Ammen-Dornfinger

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Ammen-Dornfinger

Systematik
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Unterklasse: Micrura
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Teilordnung: Echte Webspinnen (Araneomorphae)
Familie: Dornfingerspinnen (Miturgidae)
Gattung: Cheiracanthium
Art: Ammen-Dornfinger
Wissenschaftlicher Name
Cheiracanthium punctorium
Villers, 1789

Verbreitungsgebiet
ungefähres, heutiges Verbreitungsgebiet

Der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium) ist eine Spinne aus der Familie der Dornfingerspinnen (Miturgidae) und zählt zur Gattung der Dornfinger (Cheiracanthium). In vielen Literaturen wird sie und ihre Gattung der Familie der Sackspinnen (Clubionidae) zugeordnet. Der Ammen-Dornfinger ist die einzige wirklich gefährliche Spinne in Deutschland. Erstmals beschrieben wurde sie im Jahre 1789 von Charles Joseph de Villers.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Maße, Aussehen

Der Ammen-Dornfinger ist eine der größten mitteleuropäischen Spinnen und die größte Art ihrer Gattung. Sie erreicht bis maximal 14, eventuell 15 Millimeter Körperlänge. Männchen bleiben mit 10 bis 12 Millimetern deutlich kleiner als Weibchen. Die Beinspannweite beträgt dabei bei Weibchen manchmal fast Handflächengröße, wobei sie in der Regel bei um 30 bis 40 Millimetern liegt. Die orangenen Giftklauen (Chelizeren) mit schwarzer Spitze sind relativ groß, sie können die menschliche Haut leicht durchdringen und schlagen wie eine Zange von den Seiten zu. In der Grundfärbung variiert der Ammen-Dornfinger zwischen grünlich-gelb und gelb bis braungelb, der Vorderkörper (Cephalothorax) ist orangefarben. Auf dem langgestreckten Hinterleib (Abdomen) zieht sich ein dunklerer, bräunlicher Streifen, welcher in der Mitte etwas nach links und rechts aufgespreizt sein kann und nach hinten zu ein wenig breiter wird. Die Unterseite des Hinterleibes ist manchmal etwas dunkler. Ihre Beine sind einfarbig orange und leicht behaart, die letzten Glieder sind schwarz oder dunkelbraun, die Übergänge zwischen den einzelnen Gliedern sind auch oft dunkel. Die Spinnwarzen, sowie das jeweils letzte Glied der Tastbeine (Pedipalpus) sind recht gut zu erkennen. Der Name "Dornfinger" kommt von der wörtlichen Übersetzung ins Deutsche durch Carl Ludwig Koch. Vom Griechischen ins Deutsche übersetzt bedeutet "chair" Hand und "akantha" Dorn. Dies bezieht sich auf den dornartigen Fortsatz der männlichen Tarsen (Tarsus = letztes Glied eines Spinnenbeines) an den Tastbeinen. Der Wortteil Ammen deutet auf die Brutpflege hin.

Lebensweise

Der Ammen-Dornfinger ist eine überwiegend nachtaktive Spinnenart und hält sich am Tage versteckt. Sie lebt in einer Höhe um einen halben bis einen ganzen Meter im Gras. Dort webt sie sich ein rundum geschlossenes Wohngespinst aus zusammengesponnen Grashalmen und Spinnenseide. Dieses Gespinst gleicht einem Sack, besser einem Schlafsack, was auch der Grund dafür ist, dass sie sehr häufig in die Familie der Sackspinnen eingeordnet wird, denn diese Art von Wohnsack ist typisch für diese Spinnen-Familie. In dem Gespinst leben die Geschlechter eigentlich einzeln, vor und wärend der Paarungszeit kommen die Paare jedoch zusammen und bewohnen ein größeres Gespinst gemeinsam. Das Weibchen spinnt einen zweikammerigen Sack, das Männchen bringt dann zur Paarungszeit eine weitere Glocke daran an. Jedes Wohngespinst wird nur wenige Tage genutzt und hat ein bis zwei Öffnungen, zur Häutung wird der Gespinstsack komplett verschlossen. Gegenüber Menschen sind die Ammen-Dornfinger eher scheu und ziehen sich bei Störung zumeist in das Wohngespinst zurück, während der Paarungszeit und besonders wärend der "Reifezeit" der Eier und der jungen Spinnen sind die Weibchen jedoch sehr aggressiv und drohen dann auch dem Menschen. Kommt man dem Gespinst, wenn auch unbeabsichtigt, noch näher, wird das Weibchen sich nicht scheuen zuzubeißen. Männchen sind weniger aggressiv. Ammen-Dornfinger leben nur über ein Jahr, geschlechtsreife Männchen sind von Juni bis September und Weibchen von Juli bis November aufzufinden.

