchens, Vorzeigen von adäquaten Nistwänden sowie dem Darreichen von kleinen Fischchen. Es kommt auch zu kleineren Verfolgungsflügen. Die schnellen Jagden ähneln dabei durchaus dem Aggressionsverhalten. Die Verfolgungsflüge erfolgen meist in niedriger Höhe, selten in Höhe der Baumwipfel.

Nestbau

Bereits kurz nach der Paarbildung erfolgt die Suche nach einem adäquaten Nistplatz. Eisvögel bauen keine Nester oder ähnliches, sondern legen in einer steil ansteigenden Uferböschung Höhlen an. Es handelt sich meist um Ufer mit lehmiger oder toniger Erde. Meist werden die Höhlen an senkrecht aufsteigenden und vegetationsfreien Uferböschungen angelegt. Seltener werden auch Kreidebrüche, Eisenbahnschneisen oder senkrechte Überhöhungen von Straßen genutzt. Nistplätze, die sich fern vom Wasser befinden, sind jedoch eine Ausnahme. Die Nesttunnels entstehen in der Regel an Ufern von Flüssen oder Bächen.
Nisthöhlen in einem Steilufer
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Nisthöhlen in einem Steilufer
In der Literatur ist des öfteren zu lesen, dass Eisvögel auch Behausungen von Wühlmäusen (Arvicolinae), Uferschwalben (Riparia riparia) oder anderen Tieren übernehmen. Dies tritt jedoch nur sehr selten in Erscheinung. Dies liegt daran, dass der Eisvogel besondere Bedürfnisse aufweist. Ein Erdbau wird vom einem Eisvogelpärchen jährlich neu angelegt. Eine zweite oder dritte Brut in einer Saison wird jedoch im gleichen Erdbau groß gezogen. Ist ein passender Nistplatz ausgewählt, so beginnt der Grabvorgang. In der Regel beginnt das Männchen mit den ersten Grabaktivitäten. Gegraben wird sowohl mit dem Schnabel, vor allem in der ersten Phase, als auch mit den Füßen, wenn der Gang entsprechend begehbar ist. Es entsteht zunächst eine leichte Vertiefung, an der sich die Eisvögel halten können. Ähnlich den Spechten (Picidae) pickt das Pärchen nun mit dem Schnabel in der losen und weichen Erde. Auch wenn sich ein Pärchen die Arbeit teilt, so ist festzustellen, dass ein Männchen ein wenig intensiver an dem Erdbau gräbt. Ist der Bau vom ersten Teil der Röhre gelungen, gestaltet sich die weitere Arbeit leichter. Mit dem stummelartigen Schwanz wird die lose Erde aus der Röhre geschoben. An dem Bau arbeitet aus Platzgründen immer nur ein Vogel. Der ruhende Vogel ist jedoch keineswegs untätig. Er hält vor dem Bau Ausschau nach Gefahren. Die Bauaktivitäten beginnen bereits in den frühen Morgenstunden und erstrecken sich bis in den Abend. Die Grabaktivitäten sind immer durch kleinere oder größere Fresspausen unterbrochen. Die Röhre des Erdbaues reicht meist 50 bis 70 (Range 15 bis 94) Zentimeter tief in eine Steilwand. Die Bauten entstehen in durchschnittlicher Höhe von 150 Zentimeter oberhalb der Wasseroberfläche. Der Tunnelbau erfolgt in einem 90° Winkel zum Ufer. Im weiteren Verlauf hat der Gang einen Anstieg von rund 10°. Beim Graben wird die Erde angepickt und mit den Füßen nach hinten gescharrt. Der Durchmesser eines Tunnels liegt bei 6 bis 7 Zentimeter. Am Ende des Tunnels erfolgt der Bau einer kolbigen Nistkammer. Die Kammer ist meist 12 bis 14 Zentimeter lang und gut 10 Zentimeter breit. Der Boden der Kammer wird leicht ausgehöhlt, so dass die Eier nicht hinaus rollen können. Eine Auspolsterung des Nestes erfolgt nicht. Die Eier werden auf den nackten Boden gelegt. Je nach Bodenbeschaffenheit erstreckt sich der Bau der Nisthöhle über 8 Tage bis 8 Wochen.

