Astigmata

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Astigmata
Krätzemilbe (Sarcoptes scabiei) var. canis

Systematik
Unterabteilung: Bilateria
Stammgruppe: Urmünder (Protostomia)
Überstamm: Häutungstiere (Ecdysozoa)
Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Unterstamm: Kieferklauenträger (Chelicerata)
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Unterklasse: Milben (Acari)
Überordnung: Acariformes
Ordnung: Astigmata
Wissenschaftlicher Name
Astigmata
Canestrini, 1891

Astigmata gehört innerhalb der Klasse der Spinnentiere (Arachnida) zur Unterklasse der Milben (Acari). In der Ordnung werden etwa 78 Familien mit zahlreichen Gattungen und Arten geführt. Die Familien werden üblicherweise den beiden Unterordnungen Acaridia und Psoroptidia zugeordnet.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die Vertreter der Astigmata sind üblicherweise sehr klein, in der Regel deutlich kleiner als einen Millimeter. So erreicht beispielsweise die Krätzemilbe (Sarcoptes scabiei) eine Körperlänge von 213 bis 500 µm, die Mehlmilbe (Acarus siro) eine Körperlänge von etwa 600 µm (0,6 mm). Nur wenige Arten erreichen eine Länge von bis zu 800 µm. Der Körper weist bei allen Arten dieser Ordnung 14 Körpersegmente auf. Die einzelnen Körpersegmente sind miteinander verschmolzen. Dies ist meist auch bei den Segmenten des Hinterkörpers der Fall. Dorsal zeigen sich bei zahlreichen Arten eine leichte Panzerung in Form von dünnen Schildern. Anders als bei den meisten anderen Vertretern der Spinnentiere fehlt den meisten Arten der Astigmata sowohl die Tracheen als auch die Trichobothrien. Trichobothrien sind bei Spinnentieren lange und bewegliche Becherhaare vorhanden. Beinhüften sind bei Astigmata meist nicht sichtbar, da sie in der Regel vollständig in der Bauchhaut eingesenkt sind. Einige Arten wie die Polstermilbe (Glycyphagus domesticus) tragen auf dem Rücken lange gefiederte Haare. Die Vertreter der Krätzemilben (Sarcoptidae) weisen im Wesentlichen eine rundliche Form auf. Die rundliche Form erleichtert den Krätzemilben das Umkehren innerhalb eines Fressganges. Der Anus ist terminal gelegen. Die Geschlechtsorgane der Weibchen liegen vorn ventral zwischen den ersten Laufbeinpaaren. Beim Männchen liegen die Begattungsorgane terminal zwischen dem Anus und den hinteren Beinpaaren. Die Laufbeine sind bei den Krätzemilben sehr kurz und weisen an den Tarsen gestielte Haftscheiben auf. Zwischen den Geschlechtern zeigt sich bei den meisten Arten ein ausgeprägter Dimorphismus. Männchen sind in der Regel deutlich kleiner als Weibchen.

Zu den bekanntesten Vertretern der Astigmata gehört die Gruppe der Vorratsmilben, zu denen man Acaridae, Glycyphagidae und Carpoglyphidae zählt. Vorratsmilben sind meist weißlich bis leicht gelblich gefärbt und treten in der Nähe des Menschen vor allem an offen gelagerten Vorräten auf. Besonders an feuchten Orten kann es dabei zu einer Massenvermehrung kommen. Vorratsmilben produzieren Exkremente, die sich als feiner Staub auf Vorräte und andere Gegenstände ablegen. Nicht selten treten auch pathologische Erscheinungen bei den betroffenen Menschen auf, insbesondere bei Menschen, die häufig in Kontakt mit diesem Staub geraten. Symptome bei den betroffenen Menschen sind mitunter Bindehautentzündungen, Asthma und Hautjucken. Die Symptome werden nicht von den Milben direkt ausgelöst, sondern von den Exkrementen und verendeten Milben ausgelöst. Die Ausscheidungen sind auch als Milbenstaub bekannt. Zu den bekanntesten Vertretern der Vorratsmilben gilt die auch in Mitteleuropa vorkommende Mehlmilbe (Acarus siro), Linnaeus, 1758. Sind die Bedingungen ideal, so vermehren sich Mehlmilben sehr schnell bei 10 bis 20°C und einer hohen Luftfeuchtigkeit von 70 bis 95% kommt es alle 3 bis 4 Wochen zu einer neuen Generation. Eine hohe Luftfeuchtigkeit macht Sinn, denn Mehlmilben können ihren Wasserhaushalt nicht regulieren und geben aus der Luft aufgenommene Feuchtigkeit sehr schnell wieder ab. Fällt die Luftfeuchtigkeit unterhalb von 13%, so sterben die Milben sehr schnell ab. Es überleben ausschließlich die Dauernymphen. Experimente haben gezeigt, dass Dauernymphen bei 34°C bis zu 2 Wochen überleben. Auch bei Temperaturen von unter -7°C können sie etwa einen Tag lang überleben. Dauernymphen können an geeigneten Lebensstätten bis zu 2 Jahre lebensfähig bleiben, ehe sie sich in Tritonymphen umwandeln.

