Äthiopischer Wolf

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Äthiopischer Wolf

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Überfamilie: Hundeartige (Canoidea)
Familie: Hunde (Canidae)
Gattung: Wolfs- und Schakalartige (Canis)
Art: Äthiopischer Wolf
Wissenschaftlicher Name
Canis simensis
Rüppell, 1840

IUCN-Status
Endangered (EN)

Der Äthiopische Wolf (Canis simensis) zählt innerhalb der Familie der Hunde (Canidae) zur Gattung Wolfs- und Schakalartige (Canis). Im Englischen wird die Art Ethiopian Wolf oder Simien Jackal genannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Äthiopische Wolf ist der größte afrikanische Vertreter aus der Gattung der Wolfs- und Schakalartigen (Canis). Er zeichnet sich vor allem durch lange Beine aus. Männchen sind ein wenig größer und schwerer als Weibchen. Männchen erreichen eine Körperlänge von 92,8 bis 101,2 (96,3) cm, eine Schwanzlänge von 29 bis 39,6 (31,1) cm, einen Brustumfang von 47,6 bis 55,8 (51,7) cm, eine Schulterhöhe von 57,3 bis 62 (59,3) cm, eine Hinterfußlänge von 19,3 bis 20,9 (19,9) cm, eine Ohrlänge von 10 bis 11,9 (10,8) cm sowie ein Gewicht von 14,2 bis 19,3 (16,2) Kilogramm. Weibchen erreichen eine Körperlänge von 84,1 bis 96 (91,9) cm, eine Schwanzlänge von 27 bis 29,7 (28,7) cm, einen Brustumfang von 45,4 bis 59,6 (47) cm, eine Schulterhöhe von 53 bis 56,7 (54,4) cm, eine Hinterfußlänge von 17,8 bis 19,8 (18,7) cm, eine Ohrlänge von 9,5 bis 11 (10,4) cm sowie ein Gewicht von 11,2 bis 14,15 (12,8) Kilogramm. Äthiopische Wölfe erreichen eine Condylobasallänge von 18 bis 19,5 (18,69) cm, eine Schädellänge von 19,1 bis 21 (20,05) cm, eine Neurocraniumbreite von 57,4 bis 62,4 (60,2) cm und eine Jochbeinbreite von 9,7 bis 10,6 (10,11) cm. Sowohl der Schädel als auch das Rostrum sind ausgesprochen schlank gebaut. Im Profil ist der Schädel eher flach, das Neurocranium ist zylindrisch geformt. Das durchweg rötlich gefärbte Fell ist dorsal und lateral weich und relativ kurz. Die dichte Unterwolle ist deutlich heller gefärbt. Der Hals, der Brustkorb, die Innenseiten der Beine und der Bauch sind weißlich gefärbt. Ebenfalls weiß gefärbt ist der Bereich um den Anus. Die Ohren sind breit und laufen spitz zu, wobei die Ohrmuscheln nach vorne gerichtet sind. Der pelzige Schwanz weist eine weißliche Unterseite auf. Der Fellwechsel erfolgt während der Regenzeit zwischen August und Oktober. Weibchen verfügen über 8 Zitzen, wobei nur 6 Zitzen mit Milch versorgt werden. Äthiopische Wölfe verfügen über 42 Zähne, die zahnmedizinische Formel lautet i3/3, c1/1, p4/4, m2/3 (Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994; Marino, 2003).

Lebensraum des Äthiopischen Wolfes
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Lebensraum des Äthiopischen Wolfes

Lebensweise

Äthiopische Wölfe leben in Rudeln von 3 bis 13 (6) Tieren, sind tagaktiv und gelten als streng territorial. Auch wenn die Tiere in Gruppen leben, die Nahrungssuche erfolgt meist einzelgängerisch, seltener kooperativ in kleinen Gruppen. Ein durchschnittliches Revier eines Rudels umfasst eine Fläche von etwa 6 km². Größere Rudel weisen eine Reviergröße von durchaus mehr als 13 km² auf. Ein Rudel wird von einem dominanten Weibchen angeführt. Die Reviere einzelner Gruppen überlappen sich nur in Randbereichen. Zudem werden die Reviergrenzen gegenüber Artgenossen erbittert verteidigt. Der Äthiopische Wolf nutzt keine Erdbauten. Auch der Nachwuchs kommt an geschützter Stelle mehr oder weniger unter freiem Himmel zu Welt. Gleiches gilt für die Nachtruhe. Innerhalb eines Rudels kommt es zu häufigen sozialen Interaktionen. Dies ist insbesondere während der Paarungszeit der Fall. Zu den sozialen Interaktionen gehört das Teilen von Nahrung, die gegenseitige Körperpflege, gegenseitiges Beknabbern und Spielen. Jungtiere üben sich bereits sehr früh in ritualisierten Kämpfen (Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994; Marino, 2003).