Eiablage und Brut

Die Eier der Eisvögel weisen eine weißliche Färbung auf. Dies ist typisch für alle Vogelarten, die in Höhlen brüten und so auf eine Tarnung nicht angewiesen sind. Unmittelbar nach der Eiablage ist ein Ei noch relativ zerbrechlich und zart rosa gefärbt. Die Rosafärbng ergibt sich jedoch aus der schwachen Transparenz der Eier. Bereits kurz nach der Ablage ändert sich die Färbung in ein reines Weiß. Ein Ei weist eine Länge von 22,6 Millimeter, eine Breite von 18,7 Millimeter sowie ein Gewicht von 4,5 Gramm auf. Ein Gelege besteht üblicherweise aus 6 bis 7 Eiern. In der Literatur ist von einer Spanne von 3 bis 10 Eiern die Rede. Gelege mit 8 oder mehr Eiern sind jedoch sehr selten. Die Eiablage beginnt in den meisten Regionen Ende März und kann sich bis Ende April erstrecken. Ein Weibchen legt pro Tag 1 Ei auf den nackten Boden der Nistkammer, wobei die Eiablage meist in den frühen Morgenstunden stattfindet. Mit dem Bebrüten des Geleges wird erst begonnen, wenn das letzte Ei abgelegt ist. SO wird sichergestellt, dass alle Küken zeitnah innerhalb eines Tages schlüpfen. Um das Bebrüten der Eier kümmern sich beide Altvögel. Jeder Vogel brütet rund 1,5 Stunden, dann erfolgt ein Wechsel. Das Weibchen verbringt üblicherweise mehr Zeit auf den Eiern. In der Nacht brüten überwiegend die Weibchen. Die Brutdauer erstreckt sich über 18 bis 21 (19-20) Tage, der Schlupf aller Küken erfolgt innerhalb weniger Stunden. Sind die Küken geschlüpft, so werden die Eischalen von den Altvögeln aus der Höhle verbracht. Der Nachwuchs ist beim Schlupf unbefiedert, blind und ausgesprochen schwach. Sie können kaum ihren Kopf heben und die Haut ist zart rosa gefärbt. Der Unterschnabel der Küken ist etwas länger als der Oberschnabel.

Jugenaufzucht

Die Nahrung der Küken und Jungvögel besteht aus kleinen Fischchen. Diese weisen bereits die passende Größe auf. Die Fischchen werden im Ganzen an die Brut verfüttert. Im gleichen Maße, wie die Jungvögel wachsen, wächst auch der Bedarf an Nahrung. Ab der zweiten Lebenswoche haben die Altvögel kaum noch Zeit den Nachwuchs zu hudern. Unabläßlich gehen sie auf Nahrungssuche, um den Nachwuchs mit Nahrung zu versorgen. Untersuchungen haben ergeben, dass jeder Jungvogel je nach Alter zwischen 12 und 18 kleinen Fischen pro Tag zu sich nimmt. Zu den Fischen für die Brut muss ein Altvogel auch noch gut 15 Fische für den eigenen Bedarf fangen. Insgesamt also eine Menge an Fischen von nicht selten über 50 Stück am Tag. Innerhalb der Brutkammer geht es relativ gesittet zu. Die Jungen vertragen sich untereinander und streiten nicht einmal um Futter. Die hungrigen Jungvögel oder Küken treten immer in den Vordergrund wenn die Altvögel mit Nahrung kommen. Sind sie gesättigt, so treten sie in den hinteren Bereich der Brutkammer zurück. So ist sichergestellt, dass jeder Vogel ausreichend Nahrung bekommt. Zum Koten treten die Jungvögel an den Rand des Tunnels und spritzen hier ihren Kot ab. Der Kot läuft hier aufgrund des Gefälles von 10° nach außen. Im Zuge des Wachstums der Jungen wird es in der Nestkammer sehr eng. Die Fütterung erfolgt nunmehr am Tunneleingang - wahrscheinlich auch, weil der Gang stark mit Kot und Urin verschmutzt ist. Gegen Ende der Nestlingszeit drängen die Jungen immer mehr in den Tunnel und den Ausgang. Hier können die Jungen erstmals auch ihre Flügel ausbreiten. In dieser Entwicklungsstufe sind die Jungen fast so groß wie die Altvögel und in der Brutkammer wird es eng. Die Nestlingszeit erstreckt sich über 24 bis 25 Tage. Es konnten aber auch Extremwerte von 22 bis 37 Tage beobachtet werden. Eine lange Nestlingszeit lässt dabei auf eine geringe Fütterungsaktivität schließen. Mit dem Verlassen des Nestes weisen die Jungvögel die gleiche Färbung und Zeichnung wie die adulten Vögel auf. Das Gefieder erstrahlt jedoch noch nicht im vollen Glanz. Nachdem die Jungen das Nest verlassen haben, werden sie in den nächsten 2 bis 4 Tagen von den Eltern gefüttert. Danach sind die Jungen selbständig. Etwa eine Woche nach dem Ausfliegen der Jungen beginnen die Eltern für gewöhnlich mit der zweiten Jahresbrut.