Spinnengift

Toxizität

Das Gift der Ammen-Dornfinger wird hauptsächlich für den Beuteerwerb genutzt, bei einem Abwehrbiss wird so gut wie nie alles vorhandene Gift injiziert. Das Gift der Spinne ist ein Gemisch aus Nervengiften (Neurotoxine) und gewebeschädigenden Giften (Zytotoxine). Ein geringer Teil wirkt auch blutschädigend (Hämotoxin). Nach einem stechenden und zugleich brennenden Biss kann es zum Absterben von Gewebe (Nekrose), zu Kopfschmerzen und starken Schmerzen um die Bissstelle,
Ammen-Dornfinger im Wohngespinst
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Ammen-Dornfinger im Wohngespinst
Schüttelfrost, Lähmungserscheinungen, Schwindelanfällen, Übelkeit und Erbrechen kommen, auch Blutvergiftungen sind nicht ausgeschlossen. Die Schmerzen können noch lange Zeit anhalten, die Bissstelle und auch das gesamte gebissene Gliedmaß können extrem anschwellen. Nach einem Biss sollte ein Arztbesuch keineswegs umgangen werden, ein Antiallergikum ist ebenfalls anzuraten. Sie hat nach der in Südeuropa einheimischen Schwarzen Witwen der Gattung Latrodectus das vielleicht stärkste Gift europäischer Spinnen.

Nach einem Biss

Bleibende Schäden sind kaum zu erwarten, aber es kann durchaus wochenlang zu anhaltenden Gelenkschmerzen kommen. In Deutschland sind bis jetzt auch noch keine Todesopfer bekannt geworden, aber es gibt Berichte, nach denen sich in Südeuropa angeblich bereits tödlich verlaufende Unfälle mit dieser Spinne zugetragen haben sollen. Aber egal wo die Spinne zubeißt, wenn Kinder, Allergiker, Kreislaufgefährdete, kranke oder alte Menschen gebissen werden, kann ein Biss des Ammen-Dornfingers lebensbedrohliche Folgen haben, wenn nicht unumgänglich ein Arzt aufgesucht wird!

Für einen gesunden erwachsenen Menschen, der keine allergischen Reaktionen bekommt, ist diese Spinne keinesfalls tödlich, sofern keine Blutvergiftung (Sepsis) auftritt, die unbehandelt bleibt. Man sollte sich als Bissopfer dennoch möglichst ruhig verhalten, wenn man auf einer Wiese schmerzhaft von irgend einer Spinne gebissen wird. Am besten ist es, wenn man die Spinne zur genaueren Identifikation einfängt, um so die Behandlungsweise genauer zu bestimmen. Die Bisswunde sollte in Ruhe gelassen und auch nicht gekühlt werden (aber eventuell wärmen), wenn man an ihr kratzt, erhöht dies nur die Gefahr einer Sekundärinfektion um ein Vielfaches. Der Betroffene sollte sich in Ruhe auf den Weg zu einem Arzt machen, am besten sollte er gefahren werden.

Vermeiden von Bissen

Zum Vermeiden eines Ammen-Dornfingerbisses muss man vor allem wissen, welche Felder regelmäßig von ihnen bewohnt werden, diese sind dann zwischen Juli und September zu meiden. Will oder muss man jedoch aus irgendeinem Grund dennoch auf die Wiese, sollte man sich bewusst sein, wie die Gespinste aussehen, um danach Ausschau zu halten, bevor man in die Vegetation greift. Lange Hosen und hohe Schuhe sind unumgänglich, zur Arbeit auf dem Feld sind Arbeitshandschuhe sehr anzuraten, sie können vom Ammen-Dornfinger nicht durchgebissen werden.

Ernährung

Ammen-Dornfinger, Rückenansicht
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Ammen-Dornfinger, Rückenansicht

Über das Beutespektrum der Ammen-Dornfinger ist bisher kaum etwas bekannt. Aufgrund der Lebensräume und der Lebensumstände, sowie wegen der relativ hohen Giftigkeit der Spinne, kann man davon ausgehen, dass es sich bei der Beute um wehrhafte, größere und auf Feldern lebende Insekten (Insecta) handeln müsste. Auch andere Spinnen (Araneae) oder Schnecken könnten auf dem Speiseplan der Spinne stehen. Die Beute wird nach dem Töten durch einen Giftbiss innerlich durch Enzyme und andere vorverdauende Stoffe im Gift verflüssigt und anschließend ausgesaugt. Vermutlich beziehen Ammen-Dornfinger ihre Wohngespinste nicht mit in den Beuteerwerb ein, sie gehen höchstwahrscheinlich nachts und in der Dämmerung aktiv auf die Jagd.