Unterarten

  • Canis simensis simensis - Rüppell, 1840 - Simien-Nationalpark, nördliches Äthiopien
  • Canis simensis citernii - de Beaux, 1922 - nördliches und zentrales Äthiopien

Verbreitung und Lebensraum

Der Äthiopische Wolf ist in Äthiopien endemisch. Er gehört zu einigen Spezies, die sich an das Leben im afroalpinen Hochland angepasst haben. Das Verbreitungsgebiet beschränkt sich auf ein Gebiet rund um 6 bis 7 Berge im äthiopischen Hochland. Die heutigen Populationen leben oberhalb von 3.000 über NN. Ursprünglich erstreckten sich die Habitate wahrscheinlich bis hinab auf 2.500 Meter über NN. Zumindest stammen aus dieser Höhe einige Sichtungen und Fänge vor rund 100 Jahren. Die Obergrenze der Lebensräume liegt bei etwa 4.400 Meter über NN. Die Lebensräume sind gekennzeichnet durch Pflanzen wie Schwingel (Festuca), Lobelien (Lobelia), Heidekräuter (Erica), Frauenmantel (Alchemilla) oder Straußgräser (Agrostis). Fossile Funde sind nicht bekannt (Vergl. Anhang: Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994; Marino, 2003).

Biozönose

Prädator von Jungtieren: der Steppenadler (Aquila nipalensis)
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Prädator von Jungtieren: der Steppenadler (Aquila nipalensis)

Konkurrenz

Im äthiopischen Hochland konkurrieren Äthiopische Wölfe mit einigen anderen Raubtieren (Canivora) um Lebensraum und Nahrungsressourcen. Dies sind der Serval (Leptailurus serval), der Goldschakal (Canis aureus) sowie verwilderte Haushunde (Canis lupus familiaris).

Prädatoren

Ausgewachsene Äthiopische Wölfe haben keine natürlichen Feinde. Jungtiere werden gelegentlich von Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta), Steppenadlern (Aquila rapax) oder Kaffernadlern (Aquila verreauxii) gerissen (Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994). Dies kommt aufgrund der großen Höhe jedoch nur selten vor.

Krankheiten und Parasiten

Die größte Mortalität geht unter den Äthiopischen Wölfen von der Tollwut aus. Die Tollwut wird hauptsächlich durch verwilderte Haushunde übertragen. Zur hohen Mortalität unter Jungtieren, subadulten und adulten Tieren trägt auch der Tod durch Entkräftung aufgrund von akutem Nahrungsmangel, Tod im Straßenverkehr und der Abschuss durch den Menschen bei. Vor allem Tiere unter einem Jahr sind hochgradig gefährdet. Ekto- und Endoparasiten spielen ebenfalls eine große Rolle. Hier sind insbesondere verschiedene Fadenwürmer (Nematoda), Bandwürmer (Cestoda) und Saugwürmer (Trematoda) zu nennen (Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994; Marino, 2003).