Mortalität

Die Mortalität unter den Jung- und Altvögeln ist ausgesprochen groß. Vor allem im Winter fordern Eis und Schnee ihren Tribut von den Eisvogelpopulationen. Der Eisvogel ist daher bemüht, möglichst viele Junge in einer Saison aufzuziehen. Im Durchschnitt verlassen 6,5 Junge des Nest. Diese Zahl bezieht sich auf ein Brutpaar und eine Saison. In nördlichen Breiten kommt es zu 1, selten zu 2 Bruten. Von den Jungvögeln, die das Nest verlassen, sterben in den ersten Wochen eine große Zahl der Vögel. In der Regel überleben kaum 25% der Jungvögel die ersten Lebenswochen. Aufgrund von Beringungsergebnissen kann auch der Schluss gezogen werden, dass bis zu 75% der Altvögel pro Jahr sterben. Zu den Gründen der Sterblichkeit (Mortalität) zählen vor allem Kälte, Überschwemmungen während der Brutzeit und Nahrungsmangel. Weitere Ursachen sind die wachsende Urbanisierung. Andere Gefahrenquellen stellen Fischnetze und Angelschnüre dar.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Vor allem in Europa ist der Eisvogel nur selten anzutreffen. Die weitreichende Vernichtung und Versiegelung der Lebensräume sowie die Trockenlegung von Sumpfgebieten dürften die Hauptgründe für den starken Rückgang der europäischen Populationen sein. In der Roten Liste des IUCN wird der Eisvogel nur als gering gefährdet geführt.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Pierandrea Brichetti: Vögel. In Garten, Park und freier Natur. Neuer Kaiser Verlag , 2002.ISBN 370431322X
  • Rob Hume: Vögel in Europa. Dorling Kindersley; Auflage: 1 (Januar 2003) ISBN 3831004307
  • Gottfried Mauersberger, Wilhelm Meise: Urania Tierreich, 7 Bde., Vögel.Urania, Stuttgart (1995) ISBN 3423032049
  • Dr. Einhard Bezzel: Der zuverlässige Naturführer. BLV Handbuch Vögel. 3. überarbeitete Auflage (2006). BLV Buchverlag GmbH & Co. KG, München.ISBN 3-8354-0022-3; ISBN 3-8354-0022-1
  • Manfred Pforr, Alfred Limbrunner: Ornithologischer Bildatlas der Brutvögel Europas, Band 2. Weltbild Verlag GmbH, Augsburg, 1991 ISBN 3894400072
  • [1] David Boag: Der Eisvogel. Neumann-Neudamm Verlag, 1984 ISBN 3788804165

Links

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