Baumstachler

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Baumstachler
Urson (Erethizon dorsatum)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricognatha)
Teilordnung: Hystricognathi
Familie: Baumstachler
Wissenschaftlicher Name
Erethizontidae
Bonaparte, 1845

Baumstachler (Erethizontidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und zur Unterordnung der Stachelschweinverwandten (Hystricognatha). Der Familie sind 12 rezente Arten in 4 Gattungen zugeordnet.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Baumstachler haben ihren Ursprung in Südamerika. Die ältesten Funde in Südamerika stammen aus dem Oligozän (33,9 bis 23,03 Millionen Jahren). Im Pliozän, vor 5,33 bis 1,8 Millionen Jahren, gelangten die ersten Arten über die entstandene Landbrücke in Mittelamerika auch bis in den Norden Nordamerikas.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Baumstachler erreichen eine Körperlänge von 30 bis 86 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 7,5 bis 45 Zentimeter sowie ein Gewicht von 0,9 bis 18 Kilogramm. Weibchen bleiben üblicherweise kleiner und leichter als Männchen. Der Körperbau wirkt insbesondere durch die Bestachelung und die kurzen Beine sehr gedrungen. Der obere Teil des Körpers ist bei den meisten Arten im Bereich des dichten Felles durch scharfe und spitze Stacheln geschützt, die mit Widerhaken versehen sind. Jeder einzelne Stachel wächst im Gegensatz zu den Altweltlichen Stachelschweinen (Hystricidae) einzeln aus der Haut. Bei den Stachelschweinen wachsen die Stacheln in Bündeln aus der Haut. Die Stacheln weisen bei einem Durchmesser von bis zu 2 Millimeter eine Länge von bis zu 7,5 Zentimeter auf. Das Fell weist eine meist gelblichbraun, graubraune oder bräunliche bis schwarzbraune Färbung auf. Greifstachler verfügen über eine wollige Unterwolle.
Eigentlicher Greifstachler (Coendou prehensilis)
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Eigentlicher Greifstachler (Coendou prehensilis)
Der Kopf setzt sich nur wenig vom Hals ab, die Schnauze endet meist stumpf. Im Bereich der Schnauze zeigen sich lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen, die der Orientierung dienen. Die Tasthaare sind in der Regel schwärzlich gefärbt. Ventral zeigt sich eine hellbraune bis gelblichbraune Färbung. Der Sehsinn der Baumstachler ist nur mäßig entwickelt. Zudem sind ihre Augen ausgesprochen klein. Hoch entwickelt sind hingegen der Tastsinn und der olfaktorische Sinn. Auch ihr Gehör ist durchaus gut entwickelt. Baumstachler verfügen über 20 Zähne, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p1/1, m3/3. Die Schneidezähne sind ausgesprochen schlank geformt und meist gelblich gefärbt. Weibchen verfügen je nach Art über bis zu 6 Paare Zitzen.

Lebensweise

Baumstachler sind nachtaktive Einzelgänger. Trotz ihres teilweise hohen Gewichtes gehören alle Baumstachler zu den besonders guten Kletterern. Dies gilt auch für den bis zu 18 Kilogramm schweren Urson (Erethizon dorsatum). Gut entwickelte Füße mit kräftigen Krallen sowie nackte, faltige Sohlenwülste erleichtern den Halt im Geäst von Bäumen und Sträuchern. Bei den Greifstachlern (Coendou) und den Südamerikanischen Baumstachlern (Sphiggurus) ist zudem die innere Zehe an den Hinterfüßen deutlich kleiner und in die Fußsohle integriert. Durch diese Anpassung an den Lebensraum in den Bäumen können die Tiere fest zugreifen. Eine weitere Anpassung stellen die langen Greifschwänze dar, die zum einen der Stabilisierung beim Klettern und zum anderen als Greiforgan dienen. Bei den Arten mit einem Greifschwanz macht der Schwanz rund 9 Prozent vom Gesamtgewicht aus. Das hohe Gewicht beruht vor allem auf die kräftig ausgeprägten Muskelfasern. Baumstachler sind nur wenig territorial, beanspruchen jedoch ein Revier in einer Größe von einigen Hektar, in dem Artgenossen durchaus geduldet werden. Die Reviergröße schwankt je nach Art zwischen 5 und 38 Hektar. Der Aktionsradiums erstreckt sich selten über mehr als 200 bis 400 Metern. Die Streifreviere der Männchen sind deutlich größer als die der Weibchen. In nördlichen Regionen halten Baumstachler wie beispielsweise der Urson während des Winters einen Winterschlaf. Dies geschieht meist in terrestrischen Erdhöhlen. In Ermangelung dessen können sie die Winterruhe auch in Baumhöhlen verbringen.

Verbreitung

Urson (Erethizon dorsatum)
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Urson (Erethizon dorsatum)

Baumstachler sind in weiten Teilen von Nord-, Mittel- und Südamerika verbreitet. Sie sind im Norden bis in die südlichen Provinzen von Kanada und Alaska, USA anwesend, im Süden reicht ihre Verbreitung bis in den Südosten von Brasilien und den Nordosten von Argentinien. Es werden je nach Art zahlreiche Lebensräume wie lichte Wälder, offenes Grasland, felsige Regionen sowie Wüsten, Halbwüsten und Steppen besiedelt. Einige Arten leben ausschließlich in Bäumen, andere Arten wie beispielsweise der Urson leben auch auf dem Waldboden. In den Anden sind Baumstachler wie die Greifstachler bis in Höhen von gut 2.500 Metern anzutreffen.