Ein weiterer bekannter Vertreter der Astigmata ist die Käsemilbe (Tyroglyphus casei), Linnaeus, 1758. Sie erreicht eine Körperlänge von gut 700 µm und lebt wie es der Name schon sagt fast ausschließlich auf Käse oder Mehl wie Roggenmehl. Bei massenhafter Ernährung können die Tiere eine Siedlungsdichte von 100 bis 2.000 Individuen je cm² aufweisen. Die Tiere sitzen bei einer hohen Siedlungsdichte von bis zu 2.000 Tiere sogar übereinander, da in der Fläche so viele Milben auf einen cm² nicht ausreichend Platz hätten. Käsemilben verfügen über scherenartige Cheliceren, mit denen sie Nahrungsmittel wie Käse zerschneiden. Käsemilben gelten nicht immer als Schädlinge. In Sachsen-Anhalt, Deutschland, werden bei der Reifung einer bestimmten Käsesorte Käsemilben eingesetzt. Der Speichel der Käsemilbe bewirkt dabei die Fermentation der Käserohmasse, die aus getrocknetem Frischkäse in Magerstufe besteht. Sancassania berlesei (Michael, 1907) ist ebenfalls eine bekannte Milbenart. Sie ist auf verschiedensten organischen Stoffen, insbesondere an Mehl, Fleisch, Pilzen, Küchenabfällen und ähnlichem anzutreffen. In unmittelbarer Nähe zum Menschen, meist in dessen Behausungen, ist die Vorratsmilbe Glycyphagus domesticus (De Geer, 1778), die auch als Polstermilbe bekannt ist. Polstermilben leben meist auf getrockneten Pflanzenresten, aber auch auf Polstermöbeln und in Bettmatratzen. Diese Milben ernähren sich ausschließlich von Schimmelpilzen und Pilzsporen und gehören daher eigentlich nicht zu den Vorratsschädlingen.

Es sollen auch die Hausstaubmilben (Dermatophagoides) angesprochen werden. Hausstaubmilben sind weltweit verbreitet und sind meist in unmittelbarer Nähe anzutreffen. Unter Allegikern sind Hausstaubmilben gefürchtet, da die Tiere vorzugsweise in Schlafräumen, insbesondere in Federbetten oder in Matratzen leben. Bei einem starken Befall können Asthma, Hautausschläge oder vasomotorischer Schnupfen auftreten. Hausstaubmilben fressen vor allem Hautschuppen. Die Tiere fühlen sich besonders wohl bei Temperaturen von 17 bis 32 (25) °C und einer Luftfeuchtigkeit von etwa 80% wohl.

Eine beachtliche Zahl an Arten tritt jedoch weder als Parasiten noch als Schädlinge auf. Sie sind freilebend und sind häufig Bewohner bakterienreicher und feuchter Lebensstätten. Als Beispiel soll die Gruppe der Histiostomatidae aufgeführt werden. Typische Habitate dieser Milben sind Kompost, Tierdung, Holzmulm und Tierkadaver. Diese rasch vergänglichen Lebensräume erfordern einen effektiven und raschen Verbreitungsmodus. Hierfür besitzt ein bestimmtes Entwicklungsstadium (die Deutonymphe) besondere Anpassungen, und zwar in Form einer Saugnapfapparatur, mit deren Hilfe sich die Tiere an Arthropoden, insbesondere Insekten, festheften können (weitere Informationen zu diesem besonderen Entwicklungsstadium im nächsten Kapitel). Das Insekt fungiert hierbei als Transporteur zum neuen Lebensraum. Freilebende Astigmata wie die Histiostomatidae sind biologisch und evolutionsbiologisch besonders interessant, da sie oft über komplexe Lebenszyklen verfügen, die an die speziellen Lebensbedingungen meist eines ganz bestimmten Transportinsektes angepaßt sind. Diese Anpassung kann sogar wechselseitig vorliegen, so dass von dem Phänomen der gemeinsamen Evolution verschiedener Organismen (Koevolution) ausgegangen werden muß. Sogenannte Acarinarien in manchen Milbengruppen sind Beispiele hierfür. Es handelt sich dabei um besonders gestaltete Bereiche an Insekten, die offenbar als Aufenthaltsort für solche "Milben-Passagiere" evolviert sind.