Fortpflanzung

Wie bereits beschrieben, leben die Geschlechtspartner vor der Paarung zusammen in einem größeren Gespinstsack. Zur Paarung stellen sich die Partner schräg gegenüber, so dass sich die Bauchseite von dem Männchen vor dem Vorderkörper des Weibchens befindet. Dann führt dass Männchen seine Geschlechtsorgane, die Pedipalpen, in die weiblichen Geschlechtsöffnungen, die Epigyne, ein, um die Eier mit seinem Samen zu befruchten, kurz nach der Paarung stirbt dann das Männchen. Die Eiablage erfolgt etwa im späten Juli bis zumeist im August in einen Kokon aus Spinnenseide, welcher in dem Gespinstsack an die Wand gehäftet wird. Der Gespinstsack hat dann etwa 2 bis 5 Zentimeter Durchmesser und ist in der Regel völlig verschlossen. Die juvenilen Spinnen schlüpfen rund drei Wochen bis knapp einen Monat nach der Ablage der Eier und verbleiben noch bis zur ersten Häutung im Brutgespinst, also gute drei Wochen. In der gesamten Zeit von der Eiablage bis zum Ende der Brutpflege verteidigt das Weibchen ihren Nachwuchs sehr aggressiv, sie kommt bei Störung förmlich aus dem Gespinst herausgeschossen und versucht jeden Angreifer zu beißen. Die Weibchen fressen wärend der ganzen Zeit ihrer Brut und auch danach nichts mehr, der Hinterleib schrumpelt in vielen Fällen extrem ein und ist rautenartig geformt, im Spätherbst sterben die Weibchen. Die Jungspinnen überwintern in kleinen Gespinsten in Bodennähe, zum Beispiel unter verwelkten Blättern und Blüten.

Verbreitung

Der Ammen-Dornfinger findet heutzutage eine sehr weite Verbreitung. In Deutschland kann man sie in einigen Gegenden im Osten, Nordosten und Südosten, in einigen Alpengebieten, im Rhein-Main-Gebiet, sowie am Kaiserstuhl antreffen. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen kam die Spinne ebenfalls vor, mittlerweile gilt sie dort wieder als ausgestorben. Ursprünglich kam sie in Europa nur in mediterranen Gebieten südlich der Alpen und nur wenige Populationen kamen nördlich der Alpen vor. Nach Osten hin zog und zieht sich das Verbreitungsgebiet bis in das westliche Zentralasien. Im Rhein-Main-Gebiet wurde die Art bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nachgewiesen, nun hat sie sich bis nach Südskandinavien ausgebreitet, auch auf einigen Ostseeinseln wurden Funde gemacht.

Die Lebensräume der Ammen-Dornfinger sind trockenere Wiesen, Blumenwiesen, landwirtschaftlich genutzte Agrarflächen, extensiv genutzte Feuchtwiesen und begrünte Weg- und Waldränder. Selten findet man die Art auf großen Lichtungen im Wald oder in sehr lichten Wäldern mit viel und sehr dichtem Graswuchs auf dem Boden. Je nach Klima, zum Beispiel bei ungewöhnlich hohen Temperaturen, verirren sich die Spinnen auf der Flucht vor den Temperaturen gelegentlich in menschliche Häuser, wo sie dann gefährlich werden können. Manchmal kann man sie in entsprechenden Gebieten auch in Gärten mit einer "wilden Ecke", also einem ruhigen Plätzchen wo kein Rasen gemäht wird, finden. Dort besteht dann sogar die Möglichkeit, dass sie sich dauerhaft einnisten, wenn die Fläche groß genug ist und Jagdmöglichkeiten vorhanden sind.

Ökologie

Im Jahre 1984 war der Ammen-Dornfinger in Deutschland noch nicht als gefährdet geführt, mittlerweile steht er in einigen Bundesländern auf der "Roten Liste" als allgemein "gefährdet". Heutzutage ist die Spinne speziell in Deutschland in den hauptsächlichen Verbreitungsgebieten, also in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, ungefährdet. In einigen Gebieten wie Berlin wird die Art als selten aber nicht gefährdet eingestuft, in Schleswig-Holstein gilt die Spinne als gefährdet, aber ohne genauere Einstufung. In Sachsen steht sie auf der Vorwarnliste, in Bayern gelistet als stark gefährdet, sowie ausgestorben in Nordrhein-Westfalen. Gefährdet ist der Ammen-Dornfinger vor allem durch den Verlust und den Rückgang der Lebensräume, sowie durch Pestiziede. Auch durch Fleischfresser ist die Spinne bedroht, besonders einige Vögel (Aves) und Kriechtiere (Reptilia) rücken dieser Art regelmäßig auf die Pelle.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Weblink

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