Prädatoren

Zu den natürlichen Feinden zählen zahlreiche Fleischfresser. In Nordamerika stellen den Baumstachlern vor allem der Fichtenmarder (Martes americana), der Amerikanische Nerz (Mustela vison), der Vielfraß (Gulo gulo), der Hermelin (Mustela erminea), der Rotfuchs (Vulpes vulpes), der Kojote (Canis latrans), der Wolf (Canis lupus), Amerikanische Schwarzbären (Ursus americanus), Pumas (Puma concolor), Rotluchse (Lynx rufus), Kanadische Luchse (Lynx canadensis) und sowie Eulen (Strigiformes) wie der Virginia-Uhu (Bubo virginianus). Aber auch verwilderte Haushunde und Hauskatzen (Felis catus) stellen den Tieren gelegentlich nach. Zu den Plagegeistern gehören insbesondere Ektoparasiten wie Zecken (Ixodida), Milben (Acari), Flöhe (Siphonaptera) und Tierläuse (Phthiraptera). An Endoparasiten gelten verschiedene Fadenwürmer (Nematoda), Plattwürmer (Plathelminthes) und Zungenwürmer (Pentastomida) als nachgewiesen.

Ernährung

Die meisten Arten ernähren sich als Pflanzenfresser von Baumrinde, Wurzeln, Blättern, Blüten, Tannennadeln, jungen Trieben und Zweigen, Früchten und Beeren sowie von Gräsern, Kräutern, Nüssen und fettreichen Sämereien. Einige Arten nehmen zusätzlich auch tierische Kost in Form von Insekten (Insecta) und kleine Wirbeltieren (Vertebrata) zu sich.

Fortpflanzung

Baumstachler erreichen die Geschlechtsreife mit gut 18 Monaten. Der Östrus der Weibchen erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa 28 Tagen. Bei den meisten Arten erstreckt sich die Paarungszeit vom zeitigen Frühjahr bis in den Herbst hinein. In subtropischen und tropischen Regionen kann es in einer Saison zu mehreren Würfen kommen, in gemäßigten Regionen meist nur zu einem Wurf. Ähnlich den Stachelschweinen ist die Vagina der Weibchen durch eine Verschlussmembran geschützt. Während des Östrus wird die Verschlussmembran der weiblichen Vagina für das männliche Geschlechtsorgan durchlässig. Die Tragezeit der Baumstachler erstreckt sich über rund 203 bis 217 Tage. Dies ist für Nagetiere eine sehr lange Trächtigkeit. Es verwundert nicht, dass ein Wurf in der Regel nur ein Jungtier umfasst. Zwillingsgeburten sind zwar dokumentiert, jedoch äußerst selten. Das Geburtsgewicht liegt bei 400 bis 640 Gramm. Die Jungtiere sind bei der Geburt bereits voll entwickelt und können bereits nach wenigen Tagen klettern. Diese Eigenschaft schützt sie vor den zahlreichen Fleischfressern und senkt die Mortalitätsrate. Die Säugezeit erstreckt sich über knapp 8 bis 10 Wochen, aber bereits nach den ersten Lebenstagen nehmen die Jungtiere zusätzlich die erste feste Nahrung zu sich. Baumstachler erreichen eine Lebenserwartung von 10 bis 15 Jahren, der Urson bis zu 17 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Die meisten Arten der Baumstachler gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Eine Art der Südamerikanischen Baumstachler (Sphiggurus), der Sphiggurus vestitus, gilt als gefährdet (Vu, Vulnerable) und wird als solches in der Roten Liste der IUCN geführt. Eine weitere Art aus dieser Gattung, der Sphiggurus pallidus, gilt als ausgestorben (EX, Extinct). Sphiggurus pallidus kam in der Karibik vor und gilt seit Mitte des 19. Jahrhundert als ausgerottet. Einige Arten, allen voran der Urson gelten in der Nähe des Menschen als landwirtschaftliche Plage. Um die Plage einzudämmen, wurden Marder eingeführt, die die Tiere von unten her angreifen und so nicht mit den Stacheln in Berührung kommen. In einigen Regionen ist der Bestand der Ursons durch die Marder um bis zu drei Viertel reduziert worden. Eine ganz andere Bedrohung haben Greifstachler (Coendou) zu fürchten. Sie werden sehr häufig als Labortiere eingesetzt. Zu den ansonsten obligatorischen Bedrohungen gehört vor allem die Vernichtung der natürlichen Lebensräume. Vor allem in Brasilien stehen die beheimateten Arten aufgrund des Schwundes der tropischen Primär- und Sekundärwälder unter Druck.

Systematik der Familie Baumstachler

Eigentlicher Greifstachler (Coendou prehensilis)
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Eigentlicher Greifstachler (Coendou prehensilis)

Anhang

Literatur und Quellen

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