Ernährung

Als Fleischfresser ernähren sich Äthiopische Wölfe fast ausschließlich von Fleisch. Die Tiere fressen überwiegend Afrikanische Maulwurfsratten (Tachyoryctes). Hier sind insbesondere Tachyoryctes macrocephalus zu nennen, die leicht bis zu 900 Gramm wiegen können. In einem deutlich kleineren Umfang werden auch andere kleine Tiere wie die Blicks Grasratte (Arvicanthis blicki), die Schwarzkrallen-Bürstenhaarmaus (Lophuromys melanonyx) oder auch der Äthiopische Hochlandhase (Lepus starcki) gefressen. Eher selten stehen auch Afrikanische Sumpfratten (Otomys) wie Otomys Typus, Klippschliefer (Procavia capensis), Bergnyalas (Tragelaphus buxtoni) oder Gelbflecken-Bürstenhaarmäuse (Lophuromys flavopunctatus) auf der Speisekarte. Hin und wieder werden auch die Eier von am Boden brütenden Vögeln (Aves) verspeist. Im Kot konnten auch geringe Anteile an pflanzlicher Kost wie Einährige Seggen (Monostachyae) nachgewiesen werden. Die Hauptnahrung, die Afrikanischen Maulwurfsratten, werden mit den Forderbeinen aus dem Boden ausgegraben oder aus dem Hinterhalt heraus überrascht. Die Nahrungssuche erfolgt in der Regel einzelgängerisch, seltener auch kooperativ in kleinen Gruppen (Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994; Marino, 2003).

Fortpflanzung

Über das Fortpflanzungsverhalten liegen nur wenige gesicherte Erkenntnisse vor. Zu den Geburten kommt es einmal pro Jahr zwischen Oktober und Januar. Paarungsberechtigt ist nur das dominante Weibchen einer Gruppe. Die Kopulation zwischen dem dominanten Weibchen und einem Männchen kann sich über bis zu 15 Minuten erstrecken. Nach einer Tragezeit von 60 bis 62 Tagen bringt ein Weibchen an geschützter Stelle 2 bis 6 Jungtiere zur Welt. Die Augen der Jungen sind bei der Geburt noch geschlossen und auch die ersten Zähne fehlen noch vollständig. Die Jungen wachsen recht schnell heran und weisen am 10. Lebenstag bereits ein Gewicht von 650 bis 700 Gramm auf. Das erste Fell ist überwiegend gräulich gefärbt. In den ersten 4 Wochen verbleiben die Jungtiere ausschließlich im Nest. In den nächsten 6 Wochen verbringen sie in unmittelbarer Nähe zum Nest. Zu diesem Zeitpunkt ist das Fell deutlich abgedunkelt. Die Entwöhnung von der Muttermilch beginnt ab der 10. Lebenswoche und endet spätestens im Alter von 6 Monaten. An der Aufzucht des Nachwuchses ist nicht nur die Mutter, sondern alle Mitglieder einer Gruppe involviert. Im Alter von einem Jahr haben die subadulten Tiere etwa 80 bis 90% des adulten Gewichtes erreicht. Geschlechtsreif sind die Tiere im Alter von 2 Jahren (Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994; Marino, 2003).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Äthiopische Wölfe gehören heute zu den stark gefährdeten Caniden. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als stark gefährdet (EN, Endangered) geführt. Der Verlust der natürlichen Lebensräume, insbesondere zu Gunsten von landwirtschaftlichen Flächen und Weidegrund für Haustiere, stellt die größte Gefahr für die Äthiopischen Wölfe dar. Schon heute sind mehr als 60% der Fläche der natürlichen Lebensräume - selbst Flächen von oberhalb von 3.200 Meter über NN - in landwirtschaftlichen Flächen umgewandelt. In letzter Konsequenz müssen sich Äthiopische Wölfe in immer höhere Lagen zurückziehen. Auf dem entstandenen Weideland kommt die Überweidung der Flächen hinzu. Hier finden Äthiopische Wölfe nur noch wenig Nahrung. Weiteres Probleme sind die Bejagung der Tiere durch den Menschen sowie die Mortalität durch Krankheiten, die von Haushunden und anderen Haustieren übertragen werden können. Seit Jahrzehnten ist zudem eine Kreuzung zwischen Äthiopischen Wölfen und Haushunden zu beobachten. Derartige mitochondriale DNA-Fragmente lassen sich bei zahlreichen Wölfen nachweisen. Die Reinrassigkeit der Art geht durch die Hybridisierung verloren (Sillero-Zubiri & Gottelli, 1994; Marino, 2003).

Synonyme

Nach Wilson & Reeder (2005) ist der Äthiopische Wolf unter zahlreichen Synonymen bekannt. Dies sind crinensis (Erlanger & Neumann, 1900), semiensis Heuglin, 1862, simensis (Gray, 1869) und walgi Heuglin, 1862.

Anhang

Siehe auch

  • Die Familie der Hunde (Canidae)
  • Die Ordnung der Raubtiere (Carnivora)

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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