Individualentwicklung, Ontogenese

Die Entwicklung der Astigmata ist im Jugendstadium durch 4 Stadien geprägt. Dies sind die Prälarve (die sich meist noch im Ei zum nächsten Stadium häutet), die Larve, die Protonymphe und die Tritonymphe. Ein fünftes Stadium, die Deutonymphe, muss nicht obligatorisch auftreten und kann in einigen Gruppen sogar komplett fehlen. Die Deutonymphe zeigt eine deutlich abweichende Gestalt. Sie zeichnet sich dorsal vor allem durch eine kräftige Panzerung auf. Ein weiteres markantes Merkmal bei den Deutonymphen sind die verschlossene Speiseröhre und die zu kleinen Höckern zurückgebildeten Mundwerkzeuge. Man kann Deutonymphen in 2 Formen unterscheiden. Es handelt sich dabei um die Wandernymphe und um die Dauernymphe, wobei viele Arten offenbar nur die Wandernymphe besitzen. Die Dauernymphe ist vor allem auf das Überstehen von ungeeigneten Lebensbedingungen ausgelegt, die Wandernymphe ist auf die Ausbreitung spezialisiert und daher ausgesprochen mobil. Es verwundert nicht, dass die Wandernymphe über gut ausgebildete Laufbeinpaare verfügt. Größere Strecken werden jedoch nur selten zurückgelegt. In der Regel lässt sich die Wandernymphe durch am Boden lebende, jedoch vor allem auch geflügelte Gliederfüßer (Arthropoda) transportieren. Dafür verfügt sie über kleine Saugnäpfe, mit der sie sich an andere Tiere anheften kann. Hat die Wandernymphe durch die indirekte Wanderung (phoretischer Transport) einen geeigneten Lebensraum erreicht, so löst sie sich vom Transporteur und legt gegebenenfalls sogar noch kleinere Strecken durch eigene Kraft zurück. Eine Deutonymphe wandelt sich nach einiger Zeit in eine Tritonymphe und schließlich zum adulten geschlechtsreifen Tier. Adulte Tiere, Tritonymphen, Protonymphen und Larven zeichnen sich aufgrund der nur dünnen Panzerung (Kutikula) durch eine große Anfälligkeit für Hitze, Kälte und andere widrige Lebensumstände aus. Ganz anders verhält es sich mit Dauernymphen und Wandernymphen, die sogar mehrere Monate unter ungünstigen Lebensbedingungen überleben können. Eine Deutonymphe kann aufgrund der stärkeren Panzerung über längere Zeit, Kälte, Hitze oder Trockenheit überstehen. Bei widrigen Lebensbedingungen bewegen sich Dauernymphen nicht oder nur sehr eingeschränkt. Anders als die Wandernymphe verfügt eine Dauernymphe über völlig zurückgebildete stummelartige Laufbeinpaare ohne wesentliche Funktion.

Systematik der Ordnung Astigmata

Ordnung: Astigmata

Unterordnung: Acaridia
Unterordnung: Psoroptidia

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Klasse der Spinnentiere (Arachnida)
  • Hauptartikel: die Unterklasse der Milben (Acari)

Literatur und Quellen

  • Hans-Eckhard Gruner, Hans-Joachim Hannemann und Gerhard Hartwich, Urania Tierreich, 7 Bde., Wirbellose Tiere, Urania, Freiburg, 1994 ISBN 3332005022
  • Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Prof. Dr. Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Koehler, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Bernhard Rensch, Prof. Dr. Peter Rietschel und Prof. Dr. Erich Thenius: Grzimeks Tierleben. Niedere Tiere. Erster Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
Wirth S. 2004: Phylogeny, biology and character transformations of the Histiostomatidae (Acari, Astigmata). Doctoral Thesis for Ph.D. Internet Publication, URL: http://www.diss.fuberlin.de/2004/312
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